{"id":8724,"date":"2015-05-26T16:59:12","date_gmt":"2015-05-26T14:59:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=8724"},"modified":"2015-05-26T17:10:53","modified_gmt":"2015-05-26T15:10:53","slug":"zerwuesten-und-herbluehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/26\/zerwuesten-und-herbluehen\/","title":{"rendered":"Zerw\u00fcsten und herbl\u00fchen"},"content":{"rendered":"<p>Langsam aber sicher geht der Fr\u00fchling auf den Sommer zu, und rund um Berlin wird bald wieder vor Waldbr\u00e4nden statt vor Bodenfrost gewarnt. Die Blumen, die nicht <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/21\/verkaelten-und-befrieren\/\" target=\"_blank\">erfroren<\/a> sind, bl\u00fchen jetzt wieder auf: <em>Ze herbloeien<\/em>.<\/p>\n<p>In den Pr\u00e4fixmeisterschaften der germanischen Sprachen steht es jetzt unentschieden 1:1 zwischen Deutsch und Niederl\u00e4ndisch. (Ja, ernsthaft: eine Fu\u00dfballmetapher in der Morphologie.) Das Deutsche hat zwar sein weit verbreitetes <em>er-<\/em>, das im Niederl\u00e4ndischen nicht so richtig funktionieren will. Daf\u00fcr hat aber das Niederl\u00e4ndische sein <em>her-<\/em>, das uns im Deutschen fehlt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir auf Deutsch trotzdem Verben bilden, die eine Wiederholung oder einen Neuanfang ausdr\u00fccken. Dazu haben wir uns aus dem Latein das <em>re-<\/em> geschnappt und bilden haupts\u00e4chlich W\u00f6rter im gelehrten Register, deren Rest oft auch lateinischer oder griechischer Herkunft ist: <em>reformieren<\/em>, <em>reanimieren<\/em> und dergleichen. Auf Niederl\u00e4ndisch <em>reanimeert<\/em> man nat\u00fcrlich genauso, kann aber auch <em><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/13\/royaal\/\" target=\"_blank\">hervormen<\/a><\/em>. Belgien <em>hervormt <\/em>sich beispielsweise seit Jahrzehnten an den Rand des Wahnsinns.<\/p>\n<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Pelargonium\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/93\/GeraniumFlowerUnfurl2small.gif\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">(H)erbl\u00fchende Geranie. (Andrew Dunn, CC-BY-SA-2.0)<\/p><\/div>\n<p>\u201eMoment mal!\u201c sagt da der Schiedsrichter bei der Punktvergabe. (Schon okay, im Fu\u00dfball werden keine Punkte vergeben. Aber der morphologisch geschulte Schiedsrichter hat trotzdem Recht.) Hat das Niederl\u00e4ndische denn wirklich zwei Pr\u00e4fixe, wo das Deutsche nur eines hat? In der Gegenwart sieht es so aus. Aber auch das <em>her<\/em>&#8211; ist <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/her3\" target=\"_blank\">etymologisch<\/a> nichts anderes als ein getarntes <em>re-<\/em>, das bei der Wanderung durch die nordfranz\u00f6sischen und s\u00fcdniederl\u00e4ndischen Dialekte seine Laute durcheinandergebracht hat und ein <em>h <\/em>zus\u00e4tzlich geschenkt bekam.<\/p>\n<p>Damit steht es doch wieder 1:0 und das Deutsche baut seinen Vorsprung sogleich aus zum 2:0. Besonders viel zu <em>herstellen<\/em> oder zu <em>herbouwen<\/em> gibt es, wenn vorher etwas <em>zerst\u00f6rt<\/em> wurde. Auch das <em>zer- <\/em>mag im Niederl\u00e4ndischen nicht so recht <em>er<\/em>bl\u00fchen. Die vernichtende Kraft des <em>zer<\/em><em>&#8211;<\/em> bleibt auf Niederl\u00e4ndisch verborgen, etwa bei <em>zerbersten <\/em>vs. <em>barsten<\/em> oder <em>zerbrechen<\/em> vs. <em>breken<\/em>. Gelegentlich kann man das <em>ver-<\/em> wieder zur Hilfe nehmen, das auch diese Konnotation von Besch\u00e4digung und Zerst\u00f6rung tragen kann, etwa bei <em>zerschmettern <\/em>als <em>verpletteren<\/em>. Oft ist das nat\u00fcrlich auch auf Deutsch der Fall: etwas <em>zerw\u00fcsten<\/em> k\u00f6nnen wir nicht, es <em>verw\u00fcsten<\/em> dagegen schon. Das <em>ver- <\/em>muss sozusagen als St\u00fcrmer und Verteidiger zugleich auf den Platz.<\/p>\n<p>Wie komme ich aus dieser Sportmetaphorik jetzt wieder raus? Das bereitet mir noch ziemliches Kopf<em>zer<\/em>brechen, bzw. <em>het kost mij hoofdbrekens<\/em> \u2013 und siehe da: ein Niederl\u00e4ndischer Genitiv, wo das Deutsche keinen hat. Kaum liegt das Niederl\u00e4ndische bei der Pr\u00e4figierung ein wenig zur\u00fcck, holt es bei der Deklination ganz unerwartet auf. So schnell wird es sich doch im Wettbewerb der Morphologien nicht <em>er<\/em>geben (nl. <em>overgeven<\/em>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam aber sicher geht der Fr\u00fchling auf den Sommer zu, und rund um Berlin wird bald wieder vor Waldbr\u00e4nden statt vor Bodenfrost gewarnt. Die Blumen, die nicht erfroren sind, bl\u00fchen jetzt wieder auf: Ze herbloeien. In den Pr\u00e4fixmeisterschaften der germanischen Sprachen steht es jetzt unentschieden 1:1 zwischen Deutsch und Niederl\u00e4ndisch. 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