{"id":776,"date":"2022-02-08T16:49:27","date_gmt":"2022-02-08T15:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/open-access-berlin\/?p=776"},"modified":"2025-06-18T14:57:37","modified_gmt":"2025-06-18T12:57:37","slug":"stakeholder-workshop-mit-dem-scholar-led-network-die-nicht-profitorientierte-perspektive-auf-open-access","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/open-research-berlin\/2022\/02\/08\/stakeholder-workshop-mit-dem-scholar-led-network-die-nicht-profitorientierte-perspektive-auf-open-access\/","title":{"rendered":"Die nicht-profitorientierte Perspektive auf Open Access"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bericht zum Stakeholder-Workshop mit dem scholar-led.network<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Open-Access-Strategien, die auf staatlicher Ebene verankert sind, bewirken dynamische Diskurse rund um das Thema Open Access, sie positionieren L\u00e4nder gegen\u00fcber global operierenden Wissenschaftskonzernen und haben nicht zuletzt eine Leitbildfunktion f\u00fcr die Einrichtungen und Wissenschaftler*innen des betreffenden Landes. Dennoch hat Deutschland bislang, anders als viele andere europ\u00e4ische Staaten, keine nationale Open-Access-Strategie.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die Gestaltung des Politikprozesses und die Inhalte einer Open-Access-Strategie f\u00fcr Deutschland zu erarbeiten, planen wir im Projekt <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/open-access-berlin\/2022\/02\/10\/open4de-emfpehlungen-fuer-eine-open-access-strategie-fuer-deutschland-entwickeln\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Open4DE: Stand und Perspektiven einer Open-Access-Strategie f\u00fcr Deutschland<\/a> eine Serie von Stakeholder-Workshops. Den Anfang machte am 28. Januar 2022 ein 60-min\u00fctiger Workshop mit dem scholar-led.network.<\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;<a href=\"https:\/\/open-access.network\/vernetzen\/digitale-fokusgruppen\/fokusgruppe-scholar-led\"><u>scholar-led.network<\/u><\/a> diskutiert und artikuliert Interessen der im deutschsprachigen Raum operierenden, von Wissenschaftler*innen gef\u00fchrten Publikationsprojekte. In ihrem 2021 ver\u00f6ffentlichten&nbsp;<a href=\"https:\/\/graphite.page\/scholar-led-manifest\/\"><u>Manifest<\/u><\/a> treten sie unter anderem f\u00fcr eine Vielfalt von Publikationsformaten, nachhaltig und \u00f6ffentlich finanzierte Publikationsinfrastrukturen und eine Community-basierte Entwicklung des non-profit Publikations\u00f6kosystems ein:&nbsp;ideale Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die Diskussion \u00fcber Anforderungen an eine bundesweite Open-Access-Strategie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Workshop teilte sich in zwei Phasen. Im ersten kollaborativen Teil sammelten wir auf einem virtuellen Whiteboard Aspekte, die unter die im Manifest genannten Handlungsfelder &#8211; Vernetzung, Finanzierung und Bibliodiversit\u00e4t &#8211; fallen. Der Workshop startete also mit der Frage, welche konkreten Herausforderungen aus Sicht der Teilnehmer*innen&nbsp;als besonders bedeutsam f\u00fcr einen bundesweiten Policy-Prozess empfunden werden. Die Antworten aus dieser Diskussion wurden nach Wichtigkeit bewertet und daraufhin im zweiten Teil des Workshops in drei Kleingruppen&nbsp;vertieft und aufbereitet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vernetzung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In der Gruppendiskussion zum&nbsp;Handlungsfeld Vernetzung&nbsp;wurde die strategische Rolle offener, sozio-technischer Infrastrukturen diskutiert, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf Tools zur Organisation von Workflows entlang des Publikationsprozesses lag. Insbesondere die bereits in der Community erfolgreich zum Einsatz gebrachte Publikations- und Kollaborationplattform&nbsp;<a href=\"https:\/\/ojs-de.net\/start\"><u>Open Journal Systems (OJS)<\/u><\/a> bed\u00fcrfe einer stetigen Weiterentwicklung, Anpassung und Verbreitung. Dabei sehen sich sowohl die Nutzer*innen (Autor*innen und Herausgeber*innen) als auch die Serviceprovider (oft wissenschaftliche Bibliotheken) zahlreichen Herausforderungen gegen\u00fcbergestellt. Vertreter*innen beider Interessengruppen waren an der Diskussion beteiligt und bemerkten \u00fcbereinstimmend, dass fehlende Konzepte zur nachhaltigen Finanzierung dieser Services dazu f\u00fchren, dass die technischen Potentiale der bereits in vielen Anwendungsf\u00e4llen erprobten und bew\u00e4hrten Softwarel\u00f6sungen nicht in vollem Ma\u00dfe ausgesch\u00f6pft werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Hoffnung, dass sich Synergieeffekte erzielen und Redundanzen vermeiden lassen, wurde daher \u00fcber M\u00f6glichkeiten diskutiert, die Entwicklung und Bereitstellung von OJS in \u00fcbergeordneten, \u00f6ffentlich finanzierten Organisationseinheiten zusammenzuziehen. Dabei bestand keine Einigkeit dar\u00fcber, auf welcher administrativen Ebene ein solches \u201eKompetenzcenter f\u00fcr Publikationsdienste\u201c anzusiedeln sei. Genannt wurden die Bibliotheksverb\u00fcnde und die&nbsp;Bundesl\u00e4nder. Eine nationale L\u00f6sung wurde in Anbetracht der Heterogenit\u00e4t des hiesigen Publikations\u00f6kosystems und seiner traditionell f\u00f6deralen Struktur mit hohem Anpassungsbedarf kritisch betrachtet. Um die Interessen von Herausgeber*innen, Autor*innen und Verleger*innen in die Gestaltung und den Betrieb konsortialer Publikationsinfrastrukturen einflie\u00dfen zu lassen, bed\u00fcrfe es keiner komplexen Gouvernancestruktur: Kleinere Kompetenzzentren erm\u00f6glichen eine Community-basierte, dynamische und partizipative Form der Gestaltung.&nbsp;Dies kann beispielsweise in thematisch fokussierten Workshops, Sprints und anderen agilen Arbeitszusammenh\u00e4ngen&nbsp;stattfinden,&nbsp;in denen sich \u00dcberschneidungen mit der aktiven internationalen Entwicklerszene nutzen lie\u00dfen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Finanzierung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Publikationsorte, die \u00fcber ein medienbezogenes Modell finanziert sind und geb\u00fchrenfreie Publikationsm\u00f6glichkeiten bieten (\u201eDiamond-OA\u201c), k\u00f6nnen zur Diversit\u00e4t des Systems beitragen und Druck auf die Anbieter geb\u00fchrenfinanzierter Publikationsorgane aus\u00fcben. F\u00fcr einen Ausbau dieses Segments ist es jedoch n\u00f6tig, dauerhaft tragf\u00e4hige Finanzierungsmodelle f\u00fcr Diamond-Zeitschriften und -Reihen aufzubauen.<\/p><cite><a href=\"https:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/2022\/9477-22.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=12\">Empfehlungen des Wissenschaftsrats<\/a>, S. 68.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die zweite Kleingruppe diskutierte zum Handlungsfeld Finanzierung von Open Access. Dort wurde zun\u00e4chst festgestellt, dass in Deutschland zwar die Notwendigkeit von Finanzierungsmodellen jenseits von Article Processing Charges (APCs) gefordert wird &#8211; wie zuletzt in den Empfehlungen des Wissenschaftsrats -, aber bislang wenig praktische Ans\u00e4tze und Initiativen existieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig war den Teilnehmenden, den Fokus auf nicht-kommerzielle Formen des Open Access zu legen. Transformationsvertr\u00e4ge wie die im <a href=\"https:\/\/www.projekt-deal.de\/\">Projekt-DEAL<\/a> ausgehandelten Vertr\u00e4ge mit Wiley und Springer Nature betrachteten die Teilnehmenden eher kritisch: diese b\u00f6ten keine befriedigende Antwort auf die dr\u00e4ngende Frage der Open-Access-Finanzierung. Als Schlussfolgerung aus der Erfahrung der DEAL-Verhandlungen seien alternative Ans\u00e4tze zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ansatzpunkt in der Diskussion waren die Universit\u00e4tsverlage: K\u00f6nnten diese alternative Publikationsm\u00f6glichkeiten bieten? Dagegen spricht, dass Universit\u00e4tsverlage vorrangig den eigenen Einrichtungsangeh\u00f6rigen offen st\u00fcnden. Es w\u00fcrden allerdings Publikationsoptionen ben\u00f6tigt, die f\u00fcr Autor*innen unabh\u00e4ngig von ihrer institutionellen Anbindung zug\u00e4nglich sind. Dar\u00fcber hinaus wurde die Notwendigkeit nicht-kommerzieller Angebote auch im Bereich der Universit\u00e4tsverlage hervorgehoben, diese k\u00f6nnen auch gewinnorientiert handeln. Der Blick auf den angels\u00e4chsischen Buchmarkt zeigt, wie Universit\u00e4tsverlage als wichtige kommerzielle Player fungieren. Open-Access-Publizieren solle, so eine weitere Position, auch in kleinen scholer-led-Initiativen und -Verlagen stattfinden k\u00f6nnen und sich damit eine eigensinnige Praxis bewahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine zuk\u00fcnftige Finanzierungstrategie sollte deshalb ein klares Bekenntnis zu Diamond- und scholar-led-Open Access beinhalten. Dies m\u00fcsse allerdings idealerweise mit einem Wandel des akademischen Anerkennungsystems einhergehen, z.B. durch die Integration von Open-Access-Aktivit\u00e4ten als Anforderung in universit\u00e4ren Berufungsverfahren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bibliodiversit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In der Diskussion zum dritten Handlungsfeld&nbsp;der Bibliodiversit\u00e4t wurde die Vielfalt der Publikationsformate thematisiert. Dabei waren sich die Teilnehmenden einig, dass eine Anerkennung der Vielfalt von Publikationsformaten im Wissenschaftssystem auch notwendig eine h\u00f6here Anerkennung inhaltlicher Qualit\u00e4tssicherung zur Folge habe. Die F\u00f6rderung von Bibliodiversit\u00e4t sei damit ein wichtiger Schritt zum Kulturwandel im wissenschaftlichen Reputationssystem und damit auch institutionell zu f\u00f6rdern, wie bspw. im&nbsp;<a href=\"https:\/\/jussieucall.org\/jussieu-appell\/#signOn\"><u>Jussieu-Appell f\u00fcr offene Wissenschaft und Bibliodiversit\u00e4t<\/u><\/a> gefordert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei stand generell zur Diskussion, wie eigentlich wissenschaftliche Qualit\u00e4tssicherung weiter gedacht werden kann und muss: Braucht es die herk\u00f6mmlichen Begutachtungsverfahren noch oder gibt es andere M\u00f6glichkeiten, wie bspw. eine Community-basierte Begutachtung, Open-Review-Modelle oder redaktionelle Begutachtung im scholar-led Bereich? Neben der Bedeutung des experimentellen Publizierens und der n\u00f6tigen Offenheit f\u00fcr vielf\u00e4ltige Formate und Formen des Publizierens, diskutierte auch diese Gruppe \u00fcber die daf\u00fcr notwendige sozio-technische Infrastruktur. Die Idee einer \u00fcberregionalen Publikationsplattform wurde dabei positiv beurteilt, denn dadurch k\u00f6nne zum einen der Workflow kooperativ genutzt werden und zum anderen die Wissenschaftscommunities besser vernetzt werden. Insbesondere die fehlende Vernetzung zwischen neuen und bereits vorhandenen Publikationsprojekten wurde als Mangel formuliert. Ein Weg aus der Projektf\u00f6rderung und eine strategisch bessere Vernetzung unter den Stakeholdern wurde als Herausforderung formuliert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Empfehlungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Aus der Diskussion mit dem scholar-led.network lassen sich einige Empfehlungen formulieren, die in einem nationalen Strategieprozess diskutiert werden k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Plattformgest\u00fctze Publikationsinfrastruktur<\/strong><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Eine plattformgest\u00fctze sozio-technische Publikationsinfrastruktur und damit zusammenh\u00e4ngend ein Kompetenzcenter f\u00fcr Publikationsdienste, das nicht nur den institutionell angebundenen Wissenschaftler*innen offen steht, ist eine der Hauptforderungen des scholar-led.networks. Die M\u00f6glichkeiten des plattformgest\u00fctzen Publikationsmanagements sind jedoch nicht hinreichend bekannt, weshalb eine professionelle, digital gest\u00fctzte Organisation von Publikationsprozessen in der Wissenschaftscommunity ansprechender und breiter kommuniziert werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Diamond Open Access<\/strong><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der ausdr\u00fcckliche Wunsch, sich auf Bundesebene zur Finanzierung von Diamond Open Access zu bekennen, wird von dem scholar-led.network als notwendiger Aspekt der weiteren Open-Access-Transformation in Deutschland betont. Eine nationale Strategie sei in der Lage, eine nicht-profitorientierte Auspr\u00e4gung von Open Access nicht nur zu empfehlen, sondern Wege der Implementierung und damit auch Finanzierung aufzuzeigen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Die Reputations\u00f6konomie ver\u00e4ndern<\/strong><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der viel diskutierte Kulturwandel in der Wissenschaft ist eine dritte wichtige Forderung des scholar-led.networks. Viele praktizieren in ihren Publikationsprojekten bereits einen hohen Grad an Bibliodiversit\u00e4t, wie Mehrsprachigkeit oder alternative Begutachtungsverfahren und Publikationsformate. Doch dies ist l\u00e4ngst nicht im Mainstream des Wissenschaftssystems angekommen. Ein Bekenntnis zur Ver\u00e4nderung des bisherigen Anerkennungssystems durch die Unterst\u00fctzung von Bibliodiversit\u00e4t und einer positiven Bewertung von Open-Access-Praktiken, sei eine wichtige nationale Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Verlauf diesen Jahres werden wir weitere Workshops mit Stakeholdern aus dem Bereich des wissenschaftlichen Publizierens veranstalten. Kontaktieren Sie uns gerne, wenn Sie Nachfragen und Anregungen haben. Wir freuen uns auf den weiteren Austausch mit der Open Access Community. Weitere Berichte und Beitr\u00e4ge zu unserem Projekt werden unter anderem hier auf dem Open Access Blog Berlin erscheinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht zum Stakeholder-Workshop mit dem scholar-led.network Open-Access-Strategien, die auf staatlicher Ebene verankert sind, bewirken dynamische Diskurse rund um das Thema Open Access, sie positionieren L\u00e4nder gegen\u00fcber global operierenden Wissenschaftskonzernen und haben nicht zuletzt eine Leitbildfunktion f\u00fcr die Einrichtungen und Wissenschaftler*innen des betreffenden Landes. 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