{"id":782,"date":"2022-03-28T13:27:24","date_gmt":"2022-03-28T11:27:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2022\/?p=782"},"modified":"2023-03-13T12:32:12","modified_gmt":"2023-03-13T11:32:12","slug":"boah-das-wusste-ich-ja-gar-nicht-krass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/boah-das-wusste-ich-ja-gar-nicht-krass\/","title":{"rendered":"\u201eBoah, das wusste ich ja gar nicht \u2026 krass!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Jonas H.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie jeden Montag in meiner Praktikumszeit sa\u00df ich in der f\u00fcnften Stunde im zweiten Obergeschoss des Schulgeb\u00e4udes und begleitete die achte Klasse von Herrn R. Nur etwas war anders dieses Mal. Es sa\u00df ein Sch\u00fcler allein in der ersten Reihe, den ich noch nicht kannte. Er war fast doppelt so gro\u00df und doppelt so schwer wie seine Klassenkamerad*innen. Alle Sch\u00fcler*innen hatten ihre  Federtaschen und Hefter an ihren Tischen bereitgelegt nur der \u201eNeue\u201c nicht. Er besa\u00df lediglich einen einzigen Bleistift. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Unterricht begann und der Lehrer erkl\u00e4rte den Arbeitsauftrag. Die Sch\u00fcler*innen wussten schon, was sie zu tun hatten (da es letzte Stunde besprochen wurde) und setzten sich schleunigst in ihre Tischgruppen (ein besonderes Konzept der Schule). Nur der Sch\u00fcler in der ersten Reihe blieb allein. Der Lehrer ging auf ihn zu und erkl\u00e4rte ihm in aller Ruhe den Arbeitsauftrag. W\u00e4hrend er erkl\u00e4rte, hockte er sich hin und redete freundlich und gelassen auf ihn ein. Auf einmal h\u00f6rte ich den Jungen sagen \u201eBoah, das wusste ich ja gar nicht \u2026 krass!\u201c Der Lehrer lachte auf und der Sch\u00fcler fing an zu arbeiten. <br>Man mag sich wundern, warum ich mich f\u00fcr diese Situation entschieden habe, scheint sie doch zun\u00e4chst unspektakul\u00e4r zu sein. Doch dabei ist es wichtig, die Hintergr\u00fcnde zu verstehen, die auch ich erst nach dem Unterricht erfuhr. Wieso sa\u00df der Junge allein und wieso bekam er eine Sonderbehandlung? <br>Dieser Sch\u00fcler wurde vom Unterricht suspendiert, weil er auf dem Schulhof in mehrere Schl\u00e4gereien verwickelt war und mit einem Schlagring das Schulgel\u00e4nde betreten hatte. Es war nicht die erste Schule, in die er sich nicht integrieren konnte. Er lebte nicht bei seinen Eltern, sondern in einer Wohngemeinschaft und wurde auch dort herausgeworfen wegen stark auff\u00e4lligen Verhaltens. Er durfte nur noch bis zum Ende des Schuljahres eine<br>Unterrichtsstunde pro Woche besuchen und wurde jedes Mal von einem Sozialarbeiter zum Unterricht gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Anbetracht dieser Tatsachen, hat es mich beeindruckt und ber\u00fchrt zu sehen, inwieweit es dem Lehrer gelungen ist, durch warmherzige Worte und Aufmerksamkeitslenkung einen Jungen kognitiv zu aktivieren und zu motivieren, der sonst schwer \u2013 nicht nur in das Schulkonzept, sondern auch generell in soziale Strukturen &#8211; einzugliedern ist. Auch wenn der Junge nicht viel geschafft hat in dieser einzelnen Unterrichtsstunde, denke ich, kann man seine Lernerfahrung doch als Erfolg verzeichnen. Dem Lehrer ist es gelungen sein Handlungsprogramm ohne St\u00f6rungen vollziehen zu k\u00f6nnen und zus\u00e4tzlich hat er es geschafft, dem Sch\u00fcler durch Aufmerksamkeitslenkung (pers\u00f6nliche Ansprache) und Weckung von Interesse mit einzubeziehen und gleichzeitig zu motivieren. Auffallend war auch seine K\u00f6rpersprache, die deutliches Wohlwollen signalisierte und  so die Grundlage f\u00fcr ein funktionierendes Arbeitsb\u00fcndnis geschaffen hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich ziehe daraus die Erkenntnis, dass man es schaffen kann, durch Sensibilit\u00e4t, Respekt und Schaffen von Vertrauen auch Sch\u00fcler*innen zu motivieren, denen es schwer f\u00e4llt, sich in soziale Strukturen einzugliedern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dieser Unterrichtsstunde fragte ich mich, wie viele Sch\u00fcler*innen wohl j\u00e4hrlich denselben harten Weg gehen m\u00fcssen wie dieser Junge und wie viele von ihnen es wohl nie schaffen werden, ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Und genau aus diesem Grund und der Erfahrung, die ich mit der Lehrperson und dem Sch\u00fcler machte, denke ich, dass es enorm wichtig ist, dass eine Lehrkraft in solchen Situationen so feinf\u00fchlig handelt wie eben dieser Lehrer. Ich denke, der Sch\u00fcler hatte nach dieser Unterrichtsstunde m\u00f6glicherweise nicht das Gef\u00fchl, unbedeutend zu sein. Und ich denke, solche kleinen Momente sind es, die (summiert) dazu f\u00fchren k\u00f6nnten, ihn auf den richtigen Weg zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Jonas H. Wie jeden Montag in meiner Praktikumszeit sa\u00df ich in der f\u00fcnften Stunde im zweiten Obergeschoss des Schulgeb\u00e4udes und begleitete die achte Klasse von Herrn R. Nur etwas war anders dieses Mal. Es sa\u00df ein Sch\u00fcler allein in der ersten Reihe, den ich noch nicht kannte. 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