{"id":9068,"date":"2015-06-20T08:40:45","date_gmt":"2015-06-20T06:40:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=9068"},"modified":"2015-06-20T00:26:02","modified_gmt":"2015-06-19T22:26:02","slug":"kofferwortstrassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/06\/20\/kofferwortstrassen\/","title":{"rendered":"Kofferwortstra\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren erbl\u00fcht in der Soziolinguistik das Forschungsfeld der <em>Linguistic Landscapes<\/em>, also die Erforschung der Repr\u00e4sentation von Sprache im \u00f6ffentlichen Raum. Man leitet daraus \u2013 mal plausibel, mal weniger \u2013 Interpretationen \u00fcber den sozialen Status und die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse von Sprachgruppen in mehrsprachigen Gesellschaften ab. Sp\u00f6ttische Geister behaupten, diese Forschungsrichtung sei eine etwas lebhaftere Fortschreibung der seit Jahrzehnten bestehenden und etwas dr\u00f6ge gewordenen \u201eOrtstafelforschung\u201c. Der eine oder andere Disput um mehrsprachige Ortsschilder kommt schlie\u00dflich immer wieder auf: Ob in <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Voeren#\/media\/File:Taalstrijd_Voeren-Fourons_uitsnijding.png\" target=\"_blank\">Voeren\/Fourons<\/a>, in <a href=\"https:\/\/www.fluter.de\/de\/137\/thema\/13119\/\" target=\"_blank\">K\u00e4rtnen<\/a> oder <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/03\/09\/brandtschoon\/\" target=\"_blank\">brand<\/a>aktuell in <a href=\"https:\/\/www.nordschleswiger.dk\/news.4460.aspx?newscatid=16&amp;newsid=78108&amp;h=Die-Schilderfrage-ist-eine-Frage-des-Mutes\" target=\"_blank\">Norschleswig\/S\u00fctj\u00fctland<\/a>.<\/p>\n<p>Es ist aber keinesfalls so, dass die Schilder in mehrsprachigen Regionen ohne akuten Streit deshalb langweilig w\u00e4ren. Beispiele: <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/11\/09\/eentalig-brussel\/\" target=\"_blank\">Br\u00fcssel<\/a> und <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/03\/31\/freie-universitaet-bozen\/\" target=\"_blank\">Bozen<\/a>. (Einmal dahingestellt, dass die Konflikte dort nicht <em>akut<\/em> sind \u2013 vielleicht nennen wir sie stattdessen <em>latent<\/em>?)<\/p>\n<p>Wieso gibt es hier um die Beschilderung im Augenblick weniger \u00c4rger als in anderen Regionen? Zun\u00e4chst weil man sie vermutlich einfach normal und angemessen findet \u2013 das w\u00e4re den anderen Regionen auch zu raten. Aber es gibt einen zweiten, kleineren Faktor. Die Grammatik l\u00f6st ein paar Streitpunkte ganz von allein, n\u00e4mlich die Frage: Welche Sprache kommt zuerst?<\/p>\n<p>Br\u00fcssel und Bozen sind in der bequemen Lage, je eine germanische und eine romanische Sprache zu kombinieren. Die beiden Sprachfamilien folgen unterschiedlichen Prinzipien. Die romanischen wollen ihren Kopf (die Konstituente, welche die grammatische Kategorisierung bestimmt) links haben, die germanischen rechts. Man kann dadurch sehr praktische Kofferw\u00f6rter bilden, bei denen der mittlere Teil f\u00fcr beide Sprachen benutzt wird, w\u00e4hrend links der romanische Kopf und rechts der deutsche Kopf steht. Siehe beispielsweise die\/der <em>Place Masui Plein <\/em>in Br\u00fcssel oder die <em>Via Vintler Stra\u00dfe<\/em> in Bozen. Das Niederl\u00e4ndische und das Deutsche stehen lieber an zweiter Stelle, als dass man ihnen den Kopf abhackt und links wieder ann\u00e4ht.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen ist auff\u00e4llig, wie man bei den germanischen Sprachen in Kauf nimmt, dass weder Trennungs- oder Bindestrich geschrieben werden, noch irgendwie sonst das Kompositum kenntlich gemacht wird. Sonst ist die vermaledeite Getrenntschreibung den Sprachsch\u00fctzern ein Dorn im Auge, hier wird sie zum praktischen Mittel der Sprachbalance. Auf Deutsch spricht man noch einigerma\u00dfen scherzhaft von <em>Kompositadiskriminierung<\/em>, auf Niederl\u00e4ndisch ruft man quasi schon zur <a href=\"https:\/\/www.spatiegebruik.nl\/\" target=\"_blank\">Denunziation<\/a> des <em>onjuist spatiegebruik <\/em>auf. In Br\u00fcssel m\u00fcsste man eher von <em>politiek correct spatiegebruik <\/em>sprechen.<\/p>\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vintler?uselang=de\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cb\/Vintlerstra%C3%9Fe_Via_Vintler_in_Bozen_S%C3%BCdtirol.JPG?uselang=de\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"180\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Die Via Vintler Stra\u00dfe in Bozen. (Vollmond11, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Leider funktioniert die Kofferwortbildung nicht immer so reibungslos. Das mittlere Element kann logischerweise nur doppelt verwendet werden, wenn es in beiden Sprachen identisch ist. Meist ist das bei etablierten \u00dcbersetzungen nicht der Fall (etwa die ber\u00fchmte <em>Rue de la Loi \/ Wetstraat <\/em>in Br\u00fcssel oder die <em>Via dei Portici \/ Laubengasse <\/em>in Bozen). Schwierigkeiten bereitet es auch, wenn das eigentlich gleichbedeutende und etymologisch identische Wort unterschiedliche Formen hat, siehe die Br\u00fcsseler <em>Rue de la Madeleine <\/em>\/ <em>Magdalenastraat<\/em>.<\/p>\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bruxelles_-_Place_Masui_%282%29.JPG?uselang=de\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/9c\/Bruxelles_-_Place_Masui_%282%29.JPG?uselang=de\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"180\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Die Place Masui Plein in Br\u00fcssel. (Clottonyason, CC-BY-SA-4.0)<\/p><\/div>\n<p>Am leichtesten hat man es mit Eigennamen: Die sehen normalerweise gleich aus, solange man ein identisches Schriftsystem besitzt und historische Figuren wie Heilige, P\u00e4pste oder <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/13\/royaal\/\" target=\"_blank\">Monarchen<\/a> nicht traditionell auch <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/16\/wie-man-belgische-dinge-beim-namen-nennt\/\" target=\"_blank\">sprachspezifische Formen<\/a> haben.<\/p>\n<p>Die Schildermacher von Br\u00fcssel k\u00f6nnen alle Hoffnungen in <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Lijn_van_de_Belgische_troonopvolging\" target=\"_blank\">Thronfolgerin Elisabeth<\/a> setzen. Wenn man im Franz\u00f6sischen den Gro\u00dfbuchstaben ohne Akzent in Kauf nimmt, sind in Zukunft sogar Stra\u00dfennamen mit Kofferw\u00f6rtern aus dem Namen der Regentin m\u00f6glich. Eine belgischere L\u00f6sung als die <em>Rue Elisabeth\u00a0Straat<\/em> ist wohl kaum vorstellbar. Vorausgesetzt es gibt bis dahin nicht pl\u00f6tzlich eine <em>Place de la Republique \/ Republieksplein<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren erbl\u00fcht in der Soziolinguistik das Forschungsfeld der Linguistic Landscapes, also die Erforschung der Repr\u00e4sentation von Sprache im \u00f6ffentlichen Raum. Man leitet daraus \u2013 mal plausibel, mal weniger \u2013 Interpretationen \u00fcber den sozialen Status und die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse von Sprachgruppen in mehrsprachigen Gesellschaften ab. Sp\u00f6ttische Geister behaupten, diese Forschungsrichtung sei eine etwas lebhaftere Fortschreibung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2983,23489,6941],"tags":[44141],"class_list":["post-9068","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belgien","category-grammatik","category-wortbildung","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9068","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9068"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9068\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9279,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9068\/revisions\/9279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9068"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9068"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9068"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}