{"id":8339,"date":"2015-04-27T08:46:59","date_gmt":"2015-04-27T06:46:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=8339"},"modified":"2015-06-22T08:18:35","modified_gmt":"2015-06-22T06:18:35","slug":"das-sitzt-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/04\/27\/das-sitzt-teil-ii\/","title":{"rendered":"Das sitzt. (Teil II)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Rood-blauwe_stoel\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8375 size-full\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2015\/04\/Rietveld_stoel_klein.jpg\" alt=\"Rietveld_stoel_klein\" width=\"45\" height=\"67\" \/><\/a>Routiniere Pendler und Pendlerinnen im Berufsverkehr kennen das Dilemma: Kein Platz in der <a title=\"Unterwegs im Maulwurfszug\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/20\/unterwegs-im-maulwurfszug\/\" target=\"_blank\">U-Bahn<\/a> frei, aber der Krimi ist so spannend! Die L\u00f6sung ist einfach. Man kann zur Not ein Buch auch im Stehen lesen. Auf Niederl\u00e4ndisch er\u00f6ffnet das ganz neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Verlaufsformen. <em>Ik zit een boek te lezen<\/em> trifft in diesem Fall ganz offenbar nicht zu. <em>Ik sta een boek te lezen<\/em> dagegen schon.<\/p>\n<p>Wer diesen Satz h\u00f6rt, wird sofort wissen, dass jemand w\u00f6rtlich aufrecht steht und die Seiten umbl\u00e4ttert. Die Aussage dieses Satzes ist ein wenig auff\u00e4llig. Aber warum eigentlich?<\/p>\n<p>Der Grund liegt darin, dass Verlaufsformen mit <em>zitten <\/em>eine viel weitere Bedeutung haben als Verlaufsformen mit <em>staan <\/em>oder <em>liggen<\/em>. Beispielsweise in den folgenden beiden S\u00e4tzen:<\/p>\n<div style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:StateLibQld_1_129727_Reading_together,_ca._1895.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/e3\/StateLibQld_1_129727_Reading_together%2C_ca._1895.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"338\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Deze twee staan te lezen. (Foto: SLQ, PD)<\/p><\/div>\n<blockquote><p><em>(1) Ik zit me behoorlijk te vervelen.<\/em><\/p>\n<p><em>(2) Ik lig me behoorlijk te vervelen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Satz eins k\u00f6nnte zum Beispiel beim Arzt im Wartezimmer sein \u2013 aber auch eine Aussage \u00fcber die zweite Woche der Ferien, wenn man alle Wasserrutschen ausprobiert, alle Cocktails gekostet und alle Aerobic-Kurse mitgemacht hat. Nat\u00fcrlich wird man sich trotzdem nicht nur im Sitzen langweilen. Wenn der Urlaub noch eine Woche l\u00e4nger dauert, steht man auch ab und zu auf. Satz 2 dagegen w\u00e4re eine typische Aussage eines Patienten im Krankenhaus, der kaum vom Bett aufstehen kann. Man kann es allerdings, so versichern mir die Muttersprachlerinnen im Hause, mit den Verben nicht auf die Spitze treiben. Die Dame rechts im Bild kniet zwar, aber <em>*zij knielt te lezen<\/em> ginge zu weit. Die Verben d\u00fcrfen offenbar nicht zu spezifisch sein.<\/p>\n<p>Eine kleine Zusatzinformation geben sie dennoch. Man kann sich das vielleicht als eine Art Skala vorstellen. Nehmen wir an, jemand fragt <em>Wat ben je aan het doen? <\/em>(\u00dcbrigens auf Deutsch eine Verlaufsform, die im ganz puren Standard noch immer auf Widerstand trifft und als <a href=\"https:\/\/www.atlas-alltagssprache.de\/runde-2\/f18a-b\/\" target=\"_blank\">umgangssprachlich oder dialektal<\/a> gilt: <em>Ich bin am Lesen<\/em> u.\u00e4.)<br \/>\nAuf diese Frage k\u00f6nnte man Antworten:<\/p>\n<blockquote><p>(1)<em> Ik ben een boek aan het lezen.<br \/>\n<\/em>(<em>Ich bin ein Buch am Lesen <\/em>gilt als noch deutlich weniger standardsprachlich wegen des eingeschobenen Objekts)<\/p>\n<p>(2)<em> Ik zit een boek te lezen.<\/em><\/p>\n<p>(3)<em> Ik sta een boek te lezen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Satz (1) nimmt nur die Dauerhaftigkeit auf. Satz (2) f\u00fcgt das <em>zitten <\/em>hinzu, das aber sehr weit metaphorisch oder verallgemeinernd verstanden werden kann. Satz (3) schlie\u00dflich gibt eine sehr spezifische Information \u00fcber die K\u00f6rperhaltung.<\/p>\n<p>Tendenziell sind Formulierungen, die Dauerhaftigkeit mit <em>zitten <\/em>ausdr\u00fccken, verbunden mit Vorg\u00e4ngen, die \u00fcblicherweise im Sitzen stattfinden: Warten, Lesen, Schreiben usw. Aber es scheint hier einen gewissen Spielraum zu geben. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search?q=%40loveinground%20Ik%20zit%20al%2023%20jaar%20&amp;src=typd\" target=\"_blank\">Ein Twitterer<\/a> hilft uns wieder mit dem passenden Beispiel:<\/p>\n<blockquote><p><em>Waar was je nou? Ik zit al 23 jaar op je te wachten!<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Niemand wird annehmen, dass dieser bedauernswerte Mensch 23 Jahre am St\u00fcck sitzend verbracht hat. Das Sitzen ist sozusagen die unmarkierte Form des Verlaufs. Das ist recht erstaunlich, denn Ergonomen, Orthop\u00e4den und Sportwissenschaftler machen uns B\u00fcroarbeitern doch immer wieder deutlich, dass von allen K\u00f6rperhaltungen das Sitzen am wenigsten der Natur des Menschen entspricht. Der Mensch ist angeblich dazu veranlagt zu gehen, zu stehen oder beim Ausruhen zu liegen. Mit dem Sitzen macht er sich die Wirbels\u00e4ule kaputt und bekommt Thrombosen. Wir haben aber in der Menschheitsgeschichte gelernt, uns hinzusetzen um gewisse Kulturtechniken auszu\u00fcben, die Ruhe und Konzentration verlangen: Mammuts h\u00e4uten, Bibeln \u00fcbersetzen, Websites hacken.<\/p>\n<p>Eines zeigt dieses Beispiel gut: Dass Sprache nicht einfach stumpf mit menschlicher Biologie und Instinkt erkl\u00e4rbar ist, sondern dass sie wie das Sitzen ein seit Jahrtausenden gewachsener Prozess aus biologischen M\u00f6glichkeiten und sozialem Acquis ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Routiniere Pendler und Pendlerinnen im Berufsverkehr kennen das Dilemma: Kein Platz in der U-Bahn frei, aber der Krimi ist so spannend! Die L\u00f6sung ist einfach. Man kann zur Not ein Buch auch im Stehen lesen. Auf Niederl\u00e4ndisch er\u00f6ffnet das ganz neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Verlaufsformen. 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