{"id":386,"date":"2020-03-25T09:37:35","date_gmt":"2020-03-25T08:37:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/?p=386"},"modified":"2023-04-21T14:28:54","modified_gmt":"2023-04-21T12:28:54","slug":"ich-kann-das-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/ich-kann-das-nicht\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich kann das nicht!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Beitrag von Franziska E.<\/strong><\/p>\n<p>Die folgende Situation erlebte ich in einer Montessori-Grundschule in einer J\u00fcL Klasse der Jahrgangsstufen 123 w\u00e4hrend einer Mathearbeitszeit. In dem Teil des Unterrichts arbeiten die Kinder frei in ihren Arbeitsheften, an Arbeitsbl\u00e4ttern, mit Montessorimaterialien oder bekommen in Kleingruppen direkte Instruktionen von der Lehrkraft. Ich unterst\u00fctzte Mara (<em>Name ge\u00e4ndert<\/em>), eine Sch\u00fclerin der zweiten Klasse, die zu den lernschwachen Kindern der Klasse geh\u00f6rt, bei der Bearbeitung ihrer Arbeitsbl\u00e4tter auf denen Wiederholungsaufgaben der ersten Klasse im Zahlenraum bis 20 waren. Mara fielen die Aufgaben schwer, sie brauchte viel Zeit, wurde unkonzentrierter und sagte immer wieder zu mir: \u201cIch kann das nicht!\u201c. <!--more-->Nach ungef\u00e4hr zehn Minuten merkte ich, dass Mara mir nicht mehr zuh\u00f6ren konnte, sich im Raum umschaute und ihre Aufmerksamkeit auf den Mitsch\u00fcler*innen und dem sonstigen Klassengeschehen lag. Zudem wirkte sie unmotiviert an den Aufgaben weiterzuarbeiten. Auf dem Fu\u00dfboden des Klassenzimmers arbeitete gleichzeitig eine Sch\u00fclerin der ersten Klasse mit Montessorimaterial, welches daf\u00fcr ausgelegt ist, ein Mengenverst\u00e4ndnis zu entwickeln. Die Erstkl\u00e4sslerin schaute unsicher und hilfesuchend, so dass ich Mara fragte, ob wir ihr gemeinsam Hilfestellung leisten wollen. Sie nickte und schien dankbar f\u00fcr die Abwechslung. Wir setzten uns gemeinsam auf den Teppich und boten unsere Hilfe an, welche von der Erstkl\u00e4sslerin Nina (<em>Name ge\u00e4ndert<\/em>) gerne angenommen wurde. Ich ermunterte\u00a0 Mara (die Zweitkl\u00e4sslerin) Nina (der Erstkl\u00e4sslerin) zu helfen und nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern tat sie dies mit zunehmender Freude. Sie l\u00f6sten die Aufgaben gemeinsam, dabei wirkte Mara entspannt und motiviert. Nach ungef\u00e4hr 10 Minuten sagte ich, dass Nina die weiteren Aufgaben sicher allein l\u00f6sen k\u00f6nnte und fragte Mara, ob wir wieder gemeinsam an ihrem Arbeitsblatt arbeiten wollen. Sie willigte ein und es war m\u00f6glich, weitere f\u00fcnf Aufgaben zu bearbeiten.<\/p>\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n<p>Der Arbeitsauftrag an Mara ein Arbeitsblatt zu l\u00f6sen und eine komplette Mathearbeitszeit von 45 Minuten damit zu verbringen, f\u00fchrte bei ihr sehr schnell zu einem Gef\u00fchl der \u00dcberforderung. Als sie merkte, dass sie die Aufgaben (der ersten Klasse) nicht schnell und ohne Probleme l\u00f6sen kann, begann sie eine Lustlosigkeit zu entwickeln. Die sich wiederholende Aussage \u201eIch kann das nicht!\u201c k\u00f6nnte zudem auf ein mangelndes mathematisches Selbstkonzept hinweisen. Als sie jedoch in die Lage versetzt wurde, selbst einer j\u00fcngeren Sch\u00fclerin etwas zu zeigen, wirkte dies sehr motivierend, da sie merkte, dass sie im ersten Schuljahr etwas gelernt hat und einen Teil des Unterrichtsstoffes beherrscht. Diese Selbstwirksamkeitserfahrung, die Mara durch das ver\u00e4nderte Lernsetting machen konnte, f\u00fchrte dazu, dass sie ihre eigenen Aufgaben hinterher weiter bearbeiten konnte.<\/p>\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Es waren verschiedene Faktoren, die bei Mara dazu gef\u00fchrt haben, dass sie schnell unkonzentriert und unmotiviert wirkte. Zum einen denke ich, dass es die gro\u00dfe Menge der Aufgaben (ca. 30 Rechenaufgaben) auf dem Arbeitsblatt war, die bei der Sch\u00fclerin zu einem Gef\u00fchl der \u00dcberforderung gef\u00fchrt hat. Sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass bei den Lehrkr\u00e4ften bekannt ist, dass Mara Konzentrationsschwierigkeiten hat, so dass eine kleinere Aufgabenmenge sicher sinnvoll gewesen w\u00e4re, um sie nicht zus\u00e4tzlich unter Druck zu setzen. Au\u00dferdem h\u00e4tte sie so ein schnelleres Erfolgserlebnis gehabt, welches zus\u00e4tzlich motivierend f\u00fcr weitere Aufgaben wirkt. Sehr beeindruckt hat mich allerdings, welcher Motivationsschub durch das \u201epeer tutoring\u201c und die damit verbundene Selbstwirksamkeitserfahrung entstanden ist. Das Gef\u00fchl etwas zu k\u00f6nnen, ist anscheinend besonders f\u00fcr lernschw\u00e4chere Sch\u00fcler besonders wichtig. Insgesamt sollte im Unterricht darauf geachtet werden, dass m\u00f6glichst vielen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern solche selbstwirksamkeitsf\u00f6rderlichen Gelegenheiten erm\u00f6glich werden.<\/p>\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n<p>Im Unterricht der Grundschule sind Arbeitsbl\u00e4tter und Arbeitshefte \u00fcbliche Unterrichtsmaterialien. Sicherlich ist der Einsatz dieser vorgefertigten Materialien auch an bestimmten Stellen sinnvoll, wird aber nach meinem Empfinden oft zu inflation\u00e4r eingesetzt.<\/p>\n<ul>\n<li>Wie schaffe ich es, so weit wie m\u00f6glich darauf zu verzichten die Kinder in Arbeitsheften arbeiten zu lassen, den Unterricht individueller zu gestalten und dabei den Arbeitsaufwand f\u00fcr mich als Lehrkraft nicht immens zu steigern?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Anscheinend haben Selbstwirksamkeitserfahrungen einen positiven Einfluss auf die Motivation von Sch\u00fcler*innen.<\/p>\n<ul>\n<li>Warum bringen wir die Kinder trotzdem oft wissentlich in eine Erfahrung des Scheiterns, sei es durch Klassenarbeiten, diagnostische Tests oder andere Wettbewerbssituationen?<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Franziska E. Die folgende Situation erlebte ich in einer Montessori-Grundschule in einer J\u00fcL Klasse der Jahrgangsstufen 123 w\u00e4hrend einer Mathearbeitszeit. 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