{"id":666,"date":"2022-03-14T12:43:21","date_gmt":"2022-03-14T11:43:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2022\/?p=666"},"modified":"2023-03-13T12:32:12","modified_gmt":"2023-03-13T11:32:12","slug":"expertinnenkommission","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/expertinnenkommission\/","title":{"rendered":"&#8222;Expert*innenkommission&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Paul<\/strong> <strong>S.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mathematikunterricht in einer elften Klasse: Die Lehrerin fragt die Hausaufgaben ab, indem sie einen Sch\u00fcler, der sich freiwillig gemeldet hat, auffordert, die Aufgabe an der Tafel vorzustellen. Sie k\u00fcndigt an, dass dieser die Aufgaben vorstellen wird und die anderen Sch\u00fcler*innen sich bei Fragen nicht an sie, sondern zun\u00e4chst den Sch\u00fcler wenden sollen. Der Sch\u00fcler stellt die Hausaufgabe \u2013 die Analyse eines Funktionsgraphen \u2013 vor; er hat jedoch bei der ersten Ableitung der Funktion einen Fehler gemacht, was einigen Sch\u00fcler*innen auff\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sie melden sich, er nimmt sie dran, sie merken den Fehler an. Nachdem der Sch\u00fcler seinen Fehler nicht verstanden hat, wechselt er mit einem anderen Sch\u00fcler, der nun die Aufgabe richtig vorrechnet und den Fehler des anderen Sch\u00fclers aufzeigt. Zudem vergewissert er sich, ob dieser seine Fehler verstanden hat \u2013 dies ist dann auch der Fall. Die Lehrerin best\u00e4tigt am Ende nochmals, dass der neue L\u00f6sungsweg richtig ist und lobt die gute Erkl\u00e4rung des Fehlers in der vorherigen Rechnung. Die restlichen Hausaufgaben werden auf dieselbe Art vorgestellt und durchgerechnet; die Lehrerin schreitet immer dann ein, wenn die Sch\u00fcler*innen nicht mehr weiterwissen oder einen Fehler \u00fcbersehen haben \u2013 ansonsten best\u00e4tigt sie am Ende die richtigen L\u00f6sungen. Ansonsten \u00fcberl\u00e4sst sie die Aufgaben der \u201eExpertinnenkommission\u201c der Sch\u00fcler*innen. Auff\u00e4llig ist, dass alle Sch\u00fcler*innen der Klasse an der Pr\u00e4sentation und der Diskussion beteiligt sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehrerin traut den Sch\u00fcler*innen einiges zu: Sie vertraut darauf, dass diese \u2013 zumindest in der Gesamtheit der Klassen \u2013 den Stoff, den sie in der Hausaufgabe bearbeiten mussten, verstanden haben und erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Damit erkennt sie an, dass die Sch\u00fcler*innen sich schwierige Sachverhalte selbst aneignen k\u00f6nnen. Dieses Vertrauen und diese Anerkennung bemerken die Sch\u00fcler*innen: Sie konzentrieren sich auf die Aufgaben und sind sehr ernsthaft bei der Sache. Dadurch, dass die Sch\u00fcler*innen sich zun\u00e4chst gegenseitig korrigieren l\u00e4sst, tritt sie als Autorit\u00e4t des Unterrichts zur\u00fcck. Gemachte Fehler in den Aufgaben werden nicht sanktioniert. Stattdessen bekommen die Sch\u00fcler*innen die M\u00f6glichkeit, die Fehler zu erkennen und dar\u00fcber zu diskutieren. Die Sch\u00fcler*innen sind dadurch motiviert, ihre Fehler in den L\u00f6sungswegen offenzulegen. Die Unterrichtsatmosph\u00e4re ist damit im Allgemeinen entspannt und frei von \u00c4ngsten seitens der Sch\u00fcler*innen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehrerin hat durch ihr Vertrauen, ihre Anerkennung sowie die fehlerfreundliche Unterrichtsatmosph\u00e4re einen Raum geschaffen, indem die Sch\u00fcler*innen sich dem Unterrichtsstoff widmen k\u00f6nnen, ohne Angst vor Sanktionen in Form von Benotung oder auch in der sozialen Form der Ablehnung haben zu m\u00fcssen; sie hat damit einen Lernraum geschaffen, in dem die Sch\u00fcler*innen eine intrinsische Motivation zum Lernen des Unterrichtsstoffs entwickeln konnten.<br>Diese echte intrinsische Motivation der Sch\u00fcler*innen wiederum hat eine positive Resonanz auf den gesamten Unterricht: Die restliche Zeit, in der die Lehrerin normalen Frontalunterricht macht, wird der Unterricht mit gro\u00dfem Interesse und hoher Konzentration verfolgt. Daraus l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, dass guter Unterricht \u2013 also Unterricht, in dem die Sch\u00fcler*innen mit intrinsischer Motivation den Stoff lernen \u2013 keinen \u00fcberbordenden Methodenkoffer braucht. Vielmehr muss die Lehrkraft einen Ansatz finden, dass die Sch\u00fcler*innen sich selbstst\u00e4ndig f\u00fcr den Stoff interessieren. Wenn dieses Interesse geweckt und gew\u00e4hrleistet ist, dann scheinen die Methoden irrelevanter zu werden, der Unterrichtsstoff selbst r\u00fcckt dann in den Vordergrund.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u201eExpert*innenkommission\u201c hat die Lehrerin zu einem regelm\u00e4\u00dfigen Bestandteil ihres Unterrichts gemacht. Fast jede Stunde werden die Hausaufgaben auf diese Weise pr\u00e4sentiert. Die Frage, die sich mir f\u00fcr meine eigene zuk\u00fcnftige schulische Praxis stellt, ist, wie ich eine solche Methode im Unterricht etablieren und die Sch\u00fcler*innen an diese heranf\u00fchren kann? Denn es ist vorstellbar, dass diese Methode f\u00fcr einige Sch\u00fcler*innen \u2013 gerade im Fach Mathematik \u2013 \u00fcberfordernd sein kann, wenn sie dabei nicht richtig begleitet werden. Diese Methode braucht also eine Einf\u00fchrungszeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem stellt sich mir die Frage nach anderen Methoden und\/oder Verhaltensweisen, mit denen ich die Sch\u00fcler*innen ermutigen kann, sich von sich aus mit dem Stoff im Unterricht auseinanderzusetzen und ein echtes Interesse an diesem zu entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Paul S. 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