{"id":286,"date":"2019-08-16T14:14:26","date_gmt":"2019-08-16T12:14:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/?p=286"},"modified":"2021-06-22T13:26:29","modified_gmt":"2021-06-22T11:26:29","slug":"als-die-lehrerin-das-thema-an-die-tafel-schreibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/als-die-lehrerin-das-thema-an-die-tafel-schreibt\/","title":{"rendered":"&#8222;Als die Lehrerin das Thema an die Tafel schreibt, lachen bereits die ersten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Beitrag von Johanna S.<\/strong><\/p>\n<p>Wir befinden uns in einer 10. Klasse, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler (SuS) dieser Klasse werden als Sprachlerner bezeichnet und k\u00f6nnen alle mindestens in den Grundz\u00fcgen deutsch sprechen. Das Thema der heutigen Biologiestunde ist Fortpflanzung und Entwicklung. Als die Lehrerin das Thema an die Tafel schreibt, lachen bereits die ersten SuS.<br \/>\n<!--more-->Das Thema Fortpflanzung sorgt wohl allgemein f\u00fcr peinliche Ber\u00fchrtheit. Die Lehrerin beginnt langsam und deutlich, sie bittet die SuS, die m\u00e4nnlichen und weiblichen Geschlechtsorgane bei Menschen aufzuz\u00e4hlen. Nach anf\u00e4nglichem Kichern und Schweigen trauen sich doch nach und nach einige SuS, einen Beitrag zu machen. Ein Sch\u00fcler tr\u00e4gt die m\u00e4nnlichen Eier bei. Die Lehrerin fragt mehrmals nach, ob sich die SuS sicher sind, dass M\u00e4nner Eier bes\u00e4\u00dfen. Die Jungs der Klasse nicken bestimmt oder johlen zustimmend. Dass der Ort der Produktion m\u00e4nnlicher Keimzellen tats\u00e4chlich als Hoden bezeichnet wird und eigentlich die Frauen die eitragenden sind, ist den meisten vermutlich in ihrer Muttersprache klar, aber sie kennen solche W\u00f6rter im Deutschen nicht.<br \/>\nSp\u00e4ter in der Stunde kommt die Frage auf, welche Funktion eigentlich die Vagina einer Frau hat. Eine Sch\u00fclerin tr\u00e4gt als Antwort bei, dass die Vagina zur Geburt ben\u00f6tigt werde. Daraufhin ruft ein Mitsch\u00fcler rein: \u201eUnsinn, daf\u00fcr braucht man die nicht, man kann doch einfach einen Kaiserschnitt machen.\u201c<br \/>\nAm Ende der Stunde fragt die Lehrerin das Gelernte ab und betont, dass der Stoff dieser Stunde nur der Wiederholung diene und Grundlage f\u00fcr das Kommende sei. Eigentlich m\u00fcsste jeder der SuS diese Inhalte schon in vorherigen Klassenstufen gehabt haben. Sie fragt die Klasse der Reihe nach ab, von einigem Gel\u00e4chter begleitet kommen die Antworten. In der ersten Reihe sitzen drei muslimische M\u00e4dchen nebeneinander. Schon w\u00e4hrend der vergangenen Stunde haben sie sich nicht einmal im Unterricht gemeldet und auch jetzt bei der direkten Befragung geben sie entweder keine Antwort oder sagen, dass sie die Antwort nicht kennen.<\/p>\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb dieser Doppelstunde Biologie sind mir mehrere Dinge aufgefallen, mit denen ich in meiner eigenen Schullaufbahn nicht wirklich konfrontiert war. W\u00e4hrend des Aufkl\u00e4rungsunterrichtes in der Schule wird allgemein viel gelacht und versucht, herunterzuspielen, wie peinlich einem das Thema ist. Im Laufe einer Stunde l\u00f6sten sich die anf\u00e4nglichen Beklemmungen, \u00fcber dieses Thema zu sprechen tendenziell jedoch auf, da man merkte, dass die Mitsch\u00fcler auch dar\u00fcber sprechen k\u00f6nnen. Letztendlich ist es ein wichtiges Thema, dass uns alle betrifft und welches man nicht herunterspielen sollte, da Unwissenheit in diesem Fall niemals sch\u00fctzt.<br \/>\nDas erste und auch grunds\u00e4tzlich aufgetretene Problem ist die Sprachbarriere. Der Unterricht kann nicht mit einer normalen Geschwindigkeit ablaufen. Der Lehrer muss darauf achten, laut, deutlich und in einem angemessenen Tempo zu sprechen. Es gibt viele Nachfragen wegen der Schreibweise und etwas weniger umgangssprachliche W\u00f6rter sind nicht bekannt und m\u00fcssen in ihrer Bedeutung gekl\u00e4rt werden. Hierdurch ist mir nochmals bewusst geworden, wie wichtig die grundlegende Ausbildung in der Unterrichtssprache ist, wie sorgf\u00e4ltig man als Lehrkraft auf seine Sprache achten muss, weil man gegen\u00fcber Sprachlernern die Verantwortung tr\u00e4gt, ein sprachliches Vorbild darzustellen. Sch\u00f6n zu sehen war, dass sich untereinander sehr viel geholfen wurde, wenn es um das Finden von W\u00f6rtern und um Verst\u00e4ndnisfragen ging, allgemein wurden Sprachfehler mit sehr viel Humor genommen.<br \/>\nEine weitere Erkenntnis war ein teilweise vollst\u00e4ndiges Fehlen an Aufkl\u00e4rung. Die M\u00e4dchen der Klasse waren alle mindestens 15 Jahre alt oder \u00e4lter und konnten trotzdem Fragen wie \u201eWas passiert w\u00e4hrend der Menstruationsblutung?\u201c, \u201eWo nistet sich eine befruchtete Eizelle im K\u00f6rper einer Frau ein?\u201c oder \u201eWie kann man eine Schwangerschaft verhindern?\u201c nicht beantworten. Auch die Lehrerin war \u00fcberrascht, wie wenig in der Klasse \u00fcber den weiblichen K\u00f6rper gewusst wurde und wie besonders die M\u00e4dchen mit dieser Unwissenheit umgingen.<br \/>\nDas hat mir nochmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, offen \u00fcber solche Themen zu sprechen, der Unterricht ist eine gute M\u00f6glichkeit, um jegliche Themen sachlich zu er\u00f6rtern, junge Menschen \u00fcber ihren K\u00f6rper aufzukl\u00e4ren, ihre Verantwortung gegen\u00fcber ihrem K\u00f6rper oder dem ihres Partners zu st\u00e4rken und die Themen Sexualit\u00e4t und Fortpflanzung aus ihrer Tabuisierung zu holen, da nur ein aufgekl\u00e4rter Umgang mit diesen Themen ungewollten Schwangerschaften und Infektionen vorbeugen kann.<br \/>\nScham spielte wohl auch eine gro\u00dfe Rolle in dieser Stunde. Die drei muslimischen M\u00e4dchen schwiegen und schauten zu Boden, weil ihnen das Thema unangenehm war. Ihr \u201eIch wei\u00df es nicht\u201c klang eher, als w\u00fcrden sie die Worte nicht in den Mund nehmen wollen. Dieser Eindruck hat sich noch verst\u00e4rkt durch Zurufe einiger Jungs aus der Klasse, dass \u201eSie nur so tun w\u00fcrden, als w\u00fcssten sie die Antwort nicht.\u201c<br \/>\nHier sieht man, wie unterschiedlich das Thema in unterschiedlichen Kulturen behandelt wird. Manche sind sehr offen mit Sexualit\u00e4t und andere wiederrum m\u00f6gen W\u00f6rter dieser Art nicht einmal in den Mund nehmen. Ich denke, dass die Schule ein guter Ort ist, um \u00fcber solche Themen zu sprechen, so kommen SuS um ein gesundes Ma\u00df an Aufkl\u00e4rung nicht herum, auch wenn sie sich vielleicht im Unterricht nicht beteiligen m\u00f6gen, so bekommen sie die Informationen trotzdem und das halte ich f\u00fcr eine gute Sache.<br \/>\nDas Handeln der Lehrerin war meiner Meinung nach der Situation sehr angemessen. Sie ist auf alle Fragen der SuS sachlich und ernsthaft eingegangen und hat den Ernst des Themas trotz des Gel\u00e4chters in der Klasse nie aus den Augen verloren. Der abwehrenden Haltung der drei muslimischen M\u00e4dchen gegen\u00fcber, hat sich die Lehrerin klar positioniert und betont, wie wenig sinnvoll es ist, sich diesem Thema zu verschlie\u00dfen. Sie hat versucht zu verdeutlichen, dass es nur gut ist, wenn man sich mit seinem K\u00f6rper auskennt, da einen sonst manche Ereignisse ganz sch\u00f6n unerwartet treffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Meine Folgerungen und Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n<p>Aus dieser Unterrichtsstunde nehme ich f\u00fcr mich mit, wie wichtig ein sachlicher, offener Umgang mit dem Thema Sexualit\u00e4t ist. Man darf Sch\u00fclerInnen gar nicht erst zu dem Schluss kommen lassen, dass dies ein Thema ist, \u00fcber das man sich lieber in Schweigen h\u00fcllt oder \u00fcber das man lacht, um das Unwohlsein zu \u00fcberspielen. Dazu ist eine besonders fr\u00fche \u201eGew\u00f6hnung\u201c an dieses Thema wichtig. Auch das zu benutzende Vokabular sollte vorhanden sein, besonders bei Sprachlernern war ein starker \u201eStra\u00dfenjargon\u201c auff\u00e4llig. Dem m\u00fcsste man entgegenwirken, um dem Thema eine gewisse Ernsthaftigkeit zu geben.<br \/>\nIn den kulturellen Unterschieden bei der Aufkl\u00e4rung sehe ich die am schwersten zu \u00fcberwindende H\u00fcrde. Wenn es schon vorgekommen ist, dass ein Vater in die Schule kommt, um der Lehrerin zu erkl\u00e4ren, dass er nicht m\u00f6chte, dass seine Tochter am Aufkl\u00e4rungsunterricht teilnimmt, weil diese Aufgabe dem zuk\u00fcnftigen Ehemann in der Hochzeitsnacht zugedacht ist, so sieht diese H\u00fcrde doch relativ hoch aus. Wenn es schon im Elternhaus anf\u00e4ngt, dass dieses Thema nicht angesprochen wird, wie sollen sich dann die Kinder, wenn sie das Thema in der Schule h\u00f6ren, frei f\u00fchlen, interessiert am Unterricht teilzunehmen, wenn sie damit wider ihre Erziehung handeln?<br \/>\nAls zuk\u00fcnftige Lehrkraft lohnt es sich vermutlich, sich jetzt schon einmal Gedanken zu machen, wie man in so einer Situation reagieren w\u00fcrde und welche Argumente vielleicht zu einem Umdenken f\u00fchren k\u00f6nnten.<br \/>\nEine Erkenntnis, die ich in einer sp\u00e4teren Biologiestunde hatte, war, dass ich in meinem jungen Alter durchaus ein bisschen mit den muslimischen M\u00e4dchen \u00fcber diese Themen h\u00e4tte sprechen k\u00f6nnen, als keine Jungen dabei war. Vielleicht ist es der gro\u00dfe Altersunterschied zwischen ihnen und der Lehrerin in Kombination mit der Anwesenheit der Jungen in der Klasse, der daf\u00fcr sorgte, dass sie lieber nichts beitragen wollten. Vielleicht w\u00e4re es eine M\u00f6glichkeit, betroffene Klassen in den entsprechenden Stunden aufzuteilen, sodass die M\u00e4dchen einen Raum h\u00e4tten, in denen sie etwas ungehemmter am Unterricht teilhaben k\u00f6nnen. Dauerhaft kann ich eine Geschlechtertrennung bei einem solchen Thema aber auch nicht guthei\u00dfen, da auch der Umgang zwischen den Geschlechtern geschult werden muss.<br \/>\nAlles in allem auf jeden Fall kein leicht zu l\u00f6sendes Problem, \u00fcber das man sich gut im Voraus schon einige Gedanken machen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Johanna S. Wir befinden uns in einer 10. Klasse, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler (SuS) dieser Klasse werden als Sprachlerner bezeichnet und k\u00f6nnen alle mindestens in den Grundz\u00fcgen deutsch sprechen. Das Thema der heutigen Biologiestunde ist Fortpflanzung und Entwicklung. 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