{"id":1064,"date":"2023-04-13T09:45:08","date_gmt":"2023-04-13T07:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/?p=1064"},"modified":"2023-04-21T14:34:46","modified_gmt":"2023-04-21T12:34:46","slug":"von-weitem-sehe-ich-frau-mueller-kommen-unter-dem-arm-einen-eimer-voller-schlagzeugsticks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/von-weitem-sehe-ich-frau-mueller-kommen-unter-dem-arm-einen-eimer-voller-schlagzeugsticks\/","title":{"rendered":"\u201eVon Weitem sehe ich Frau M\u00fcller kommen, unter dem Arm einen Eimer voller Schlagzeugsticks.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Charlotte M.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Klasse 2c eine sehr unruhige Klasse sein soll, habe ich bereits von mehreren Lehrkr\u00e4ften im Lehrerzimmer geh\u00f6rt. Umso gespannter bin ich, als die Musiklehrerin der Klasse mich einl\u00e4dt, bei ihrem Unterricht dabei zu sein. Der Unterricht findet nach der Mittagspause statt. In den letzten Tagen habe ich beobachtet, wie schwer es sein kann, eine Klasse nach der langen Hofpause wieder zur Ruhe und Konzentration zu bringen. Dies ist ein weiterer Punkt, bei dem ich gespannt bin, wie Frau M\u00fcller (<em>Name ge\u00e4ndert<\/em>) damit umgehen wird. Das Vorklingeln ert\u00f6nt. Ich stehe vor dem noch verschlossenen Klassenzimmer, um mich herum toben 20 Kinder auf dem Gang umher. Von Weitem sehe ich Frau M\u00fcller kommen, unter dem Arm einen Eimer voller Schlagzeugsticks. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sie \u00f6ffnet das Klassenzimmer, die Kinder st\u00fcrmen auf ihre Pl\u00e4tze. Das Stundenklingeln wird von der Klasse gekonnt \u00fcberh\u00f6rt. Kaum ein Kind sitzt ruhig auf seinem Platz, einige verlassen noch einmal das Klassenzimmer, andere stehen bei ihren Freunden an den Tischen, wieder andere suchen ihre Unterrichtsmaterialien. Frau M\u00fcller jedoch steht ganz gelassen und ruhig vor der Klasse. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie nimmt ihren Eimer mit den Schlagzeugsticks und fordert zwei Sch\u00fclerinnen auf, jedem Kind zwei Sticks auf den Platz zu legen. Die beiden M\u00e4dchen verteilen die Sticks und die Klasse beruhigt sich nach und nach. Die interessanten Gegenst\u00e4nde, die Frau M\u00fcller da mitgebracht hat, machen sie neugierig auf den Beginn des Unterrichts. Immer mehr Augenpaare richten sich nach vorne zur Lehrerin und warten auf eine Erkl\u00e4rung und eine Aufgabenstellung. Frau M\u00fcller erkl\u00e4rt, dass sie einen Song mitgebracht hat und die Klasse dazu einen Rhythmus erarbeiten soll. Dazu m\u00fcssen alle Kinder aufstehen und sich hinter ihren Stuhl stellen. Unruhe entsteht, die Kinder stehen auf. St\u00fchle fallen um, die Kinder k\u00f6nnen nicht stillstehen. Frau M\u00fcller sieht dar\u00fcber jedoch einfach hinweg und startet die Musik. Jailhouse Rock ert\u00f6nt durch das Klassenzimmer. Sofort hat sie wieder die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse. Frau M\u00fcller steht da, die Schlagzeugsticks spielbereit in den H\u00e4nden und z\u00e4hlt mit den Fingern die Takte bis zur Strophe ab. Die Kinder machen es ihr gleich, stehen spielbereit hinter ihren St\u00fchlen, wippen im Takt. Es ist soweit, der Refrain beginnt. Frau M\u00fcller macht den Kindern die Percussion-Abfolge vor und St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck steigt die Klasse ein. Mit jeder Wiederholung werden die Bewegungen kontrollierter und stimmiger. Um w\u00e4hrend der zweiten Strophe die Konzentration der Klasse zu halten, macht Frau M\u00fcller eine Bewegungschoreografie vor, die rhythmisch den Song aufgreift und die Klasse besch\u00e4ftigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Wechsel zwischen Percussion spielen und Bewegung ohne Klang, m\u00fcssen alle Sch\u00fcler*innen aufmerksam bleiben. Wer aus dem Takt kommt, steigt selbstst\u00e4ndig wieder ein. Ich sehe den Kindern an, wie viel Spa\u00df sie an dieser Aufgabe haben. Das Zusammenspiel aus dem Ehrgeiz, den Rhythmus mitspielen zu k\u00f6nnen und der anregenden Musik f\u00fchrt dazu, dass die Sch\u00fcler*innen sich konzentrieren wollen und von sich aus bei der Sache sind, ohne st\u00e4ndig ermahnt werden zu m\u00fcssen. Dadurch, dass Frau M\u00fcller sich nicht aus der Ruhe bringen l\u00e4sst durch kleine St\u00f6rungen und abfallende Konzentration in der Klasse, kommt der Unterrichtsfluss nicht ins Stocken und der Fokus liegt durchgehend auf dem Unterrichtsinhalt und nicht auf dem Verhalten der Klasse. Sie schafft es, ihren Unterricht so interessant zu gestalten, dass die Klasse sich von selbst wieder sammelt und mitmacht. Die Sch\u00fcler*innen d\u00fcrfen sich im Unterricht bewegen und aktiv werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frau M\u00fcller ist der Klasse in ihrer Unterrichtsgestaltung also entgegengekommen und hat die Form des Unterrichts an die Bed\u00fcrfnisse der Sch\u00fcler*innen angepasst. Es gelingt ihr somit, guten Unterricht zu machen, bei dem die Sch\u00fcler*innen viel lernen und sie erspart sich selbst den Stress, eine unruhige Klasse beruhigen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Beobachtung von Frau M\u00fcllers Musikstunde habe ich gelernt, dass man Vertrauen in eine Klasse haben muss. Einer als unruhig und laut bekannten Klasse w\u00fcrde ich erstmal keine Schlagzeugsticks in die Hand dr\u00fccken, aber Frau M\u00fcller hat der Klasse damit einen Vertrauensvorschuss gegeben und es hat sich gelohnt. Sie ist auf den Bewegungsdrang der Klasse eingegangen und hat in ihrem Unterricht einen Kompromiss aus Unterrichtsstoff vermitteln und Spiel und Spa\u00df gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Akzeptieren der kleinen Unruhen, die durch die Unterrichtsform entstehen, lenkt sie nicht vom wesentlichen Inhalt der Stunde ab und fokussiert sich ganz auf ihren Unterricht. Sie hat den Anspruch, ihren Stoff zu vermitteln und den Kindern eine sch\u00f6ne Musikstunde zu bieten, nicht 45 Minuten Aufmerksamkeit von einer ruhigen Klasse zu haben. Da sie ihren Anspruch und ihren Unterricht an die Klasse angepasst hat, kann sie diesem gerecht werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Beobachtung dieser Stunde kann ich folgern, dass es wichtig ist, den eigenen Unterricht an die Klasse anzupassen. Nat\u00fcrlich kann man sich nicht immer nur nach den Sch\u00fcler*innen richten, aber man kann ihnen in manchen Punkten doch entgegenkommen, um besseren Unterricht f\u00fcr beide Seiten zu machen. So ist die Stunde nicht nur f\u00fcr die Klasse erfolgreicher, sondern auch die Lehrkraft kann zufrieden mit dem Unterricht sein. Au\u00dferdem konnte ich aus der Situation mitnehmen, dass man an manchen Stellen \u00fcber Unruhen hinwegsehen muss und den Unterrichtsfluss nicht immer f\u00fcr irgendwelche Kleinigkeiten unterbrechen sollte. Wenn man die Klasse mit den Unterrichtsinhalten f\u00fcr sich gewinnt, ist das viel konzentrationsf\u00f6rdernder, als wenn man sie ermahnt. Dann kommt die Motivation n\u00e4mlich aus den Sch\u00fcler*innen selbst und wird nicht von au\u00dfen erzwungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Was w\u00e4re passiert, wenn die Klasse nicht so gut mitgemacht h\u00e4tte?<\/li><li>Schlagzeugsticks k\u00f6nnen einen ziemlichen L\u00e4rm machen, wie h\u00e4tte Frau M\u00fcller die Klasse wieder eingefangen, wenn sie ausgebrochen w\u00e4ren?<\/li><li>Und wie schafft man es komplexere Inhalte, die Ruhe und Konzentration ben\u00f6tigen, an so eine aktive Klasse zu vermitteln?<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Charlotte M. Dass die Klasse 2c eine sehr unruhige Klasse sein soll, habe ich bereits von mehreren Lehrkr\u00e4ften im Lehrerzimmer geh\u00f6rt. Umso gespannter bin ich, als die Musiklehrerin der Klasse mich einl\u00e4dt, bei ihrem Unterricht dabei zu sein. Der Unterricht findet nach der Mittagspause statt. 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