{"id":9867,"date":"2015-08-18T08:12:16","date_gmt":"2015-08-18T06:12:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=9867"},"modified":"2015-08-25T10:33:32","modified_gmt":"2015-08-25T08:33:32","slug":"tuer-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/08\/18\/tuer-zu\/","title":{"rendered":"T\u00fcr zu!"},"content":{"rendered":"<p>Zum Anfang ein Klischee: Der oder die Deutsche findet st\u00e4ndig, dass <em>es zieht<\/em>. Jeder Luftzug, der durch ein Fenster oder einen T\u00fcrspalt an Bein oder Nacken vorbeiflie\u00dft, ist ein Grund zur sofortigen Beschwerde. Gegen das Klischee spricht: Auch in \u00d6sterreich zieht es. Ich h\u00f6rte die Beschwerde k\u00fcrzlich in einem Zug in Graz. Und auch bei den westlichen Nachbarn m\u00f6chte man nicht vom unkontrollierten Lufthauch geplagt werden: <em>Het tocht! <\/em>Oder wie mir unser aller Limburgerin Johanna Ridderbeekx verr\u00e4t: <em>&#8218;t tr\u00e8k hie!<\/em><\/p>\n<p>Kein Wunder, dass es einen gro\u00dfen Fundus an Bemerkungen gibt, um die Mitmenschen dazu aufzufordern, doch bitte die T\u00fcr zu schlie\u00dfen. Wer das vers\u00e4umt, muss damit rechnen, eine Bemerkung mit auf den Weg zu bekommen. Auf Niederl\u00e4ndisch \u00e4tzt man dann:<\/p>\n<blockquote><p><em>Ben jij in de kerk geboren?<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Logisch, denn in der Kirche f\u00e4llt die T\u00fcr oft von selbst zu, im Innenraum gibt es kaum trennende T\u00fcren und in den meisten Kirchen zieht es zum Gotterbarmen. Wer dort geboren ist, hat sich schon sein Leben lang daran gew\u00f6hnen k\u00f6nnen und kommt nicht auf die Idee, hinter sich die T\u00fcr zu schlie\u00dfen. Im Kollegenkreis kannten niederl\u00e4ndische Muttersprachler sowohl aus den calvinistischen Niederlanden als auch aus dem katholischen Flandern diese Redewendung. Wenig \u00fcberraschend kennt auch das Deutsche ein im gesamten Sprachraum weit verbreitetes Pendant zu solchen Spr\u00fcchen, allerdings v\u00f6llig s\u00e4kular:<\/p>\n<blockquote><p><em>Habt ihr zuhause S\u00e4cke an den T\u00fcren? <\/em>(Oft in der Variante z.B. mit Kartoffels\u00e4cken, um die besonders verwahrlosten Verh\u00e4ltnisse des Beschuldigten zu unterstreichen.)<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"width: 248px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sint-Corneliuskerk_%28Borgharen%29\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6a\/20130505_Maastricht_Borgharen_Sint-Corneliuskerk_03_Portal.JPG\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"318\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Kein Wunder, dass es in der Sint-Corneliuskerk in Maastricht trekt. (Mark Ahsmann, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Au\u00dfer S\u00e4cken k\u00f6nnen im T\u00fcrrahmen jede Menge andere Dinge h\u00e4ngen, die von selbst wieder zufallen, zum Beispiel auch Vorh\u00e4nge und sogar Pfannkuchen*. Das Deutsche und das Niederl\u00e4ndische decken damit die beiden wichtigsten M\u00f6glichkeiten ab, mit denen diese Art von Vorwurf formuliert werden kann: Die eine Variante zielt auf die Herkunft oder Geburt des Beschuldigten ab, die andere auf seine Wohnverh\u00e4ltnisse. Am vorgeblichen Geburts- oder Wohnort fehlt es an T\u00fcren oder sie schlie\u00dfen sich von selbst. Die beiden Varianten k\u00f6nnen sich nat\u00fcrlich \u00fcberlappen. Es w\u00e4re ebenso sprichworttauglich zu sagen: <em>Woon jij in de kerk?<\/em><\/p>\n<p>Das Spannende dabei ist, dass Deutsch und Niederl\u00e4ndisch mit diesem Muster keineswegs allein sind. Hier endet jeder Zusammenhang mit nationalen Stereotypen, denn solche Bemerkungen zum pers\u00f6nlichen Hintergrund scheinen ein weit verbreitetes Motiv zu sein. Mehr noch: Sie haben auff\u00e4llig oft die Form von rhetorischen Fragen. Eine kleine, unsystematische Sammlung unter Bekannten in verschietenen Sprach- und Dialektregionen brachte in den verschiedensten Sprachen jeweils eigene Varianten zutage (in Klammern Sprache und Herkunft der jeweiligen Gew\u00e4hrspersonen):<\/p>\n<blockquote><p><em>Wohnst du im Stall? \/ Bist du im Stall geboren\/aufgewachsen?<\/em> (Englisch, z.B. Texas und Nordengland)<\/p>\n<p><em>Bist du auf einem Boot geboren?<\/em> (Griechisch\/Limassol auf Zypern)<\/p>\n<p><em>Bist du in der S-Bahn geboren?<\/em> (Deutsch\/Berlin, sicher auch andere Gro\u00dfst\u00e4dte)<\/p>\n<p><em>Wohnt ihr am Hang?<\/em> (Deutsch, z.B. Saarland und Schwaben)<\/p>\n<p><em>Habt ihr zuhause Vorh\u00e4nge?<\/em> (Ungarisch\/Budapest)<\/p>\n<p><em>Hat bei euch zuhause der Maurer das Loch vergessen? <\/em>(Deutsch, Region unsicher)<\/p>\n<p><em>Bist du im Kolosseum geboren?<\/em> (Italienisch\/Venedig)<\/p>\n<p><em>Kommst du aus Braga?<\/em> (Portugiesisch\/Porto)<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die portugiesische Variante gibt es <a href=\"https:\/\/www.jn.pt\/paginainicial\/pais\/concelho.aspx?Distrito=Braga&amp;Concelho=Braga&amp;Option=Interior&amp;content_id=2962067\" target=\"_blank\">verschiedene Erkl\u00e4rungen<\/a>. Darunter die sch\u00f6ne Geschichte, der Spruch spiele auf das Stadttor von Braga an, das im 16. Jahrhundert ohne T\u00fcr gebaut wurde, weil die Stadt sich nicht mehr von au\u00dfen bedroht f\u00fchlte und man das Tor nicht mehr schlie\u00dfen musste. Vom Muster der Wohn- oder Geburtsst\u00e4tte entfernen sich manche Sprachen, die Fragen beispielsweise zum Familienhintergrund oder zur Begleitung haben:<\/p>\n<div style=\"width: 290px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/pt.wikipedia.org\/wiki\/Arco_da_Porta_Nova\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/9f\/Arco_da_porta_nova_Braga.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"374\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Die Porta Nova in Braga. Ohne T\u00fcr. Windig. (Joseolgon, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<blockquote><p><em>Ist dein Vater Schreiner?<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Riograndenser_Hunsr%C3%BCckisch\" target=\"_blank\">Hunsr\u00fcckisch<\/a>\/Brasilien)<\/p>\n<p><em>Hast du einen Hund dabei?<\/em> (Norwegisch\/Valdres)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt Sarkasmus auch bestens ohne rhetorische Fragen aus. Das Finnische verweigert sich hier beispielsweise wieder dem allgemeinen Muster, aber auch in anderen Sprachen bevorzugt man eher Aussages\u00e4tze oder gar Vorw\u00fcrfe als ironische Bemerkungen:<\/p>\n<blockquote><p><em>Jemand hat sich den Schwanz in der T\u00fcr eingeklemmt.<\/em> (Finnisch\/Ostfinnland)<\/p>\n<p><em>Da hat jemand vorne eine Hand, aber hinten keine.<\/em> (Chinesisch\/Chongqing)<\/p>\n<p><em>Du l\u00e4sst ja alle Moskitos raus.<\/em> (Spanisch\/Puerto Rico)<\/p>\n<p><em>Du H\u00f6hlenmensch!<\/em> (Portugiesisch\/Brasilien; Ungarisch auch: <em>Wohnst du in einer H\u00f6hle?<\/em>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht gibt es noch ein weiteres Muster, n\u00e4mlich Anspielungen auf die angebliche k\u00f6rperliche Beschaffenheit der Person, die nicht die T\u00fcr schlie\u00dft. Zwei einzelne Beispiele, finnisch und chinesisch, sind nat\u00fcrlich nicht ausreichend, um daraus ein neues Muster abzuleiten. Um das zu pr\u00fcfen br\u00e4uchten wie idealerweise noch ein paar Beispiele aus anderen Sprachen \u2013 und aus dem Rest der Welt. Wir sind schon gespannt, wie sehr sich dabei eine weitere Beobachtung bewahrheitet: In den meisten F\u00e4llen war Teil der Antwort noch ein &#8222;so etwas sage ich nie, aber ich habe es schon ab und zu geh\u00f6rt.&#8220; Diese Art von Bemerkungen erscheinen den meisten Sprechern und Sprecherinnen wohl so sehr unangemessen oder unh\u00f6flich, dass sie sich davon distanzieren m\u00f6chten. Ob unsere Leserschaft sich dennoch traut, uns mit ihren Varianten weiterzuhelfen?<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"color: #808080\">Zu dieser Variante gibt es noch eine Erweiterung, die zeigt, wie komplex solche Spr\u00fcche werden k\u00f6nnen: <em>Habt ihr zuhause Pfannkuchen in den T\u00fcrrahmen und fresst euch jedes Mal durch, wenn ihr rausgehen wollt?<br \/>\n<\/em>F\u00fcr eine schnelle, schlagfertige Reaktion auf einen kleinen Fehler ist diese Variante erstaunlich lang.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Anfang ein Klischee: Der oder die Deutsche findet st\u00e4ndig, dass es zieht. Jeder Luftzug, der durch ein Fenster oder einen T\u00fcrspalt an Bein oder Nacken vorbeiflie\u00dft, ist ein Grund zur sofortigen Beschwerde. Gegen das Klischee spricht: Auch in \u00d6sterreich zieht es. Ich h\u00f6rte die Beschwerde k\u00fcrzlich in einem Zug in Graz. 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