„Durch den Vergleich der verschiedenen Lösungsansätze wurden den Schülern verschiedene Denkweisen klargemacht …“

Ein Beitrag von Thore Hinrichsen

Dieser Mikroartikel bezieht sich auf eine Mathestunde am zweiten Tag meines Praktikums. Es handelte sich um eine neunte Klasse, das Thema der Stunde war Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Schüler hatten in der vorherigen Stunde ein Aufgabenblatt bekommen, das sie auch schon angefangen hatten. Am Anfang der Stunde sollten die Schüler mit Moderation der Lehrerin Frau D. eine neue, leichtere Aufgabe zusammen in der Klasse lösen. Daraufhin sollte ein einzelner Schüler, der sich freiwillig gemeldet hatte, seine Ergebnisse zu einer der bereits gelösten Aufgaben präsentieren.
Frau D. begibt sich währenddessen nach hinten und lässt den Schüler in den Vordergrund. Man merkt, dass er zwar etwas nervös ist, aber dennoch Spaß daran hat, vorne zu stehen und die Diskussion in der Klasse zu leiten. Die erste Teilaufgabe löst er richtig. Eine Verständnisfrage einer seiner Mitschülerinnen kann er nachvollziehbar beantworten. Bei der zweiten Teilaufgabe ist ihm anzusehen, dass er sich etwas unsicher ist. Er präsentiert die Lösung dennoch selbstbewusst und sogar mit ein bisschen Humor. Während er noch im ersten Teil seiner Erklärung ist, fällt mir auf, dass er die Aufgabe anders verstanden hat und deswegen zu einer falschen Lösung gekommen ist. Frau D. greift jedoch nicht ein.
Nach der Präsentation kommt es zu einer Diskussion zwischen den Schülern, da einige auf eine andere Lösung gekommen sind. Erst dann begibt sich Frau D. langsam wieder nach vorne und löst den vornestehenden Schüler ab. Sie greift die Punkte der Schüler auf und versucht den Schülern klarzumachen, wo der Unterschied zwischen den Lösungswegen liegt. In der ganzen Klasse wird die Aufgabe dann richtig gelöst.

Meine Einsichten

Nach meiner Einschätzung hat sich Frau D. bewusst dazu entschieden, den Schüler nicht zu unterbrechen. Damit hat sie ihm zunächst die Chance gegeben, seinen Fehler zu bemerken, aber auch seinen Mitschülern. Die Dynamik in der Klasse hat super ohne die Moderation von Frau D. funktioniert. Die Schüler haben sich gegenseitig kritisch hinterfragt und sind in einem freundlichen Ton geblieben. Aufmerksame Schüler wurden belohnt, es war kein reines Abschreiben von Ergebnissen. Durch den Vergleich der verschiedenen Lösungsansätze wurden den Schülern verschiedene Denkweisen klargemacht und gezeigt, wo es bei Textaufgaben zu Schwierigkeiten kommen kann.

Meine Folgerungen

Diese Unterrichtssequenz hat mir vor allem gezeigt, wie wichtig auch in Mathematik der Dialog zwischen den Schülern ist. Unterricht sollte nicht nur zwischen Lehrern und Schülern, sondern auch zwischen Schülern und Schülern stattfinden. Das macht den Schülern zum einen mehr Spaß und steigert somit ihre Motivation, zum anderen ist auch der Lernerfolg größer. Die Schüler können sich gegenseitig Erklärungen in anderen Worten als die des Lehrers geben, sowie aus den Fehlern ihrer Mitschüler lernen. Wichtig ist dabei vermutlich, das Klassenmanagement im Auge zu behalten. In der geschilderten Situation konnte sich Frau D. nach hinten setzen und alles hat ohne Probleme funktioniert. Ich denke aber, das wird nicht immer der Fall sein. Ich denke, als Lehrkraft sollte man mit seinen Schülern Situationen wie diese üben, da sie meiner Meinung nach sehr gehaltvoll sein können.

Meine Anschlussfragen

  • Was tut man als Lehrer, wenn die Klasse sich nicht auf solche Diskussionsrunden einlässt?
  • Besteht eventuell die Gefahr, dass ein Schüler, der ein falsches Ergebnis vorträgt, eher Verwirrung stiftet als zu helfen?
  • Wann lohnt es sich, die Schüler es sich selbst erarbeiten zu lassen und wann sollte man ihnen klar sagen, wie es geht?

3 Gedanken zu „„Durch den Vergleich der verschiedenen Lösungsansätze wurden den Schülern verschiedene Denkweisen klargemacht …““

  1. Den Beitrag von Thore Hinrichsen finde ich sehr interessant und aufschlussreich. Die Schlüsse, die er aus dem Verhalten der Lehrerin zieht, sind gut fundiert und ich stimme größtenteils mit seinen Aussagen überein.
    Allerdings bezweifle ich, dass Frau. D die Hoffnung hatte, dass der Schüler seinen Fehler selbst korrigiert.
    Sich selber zu korrigieren, falls er die Aufgabe anders verstanden hat und so zu einem seiner Meinung nach richtigen Ergebnis gekommen ist, scheint mir zu viel von dem Schüler verlangt zu sein. Frau. D war sich vielmehr bewusst, dass der Fehler, welcher dem Schüler unterlaufen ist, im Verständnis der Aufgabenstellung lag und eine allgemeine Fehlerquelle dieser Aufgabe ist. Frau. D ging also davon aus, dass wahrscheinlich ein Teil der Klasse zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen ist wie der Schüler, der hier sein Ergebnis vorträgt. Diese Vermutung wird sofort von der regen Klassen-Diskussion bestätigt. Nun kann die Lehrerin genau diesen falschen Ansatz aufgreifen und erklären und hat durch das spannende Unterrichtsgespräch die volle Aufmerksamkeit der Klasse auf das Lösen des Problems gerichtet.

  2. Hallo,
    ich finde es schön zu lesen, dass es anscheinend noch Lehrkräfte gibt, die nicht jeden SoS bei einer falschen Lösung vor der Klasse vorführen, sondern konstruktiv probieren in der Gruppe die richtige Lösung zu finden. In meiner gesamten Schullaufbahn gab es kaum Lehrkräfte, die diese Vorgehensweise genutzt haben, da war es leider üblich den SoS vor der gesamten Klasse zu blamieren.

    Viele Grüße
    Hanna

  3. Hallo Thore,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich finde, Frau D. hat sehr richtig gehandelt. Denn letztendlich ist es das Streiten und Ringen um die Wahrheit, das unsere Schüler:innen lernen müssen, nicht das bloße Empfangen einer letztendlich bloß scheinbaren Wahrheit oder einer Wahrscheinlichkeit. Das wird in den wankelmütigen Zeiten, in denen wir leben, sehr deutlich, oder? Warum sollte dieses Ringen um die Wahrheit nicht auch in einem Fach wie der Mathematik stattfinden können? Und ist vielleicht dieses Bemühen um die Wahrheit nicht selbst schon eine Wahrheit oder Lösung, die wir zu lernen haben?

    Viele Grüße
    Nikolaj

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