{"id":830,"date":"2021-03-23T09:57:29","date_gmt":"2021-03-23T08:57:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2021\/?p=554"},"modified":"2023-03-13T12:32:13","modified_gmt":"2023-03-13T11:32:13","slug":"muss-ich-euch-waehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/muss-ich-euch-waehlen\/","title":{"rendered":"&#8222;Muss ich euch w\u00e4hlen?&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Johanna L.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die folgende Situation spielte sich in einer 7. Klasse im Unterrichtsfach \u201eKultur\u201c ab. Die Lehrkraft Frau U., eine erfahrene Englisch- und Ethiklehrerin, macht mit den Sch\u00fclerInnen gerade eine Assoziations\u00fcbung und kreative L\u00fcckentextaufgabe zum Thema Farben, als zwei Sch\u00fclerinnen aus der Oberstufe in die Klasse kommen. Die beiden fragen Frau U., ob sie sich kurz vorstellen k\u00f6nnen, da sie sich f\u00fcr die kommende Wahl der Sch\u00fclervertretung bzw. Schulsprecher als Team aufstellen lassen. F\u00fcr viele der 7.-Kl\u00e4ssler, die ja alle neu auf dem Gymnasium sind, ist dies eine neue Situation und es besteht durchaus Interesse. Das Team wirbt vor allem damit, dass sie gegen das schulweite Handyverbot vorgehen und f\u00fcr die Einrichtung von R\u00e4umen bzw. Zonen in der Schule eintreten wollen, in denen Handys benutzt werden d\u00fcrfen. Eine Sch\u00fclerin fragt das Team: \u201eMuss ich euch w\u00e4hlen?\u201c, woraufhin eine der Oberstufensch\u00fclerinnen nach dem Motto antwortet: \u201eWir w\u00fcrden es auf jeden Fall gut finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Frau U. stellt ebenfalls Fragen, wie z.B. ob es auch noch andere Teams gibt, die sich zur Wahl aufgestellt haben. Sie kann in Erfahrung bringen, dass es ein weiteres Team gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die beiden Sch\u00fclerInnen gegangen sind, geht Frau U. noch einmal auf die Situation ein und beginnt hier mit der Frage einer ihrer Sch\u00fclerinnen, ob sie das Team w\u00e4hlen \u201emuss\u201c. Dabei stellt sie die Frage an das Plenum zum Unterschied zwischen Wahlrecht und Wahlpflicht parallel zu politischen Wahlen in Deutschland und wirft die Frage auf, ob das Recht zu w\u00e4hlen doch auch mit einer gewissen sozialen Verantwortung verbunden ist. Diese Frage wird von den Sch\u00fclerInnen altersentsprechend in dem Sinne erfasst, dass, wenn man nicht w\u00e4hlen geht, andere f\u00fcr einen entscheiden. Klar wird hier aber auch in Bezug auf die Einstiegsfrage, dass keine bestimmte Gruppe gew\u00e4hlt werden muss. Frau U. weist die Sch\u00fclerInnen hier auch noch einmal darauf hin, sich \u00fcber das andere Team, deren Ziele und Einstellungen zu informieren und dar\u00fcber nachzudenken, welche Gruppe einem inhaltlich mehr zusagt, bevor man ein Team w\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frau U. pausiert in der oben beschriebenen Situation spontan ihren Unterricht und nutzt das Momentum, das aktuelle Interesse der Sch\u00fclerInnen und den Alltagsbezug, um auf das wichtige Thema Wahlrecht einzugehen. Dabei geht sie altersgerecht auf die Fragen der Sch\u00fclerInnen ein, regt sie zur Reflektion \u00fcber demokratisches W\u00e4hlen an und kl\u00e4rt gleichzeitig \u00fcber entscheidende Unterschiede zwischen Wahlrecht, Wahlpflicht und der Interpretierung einer Sch\u00fclerin des \u201eWahlzwangs\u201c auf. Des Weiteren appelliert sie an die Sch\u00fclerInnen, eine informierte Entscheidung zu treffen, indem sie sich auch \u00fcber das andere zur Wahl aufgestellte Team informieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau U. erkennt hier die hohe Wahrscheinlichkeit, dass viele Sch\u00fclerInnen sozusagen das erstbeste Team w\u00e4hlen, das f\u00fcr sie pr\u00e4sent ist, anstatt eine Entscheidung auf der Grundlage von Informationen zu Inhalten und den Abgleich der eigenen Vorstellungen zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde, dass es Frau U. sehr gut gelungen ist, die Situation als spontane Lerngelegenheit zu nutzen und die Verbindung zwischen den aktuellen M\u00f6glichkeiten zur Wahlbeteiligung und zur politischen Wahlbeteiligung, die den jungen Sch\u00fclerInnen erst in der Zukunft zur Verf\u00fcgung stehen, zu ziehen und dabei auch ethische Fragen in diesem Kontext aufzuzeigen. Frau U. gelingt es insgesamt eindrucksvoll und zwanglos, die Sch\u00fclerInnen zur Reflektion anzuregen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Hauptfolgerung aus der oben beschriebenen Situation ist, dass es sich sehr lohnt, spontane Lerngelegenheiten zu nutzen, auch wenn es einen kompletten Themenwechsel und den Abbruch des aktuellen Handlungsprogramms bedeutet. W\u00e4re Frau U. nicht auf die Situation eingegangen, sondern h\u00e4tte ihren Unterricht stringent weitergef\u00fchrt, so w\u00e4re eine wertvolle Lerngelegenheit zum Thema \u201eW\u00e4hlen bzw. Wahlen\u201c verloren gegangen, ein Thema, mit dem die Sch\u00fclerInnen der 7. Klasse vermutlich bisher noch nicht sehr viele Ber\u00fchrungspunkte hatten. Weiterf\u00fchrend l\u00e4sst sich aus dieser Erfahrung ableiten, dass es sinnvoll erscheint, aktuelle Geschehnisse, die die Sch\u00fclerInnen betreffen, so oft es geht in den Unterricht zu integrieren, um pr\u00e4gnante Lehr-\/Lernerfahrungen f\u00fcr und mit den Sch\u00fclerInnen zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wie k\u00f6nnen aktuelle Geschehnisse und spontane Lerngelegenheiten so h\u00e4ufig wie m\u00f6glich in den Unterricht integriert und gleichzeitig mit den Vorgaben des Lehrplans vereinbart werden?<\/li><li>Welche M\u00f6glichkeiten gibt es, Sch\u00fclerInnen zur Reflektion anzuregen, ohne dabei (zu) suggestiv vorzugehen?<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Johanna L. Die folgende Situation spielte sich in einer 7. Klasse im Unterrichtsfach \u201eKultur\u201c ab. 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