{"id":2883,"date":"2024-11-27T16:47:10","date_gmt":"2024-11-27T15:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/open-access-berlin\/?p=2883"},"modified":"2025-01-13T17:02:25","modified_gmt":"2025-01-13T16:02:25","slug":"deal-%e2%89%a0-diamond","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/open-access-berlin\/2024\/11\/27\/deal-%e2%89%a0-diamond\/","title":{"rendered":"DEAL \u2260 Diamond. Ein Diskussionsbeitrag zur Souver\u00e4nit\u00e4t des wissenschaftlichen Publikationswesens"},"content":{"rendered":"<p>Bei einer Podiumsdiskussion r\u00fcckte Gerard Meijer, Vize-Sprecher der DEAL Gruppe, das Open-Access-Publizieren im Rahmen von DEAL in die N\u00e4he von Diamond Open Access. Dabei unterscheiden sich die beiden Ans\u00e4tze fundamental und sollten nicht miteinander verwechselt werden. Ein Diskussionsbeitrag aus dem Open-Access-B\u00fcro Berlin.<\/p>\n<p>Ein Beitrag von Georg Fischer, Maike Neufend und Maxi Kindling<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<pre>Zitiervorschlag: \r\n\r\nFischer, Georg, Maike Neufend, und Maxi Kindling. 2024. \u201eDEAL \u2260 Diamond. Ein Diskussionsbeitrag zur Souver\u00e4nit\u00e4t des wissenschaftlichen Publikationswesens\u201c. <i>Open Access Blog Berlin<\/i> (blog). 27. November 2024. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.59350\/ab01a-dj116\">https:\/\/doi.org\/10.59350\/ab01a-dj116<\/a>.<\/pre>\n<h1>Wenn Wissen zur Ware wird: Hintergr\u00fcnde und Auswirkungen der DEAL-Vertr\u00e4ge<\/h1>\n<p>Die sogenannte <a href=\"https:\/\/deal-konsortium.de\/en\/\">DEAL-Gruppe<\/a> ist f\u00fcr die gleichnamigen Vertr\u00e4ge zwischen der deutschen Wissenschaft und den drei transnationalen Gro\u00dfverlagen Wiley, Springer Nature <a href=\"https:\/\/irights.info\/artikel\/deal-elsevier-vertrag\/32145\">sowie seit Anfang 2024 auch Elsevier<\/a> verantwortlich. Zusammengenommen machen alleine diese drei Verlage etwa die H\u00e4lfte des wissenschaftlichen Publikationsmarktes in Deutschlands aus. Die DEAL-Vertr\u00e4ge waren einst als \u201eTransformationsvertr\u00e4ge\u201c bekannt, da mit ihnen das Ziel verfolgt wurde, das Publikationswesen zu transformieren: also von geschlossenen Publikationen auf Open Access umzustellen. In j\u00fcngerer Zeit werden die DEAL-Vertr\u00e4ge als \u201ePublish-and-Read\u201c-Vertr\u00e4ge bezeichnet: Einerseits sollen Forschende auf der Grundlage von DEAL in den genannten Gro\u00dfverlagen im Open Access ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen, andererseits wird durch DEAL den teilnehmenden Einrichtungen der Lesezugang zu den Verlagsarchiven ge\u00f6ffnet. Von rund 1.000 berechtigten deutschen Einrichtungen nimmt derzeit die \u00fcberwiegende Mehrheit von rund 900 am DEAL mit Elsevier teil. Bei Springer und bei Wiley sind es aktuell jeweils rund 500 Einrichtungen.<\/p>\n<h2>Mit DEAL tendiert das unternehmerische Risiko f\u00fcr Verlage gegen Null<\/h2>\n<p>Die Vertr\u00e4ge im Rahmen von DEAL haben zur Folge, dass die Gro\u00dfverlage ihr Gesch\u00e4ftsmodell im Publikationssektor wesentlich umstellen. Das traditionelle Gesch\u00e4ftsmodell sah es vor, dass Verlage Texte <i>nach <\/i>der Publikation auf einem Markt monet\u00e4r verwerten (etwa mit dem Verkauf von Abonnements an Bibliotheken oder gar dem Verkauf von Einzelzug\u00e4ngen an Endnutzer*innen). Mit den \u201ePublish-and-Read\u201c-Vertr\u00e4gen von DEAL bekommen die Verlage dagegen von den Bibliotheken nun <i>im Vorhinein<\/i> Geb\u00fchren, um Texte im Open Access zu publizieren. Dabei werden erstaunliche Summen von mehreren tausend Euro pro Artikel aufgerufen. In den Elsevier-Zeitschriften <i>Cell Press <\/i>und <i>The Lancet <\/i>beispielsweise betr\u00e4gt die \u201eArticle Processing Charge\u201c (APC) pro Aufsatz rund 6.500 EUR, in den restlichen Zeitschriften des Verlags derzeit rund 2.500 EUR. Daneben bezahlen die Bibliotheken f\u00fcr den Lesezugang zu den Archiven der Verlage.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Forschenden wird der Prozess von Bezahlung, Abwicklung und Publikation bei DEAL freilich komfortabler. Sie m\u00fcssen nichts vorstrecken, die Bibliotheken k\u00fcmmern sich um den gesamten, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.5779065\">Zeit fressenden Abrechnungsvorgang<\/a>. Die Verlage gewinnen selbstverst\u00e4ndlich auch: Sie haben keinerlei unternehmerisches Risiko bei der Ver\u00f6ffentlichung der wissenschaftlichen Texte mehr. Monet\u00e4r betrachtet ist es schlichtweg egal, ob ein Open-Access-Artikel bekannt, zahlreich aufgerufen wird, sich gut verkauft oder in der breiten \u00d6ffentlichkeit Aufmerksamkeit erf\u00e4hrt. Der verlegerische Anreiz, einen qualitativ hochwertigen Aufsatz oder ein interessantes Buch zu verlegen, auf dem Markt zu bewerben und zu verkaufen, tendiert f\u00fcr die DEAL-Verlage damit gegen Null.<\/p>\n<h2>Datentracking, technische Abh\u00e4ngigkeiten, Zementierung globaler Hierarchien<\/h2>\n<p>Demgegen\u00fcber steigt f\u00fcr diese Verlage nur der Anreiz, so viele Texte wie m\u00f6glich im Open Access zu publizieren, egal ob sie wissenschaftlichen Qualit\u00e4tskriterien gen\u00fcgen oder nicht. Statt wissenschaftlicher Qualit\u00e4t wird also endloses Wachstum incentiviert. Die lange Vertragslaufzeit \u00fcber f\u00fcnf Jahre (2024\u20132028) erm\u00f6glicht es den wenigen Gro\u00dfverlagen zudem, ihre marktbeherrschende Stellung zu festigen, <a href=\"https:\/\/irights.info\/artikel\/datentracking-wissenschaft-mittermaier-interview\/32328\">Surveillance-Methoden mittels Datentracking<\/a> aufzubauen und <a href=\"https:\/\/irights.info\/artikel\/bjoern-brembs-grossverlage-arbeiten-daran-den-wissenschaftlichen-workflow-zu-monopolisieren\/31142\">neue Gesch\u00e4ftsmodelle zu etablieren<\/a>, die mit Publizieren im engen Sinne nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>\u00d6ffentliche Einrichtungen, die im besten Interesse der Gemeinschaft handeln sollten, unterst\u00fctzen damit also nicht den Wettbewerb, sondern zementieren das Oligopol dieser Verlage. Zudem k\u00f6nnen die \u00f6ffentlichen Einrichtungen nicht flexibel auf sich ver\u00e4ndernde Bedingungen reagieren. Denn umfangreiche finanzielle Ressourcen sind f\u00fcr mehrere Jahre gebunden, unabh\u00e4ngig davon, ob Dienstleistungen noch gebraucht werden. Und dabei geht es um weit mehr als das deutsche Wissenschaftssystem. Solche Vereinbarungen wie DEAL \u2013 zwischen L\u00e4ndern des Globalen Nordens und transnationalen Verlagsunternehmen \u2013 legen fest, wer an der Ver\u00f6ffentlichung ihrer Forschung im Open Access teilnehmen kann und wer nicht. Dies f\u00fchrt aber zwangsl\u00e4ufig zur Schaffung von Hierarchien und zur Reproduktion der \u201e<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1093\/joc\/jqab027\">hegemonialen Wei\u00dfheit in der Wissensproduktion<\/a>\u201c.<\/p>\n<h1>DEAL \u2260 Diamond Open Access<\/h1>\n<p>Gerard Meijer ist Physikochemiker und Direktor am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft. Dazu kommt sein Amt als Vize-Sprecher der DEAL-Gruppe. Im M\u00e4rz 2024 er\u00f6rterte Meijer bei einer Podiumsdiskussion zum Thema \u201e<a href=\"https:\/\/www.dpg-verhandlungen.de\/year\/2024\/conference\/berlin\/part\/agi\/session\/1\/contribution\/3\">The Future of our Publication System<\/a>\u201c mit seinem Kollegen Roderich Moessner, Festk\u00f6rperphysiker und ebenfalls Direktor eines Max-Planck-Instituts, die DEAL-Vertr\u00e4ge. Ein Bericht zu eben dieser Diskussion, bei der insgesamt vier Teilnehmer*innen auf dem Podium sa\u00dfen, erschien im Oktober im Physik Journal, der Mitgliederzeitschrift der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Der Bericht tr\u00e4gt den Titel <a href=\"https:\/\/www.dpg-physik.de\/veroeffentlichungen\/aktuell\/2024\/physik-journal-2024-10\">\u201eKein Weg zur\u00fcck. Zur Transformation im wissenschaftlichen Publikationswesen\u201c<\/a> und ist nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich.<\/p>\n<h2>Was die deutsche Forschungsgemeinschaft und andere unter Diamond Open Access verstehen<\/h2>\n<p>Laut Bericht kommen die Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion nach einer generellen Bewertung des DEAL-Weges durch Meijer auf die derzeitigen Anstrengungen rund um Diamond Open Access zu sprechen. Da Diamond Open Access im Bericht nur genannt, aber nicht weiter definiert oder eingeordnet wird, sei dies hier nachgeholt: In einer <a href=\"https:\/\/www.dfg.de\/resource\/blob\/324442\/db52a2a58f84c92b1c3d7cf9cb2eaf41\/call-diamond-open-access-de-data.pdf\">aktuellen Ausschreibung<\/a> versteht die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unter Diamond Open Access Modelle des Open-Access-Publizierens, die keine Geb\u00fchren f\u00fcr Autor*innen erheben und sich nicht kommerziellen, sondern gemeinn\u00fctzigen Zielen im Bereich von Forschung und Wissenschaft widmen. Publikationsgeb\u00fchren wie APCs im Rahmen von DEAL entfallen, das Publizieren k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich Verlage \u00fcbernehmen, dies ist aber kein Muss.<\/p>\n<p>Generell basiert Diamond Open Access auf Publikationsinfrastrukturen, die sich bestimmten Prinzipien verpflichten. F\u00fcr Johan Rooryck, gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Direktor der cOAlition S, geh\u00f6rt dazu auch die \u00dcberzeugung, dass wissenschaftliches Publizieren als integraler Bestandteil von Wissenschaft <a href=\"https:\/\/thd.hypotheses.org\/35\">in der Hand der wissenschaftlichen Gemeinschaft liegen<\/a> und von ihr selbst organisiert werden sollte. Entscheidend sei hierbei die \u00dcberzeugung, dass keine inhaltsbezogenen Elemente als Waren verkauft oder gehandelt werden sollten. Dabei muss nicht jeder Aspekt des Publizierens von wissenschaftlichen Einrichtungen durchgef\u00fchrt werden. Dienstleistungen lassen sich dazu kaufen, aber unter Bedingungen von Transparenz und Wettbewerb.<\/p>\n<p>Ein weiterer Vorteil nach Roryck ist, dass Diamond-Publikationsinfrastrukturen global und dezentral funktionieren. Sie stehen allerdings immer im engen Austausch mit den Fachcommunities, was Vielfalt und Bibliodiversit\u00e4t sichert. Die dabei anfallenden Kosten f\u00fcr den Betrieb von Diamond Open Access werden von den legalen Eigent\u00fcmern getragen, also \u00f6ffentlichen Einrichtungen, Fachgesellschaften oder anderen gemeinn\u00fctzigen Organisationen. Diamond Open Access bezeichnet also nicht blo\u00df ein Gesch\u00e4ftsmodell, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.21428\/986c5d43.77851a7c\">sondern wissenschaftsgeleitete Publikationsinfrastrukturen in gemeinn\u00fctziger Tr\u00e4gerschaft<\/a>. Ein Blick \u00fcber den Tellerrand auf die<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1162\/qss_a_00228\"> globale Wissensproduktion<\/a> zeigt bereits, dass eine inklusive und diverse Form der wissenschaftlichen Kommunikation durch Diamond Open Access nicht nur theoretisch m\u00f6glich, sondern bereits im Gange ist. Um die <a href=\"https:\/\/www.researchprofessionalnews.com\/rr-news-europe-views-of-europe-2024-9-the-benefits-of-diamond-are-not-crystal-clear\/\">Vorteile durch Diamond Open Access<\/a> strategisch zu nutzen, bedarf es aber einer Neuausrichtung und Reform weiterer Bereiche der Wissenschaft; es ist also <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5282\/o-bib\/5849\">kein Selbstl\u00e4ufer<\/a>.<\/p>\n<h2>Welche strategischen Vorteile bringt DEAL \u00fcberhaupt?<\/h2>\n<p>In dem Bericht zur Podiumsdiskussion wird Meijer mit folgender Aussage direkt zitiert: \u201eDEAL kann man fast als Diamond Open Access bezeichnen.\u201c In diesem Kontext \u00e4u\u00dfert sich Meijer zudem ablehnend gegen\u00fcber Diamond Open Access. Als Begr\u00fcndung werden in dem Bericht die hohen Aufw\u00e4nde herangezogen, die die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Physik als Fachgesellschaft aufbringen m\u00fcsste, aber nicht leisten k\u00f6nne, wie Podiumskollege Moessner erg\u00e4nzt. Das DEAL-Modell, so wieder Meijer, sei dagegen bequem f\u00fcr die Forschenden, da diese im \u201eJournal ihrer Wahl\u201c publizieren k\u00f6nnten und \u201esich sonst um nichts weiter k\u00fcmmern\u201c m\u00fcssten. Eine institutionell finanzierte, wissenschaftsgeleitete Herausgabe eines Journals hingegen, wie sie durch den Diamond-Ansatz m\u00f6glich w\u00fcrde, \u201ek\u00f6nne nicht das n\u00e4chste Ziel sein\u201c, wird Meijer daraufhin indirekt zitiert. Interessant ist zudem der Kontext. Laut dem Bericht erkl\u00e4rte Meijer bei der gleichen Podiumsdiskussion, dass \u201egenug Geld im System sei\u201c. Seine Ablehnung gegen\u00fcber Diamond Open Access begr\u00fcndete er hingegen mit dem hohen finanziellen Aufwand, der daf\u00fcr zu leisten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auf Nachfrage per Email best\u00e4tigt Meijer seine Perspektive auf DEAL und Diamond Open Access grunds\u00e4tzlich. Er deutet aber auch an, dass er die Darstellung in der DPG-Mitgliederzeitschrift f\u00fcr verk\u00fcrzt halte. Zudem verweist Meijer darauf, dass seine Position im Einklang mit dem 2022 erschienenen Positionspapier <a href=\"https:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/2022\/9477-22\">\u201eEmpfehlungen zur Transformation des wissenschaftlichen Publizierens zu Open Access\u201c<\/a> des Wissenschaftsrats steht. Meijer ist Mitglied des Wissenschaftsrats und stand der Arbeitsgruppe vor, die den Bericht vorbereitete.<\/p>\n<p>Per Mail betont Meijer weiter, dass er nicht grunds\u00e4tzlich gegen Diamond Open Access sei. Er halte Diamond Open Access sogar f\u00fcr das ideale Szenario, sofern sich ein Sponsor oder eine Organisation f\u00fcr die \u00dcbernahme der Publikationskosten finden lassen. Allerdings bezweifle er, dass dies \u2013 vor allem langfristig und im gro\u00dfen Ma\u00dfstab \u2013 eine realistische Alternative zum kommerziellen Publikationsmodell darstelle. Es g\u00e4be zwar eine Menge Diamond-Zeitschriften; diese w\u00fcrden aber seiner Erfahrung nach nicht lange genug bestehen (\u201eoften don\u2019t survive that long\u201c), nicht besonders viel publizieren und seien vollkommen abh\u00e4ngig von der Gunst der Finanzierenden und dem Engagement der Betreibenden. Mit DEAL sei dagegen bereits etwa die H\u00e4lfte des Publikationsmarkts abgedeckt und f\u00fcr die Autor*innen sei das Abkommen aus Komfortgr\u00fcnden nahezu ideal \u2013 solange die Kosten getragen seien.<\/p>\n<h1>Erlangt die Wissenschaft noch Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber ihr eigenes Publikationswesen?<\/h1>\n<p>Die Krux, die in der Aussage von Meijer und des Wissenschaftsrats liegt, ist eine ganz grunds\u00e4tzliche und l\u00e4sst sich strategisch begr\u00fcnden. Sich als \u00f6ffentlich gef\u00f6rdertes Wissenschaftssystem unabh\u00e4ngiger vom kommerziellen Verlagswesen zu machen, das Heft des Publizierens st\u00e4rker in die eigene Hand zu nehmen, Wissen tats\u00e4chlich zum Allgemeingut zu machen (wie es der Open-Access-Gedanke urspr\u00fcnglich vorsah) \u2013 all das w\u00e4re eine grundlegende Richtungsentscheidung!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich er\u00f6ffnet das viele Geld, das die drei Gro\u00dfverlage f\u00fcr die nahezu risikolose \u00dcbernahme vergleichsweise weniger und geringer Aufgaben erhalten, bequeme Optionen f\u00fcr wissenschaftliche Autor*innen. Allerdings verst\u00e4rkt sich dadurch auch der verh\u00e4ngnisvolle Pfad der Abh\u00e4ngigkeit von privatwirtschaftlichen Akteuren, auf dem sich das wissenschaftliche Publikationswesen bewegt und durch den sich die Wissenschaft unter anderem die Surveillance mittels Datentracking eingebrockt hat.<\/p>\n<p>Meijer best\u00e4tigt selbst, dass in Deutschland gen\u00fcgend Geld f\u00fcrs Publizieren vorhanden ist. Es handelt sich also um eine gute Ausgangslage, um zu gestalten. Dieses Geld k\u00f6nnte \u2013 zumindest in Teilen \u2013 dazu dienen, Diamond-Open-Access-Strukturen aufzubauen, zu betreiben und zu verwalten. Dass Wissenschaftler*innen bei kommerziellen Verlagen ver\u00f6ffentlichen, l\u00e4sst sich ja nicht durch ein Naturgesetz begr\u00fcnden. Die Pr\u00e4ferenz, vielleicht sogar die \u00dcberh\u00f6hung der Reputation, wird nur durch innerwissenschaftliche Konventionen und die Vermarktung von Reputation durch kommerzielle Verlage aufrechterhalten. Und beide Bereiche k\u00f6nnen ge\u00e4ndert werden, vorausgesetzt, es besteht der entsprechende politische Wille und es werden die passenden Anreize geschaffen. Innerhalb von Diamond-Open-Access-Strukturen lie\u00dfe sich das Geld effizienter, gezielter und nachhaltiger f\u00fcr das wissenschaftliche Publikationswesen verwenden, das diesen Namen auch verdient \u2013 ohne Surveillance, ohne Mittelverschwendung, daf\u00fcr aber in Eigenregie und Eigenverantwortung.<\/p>\n<h1>Abh\u00e4ngigkeiten fortschreiben oder aufbrechen? Das Beispiel der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG)<\/h1>\n<p>Man k\u00f6nnte nun einwenden, Diamond Open Access sei als Graswurzel-Alternative nur f\u00fcr einen kleinen Bereich der Wissenschaft dienlich oder dass die Physik als wissenschaftliche Disziplin eine Spezialauffassung oder eine besondere Neigung zum kommerziellen Verlagswesen habe. Doch selbst die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) erkennt die Vorteile eines selbstgetragenen Publikationswesens an und streicht diese in einem eigenen, 2021 erschienenen <a href=\"https:\/\/www.dpg-physik.de\/veroeffentlichungen\/publikationen\/stellungnahmen-der-dpg\/wissenschaftssystem\/dpg-positionspapier-zur-zukunft-des-wissenschaftlichen-publikationswesens\">Positionspapier zur Zukunft des wissenschaftlichen Publikationswesens<\/a> heraus. Darin fordert die DPG die st\u00e4rkere Verantwortung der Wissenschaft \u00fcber ihr eigenes Publikationswesen ein. Gleich im ersten Absatz des Positionspapiers steht dort prominent:<\/p>\n<p><i>Um die Freiheit der Wissenschaft zu realisieren und zu maximieren, soll das anzustrebende Publikationswesen \u201evon Wissenschaftlern f\u00fcr Wissenschaftler\u201c geformt werden: Entscheidungskompetenz und Verantwortung sollen wieder st\u00e4rker von den Forschenden \u00fcbernommen werden.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Der angemahnte Kontrollverlust der Wissenschaft reicht dabei \u00fcber das Publizieren hinaus, wie auch die DPG feststellt. Weiter steht im DPG-Papier folgende Position zur Bewertung von Forschungsleistungen, die ebenfalls stark durch kommerzielle Verlage dominiert werden:<\/p>\n<p><i>Rolle und Profitabilit\u00e4t der Wissenschaftsverlage werden in Teilen der wissenschaftlichen Gemeinschaft kritisch beurteilt. Insbesondere wird der erhebliche Einfluss auf forschungsinhaltliche und karriererelevante Entscheidungen von Editorinnen oder Editoren kritisiert, die weder aktiv in der Wissenschaft sind noch dieser Aufgabe verpflichtet sind. Es dient nicht der Wissenschaft, wenn [&#8230;] fachfremde Personen entscheiden, welche Artikel begutachtet werden [&#8230;]. Es ist allein Aufgabe der Gemeinschaft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sich hierzu zusammen mit der Forschungsf\u00f6rderung zu positionieren [&#8230;] Dies ist nicht Aufgabe der Verlage, welche bestimmte Zeitschriften erfolgreich als starke Marken etabliert haben.<\/i><\/p>\n<h1>Diamond Open Access als Korrektur des DEAL-Pfades<\/h1>\n<p>Richtiger, als N\u00e4he zwischen Diamond Open Access und DEAL zu suggerieren, w\u00e4re es daher, Diamond Open Access als Korrektur von DEAL zu betrachten. Denn die Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems hin zu Open Access durch DEAL l\u00e4sst sich als gescheitert betrachten. Eine aktuelle Studie mit <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2407.16551\">Sch\u00e4tzungen der globalen Ausgaben f\u00fcr APCs<\/a>, die zwischen 2019 und 2023 an sechs Verlage f\u00fcr Open Access gezahlt wurden, zeigt, dass Gold Open Access stagniert, w\u00e4hrend sich Hybrid Open Access zum erfolgreichen Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr Verlage entwickelt hat. Auch bei den deutschen DEAL-Vertr\u00e4gen zeigt sich ein \u00e4hnliches Bild. Bernhard Mittermaier, Leiter der Zentralbibliothek am Forschungszentrum J\u00fclich, betont, dass vom jeweiligen Bestand an Subskriptionszeitschriften zwischen 2019 und 2023 lediglich 3,5 % bei Wiley und 1 % bei Springer Nature auf Open Access umgestellt wurden. Laut Mittermaier ist also in absehbarer Zeit <a href=\"https:\/\/www.b-i-t-online.de\/heft\/2023-03-fachbeitrag-mittermaier.pdf\">keine signifikante Umstellung auf Open Access zu erwarten<\/a>.<\/p>\n<p>Die Verringerung der Abh\u00e4ngigkeit von kommerziellen Akteuren war nie das Ziel vom Projekt DEAL. Wer sich f\u00fcr Diamond Open Access einsetzt, will diese Abh\u00e4ngigkeit aufbrechen und die immensen DEAL-Geldstr\u00f6me, die von den Bibliotheken hin zu den Verlagen flie\u00dfen, wenigstens teilweise zum Wohle der Souver\u00e4nit\u00e4t der Wissenschaft \u00fcber ihr eigenes Kommunikationssystem umlenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer Podiumsdiskussion r\u00fcckte Gerard Meijer, Vize-Sprecher der DEAL Gruppe, das Open-Access-Publizieren im Rahmen von DEAL in die N\u00e4he von Diamond Open Access. Dabei unterscheiden sich die beiden Ans\u00e4tze fundamental und sollten nicht miteinander verwechselt werden. 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