{"id":1030,"date":"2023-03-16T12:23:07","date_gmt":"2023-03-16T11:23:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/?p=1030"},"modified":"2023-03-16T12:31:30","modified_gmt":"2023-03-16T11:31:30","slug":"ja-das-stimmt-auch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/ja-das-stimmt-auch\/","title":{"rendered":"&#8222;Ja, das stimmt auch.&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Eric S.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die beschriebene Situation ereignete sich im projektorientierten Unterricht einer jahrgangsgemischten Klasse bestehend aus Sch\u00fcler*innen der siebten bis zehnten Klassenstufe. &nbsp;Anwesend waren zwei Lehrkr\u00e4fte, die an diesem Tag mit den Sch\u00fcler*innen anfingen, eigenst\u00e4ndig Turnbeutel aus alten T-Shirts zu n\u00e4hen. Die Klasse ist aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe und Heterogenit\u00e4t unruhig und es sind viele Eingriffe seitens der Lehrkr\u00e4fte n\u00f6tig, damit der Unterricht wie geplant stattfinden kann. Beide Lehrkr\u00e4fte wirkten in dieser dritten Woche nach den Ferien bereits sichtlich \u00fcberm\u00fcdet. Gleich zu Beginn der Stunde wurden mehrere, besonders unruhige Sch\u00fcler*innen aus dem Raum verwiesen und die Lehrkr\u00e4fte wirkten zunehmend genervt.  <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der Klasse gab es zudem eine besonders unruhige Gruppe in der hintersten Reihe. Mir fiel gleich bei meiner ersten Unterrichtbeobachtung auf, dass ein Sch\u00fcler dieser Gruppe die anderen besonders intensiv anstachelte. Wenn er nicht da war, war in der Regel die gesamte Gruppe deutlich ruhiger und arbeitsbereiter. Der besagte Sch\u00fcler wurde zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Mal des Raumes verwiesen worden. In den freien praktischen Arbeitsphasen lief er im Raum umher und sprach scheinbar wahllos andere Sch\u00fcler*innen an, die sich durch sein Verhalten bedr\u00e4ngt f\u00fchlten und somit die Lehrkr\u00e4fte und mich wiederholt um Hilfe baten. In einer Phase des Frontalunterrichtes beschwerte sich der Sch\u00fcler lautstark \u00fcber den Unterrichtinhalt und wurde daraufhin von einer Lehrkraft ermahnt. Er rief anschlie\u00dfend witzelnd in die Klasse, dass die Lehrkr\u00e4fte ihn \u00fcberhaupt nicht leiden k\u00f6nnen. Die Lehrperson nickte daraufhin und sagte: \u201eJa, das stimmt auch.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Ich beobachtete dabei, dass der Sch\u00fcler f\u00fcr wenige Minuten ungew\u00f6hnlich still wurde. In der anschlie\u00dfenden Arbeitsphase steigerte sich sein St\u00f6rverhalten. Hatte er sich vorher zumindest teilweise an der praktischen Arbeit beteiligt, so lief er jetzt nur noch im Raum herum und verhielt sich merklich aggressiver als vorher. Das ging so weit, dass er Sch\u00fcler*innen fast drohte und ihnen Arbeitsmaterialien, die er haben wollte, aus den H\u00e4nden riss. Die Lehrkr\u00e4fte verwiesen ihn daraufhin f\u00fcr den Rest des Unterrichts aus dem Raum.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann den Frust der Lehrkr\u00e4fte in der gegebenen Situation durchaus nachvollziehen. Zus\u00e4tzlich zu den wiederholten St\u00f6rungen des Sch\u00fclers in dieser Stunde und ganz allgemein waren die Lehrkr\u00e4fte schon nach drei Wochen ihres Arbeitspensums sichtlich ersch\u00f6pft. F\u00fcr mich handelte es sich bei diesem Sch\u00fcler um einen der wenigen, vielleicht sogar um den einzigen der Sch\u00fcler*innen, zu dem es mir extrem schwerfiel, eine Beziehung aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch entspricht das Verhalten der Lehrkraft in dieser Situation absolut nicht dem, was mir in meinem bisherigen Studium vermittelt wurde und was ich an dieser Stelle intuitiv erwartet h\u00e4tte. Dass das Verhalten des Sch\u00fclers nach dem Kommentar der Lehrkraft extremer wurde, ist f\u00fcr mich ein deutliches Zeichen, dass er nach Anerkennung und Aufmerksamkeit gesucht hat. Wie bei allen st\u00f6renden Sch\u00fcler*innen, die ich in der Zeit des Praktikums erlebt habe, hatte ich nicht den Eindruck, er handelte aus purer B\u00f6swilligkeit. Oft scheinen gerade Sch\u00fcler*innen aus schwierigen famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen unbewusst nach einem schnellen Weg zu suchen, m\u00f6glichst viel Aufmerksamkeit von Autorit\u00e4tspersonen zu erhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich glaube ich, dieser Sch\u00fcler hatte Angst davor, dass die Lehrkr\u00e4fte ihn wirklich nicht m\u00f6gen. Dadurch, dass die Lehrkraft seine Bef\u00fcrchtung best\u00e4tigte, verlor er jegliche Hemmungen. Wenn die Lehrpersonen ihn sowieso hassen, gibt es wohl keinen Grund mehr, sein Verhalten in irgendeiner Form zu regulieren. Vermutlich hatte er in dieser Situation auch das Bed\u00fcrfnis, dem entstanden Frust nach der Aussage des Lehrers Luft zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der T\u00e4tigkeit als Lehrkraft wird man auch auf Sch\u00fcler*innen sto\u00dfen, mit denen man sich auf pers\u00f6nliche Ebene nicht gut versteht. Wie im allgemeinen sozialen Leben kann man nicht immer alle m\u00f6gen. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass man als Lehrkraft eine Verantwortung gegen\u00fcber den Sch\u00fcler*innen hat. Man muss andere Wege finden, Raum f\u00fcr Frustration zuzulassen, als diesen Frust an Sch\u00fcler*innen in unpassender Weise abzubauen. Mit zwei Lehrkr\u00e4ften im Raum ist es durchaus auch m\u00f6glich, f\u00fcr zwei Minuten aus dem Raum zu gehen und sich zu beruhigen ohne etwas Un\u00fcberlegtes zu sagen. Denn solche Aussagen pr\u00e4gen die Sch\u00fcler*innen und k\u00f6nnen nicht mehr zur\u00fcckgenommen werden. Selbst wenn diesem Sch\u00fcler in Zukunft die richtige Unterst\u00fctzung angeboten wird, wird es ihm wohl schwerfallen, diese Hilfe anzunehmen. M\u00f6glicherweise hat er jetzt den Eindruck, dass die f\u00fcr ihn verantwortlichen Personen g\u00e4nzlich desinteressiert an ihm sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wie gehe ich mit Sch\u00fcler*innen um, mit denen ich mich auf pers\u00f6nlicher Eben nicht verstehe, die aber meine Hilfe ben\u00f6tigen?<\/li><li>Welche M\u00f6glichkeiten habe ich im Schulalltag mich zur\u00fcckzunehmen, wenn ich merke, dass ich im Moment nicht rational handeln kann?<\/li><li>Welche m\u00f6glichen Ansprechpartner*innen habe ich, wenn ich mit dem Verhalten von Sch\u00fcler*innen \u00fcberfordert bin?<\/li><li>Wie schaffe ich es, meine professionellen Aufgaben von den Dingen zu trennen, die ich gerne auf pers\u00f6nlicher Ebene f\u00fcr meine Sch\u00fcler*innen leisten m\u00f6chte?<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Eric S. 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