{"id":8228,"date":"2015-04-22T09:14:20","date_gmt":"2015-04-22T07:14:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=8228"},"modified":"2018-02-22T19:21:12","modified_gmt":"2018-02-22T18:21:12","slug":"aspekte-des-sitzens-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/04\/22\/aspekte-des-sitzens-teil-i\/","title":{"rendered":"Das sitzt. (Teil I)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Rood-blauwe_stoel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8375 size-full\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2015\/04\/Rietveld_stoel_klein.jpg\" alt=\"Rietveld_stoel_klein\" width=\"45\" height=\"67\" \/><\/a>Sitzen ist ungesund. Das erkl\u00e4ren immer wieder die Arbeitsmediziner und empfehlen Stehpulte, r\u00fcckenfreundliche Gummib\u00e4lle oder B\u00fcrogymnastik. Trotzdem brauchen wir das Sitzen unbedingt. Nicht so sehr aus Bequemlichkeit, sondern um der Grammatik willen. Das Niederl\u00e4ndische bildet sehr gerne Verlaufsformen mit <em>zitten<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0<em>Ik zit een boek te lezen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Auf Deutsch gibt es keine exakte Entsprechung. Man kann zwar sagen <em>Ich sitze hier und lese ein Buch<\/em>, aber man braucht dann zum Beispiel immer eine Erg\u00e4nzung wie <em>hier<\/em> und kann auch nicht mit einem Infinitiv anschlie\u00dfen. <em>Ich sitze ein Buch zu lesen<\/em> klingt undeutsch. Die skandinavischen Sprachen kennen durchaus eine \u00e4hnliche Konstruktion, z.B. Norwegisch:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0<em>Jeg sitter og leser en bok<\/em>. (\u201eIch sitze und lese ein Buch.\u201c)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Unterschied liegt darin, dass wir auch hier keine Infinitivkonstruktion haben. Das Erstaunliche ist aber nun, dass das Norwegische anscheinend auf dem Weg ist, sich in Richtung der niederl\u00e4ndischen Grammatik zu bewegen. Anstelle der <em>und<\/em>-Verbindung schleicht sich allm\u00e4hlich doch der Infinitiv ein. Ein Beispiel auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search?q=Sitter%20%C3%A5%20vurdere%20hvilken%20%23bok%20eg%20skal%20starte%20%C3%A5%20lese%20&amp;src=typd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Twitter<\/a>:<\/p>\n<blockquote>\n<div style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Hemessen-Selbstbildnis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/b\/b5\/Hemessen-Selbstbildnis.jpg\/183px-Hemessen-Selbstbildnis.jpg\" width=\"183\" height=\"240\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Catharina van Hemessen sitzt ein Portr\u00e4t zu malen. (Web Gallery of Art, PD.)<\/p><\/div>\n<p><em>Sitter \u00e5 vurdere hvilken bok eg skal starte \u00e5 lese.<\/em><\/p>\n<p>(w\u00f6rtl.: \u201eSitze zu \u00fcberlegen, welches Buch ich zu lesen anfangen soll.\u201c)<\/p><\/blockquote>\n<p>Pl\u00f6tzlich steht hier <em>sitzen<\/em> + Pr\u00e4position <em>zu <\/em>+ Infinitiv: <em>Ik zit na te denken<\/em>&#8230; Oft geraten in der geschriebenen Sprache beide M\u00f6glichkeiten durcheinander, weil die Konjunktion<em> og <\/em>(\u201eund\u201c) und die Pr\u00e4position <em>\u00e5 <\/em>(\u201ezu\u201c) gleich ausgesprochen werden. Wieder <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Lenevjacobsen\/status\/402504639704473600\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Twitter<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><em>Sitter p\u00e5 restaurant alene og lese tweetsa deres.<\/em><\/p>\n<p>(\u201eSitze alleine im Restaurant und lese eure Tweets.\u201c \u2013 <em>lese <\/em>ist Infinitiv, davor steht aber die Konjunktion <em>und<\/em>.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ob die Homophonie von <em>og <\/em>und <em>\u00e5<\/em> der Ausl\u00f6ser dieses Wandels ist? Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung, aber spontan l\u00e4sst sich schwer sagen, ob der \u00dcbergang von der konjugierten Form zum Infinitiv vorher oder nachher geschah. Im Niederl\u00e4ndischen sind solche Formulierungen keineswegs so neu wie im Norwegischen. In den Texten der DBNL findet man zum Beispiel schon 1730 <a href=\"https:\/\/www.dbnl.org\/tekst\/ross006verm01_01\/ross006verm01_01_0079.php?q=ik%20zit%20te\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einen Beleg<\/a>. Und passend zum Beispiel oben lesen wir <a href=\"https:\/\/www.dbnl.org\/tekst\/_vad003177901_01\/_vad003177901_01_0355.php?q=ik%20zit%20te\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in einem Brief<\/a> aus dem Jahr 1820 \u00fcber einen Kanarienvogel:<\/p>\n<blockquote><p><em>Als ik zit te leezen komt hy op het boek zitten.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wie alt diese Formulierung wirklich ist, l\u00e4sst sich in dieser K\u00fcrze nicht kl\u00e4ren. Man kann wohl behaupten, dass die Leute fr\u00fcher nicht so viel und lang sa\u00dfen wie heute im Zeitalter der B\u00fcrojobs. Aber sobald f\u00fcr eine T\u00e4tigkeit Ruhe und Konzentration n\u00f6tig war oder man wusste, dass es l\u00e4nger dauern w\u00fcrde, lie\u00df man sich nieder &#8211; um Pfeilspitzen zu schleifen, um Portraits zu malen oder um am Flughafen aufs Boarding zu warten. Das Sitzen wird offenbar schon lange mit Dauerhaftigkeit in Verbindung gebracht. Grund genug, uns ab und zu von unserem <a title=\"Der Heilige Sitz\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/24\/der-heilige-sitz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuhl oder Sessel<\/a> zu erheben und auch mal zu stehen oder zu liegen. Dazu im zweiten Teil mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sitzen ist ungesund. Das erkl\u00e4ren immer wieder die Arbeitsmediziner und empfehlen Stehpulte, r\u00fcckenfreundliche Gummib\u00e4lle oder B\u00fcrogymnastik. Trotzdem brauchen wir das Sitzen unbedingt. Nicht so sehr aus Bequemlichkeit, sondern um der Grammatik willen. Das Niederl\u00e4ndische bildet sehr gerne Verlaufsformen mit zitten: \u00a0Ik zit een boek te lezen. Auf Deutsch gibt es keine exakte Entsprechung. 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