{"id":102,"date":"2021-07-30T20:09:01","date_gmt":"2021-07-30T18:09:01","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/?page_id=102"},"modified":"2021-08-04T15:41:57","modified_gmt":"2021-08-04T13:41:57","slug":"fortschritt-die-plattenbausiedlungen-in-der-neustaedter-havelbucht-auf-dem-kiewitt-in-potsdam","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/fortschritt-die-plattenbausiedlungen-in-der-neustaedter-havelbucht-auf-dem-kiewitt-in-potsdam\/","title":{"rendered":"Fortschritt. Plattenbau in der Potsamder Innenstadt"},"content":{"rendered":"\n<p>Potsdam \u2013 Der royale Glanz der Prachtbauten und Lustg\u00e4rten einer barocken Sommerresidenzstadt. Philosophenk\u00f6nig \u2013 Soldatenk\u00f6nig. Preu\u00dfen und Milit\u00e4r. Hohenzollern, Hindenburg, die \u201ealten Eliten\u201c. Abgel\u00f6st von neuen Eliten, neuen Kriegstreibern, 1933, in Potsdam.<\/p>\n\n\n\n<p>Symbolisch. Der Bombennacht hielten sie trotzdem nicht stand. Stadtschloss, Garnisonkirche: Tr\u00fcmmer. Der royale Glanz dahin. Das Symbol nun ein Symbol der Niederlage, milit\u00e4risch und moralisch. Und jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wiederaufbau Potsdams nach Kriegsende 1945 geschieht unter v\u00f6llig ver\u00e4nderten Vorzeichen: Sozialismus, Fortschritt, Wohnungsbau. Die Spuren des Nationalsozialismus werden abgetragen. Die Spuren Preu\u00dfens waren nicht so einfach zu entfernen, in einer Stadt, die ein Freilichtmuseum des royalen Preu\u00dfen und seiner Werte war. Man bem\u00fchte sich trotzdem. Mit Preu\u00dfen hatten die Sozialist:innen sowieso noch alte Rechnungen offen. Am \u201eWegbereiter des Faschismus\u201c wurde mit der Sprengung der verkohlten Ruine der Garnisonkirche sp\u00e4te Rache ge\u00fcbt. Auch das Stadtschloss musste dran glauben. Wieder: symbolisch. Auf den Tr\u00fcmmern sollte ein neues, ein sozialistisches Potsdam entstehen, auferstehen aus \u2026. Ruinen, in diesem Fall den Ruinen Preu\u00dfens, den Ruinen, die die Verbr\u00fcderung alter und neuer Eliten zu einem m\u00f6rderischen Krieg hinterlassen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgebaut wurde: Der neue, sozialistische Mensch. Die neue, sozialistische, von der Sowjetunion lernende Gesellschaft. Die neue, sozialistische, fortschrittliche Heimat. Heimat und Fortschritt \u2013 passt das zusammen? Ja, wenn Heimat kein kleinb\u00fcrgerlicher Sehnsuchtsort ist, sondern Lebensraum, Stadt, Wohnung, Kita und Kaufhalle. Gestaltet von den Werkt\u00e4tigen, f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen. Fortschritt. Bau auf!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Einschr\u00e4nkungen gab es freilich. Finanzielle nat\u00fcrlich, aber auch was Baustoffe anging. Und die Gestaltung. Verzierte Fassaden sind kostspielig, zeitaufw\u00e4ndig und materialintensiv \u2013 Engstirnig! Selbstherrlich. Total 30er-Jahre. Das muss alles besser, schneller und billiger gehen! Wissenschaft \u2013 Technik \u2013 Revolution! Und nat\u00fcrlich auch gern nach Vorbild der Sowjetunion. Ideologische Einschr\u00e4nkungen gab es also auch. Nur bei der Steigerung der Effizienz, da gab es keine.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Potsdam. Der Wiederaufbau der historischen Stra\u00dfen geht schleppend, ist teuer und m\u00fchsam, Stein auf Stein. Wohnraum ist immer noch knapp. Vereinzelt bauen Werkt\u00e4tige f\u00fcr Werkt\u00e4tige, in Genossenschaften, nach Feierabend. Bauen ihre Wohnungen selbst. Nennen sich AWG \u201eFortschritt\u201c, nat\u00fcrlich. Zentrum S\u00fcd. Waldstadt I. Was bauen sie? Platten. Warum? Weil sie es k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war schon fortschrittlich, aber immer noch zu wenig. Also Industrialisieren. Typisieren. WBS70. Bauherren und -damen sind gro\u00dfe Kombinate und VEBs, die \u201eFortschritt\u201c und Co verwalten nur noch das Endprodukt. Potsdam ist jedoch ein Sonderfall. Hier geht es nicht nur um Wohnraum, der dringend gebraucht wird. Hier geht es auch immer noch darum Preu\u00dfen zu \u00fcberschreiben. Darum, aus Alt- und Neubauten ein neues Gesamtbild zu schaffen. Es geht um Politik, Symbole, \u201esozialistische Baukultur\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab den sp\u00e4ten 1960er-Jahren entsteht die Plattenbausiedlung Auf dem Kiewitt. Sie ist eines der ersten industriellen Gro\u00dfbauprojekte in Potsdam. Platten in Luxuslage: Idyllisch Wohnen zwischen Havelufer und Schlosspark. Blick aufs Wasser nach Osten, Blick \u00fcber Sanssouci nach Westen. Innenstadt in Laufn\u00e4he. Wohntraum f\u00fcr 3.000 Menschen. 1977 folgt die Anerkennung: Architekturpreis der DDR.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"553\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-103\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/1.jpg 800w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/1-300x207.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/1-768x531.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 85vw, 800px\" \/><figcaption>Abbildung 1: Postkarte Auf dem Kiewitt, 1977; Quelle: DDR-Postkartenmuseum (J. Hartwig)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste Bauvorhaben ist komplexer. 17- und 16-Geschosser in der Neust\u00e4dter Havelbucht. Der Bau in den 1970er-Jahre eingebettet in ein st\u00e4dtebauliches Prestigeprojekt: Die Umgestaltung der Wilhelm-K\u00fclz-Stra\u00dfe, Breite Stra\u00dfe, Allee aus kurf\u00fcrstlichen Zeiten. Hier kommt alles das zusammen, was Potsdam einmal war und was Potsdam zuk\u00fcnftig sein soll. Der Ausbau zur Hauptverkehrsader, mehrspurig. Anstelle des Stadtschlosses ein Parkplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz\u2018 Aufmarschplatz f\u00fcr seine \u201elangen Kerls\u201c, der Lustgarten \u2013 nun Ernst-Th\u00e4lmann-Stadion und Karl-Liebknecht-Forum. Dazu ein neues Wahrzeichen: das Interhotel Potsdam, eine \u201est\u00e4dtebauliche Dominante\u201c. Sichtachse auf sozialistisch. Ein paar historische Fassaden werden restauriert, L\u00fccken mit Neubauten geschlossen. Wohnheime f\u00fcr Studierende gebaut. Ein Studentenclub. Der FDGB im Gro\u00dfen Milit\u00e4rwaisenhaus. Ein Datenverarbeitungszentrum anstelle der Garnisonkirche. 1975 steht fest: Die Wilhelm-K\u00fclz-Stra\u00dfe wird eine, nein, <em>die<\/em> \u201esozialistische Magistrale\u201c. Der kr\u00f6nende Abschluss: Die Wohnsiedlung in der Havelbucht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"350\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-104\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/2.jpg 800w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/2-300x131.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/2-768x336.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 85vw, 800px\" \/><figcaption>Abbildung 2: Blick auf das Neubaugebiet Neust\u00e4dter Havelbucht und die Wilhelm-K\u00fclz-Stra\u00dfe, 1983; Foto: Horst Sturm; Quelle: Bundesarchiv.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Rechts und links die Hochh\u00e4user wie ein Tor. Dahinter: Lebensraum, sozialistische Heimat. Dort, wo einmal Wasser war. Das neue Wohnen \u2013 auf Sand gebaut. Die Wohnscheiben zeichnen das alte Ufer nach. Vor Anker: 1.500 Wohnungen. Markthalle, Caf\u00e9s, Schulen, Kitas. Sportbootliegepl\u00e4tze. Eine Platte mit Bootsanleger? Fortschritt. Mittendrin, aus alter Zeit, eine angeschwemmte Flaschenpost: Das Wasserwerk f\u00fcr Sanssouci. Ludwig Persius\u2018 verkitschte Orientvorstellung, in Stein gemei\u00dfelt. Ein Schornstein wie ein Minarett. Ein Gotteshaus als technisches Denkmal. Das ist okay, das bleibt, das wird restauriert. \u201eSozialistische Baukultur\u201c \u2013 das bedeutet Br\u00fcche auszuhalten. Persius und Platte. Dazwischen schwimmt ein Kompromiss: Die Seerose. HO Gastst\u00e4tte in Schalenbauweise \u2013 ein wenig architektonischer Individualismus, aber immerhin aus Beton. Ulrich M\u00fcther baut avantgardistisch, organisch. Ein Sonderfall. Das I-T\u00fcpfelchen. 1983.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"604\" height=\"199\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-105\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/grafik.png 604w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/07\/grafik-300x99.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 604px) 85vw, 604px\" \/><figcaption>Abbildungen 3 +4: Postkarte HO Gastst\u00e4tte Seerose; Wasserwerk (Moschee),1987<br>Quellen: DDR-Postkartenmuseum (J. Hartwig)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Man ist stolz auf dieses neue Viertel. Das Internat f\u00fcr die P\u00e4dagogische Hochschule. Die Wohnungen f\u00fcr die DEFA-Mitarbeiter:innen, Deutsche Post, Lokomotivbau \u201eKarl Marx\u201c. Querschnitt der Gesellschaft? Oder doch eher Symbol? Allemal: Touristische Attraktion! Die Verbindung von Alt und Neu, der Kontrast wird zum Erlebnis. Und zur Vermarktungsstrategie. Auf Postkarten lockt die Platte. Nach Potsdam \u2013 in einen st\u00e4dtebaulichen Hybrid aus Preu\u00dfentum und Sozialismus.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"922\" height=\"660\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/08\/90257c550388ca10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-163\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/08\/90257c550388ca10.jpg 922w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/08\/90257c550388ca10-300x215.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/plattenbau\/files\/2021\/08\/90257c550388ca10-768x550.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption>Abbildung 5: Plattenbauten in Potsdam; Quelle: DDR Postkartenmuseum (J. Hartwig)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Josephine Eckert<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellenverzeichnis: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Christian Klusemann (Hg.): Das andere Potsdam. DDR-Architekturf\u00fchrer, Berlin 2016.<\/p>\n\n\n\n<p>Landeshauptstadt Potsdam: Potsdamer Platte \u2026 im gr\u00fcnen Bereich. Zur Entstehungsgeschichte, Weiterentwicklung und den Perspektiven der Potsdamer Wohngebiete der 60er bis 80er Jahre, Potsdam 2008, URL: <a href=\"https:\/\/www.stadtkontor.de\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/PotsdamerPlatte.pdf\">https:\/\/www.stadtkontor.de\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/PotsdamerPlatte.pdf <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Potsdam Museum: Von der kurf\u00fcrstlichen Landschaftsallee zur sozialistischen Magistrale &#8211; die Wilhelm-K\u00fclzStra\u00dfe, Heft 29, Potsdam 1988.<\/p>\n\n\n\n<p>PWG 1956: 60 Jahre Potsdamer Wohnungsgenossenschaft 1956 eG, Potsdam 2016, URL: <a href=\"https:\/\/www.pwg1956.de\/images\/stories\/pdf\/abriss_60jahre.pdf\">https:\/\/www.pwg1956.de\/images\/stories\/pdf\/abriss_60jahre.pdf <\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Waltraud Volk: Potsdam historische Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze heute, Berlin 1988.<\/p>\n\n\n\n<p>Website der Wohnungsgenossenschaft \u201eKarl Marx\u201c, Chronik, URL<a href=\"https:\/\/wgkarlmarx.de\/ueber-uns\/geschichte\">: https:\/\/wgkarlmarx.de\/ueber-uns\/geschichte <\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Potsdam \u2013 Der royale Glanz der Prachtbauten und Lustg\u00e4rten einer barocken Sommerresidenzstadt. 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