{"id":7523,"date":"2015-02-24T10:17:31","date_gmt":"2015-02-24T09:17:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=7523"},"modified":"2015-02-22T20:38:10","modified_gmt":"2015-02-22T19:38:10","slug":"der-heilige-sitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/24\/der-heilige-sitz\/","title":{"rendered":"Der Heilige Sitz"},"content":{"rendered":"<p>Ein Stuhl (dt.) ist ein stoel (nl.) ist ein stol (norw.) \u2013 so weit, so klar. Das wei\u00df und sp\u00fcrt jeder, der in seinem Berufsleben viel <a title=\"Vergaderen\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/22\/vergaderen\/\" target=\"_blank\">herumsitzen<\/a> muss. Doch so einfach ist es leider nicht. Die germanischen Sprachen haben in diesem Wortfeld n\u00e4mlich einen fr\u00f6hlichen Sitzm\u00f6belsalat angerichtet.<\/p>\n<p>Es beginnt schon innerhalb des deutschen Sprachgebiets: Eine Freundin aus Sachsen nannte beharrlich ihren Autositz stets <em>Stuhl<\/em>. In \u00d6sterreich sagt man auch zu einem M\u00f6belst\u00fcck mit wenig Polsterung <em>Sessel <\/em>statt Stuhl.<\/p>\n<div style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/De_Stijl\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/00\/Rietveld_chair_1.JPG\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Ein ganz klar niederl\u00e4ndischer stoel von Rietveld. (Foto: Ellywa, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Hier in Deutschland ergibt das nur f\u00fcr eingefleischte <em>armchair linguists <\/em>einen Sinn. <em>Sessel <\/em>stehen in den Alpen \u00fcbrigens auch im Parlament, genau wie in den niederl\u00e4ndischsprachigen L\u00e4ndern. Dort kann man einen <em>zetel <a title=\"Leistung geliefert, Ziel geholt\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/01\/26\/leistung-geliefert-ziel-geholt\/\" target=\"_blank\">halen<\/a><\/em>, wenn man gew\u00e4hlt wird &#8211; oder ohne Wahl sitzen auch Monarchen auf einem <em>zetel<\/em>. In Deutschland bekommt man nach der Wahl keinen Sessel, sondern nur einen <em>Sitz<\/em>. Vielleicht sind die M\u00f6bel im deutschen Bundestag wirklich unbequemer als die der Parlamentarierkollegen in den Nachbarl\u00e4ndern. Der\u00a0<em>zetel\u00a0<\/em>ist nat\u00fcrlich nur etymologisch ein\u00a0<em>Sessel<\/em>, denn f\u00fcr die Polstervariante benutzt das Niederl\u00e4ndische entweder ganz elegant den franz\u00f6sischen\u00a0<em>fauteuil<\/em> oder, schon wieder: <em>stoel.<\/em> Drohen Missverst\u00e4ndnisse, dann kann es ein <em>gemakkelijke <\/em>oder <em>luie stoel <\/em>sein &#8211; aber ein Stuhl bleibt es trotzdem. Nur die Belgier sehen die Dinge etwas &#8222;deutscher&#8220; und nennen tats\u00e4chlich einen Sessel einen <em>zetel<\/em>, so wie es uns Eug\u00e8ne mit seiner speziellen Garage <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KOQhKHK4wHU\" target=\"_blank\">auf Youtube vorf\u00fchrt<\/a>: seine <em>zetelkes <\/em>sind sichtbar Sessel und keine St\u00fchle. Nun breiten die Belgier wiederum den Sessel semantisch wie r\u00e4umlich aus, und sagen auch zum Sofa <em>zetel<\/em>. Niederl\u00e4nder sitzen auf einer <em>bank <\/em>vorm Fernseher, f\u00fcr Belgier steht die <em>bank <\/em>nur im Park.<\/p>\n<div style=\"width: 345px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Tweede_Kamer_der_Staten-Generaal\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d1\/Tweede_kamer.jpg?uselang=de\" alt=\"\" width=\"335\" height=\"217\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Viele leere zetels: die Tweede Kamer der Niederlanden. (Foto: Sisyfus, PD)<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend der Arbeitszeiten halten sich niederl\u00e4ndische Parlamentarier nicht in der Hauptstadt Amsterdam auf, sondern in Den Haag, dem <em>regeringszetel <\/em>(dt. <em>Regierungs<strong>sitz<\/strong><\/em>) der Niederlanden. Dort <em>zetelen<\/em> die beiden Parlamentskammern.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck inszeniert sich Papst Franziskus als besonders asketisch und bescheiden, denn keine der Sprachen scheint dem <em>Heiligen Stuhl<\/em>, dem <em>Heilige Stoel <\/em>oder dem <em>Holy See<\/em> besonders viel Komfort zu g\u00f6nnen. H\u00e4tten \u00e4ltere, bisweilen gebrechliche M\u00e4nner nicht wenigstens einen gem\u00fctlichen Sessel verdient?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Stuhl (dt.) ist ein stoel (nl.) ist ein stol (norw.) \u2013 so weit, so klar. Das wei\u00df und sp\u00fcrt jeder, der in seinem Berufsleben viel herumsitzen muss. Doch so einfach ist es leider nicht. Die germanischen Sprachen haben in diesem Wortfeld n\u00e4mlich einen fr\u00f6hlichen Sitzm\u00f6belsalat angerichtet. 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