{"id":9533,"date":"2015-07-16T10:10:39","date_gmt":"2015-07-16T08:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=9533"},"modified":"2015-07-15T10:11:47","modified_gmt":"2015-07-15T08:11:47","slug":"geloofijk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/07\/16\/geloofijk\/","title":{"rendered":"Geloofijk"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht k\u00f6nnte es sein, dass m\u00f6glicherweise das Deutsche und das Niederl\u00e4ndische eventuell irgendwie gerade dabei sind, ein ziemlich \u00e4hnliches Adverb zu entwickeln. Zuviel \u201evielleicht\u201c und \u201eirgendwie\u201c? Nat\u00fcrlich: <em>hedging<\/em> will wohl dosiert sein. Vor allem in der gesprochenen Sprache neigen wir dazu, unsere Aussagen schon w\u00e4hrend des Sprechens zu relativieren. Damit vermeiden wir es, dass man unsere Behauptung sofort widerlegen kann, oder wir umgehen kontroverse Aussagen, die unser Gegen\u00fcber verletzen oder provozieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Solche <em>hedging<\/em>-Ausdr\u00fccke k\u00f6nnen in verschiedensten Wort- und Satzformen vorkommen. M\u00f6glich sind beispielsweise eingeschobene oder angeh\u00e4ngte Phrasen:<\/p>\n<blockquote><p>Griechenland wird, glaube ich, bald <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/09\/30\/pleite\/\" target=\"_blank\">pleitegehen<\/a>.<\/p>\n<p>Griekenland zal, geloof ik, binnenkort failliet gaan.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Satzbau wirkt recht schriftstandardlich, erst recht wenn man den Einschub mit &#8222;so glaube ich&#8220; erweitert. Um diesen Satz spontansprachtauglich zu machen, k\u00f6nnen wir an dieselbe Stelle ein Adverb setzen und statt Futur zum Pr\u00e4sens greifen:<\/p>\n<blockquote><p>Griechenland geht vielleicht bald pleite.<\/p>\n<p>Griekenland gaat misschien binnenkort failliet.<\/p>\n<div style=\"width: 329px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Drielandenpunt_%28Vaals%29\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/9e\/Uitzicht_op_labyrint_3_landenpunt%2C_Vaals.JPG\" alt=\"\" width=\"319\" height=\"239\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Gepflegtes Hedging am Dreil\u00e4ndereck NL-B-D in Vaals. (Deepspear, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div><\/blockquote>\n<p>Lassen wir bei der <em>glauben<\/em>-Phrase die Kommata weg und stellen uns einen fl\u00fcssigeren Sprechduktus vor, dann wird aus dieser Variante wieder ein Satz, der f\u00fcr eine spontane \u00c4u\u00dferung bestens geeignet ist:<\/p>\n<blockquote><p>Griechenland geht glaube ich bald pleite.<\/p>\n<p>Griekenland gaat geloof ik binnenkort failliet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun kann man bei diesem Beispiel behaupten, dass die Phrase hier gar keine Phrase mehr ist, sondern ein Adverb. Einen \u00c4hnlichen Prozess durchliefen auch die heutigen Ausdr\u00fccke\u00a0<em>sozusagen\u00a0<\/em>oder\u00a0<em>als het ware\u00a0<\/em><em>\u2013<\/em> \u00fcbrigens ebenfalls <em>hedging-<\/em>Begriffe <em>\u2013<\/em>, die zwar noch syntaktisch wie Phrasen aufgebaut sind, aber als Adverbien fungieren. Im Sprechfluss wird aus diesen Phrasen sowieso eine feste Einheit, die in der Regel auch unbetont bleibt. Konsequenterweise finden sich in schriftlichen Belegen solche Einsch\u00fcbe tats\u00e4chlich oft ohne Kommata. M\u00fcndlich w\u00fcrde man schlie\u00dflich vor und nach diesem Element keine h\u00f6rbare Pause machen. Gut nachvollziehen l\u00e4sst sich das z.B. in einem <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/sides\/getDoc.do?pubRef=-\/\/EP\/\/TEXT+CRE+20020116+ITEM-014+DOC+XML+V0\/\/NL\" target=\"_blank\">Protokolltext aus dem Europaparlament<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Ik heb nu geloof ik met het grootste deel van de amendementen van het Parlement rekening gehouden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder in einem <a href=\"https:\/\/kulturweit-blog.de\/undabnachsibirien\/2015\/04\/03\/schaschlik-sauna-baikalsee\/\" target=\"_blank\">Reiseblog \u00fcber Sibirien<\/a>, in recht informellem Sprachduktus:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe glaub ich noch nie so viele Birken auf einmal gesehen<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier kommt noch hinzu, dass auf Deutsch hier auch in der schriftlichen Form der weggefallene Schwa bei <em>glaub(e) ich<\/em> verschwunden ist. Es w\u00e4re nur konsequent, wenn sich die Schreibweise weiter angleichen w\u00fcrde und wir bald als Standardform <em>glaubich<\/em> und <em>geloofik<\/em> schreiben w\u00fcrden. Vielleicht ist in ferner Zukunft gar nicht mehr transparent, dass dieses Adverb fr\u00fcher mal ein ganzer Satz war. Es endet dann wie andere Adverben, etwa <em>wahrscheinlich<\/em>, einfach auf &#8211;<em>ich<\/em> oder &#8211;<em>ig <\/em>(im deutschsprachigen Raum weit verbreitet sowieso mit identischer Aussprache). Im Niederl\u00e4ndischen entspr\u00e4che die immer weiter abgeschw\u00e4chte letzte Silbe von <em>geloofik <\/em>dann mit der Zeit vielleicht auch der Endsilbe von <em>waarschijnlijk<\/em>.<\/p>\n<p>Ob daraus irgendwann ein deutsch-niederl\u00e4ndisches Adverb-Paar wird, das im W\u00f6rterbuch als <em>glaubig <\/em>\u2013 <em>geloofijk<\/em> aufgef\u00fchrt wird? Ob es so weit seine Transparenz verliert, dass es nicht mehr an die 1. Person Singular gebunden ist, weil <em>&#8211;<\/em><em>ig\/-ijk <\/em>nicht mehr als <em>ich\/ik <\/em>erkennbar ist? Nat\u00fcrlich ist das alles wilde Spekulation, und die Orthographie l\u00e4sst sich so schnell nicht austricksen. Nichts davon l\u00e4sst sich mit v\u00f6lliger Sicherheit voraussagen. Dieser Blogbeitrag steht also unter Vorbehalt des maximalen <em>hedging<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht k\u00f6nnte es sein, dass m\u00f6glicherweise das Deutsche und das Niederl\u00e4ndische eventuell irgendwie gerade dabei sind, ein ziemlich \u00e4hnliches Adverb zu entwickeln. Zuviel \u201evielleicht\u201c und \u201eirgendwie\u201c? Nat\u00fcrlich: hedging will wohl dosiert sein. Vor allem in der gesprochenen Sprache neigen wir dazu, unsere Aussagen schon w\u00e4hrend des Sprechens zu relativieren. 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