{"id":8216,"date":"2015-04-16T09:21:09","date_gmt":"2015-04-16T07:21:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=8216"},"modified":"2015-04-17T11:02:24","modified_gmt":"2015-04-17T09:02:24","slug":"ein-okayes-attribut-ist-noch-such","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/04\/16\/ein-okayes-attribut-ist-noch-such\/","title":{"rendered":"Ein okayes Attribut ist noch such"},"content":{"rendered":"<p>Fangen wir mal wieder mit einer Fernsehserie an. Vor einigen Jahren produzierte die niederl\u00e4ndische Rundfunkanstalt VARA die Dramaserie <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Vuurzee\" target=\"_blank\"><em>Vuurzee<\/em><\/a>. Darin ging es um eine Familie t\u00fcrkischer Herkunft, die in einem fiktiven Ort an der holl\u00e4ndischen K\u00fcste ein Strandbistro betreibt. Die Serie traf recht gut die sprachliche Situation vieler solcher Familien zwischen allt\u00e4glichem Gebrauch des Niederl\u00e4ndischen und haupts\u00e4chlich famili\u00e4rem Gebrauch des T\u00fcrkischen. Und sie zeigte, dass Mehrsprachigkeit nicht nur in gro\u00dfst\u00e4dtischen Zentren zuhause ist, sondern auch im Herzen der holl\u00e4ndischen D\u00fcnenlandschaft.<\/p>\n<p>In der Serie wurde nun diese Familie von einem Schicksalsschlag getroffen. Die Tochter ist pl\u00f6tzlich verschwunden, alle <a title=\"Hier mist een lingu\u00efst\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/06\/28\/hier-mist-een-linguist\/\" target=\"_blank\">vermissen<\/a> sie schrecklich und niemand wei\u00df, was mit ihr passiert ist: <em>De dochter is zoek<\/em>.<\/p>\n<p>Eine faszinierende Konstruktion. Auf Deutsch gibt es keine unmittelbare Entsprechung. <em>Mijn pen is zoek <\/em>kann nicht direkt \u00fcbersetzt werden mit <em>Mein Stift ist such<\/em>. Der einsprachige Van Dale m\u00f6chte uns dieses <em>zoek<\/em> einfach nur als Substantiv verkaufen, die niederl\u00e4ndisch-deutsche Ausgabe trifft es etwas genauer und bezeichnet es als pr\u00e4dikatives Adverb.<\/p>\n<p>Nun ist es keineswegs so, als sei eine Konstruktion wie <em>Mein Stift ist such <\/em>auf Deutsch absolut ausgeschlossen. Wir haben zum Beispiel eine ganz \u00e4hnliche Konstruktion in <em>Das Unternehmen ist pleite<\/em>. Beide Adverbien h\u00e4ngen mit Substantiven zusammen:\u00a0<a title=\"Pleite\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/09\/30\/pleite\/\" target=\"_blank\"><em>die Pleite<\/em><\/a> oder <em>de zoek <\/em>(eigentlich nur in festen Wendungen gebr\u00e4uchlich, z.B. <em>op zoek gaan\/zijn<\/em>). In beiden Sprachen bekannt ist nat\u00fcrlich auch die Variante <em>Mijn pen is weg. \/ Mein Stift ist weg.\u00a0<\/em>Diese Adverbien lassen sich aber nicht ohne weiteres in attributive Adjektive \u00fcberf\u00fchren. Nicht m\u00f6glich sind zum Beispiel die \u00c4u\u00dferungen<\/p>\n<blockquote><p><em>* Mijn zoeke pen was duur.<\/em><\/p>\n<p>* <em>Mijn wegge pen was duur.<\/em><\/p>\n<p><em>* Sein pleites Unternehmen war lange in finanziellen Schwierigkeiten.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>(Im Boulevardzeitungsstil geht nat\u00fcrlich problemlos: <em>Sein Pleite-Unternehmen&#8230;<\/em>)<\/p>\n<div style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sabena\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6b\/Sabena_Boeing_747-100_JetPix-1.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"200\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Pleite-Unternehmen. (Foto: T. Maiwald, GFDL-1.2)<\/p><\/div>\n<p>Besonders erstaunlich ist diese grammatische Blockade bei einer anderen Variante, mit der man auf Niederl\u00e4ndisch das Fehlen oder Verlieren einer Sache ausdr\u00fcckt: <em>Ik ben mijn pen kwijt<\/em>. Das Wort <em>kwijt<\/em> ist aus dem Lateinischen bzw. Franz\u00f6sischen <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/kwijt\" target=\"_blank\">entlehnt<\/a> und war schon immer ein Adjektiv. Das ist es auch heute noch, es kann aber <a href=\"https:\/\/ans.ruhosting.nl\/e-ans\/06\/03\/03\/body.html\" target=\"_blank\">nur pr\u00e4dikativ<\/a> gebraucht werden. Da es sich auf <em>ik <\/em>bezieht, ist auch hier der Bezug zu\u00a0<em>pen<\/em> unm\u00f6glich. Niemand sagt<\/p>\n<blockquote><p><em>*Mijn kwijte pen was duur<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Durch diese Beschr\u00e4nkungen auf den attributiven Gebrauch wird die wunderbare <a href=\"https:\/\/www.woorden.org\/quotes\/?auteur=Kees%20van%20Kooten\" target=\"_blank\">Erkl\u00e4rung<\/a> des Schriftstellers <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Kees_van_Kooten\" target=\"_blank\">Kees van Kooten<\/a> erst rhythmisch und poetisch:<\/p>\n<blockquote><p><em>Iets is weg als wij zeker weten dat het er niet meer is, maar weten wij zeker dat iets wat weg is nog ergens moet zijn, dan spreken wij van kwijt.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Derselbe van Kooten schreckt ansonsten nicht davor zur\u00fcck, zusammen mit Kollege Wim de Bie in der Satire <em>Het sokkenbolletje <\/em>ein Adverb in ein Attribut zu pressen:<\/p>\n<blockquote><p><em>Ik ben zelf een zeer grage zwemmer, maar ik had dus geen zwembroek meegenomen.\u00a0 <\/em>(<a href=\"https:\/\/cddb.lutzweb.net\/lyrics\/van-kooten-en-de-bie\/het-sokkenbolletje\" target=\"_blank\">Text<\/a>)<\/p>\n<p><em>(Ich bin ein sehr gerner Schwimmer, aber ich hatte eben keine Badehose dabei.)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ist das nun eine allgemeine Regel, dass solche Konstruktionen keine Umwandlung in attributiven Gebrauch bzw. Adjektivbildungen zulassen? Liegt es vielleicht daran, dass die Deklination irgendwie misslingt? So langweilig ist es nicht mit der Grammatik, wie man etwa am relativ jungen Begriff <em>okay <\/em>sieht. Urspr\u00fcnglich kannten wir nur S\u00e4tze wie <em>De film was ok\u00e9<\/em> und <em>Das Buch ist (ganz) okay<\/em>. Zumindest auf Deutsch ist hier auch ein Substantiv m\u00f6glich: <em>Er hat sein Okay gegeben<\/em>. Ein neueres Ph\u00e4nomen ist nun aber das entsprechende attributive Adjektiv.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/service\/sprachlabor-okay-und-so-1.2167720\" target=\"_blank\">S\u00fcddeutsche Zeitung<\/a> diskutierte k\u00fcrzlich beispielsweise die Formulierung <em>ein okayes Leben<\/em>. Und in der niederl\u00e4ndischen <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=3RZ2AAAAQBAJ&amp;pg=PT47&amp;lpg=PT47&amp;dq=een+okaye&amp;source=bl&amp;ots=OQDBjHgWT-&amp;sig=rp3ExLzethuRwgYw1PzFGge4yjM&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ei=aQgkVeeOMYmosAHcg4PwDA&amp;ved=0CDEQ6AEwAg#v=onepage&amp;q=okaye&amp;f=false\" target=\"_blank\">Gegenwartsliteratur<\/a> liest man schon: <em>Nick is een okaye man. <\/em>Deklinationsmorphologie: Kein Problem! Wann solche Konstruktionen in den beiden Sprachgemeinschaften nicht mehr f\u00fcr Irritationen sorgen, und ob W\u00f6rter wie <em>zoek<\/em> oder <em>kwijt <\/em>nachziehen und sich auch endlich attributiv benutzen lassen, l\u00e4sst sich nicht voraussagen. Wir k\u00f6nnen nur abwarten und inzwischen einen einigerma\u00dfen okayen Sprachgebrauch pflegen. In der Fernsehserie ging alles deutlich schneller. Vorsicht, Spoileralarm: Das suche M\u00e4dchen taucht am Ende der ersten Staffel von <em>Vuurzee <\/em>wieder auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fangen wir mal wieder mit einer Fernsehserie an. Vor einigen Jahren produzierte die niederl\u00e4ndische Rundfunkanstalt VARA die Dramaserie Vuurzee. Darin ging es um eine Familie t\u00fcrkischer Herkunft, die in einem fiktiven Ort an der holl\u00e4ndischen K\u00fcste ein Strandbistro betreibt. 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