{"id":836,"date":"2022-04-28T08:53:15","date_gmt":"2022-04-28T06:53:15","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel-2022\/?p=834"},"modified":"2023-04-21T14:01:07","modified_gmt":"2023-04-21T12:01:07","slug":"als-ich-schliesslich-einen-blick-auf-die-aufgaben-seines-sitznachbarn-warf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/phs-mikroartikel\/als-ich-schliesslich-einen-blick-auf-die-aufgaben-seines-sitznachbarn-warf\/","title":{"rendered":"&#8222;Als ich schlie\u00dflich einen Blick auf die Aufgaben seines Sitznachbarn warf, wurde mir klar, warum Max sich so schwer tat.&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Beitrag von Luca S.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich half in der 2. Klasse im Mathematikunterricht aus. Die Kinder lernten gerade Addition und Subtraktion im zweistelligen Bereich. Als ich von Tisch zu Tisch ging, merkte ich, dass es sehr unterschiedliche Leistungsniveaus gab. Die Lehrerin bat mich Max (<em>Name ge\u00e4ndert<\/em>) zu helfen, da er wohl noch einige Schwierigkeiten mit dem Rechnen \u00fcber den Zehner h\u00e4tte. Ich wiederholte mit Max noch einmal, was die Lehrerin zuvor an der Tafel allen Kindern erkl\u00e4rt hatte. Doch w\u00e4hrend ich mit ihm redete, hatte ich das Gef\u00fchl, dass er mir nicht richtig zuh\u00f6rte. Er schaute immer wieder schnell zu seinem Sitznachbarn hin\u00fcber und stellte zwischen seinem und dessen Tisch eine Federmappe als Wand auf. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Max beschwerte sich laut, dass sein Nachbar auf seine Aufgaben schauen w\u00fcrde und r\u00fcckte die Federmappe immer n\u00e4her an sich heran. Ich beruhigte ihn, dass sein Nachbar ja auch mit seinen eigenen Aufgaben zu tun h\u00e4tte und versuchte erneut seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich wollte Max einen Zwischenschritt n\u00e4her bringen, der ihm geholfen h\u00e4tte, die Aufgaben besser zu verstehen. Er blieb jedoch weiterhin sehr nerv\u00f6s und rechnete unter dem Tisch immer schon die ganze Aufgabe mit Hilfe seiner Finger aus. Dabei machte er viele Fehler und wurde immer unsicherer. Ich merkte, dass er motiviert war die Aufgaben zu verstehen, aber innerlich einen gro\u00dfen Druck versp\u00fcrte sofort die richtige Antwort zu liefern. Es schien, als wollte er dadurch, dass er den Zwischenschritt auslie\u00df, beweisen, dass er ihn nicht brauchte. Ich war ratlos wie ich ihm helfen k\u00f6nnte, als ich auch nach weiteren Anl\u00e4ufen erfolglos blieb. Etwas sp\u00e4ter stellte die Lehrerin ein Material aus verschiedenfarbigen Pl\u00e4ttchen auf Max Tisch, das ihm helfen sollte, sich die Zahlen besser vorzustellen. Dann ging sie weiter, um sich wieder um die anderen Kinder zu k\u00fcmmern. Ich versuchte Max zu \u00fcberzeugen, die Pl\u00e4ttchen auszuprobieren, aber er weigerte sich stur und rechnete weiter mit den H\u00e4nden unter dem Tisch. Als ich schlie\u00dflich einen Blick auf die Aufgaben seines Sitznachbarn warf, wurde mir klar, warum Max sich so schwer tat. Dieser rechnete ohne Schwierigkeiten auf einem deutlich h\u00f6heren Niveau. Anscheinend verglich Max sich mit dem anderen Sch\u00fcler und war deshalb so verunsichert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Einsichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Max hatte Angst, sich vor seinem Sitznachbarn zu blamieren. Der andere Junge hatte zwar nicht mit seinem K\u00f6nnen angegeben oder Max schlecht gemacht, aber Max traute sich dennoch nichts zu, wenn er neben ihm sa\u00df. Er f\u00fchlte sich st\u00e4ndig beobachtet und wollte um jeden Preis verhindern, dass jemand entdeckte, dass er mit so vermeintlich einfachen Aufgaben Probleme hatte. Dadurch konnte er sich nicht konzentrieren und h\u00f6rte der Lehrerin und mir nicht zu. Die Sitzsituation scheint f\u00fcr Max keine gute Grundlage zu sein, um in Mathe Fortschritte zu machen. Der st\u00e4ndige Vergleich mit seinem Sitznachbarn k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass er immer weiter hinter den anderen zur\u00fcckf\u00e4llt und sich immer weniger zutraut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Folgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meines Erachtens w\u00e4re es wichtig, Max in Mathe neben ein anderes Kind zu setzen, das auf einem \u00e4hnlichen Stand ist wie er. So k\u00f6nnte er mehr Selbstvertrauen gewinnen, wenn er sieht, dass auch andere noch Schwierigkeiten haben und er nicht das Gef\u00fchl hat, sich vor seinem Sitznachbarn profilieren zu m\u00fcssen. Auch denke ich, m\u00fcsste Max im Unterricht noch besser betreut werden. Es sollte ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch mit ihm gef\u00fchrt werden, um ihm verst\u00e4ndlich zu machen, dass es ganz normal ist, dass er langsamer lernt und dass er sich die Zeit nehmen darf, in Ruhe die Zwischenschritte zu \u00fcben egal wie weit jemand anders ist. Ich habe leider \u00f6fter beobachtet, wie sich andere Kinder \u00fcber Max lustig machten und konnte ihn somit sehr gut verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Anschlussfragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Sollte bei der Sitzordnung grunds\u00e4tzlich auf gleiche Lernlevels geachtet werden und weniger auf Freundschaften?<\/li><li>K\u00f6nnen unterschiedliche Niveaus auch von Vorteil sein?<\/li><li>Wie findet man heraus wann welche Form der Sitzordnung geeignet ist?<\/li><li>K\u00f6nnte ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch mit Max \u00fcber die Konkurrenzsituation ihm wirklich helfen? <\/li><li>Wer sollte dieses Gespr\u00e4ch am besten f\u00fchren?<\/li><li>Wie kann Mobbing effektiv verhindert bzw. damit am besten umgegangen werden?<\/li><li>Wie k\u00f6nnte Max gef\u00f6rdert und sein Selbstvertrauen auf anderem Weg gest\u00e4rkt werden?<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Luca S. Ich half in der 2. 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