{"id":227,"date":"2019-08-12T14:21:39","date_gmt":"2019-08-12T12:21:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/?p=226"},"modified":"2021-05-31T06:41:33","modified_gmt":"2021-05-31T04:41:33","slug":"wie-wichtig-es-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wie-wichtig-es-ist\/","title":{"rendered":"&#8222;Wie wichtig es ist, jedes Kind als einzelnes Individuum zu betrachten.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Beitrag von Anna M.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es handelt sich um den Unterricht einer 3.\/4. Klasse der Klinikschule eines Krankenhauses. Kinder, die sich zur Zeit in psychiatrischer Behandlung befinden, besuchen die Klinikschule vormittags. Sieben Kinder befinden sich insgesamt in der Klasse, jedoch nimmt nicht jedes Kind der Klasse an jeder Unterrichtsstunde teil. Maximal f\u00fcnf Kinder kann eine Lehrkraft \u00fcbernehmen.<br \/>\nEin sehr ruhiger und zur\u00fcckhaltender Sch\u00fcler im Alter von 12 Jahren mit diagnostizierten Depressionen besucht seit 2 Wochen die Klinikschule. Die Klassenlehrer der einzelnen Klassen sind dazu verpflichtet, Kontakt zu den Lehrkr\u00e4ften und Klassenlehrer_innen der Heimatschule aufzunehmen. \u00dcber ein telefonisches Gespr\u00e4ch soll herausgefunden werden, \u00fcber welchen Leistungsstand das Kind verf\u00fcgt und an welche Lerninhalte angekn\u00fcpft werden kann.\u00a0 Die Lehrkraft des genannten Sch\u00fclers sagt beim telefonischen Gespr\u00e4ch aus, dass der Sch\u00fcler das schriftliche Multiplizieren nicht beherrsche. Er w\u00fcrde es nicht verstehen und kein Talent daf\u00fcr besitzen. <!--more--><\/p>\n<p>So wurde die schriftliche Multiplikation der Punkt, an dem wir versuchten anzukn\u00fcpfen. Ich setzte mich mit dem Sch\u00fcler in einer Schulstunde zusammen. Die Klassenlehrerin sprach mit den restlichen zwei Sch\u00fcler_innen \u00fcber ein anderes Thema, w\u00e4hrend wir uns mit der schriftlichen Multiplikation auseinandersetzten. Da die Klassenlehrerin die Tafel nicht ben\u00f6tigte, schlug ich vor, an der Tafel zu arbeiten. Daraufhin verschlug der Sch\u00fcler die Arme und weigerte sich. Ich bot ihm die M\u00f6glichkeit an, in seinem Heft zu arbeiten, aber auch das verweigerte er. Ich f\u00fchrte einige Minuten lang ein Gespr\u00e4ch mit ihm dar\u00fcber, warum er nicht an der Tafel und nicht im Heft arbeiten wolle und es stellte sich heraus, dass es ihm auf der Tafel zu gro\u00df und wuchtig war und ihn genauso auch das Schreiben in den zu kleinen K\u00e4stchen st\u00f6rte.<br \/>\nAlso \u00fcberlegte ich mir eine Alternative, die weder gro\u00dfformatig war, noch kleine K\u00e4stchen besa\u00df. Schlie\u00dflich pr\u00e4sentierte ich ihm das Whiteboard f\u00fcr den Tisch, von dem er begeistert war. Das Whiteboard weckte sofort sein Interesse und wir konnten anfangen. Die gesamte Zeit war der Sch\u00fcler aufmerksam und motiviert bei der Sache und so begriff er schon nach zwei einfachen Beispielen das Prinzip der schriftlichen Multiplikation. Er durfte zuerst Beispielaufgaben selbst w\u00e4hlen, \u00fcber die wir dann gemeinsam sprachen und schlie\u00dflich konnte er von mir gew\u00e4hlte Aufgaben auch selbstst\u00e4ndig l\u00f6sen.<br \/>\nNachdem er einige Aufgaben mit sichtlichem Spa\u00df gel\u00f6st hatte, schlug ich vor, auf kariertes Papier umzusteigen. Ich erkl\u00e4rte ihm daf\u00fcr, dass wir genau wie beim Whiteboard gemeinsam anfangen werden. Ich erfuhr, dass der Sch\u00fcler nicht gerne in K\u00e4stchen schrieb, weil ihm noch nie erkl\u00e4rt wurde, wie die Zahlen in einem K\u00e4stchen stehen m\u00fcssen. Mit dem gleichen Prinzip gingen wir einige Aufgaben gemeinsam durch, mit dem einzigen Unterschied, dass der Fokus nicht auf dem L\u00f6sen der Aufgaben lag &#8211; das konnte er ja bereits &#8211; sondern darauf, wie man die Aufgaben und ihren L\u00f6sungsweg in die K\u00e4stchen schrieb. Auch das verstand der Sch\u00fcler recht schnell und l\u00f6st seitdem auch andere Matheaufgaben selbstst\u00e4ndig in seinem Heft.<\/p>\n<p><strong>Meine Einsichten und Folgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Es handelt sich bei dem Sch\u00fcler um ein Kind, welches sehr sch\u00fcchtern ist und dadurch Probleme hat, sich auszudr\u00fccken. Die Klassenlehrerin der Heimatschule hat seine Verweigerung als ein Nicht-K\u00f6nnen gedeutet, obwohl es lediglich an der medialen Art und Weise lag, weshalb der Sch\u00fcler die Thematik nicht verstehen wollte.<br \/>\nF\u00fcr die Arbeit mit zur\u00fcckhaltenden Kindern ist es wichtig, sie als Individuum zu betrachten und genau zu erkennen, was f\u00fcr die F\u00f6rderung des Kindes am besten ist. Dies erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kind und seinen F\u00e4higkeiten sowie Bed\u00fcrfnissen.<br \/>\nDurch das Gespr\u00e4ch, welches ich mit dem Sch\u00fcler zu Beginn gef\u00fchrt habe, habe ich erkannt, wie wichtig es ist, sich mit jedem Kind einzeln auseinanderzusetzen und jedes als einzelnes Individuum zu betrachten. Mir ist durch diesen Fall klargeworden, dass jedes Verhalten immer wieder andere Ursachen aufweisen kann.<br \/>\nAls zuk\u00fcnftige Lehrkraft m\u00f6chte ich offen mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern umgehen, eine vertraute Beziehung zu ihnen aufbauen und ihnen so verdeutlichen, dass sich die meisten auftretenden Probleme \u00fcber Kommunikation miteinander l\u00f6sen lassen. Mir ist au\u00dferdem klargeworden, dass Probleme oftmals viel einfacher zu l\u00f6sen sind als vorerst angenommen. So hat es bei dem beschriebenen Sch\u00fcler keinesfalls an F\u00e4higkeit gemangelt, sondern lediglich an der Art und Weise der Wissensvermittlung. Es sollten nie die gleichen Erwartungen an alle Sch\u00fcler_innen gestellt werden, da dadurch leicht Missverst\u00e4ndnisse und Barrieren entstehen, die f\u00fcr die Sch\u00fcler_innen allein nur sehr schwer zu bew\u00e4ltigen sind. Es ist somit wichtig, als Lehrkraft individuell angepasste Erwartungen zu stellen, immer wieder offen f\u00fcr Neues zu sein und sich ehrlich f\u00fcr die Sch\u00fcler_innen zu interessieren sowie sich intensiv mit ihren Bed\u00fcrfnissen auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Wird der Sch\u00fcler weiterhin mit kariertem Papier arbeiten wollen?<\/li>\n<li>Wirkt sich die individuelle Arbeit auf seine Motivierung aus und tr\u00e4gt zu seiner Heilung bei?<\/li>\n<li>Wird der Sch\u00fcler zuk\u00fcnftig in der Lage, Bescheid zu sagen, wenn ihm etwas nicht passt?<\/li>\n<li>Wie wird sich der Aufenthalt in der Klinikschule auf sein Leben und sein Verhalten in der Heimatschule auswirken?<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Anna M. Es handelt sich um den Unterricht einer 3.\/4. Klasse der Klinikschule eines Krankenhauses. Kinder, die sich zur Zeit in psychiatrischer Behandlung befinden, besuchen die Klinikschule vormittags. Sieben Kinder befinden sich insgesamt in der Klasse, jedoch nimmt nicht jedes Kind der Klasse an jeder Unterrichtsstunde teil. Maximal f\u00fcnf Kinder kann eine &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wie-wichtig-es-ist\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e&#8222;Wie wichtig es ist, jedes Kind als einzelnes Individuum zu betrachten.&#8220;\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3509,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[283863],"tags":[325252,322370,210530],"class_list":["post-227","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ressourcenstaerkung","tag-arbeitsbuendnis","tag-individualisierung","tag-motivierung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3509"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=227"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":604,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/227\/revisions\/604"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}