{"id":764,"date":"2022-03-23T09:01:59","date_gmt":"2022-03-23T08:01:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2022\/?p=764"},"modified":"2023-04-21T14:04:05","modified_gmt":"2023-04-21T12:04:05","slug":"aber-man-hoerte-auch-foermlich-den-groschen-fallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/aber-man-hoerte-auch-foermlich-den-groschen-fallen\/","title":{"rendered":"&#8220; &#8230; aber man h\u00f6rte auch f\u00f6rmlich den Groschen fallen &#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Madlen W.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die folgende Situation ereignete sich im Deutschunterricht einer 8. Klasse in der 5. Stunde an einer ISS, welche von einer Referendarin angeleitet wurde. Im Rahmen der Grammatiklehre wurde in dieser Unterrichtseinheit das Aktiv und das Passiv behandelt. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler erhielten daf\u00fcr ein Arbeitsblatt mit einem kurzen Text \u00fcber die App-Anwendung \u201eTikTok\u201c, welcher durchg\u00e4ngig im Aktiv verfasst wurde. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollten nach dem Lesen des Textes im Plenum beraten, wie man diesen leserlicher und spannender gestalten k\u00f6nne. Dabei nannte die Sch\u00fclerschaft als L\u00f6sungen die Verwendung von Synonymen und das Umformulieren der S\u00e4tze. Letzteres griff die angehende Lehrkraft auf, um den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern den Unterschied von Aktiv und Passiv zu erkl\u00e4ren: Daf\u00fcr teilte sie eine PowerPoint-Folie, welche das genaue Vorgehen der Formulierung dieser Diathese knapp und tabellarisch aufzeigte. Sie erkl\u00e4rte zudem Charakteristika in der Satzgliederung sowie die Nutzung des Partizips II und des Hilfsverbs \u201ewerden\u201c. Mithilfe dieser PowerPoint-Darstellung sollte die Sch\u00fclerschaft in Einzelarbeit eine Aufgabe auf dem Arbeitsblatt l\u00f6sen, in welcher verschiedene S\u00e4tze den beiden Aktionsformen (Aktiv\/Passiv) zugeordnet werden sollten. Daraufhin wurde die Klasse sehr unruhig: <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler schauten sich in der Klasse um, stellten sich gegenseitig aufgabenbezogene Fragen und wirkten \u00fcberfordert. Die Referendarin benannte diese Unruhe und fragte, ob diese Aufgabe zu schwer sei und erhielt als Antwort eine  mehrheitliche Zustimmung. Daraufhin \u00fcberlegte sie sich sch\u00fclerbezogene, individuelle Beispiele: \u201eNehmen wir Tanja (<em>Name ge\u00e4ndert<\/em>) \u2013 Tanja f\u00e4hrt jeden morgen mit dem Fahrrad zur Schule. Das macht sie aktiv. Aber heute habe ich gesehen, dass es anders war, denn Tanja stieg aus dem Auto ihres Vaters: Sie wurde gefahren. Das machte sie passiv, denn Tanja hat ja noch keinen F\u00fchrerschein, oder irre ich mich?\u201c Dar\u00fcber mussten einige in der Klasse lachen, aber man h\u00f6rte auch f\u00f6rmlich den Groschen fallen, denn viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sagten lang betont \u201eAchso.\u201c oder \u201eAh, jetzt hab ich\u2019s verstanden.\u201c Um sich zu versichern, ob die Klasse den Unterschied dieser Aktionsformen auch wirklich nachvollziehen konnte, bat sie darum, dass jeder einen Satz aus dem Text \u00fcber \u201eTikTok\u201c vom Aktiv ins Passiv umformuliert. Die Sch\u00fclerschaft wirkte deutlich motivierter und viele begannen nach kurzem  \u00dcberlegen sofort zu schreiben. Im anschlie\u00dfenden Vergleich im Plenum zeigten sich kaum Fehler in der Umsetzung dieser grammatikalischen Regel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Positiv aufgefallen ist mir die schnelle und empathische Reaktion der Referendarin: Sie benannte sofort die entstandene Unruhe nach der Aufgabenstellung und deutete diese als m\u00f6gliche \u00dcberforderung, aber versicherte sich auch nochmal bei den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern \u00fcber die Richtigkeit dieser Einsch\u00e4tzung. Dabei wirkte sie in ihrer Kommunikation etwas unruhig, da sie schnell und hektisch nachfragte, jedoch ohne dabei vorwurfsvoll zu klingen. Des Weiteren fand ich es wertvoll, dass die Sch\u00fclerschaft ungehemmt ihre \u00dcberforderung mit der Aufgabe auf der Offenbarungsebene mitteilte. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler kommunizierten offen ihre Grenzen hinsichtlich ihrer F\u00e4higkeiten, jedoch wirkten sie dadurch auch angespornt, diese Wissensl\u00fccke zu f\u00fcllen \u2013 eventuell wurde dies bekr\u00e4ftigt, weil die angehende Lehrkraft die R\u00fcckmeldung der Sch\u00fclerschaft urteilsfrei entgegennahm. Zuletzt fiel mir auf, wie der Wissenserwerb der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler durch greifbare und individualisierte Beispiele unterst\u00fctzt wurde und sich dies positiv auf die Lernmotivation auswirkte: Die Klasse gab nicht auf sich mit diesem herausfordernden Thema auseinanderzusetzen und bearbeitete erfolgreich die Anschlussaufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Daraus nehme ich mit, dass es hilfreich sein kann, die eigenen Wahrnehmungen und Deutungen transparent zu machen und sich diese von der Klasse r\u00fcckversichern zu lassen. So wird eine offene Kommunikation gew\u00e4hrleistet, die das Arbeitsb\u00fcndnis st\u00e4rkt, da ein m\u00f6gliches \u00dcbergehen der Wahrnehmung sowie Bed\u00fcrfnisse der Sch\u00fclerschaft verhindert werden. Die wertfreie, empathische Entgegennahme der Selbsteinsch\u00e4tzung sowie  m\u00f6glicher \u00dcberforderung durch die Lehrkraft, sendet der Klasse das Signal, Fehler machen zu d\u00fcrfen und den Unterricht als Erfahrungsraum nutzen zu k\u00f6nnen. Dies sorgt zudem f\u00fcr ein lerndienliches Klima, da der Wissenserwerb nicht durch negative Assoziationen und Gef\u00fchle beeintr\u00e4chtigt wird. Zuletzt konnte ich erkennen, dass dieses \u201eGroschenfallen\u201c und die \u201eAha-Momente\u201c einen signifikanten Einfluss auf die Selbstwirksamkeit sowie Lernbereitschaft haben: Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler erfuhren ein Erfolgserlebnis durch die Erweiterung ihres Intellekts, zu dem sie selbst in erheblichem Ma\u00dfe  beigetragen haben. Sie haben eben nicht aufgegeben, sondern sich stattdessen der Herausforderung gestellt. Solche Erfolgserlebnisse befl\u00fcgeln und motivieren zum weiteren Wissenserwerb, da die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auf bereits positive Lernerfahrungen zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Kann es f\u00f6rderlich f\u00fcr die Lernmotivation sein, solche Situationen zu provozieren, in denen eben nicht sofort der Groschen f\u00e4llt? Vielleicht indem bewusst nur rudiment\u00e4r Informationen und Beispiele verwendet werden?<\/li><li>Kann es vielleicht auch eine potenzielle Gefahr sein, dass die Kompetenzen und Seriosit\u00e4t der Lehrkraft in Frage gestellt wird, wenn die Sch\u00fclerschaft nicht sofort einen Lernerfolg erf\u00e4hrt?<\/li><li>Wie kann alternativ f\u00fcr \u00dcberraschungen und Aha-Momente gesorgt werden?<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Madlen W. Die folgende Situation ereignete sich im Deutschunterricht einer 8. Klasse in der 5. Stunde an einer ISS, welche von einer Referendarin angeleitet wurde. Im Rahmen der Grammatiklehre wurde in dieser Unterrichtseinheit das Aktiv und das Passiv behandelt. 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