{"id":9421,"date":"2015-07-09T15:00:46","date_gmt":"2015-07-09T13:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=9421"},"modified":"2017-01-08T13:35:57","modified_gmt":"2017-01-08T12:35:57","slug":"goedmens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/07\/09\/goedmens\/","title":{"rendered":"Goedmens"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war ein Gutmensch jemand, der sich zu viel gefallen l\u00e4sst. Jemand, der sich selbst bei Unrecht oder Gewalt nicht wehrt. Inzwischen ist der <em>Gutmensch<\/em> ein Kampfbegriff der Nationalemp\u00f6rten und der \u201ebesorgten B\u00fcrger\u201c. L\u00e4ngst ist aus dem Vorwurf der \u00fcbertriebenen Friedfertigkeit ein Vorwurf der vors\u00e4tzlichen Sch\u00e4digung geworden: Der <em>Gutmensch <\/em> wehrt sich nicht nur unzureichend gegen die vermeintliche Islamisierung, sondern er bef\u00f6rdert sie sogar, sei es aus Fahrl\u00e4ssigkeit oder gar aus Absicht.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten und Jahren hat die deutsche Sprache im rechtskonservativen bis rechtsextremen Milieu die eine oder andere Wortsch\u00f6pfung hervorgebracht, die in Nachbarsprachen eingegangen ist. Ein besonders sichtbares Beispiel daf\u00fcr war <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/01\/vlagida-und-die-luegenpresse\/\" target=\"_blank\">Pegida<\/a>. Der Erfolg dieses Akronyms hatte zwei wichtige Faktoren: Der gerade sehr starke Trend zu Abwehrreflexen gegen \u201eFremde\u201c und die eing\u00e4ngige Lautstruktur. <em>Gutmensch <\/em>ist keine v\u00f6llig neue Wortsch\u00f6pfung dieses Milieus, wurde von diesem aber gewisserma\u00dfen okkupiert. Und mit derselben neuen Konnotation wieder an andere Sprachen abgegeben.<\/p>\n<p>Im Niederl\u00e4ndischen f\u00fchrt dieses Wort nun ein Doppelleben. Es wird bisweilen in seiner deutschen Form benutzt, oder aber \u00fcbersetzt. Die <a href=\"https:\/\/www.volkskrant.nl\/opinie\/wie-de-gutmensch-veracht-moet-de-ubermensch-eren~a2938760\/\" target=\"_blank\">Volkskrant<\/a> ging vor ein paar Jahren der Bedeutung dieser Entlehnung nach und nutzte den urspr\u00fcnglichen deutschen Begriff. Eine \u00e4hnliche Diskussion l\u00e4sst sich auch auf <a href=\"https:\/\/www.folkets.dk\/node\/248\" target=\"_blank\">D\u00e4nisch<\/a> finden. Auf <a href=\"https:\/\/www.minervanett.no\/den-liberale-toleranse\/\" target=\"_blank\">Norwegisch<\/a> kann man einen Beleg auftreiben, in dem <em>Gutmensch<\/em> genutzt wird, ohne dass es erkl\u00e4rt werden muss.<\/p>\n<p>Treffer auf niederl\u00e4ndischen Seiten sind bei Google aber deutlich h\u00e4ufiger (und zwar vor allem auf Seiten aus den Niederlanden, deutlich seltener in Belgien). Was ein <em>Gutmensch<\/em> ist, wissen Niederl\u00e4ndischsprachige schon mit gr\u00f6\u00dferer Selbstverst\u00e4ndlichkeit als Skandinavier. Mindestens ebenso interessant ist die angepasste Form <em>goedmens<\/em>, anzutreffen etwa auf Twitter:<\/p>\n<blockquote><p>Probeer je eens in te denken dat dit op het strand van Scheveningen of Zandvoort gebeurt wat is dan je reactie goedmens #Sousse (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/omagaal\/status\/614467208241119232\" target=\"_blank\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<p>gematigde moslims zijn een goedmens sprookje (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/Ramsterdam\/status\/613296535212847104\" target=\"_blank\">Quelle<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Sucht man auf Twitter nach dem Schlagwort <em>goedmens<\/em>, zeichnet sich sehr deutlich ein klares ideologisches Feindbild ab. Bemerkenswert ist aber auch die Wortstruktur von <em>goedmens<\/em>. Das Niederl\u00e4ndische vermeidet <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/books\/9783110223606\/9783110223606.195\/9783110223606.195.xml\" target=\"_blank\">anders als das Deutsche<\/a> Komposita aus Adjektiv und Substantiv (etwa <em>vreemde taal <\/em>vs. <em>Fremdsprache<\/em>). Die Alternative <em>goede mens<\/em> w\u00fcrde sich vermutlich wegen der sehr allgemeinen Bedeutung von <em>goed<\/em> nicht besonders zur festen Lexikalisierung eignen. Der direkt \u00fcbersetzte <em>goedmens<\/em> beh\u00e4lt nicht nur etymologisch sondern auch strukturell seinen deutschen Beigeschmack.<\/p>\n<p>Dieser Entlehnungserfolg ist besorgniserregend: Das Deutsche exportiert rechtslastige Begriffe mit einer Leichtigkeit, die sogar morphologische Barrieren zu \u00fcberwinden wei\u00df. Gl\u00fccklicherweise importiert es aber mit \u00e4hnlicher Leichtigkeit Begriffe, die Offenheit und Respekt vor Andersartigkeit zeigen. Die <em>Ehe f\u00fcr alle <\/em>(frz. <em>mariage pour tous<\/em>) ist ein Beispiel daf\u00fcr und macht der Bezeichnung <em>Homo-Ehe <\/em>Konkurrenz (ndl. ebenso g\u00e4ngig: <em>homo-huwelijk<\/em>). Das Niederl\u00e4ndische hat angesichts der Gesetzeslage in Belgien und den Niederlanden einen Wortimport wie <em>huwelijk voor iedereen<\/em> sowieso nicht mehr n\u00f6tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war ein Gutmensch jemand, der sich zu viel gefallen l\u00e4sst. Jemand, der sich selbst bei Unrecht oder Gewalt nicht wehrt. Inzwischen ist der Gutmensch ein Kampfbegriff der Nationalemp\u00f6rten und der \u201ebesorgten B\u00fcrger\u201c. 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