{"id":189,"date":"2019-06-18T12:25:44","date_gmt":"2019-06-18T10:25:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/?p=189"},"modified":"2019-06-18T12:25:44","modified_gmt":"2019-06-18T10:25:44","slug":"wir-fangen-ahaaan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wir-fangen-ahaaan\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir fangen ahaaan &#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Beitrag von Elena K.<\/strong><\/p>\n<p>Eines Morgens w\u00e4hrend meines Schulpraktikums (in einer Grundschule) erhielt ich von meiner Mentorin, Frau R., die Nachricht, dass sie krank sei und nicht zur Arbeit kommen werde. Sie fragte mich, ob ich bereit w\u00e4re, in den ersten beiden Unterrichtsstunden ihren Deutschunterricht zu \u00fcbernehmen, der in Teilung, also je nur mit der halben Klasse, stattfinden werde. Ich war zun\u00e4chst ein wenig \u00fcberrumpelt, freute mich jedoch so \u00fcber das Vertrauen, dass sie offenbar in mich hatte und die Chance, endlich einmal selbst allein in \u201emeiner\u201c Klasse stehen zu k\u00f6nnen, dass ich sofort ja sagte. <!--more--><\/p>\n<p>Sie bat mich, mit den Sch\u00fcler*innen im Lies-mal weiterzuarbeiten. Dabei handelt es sich um ein kleines Heftchen, indem kleine Bilder und Aufgaben stehen, die das Leseverstehen f\u00f6rdern sollen. Zum Beispiel ist eine Giraffe abgebildet, neben der der Text steht: \u201eDer Giraffe ist kalt. Sorge daf\u00fcr, dass sie nicht mehr friert und ziehe ihr gr\u00fcne Schuhe an.\u201c Die Sch\u00fcler*innen m\u00fcssen dann gr\u00fcne Schuhe an die F\u00fc\u00dfe der Giraffe malen usw. Ich radelte also zur Schule und machte mir auf dem Weg Gedanken, wie die Sch\u00fcler*innen auf mich reagieren w\u00fcrden. W\u00fcrden sie mich respektieren? W\u00fcrde ich es schaffen, dass die Klasse nicht in Chaos ausbricht? Ich hatte bei dieser Erfahrung zumindest den Vorteil, nur die halbe Klasse vor mir zu haben und einen klaren Arbeitsauftrag erhalten zu haben. Die Kinder kennen das Lies-mal und bearbeiten es normalerweise recht gerne und selbst\u00e4ndig, sodass ich hoffte, mich auf die eventuell auftretenden disziplin\u00e4ren Schwierigkeiten konzentrieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nIn der Klasse angekommen, tat ich was ich immer tat, da ich meistens als erste \u201eErwachsene\u201c den Raum betrat. Ich erinnerte die Kinder an ihre Dienste, Tafelwisch-, Datums-, und Fenster\u00f6ffnungsdienst, damit das schonmal eledigt sein w\u00fcrde und keine Unterrichtsminuten kosten w\u00fcrde. Dann kam auch schon die Lehrkraft, die mit mir den Teilungsunterricht haben w\u00fcrde, die also die eine Klassenh\u00e4lfte unterrichten w\u00fcrde, w\u00e4hrend ich den anderen Teil \u00fcbernahm. Wir begr\u00fc\u00dften die Klasse und die Klasse begr\u00fc\u00dfte uns. Schlie\u00dflich kl\u00e4rte sie Frau C. dar\u00fcber auf, dass Frau R. heute krank sei und ich an ihrer Stelle den Deutschunterricht \u00fcbernehmen w\u00fcrde. Als sie schlie\u00dflich mit ihrer Sch\u00fclerh\u00e4lfte den Raum verlassen hatte, ging es los. Alle Sch\u00fcler*innen waren erstaunlich still und aufmerksam. Ich beschloss, meiner kranken Mentorin etwas unter die Arme zu greifen und zus\u00e4tzlich zum Lies-mal zun\u00e4chst die aufgegebenen Hausaufgaben zu vergleichen. Es funktionierte erstaunlich gut. Und es war ein tolles Gef\u00fchl, das zu erleben. Wir schafften, was ich mir vorgenommen hatte und schlie\u00dflich klingelte es auch schon zur kleinen Pause.<br \/>\nFrau C. und ich tauschten die Gruppen. Und ich wurde \u00fcberrascht. Hatte ich es eben noch mit lieben, handzahmen Sch\u00fcler*innen der zweiten Klasse zu tun, entpuppte sich die andere H\u00e4lfte der Klasse als kleine Monster. Sie rannten durch die Klasse, riefen wild durcheinander und dann kam auch noch eine der Sch\u00fclerinnen weinend auf mich zu, ihre Mitsch\u00fclerin h\u00e4tte sie auf der Treppe einfach \u00fcberholt. Etwas fassungs- und ratlos, ob ich auf ein \u00dcberholman\u00f6ver auf der Treppe wirklich eingehen muss, beschloss ich, nachzufragen, warum das denn ein Problem gewesen sei. Sie wusste es gl\u00fccklicherweise selbst nicht und ich beschloss, dass Problem zwar zu notieren und sp\u00e4ter meine Mentorin danach zu fragen, aber zun\u00e4chst nicht weiter darauf einzugehen. Nun kam der Rest der Klasse dran. Nachdem auf ein freundlich in die Runde gerufenes: \u201eWir fangen ahaaan, setzt ihr euch bitte alle hin!\u201c, niemand so recht reagierte, beschloss ich, nun etwas strenger zu werden. Andernfalls, so meine Bef\u00fcrchtung, w\u00fcrde die Stunde im Chaos enden und der Respekt vor mir w\u00e4re f\u00fcr den Rest des Praktikums dahin. Ich nahm beide Finger in den Mund und pfiff einmal laut und energisch. Und zack, es war schlagartig mucksm\u00e4uschenstill. Schnell wiederholte ich meine Aufforderung und Gott sei Dank, die Kinder folgten meiner Anweisung. Ich beschloss spontan, ein paar Regeln aufzustellen, wie ich mir die Stunde vorstellte und schob vorsichtshalber noch die Drohung hinterher, dass wir statt im Lies-mal im Schreibschriftheft arbeiten w\u00fcrden, sollte wieder Chaos ausbrechen. Es klappte. Wir hatten eine halbwegs geordnete Stunde und schafften es, sowohl die Hausaufgaben zu kontrollieren als auch im Lies-mal weiterzuarbeiten.<\/p>\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es vor allem \u00fcberraschend zu sehen, wie unterschiedlich zwei Gruppen aus ein und derselben Klasse sein k\u00f6nnen. Hatte ich mir auch in der zweiten Gruppe erst einmal Geh\u00f6r verschafft und mein Anliegen, ein Arbeitsb\u00fcndnis f\u00fcr die n\u00e4chste Schulstunde schaffen zu wollen vorgetragen, so funktionierte auch hier die weitere Stunde ganz wunderbar.<br \/>\nEs schien also sinnvoll, die Klasse zum Zuh\u00f6ren zu bringen. Ich h\u00e4tte mich nach der Stunde jedenfalls nicht wohl gef\u00fchlt, w\u00e4re ich nicht Herr \u00fcber das Chaos geworden. Aus dieser Perspektive war meine Methode von Erfolg gekr\u00f6nt.<\/p>\n<p><strong>Meine Folgerungen und Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn ich mit meiner Methode letztendlich Erfolg hatte, stellte sich mir die Frage: Wie verschaffe ich mir zuk\u00fcnftig Geh\u00f6r? Schaffe ich es auf die sanfte Art und Weise? Oder verliere ich dann den Respekt der Sch\u00fcler*innen? Und was hei\u00dft Respekt \u00fcberhaupt? Wie weit darf und muss man gehen, um in einer chaotischen Gruppenkonstellation geh\u00f6rt zu werden? Hat Respekt auch etwas mit Angst zu tun? Ich m\u00f6chte doch aber keine \u00e4ngstlichen Sch\u00fcler*innen! Einmal Geh\u00f6r verschafft, immer Geh\u00f6r verschafft? Also werden die Kinder, sollte ich wieder zu ihnen kommen, gleich ein gewisses Benehmen an den Tag legen? Oder f\u00e4ngt man jedes Mal von vorne an? Was h\u00e4tte eine au\u00dfenstehende Person zu meinem \u201eVerhalten\u201c gesagt?<br \/>\nIch habe sp\u00e4ter mit meiner Mentorin dar\u00fcber gesprochen und sie hat nur gelacht: \u201eDie Kinder m\u00fcssten halt noch erzogen werden und lieber einmal klare Regeln aufgestellt, als f\u00fcr immer ungeh\u00f6rt zu bleiben.\u201c Ich hoffe, sie hat recht\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Elena K. Eines Morgens w\u00e4hrend meines Schulpraktikums (in einer Grundschule) erhielt ich von meiner Mentorin, Frau R., die Nachricht, dass sie krank sei und nicht zur Arbeit kommen werde. 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