
Im Jahr 2025 wurde der Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte mit dem Margherita-von-Brentano-Preis ausgezeichnet, unter anderem für innovative Lern-Lehr-Formate wie dem queerhistoryLab. Was es damit auf sich hat und worin das Besondere des Seminarkonzepts liegt, verrät uns Seminarverantwortliche Dr. Nina Reusch im Interview.
Das Interview führte Jana Gerlach
Zuerst möchte ich Euch zum Margherita-von-Brentano Preis gratulieren, den Ihr als Arbeitsbereich Fachdidaktik der Geschichte und auch für das queerhistoryLab als besonders innovatives Format innerhalb der Lehrkräftebildung erhalten habt. Bevor wir über dieses Projekt im Detail sprechen, möchte ich gerne von Dir wissen, inwieweit die Thematisierung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in der Schule überhaupt aktuell stattfindet. Was ist Dein Eindruck?
Nina Reusch: Ich denke, hier müssen wir danach unterscheiden, was einerseits in den Rahmenlehrplänen steht und was andererseits in der Schulpraxis tagtäglich umgesetzt wird. Tatsächlich machen die Rahmenlehrpläne einige gute Vorgaben und Angebote zu diesen Themen, was bereits ein politischer Erfolg ist. Die aktuelle Version für das Fach Geschichte in der Sekundarstufe I, die wir seit 2015 haben, ist zweigeteilt in sogenannte Basismodule, die einen chronologischen Durchritt durch die Geschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert vorgeben, und in Module mit thematischen Schwerpunkten wie z.B. Geschlechteridentitäten, Migrationen oder Armut und Reichtum. Mein Eindruck von den schulinternen Curricula und vor allem der tatsächlichen Unterrichtspraxis ist aber, dass es einen angenommenen Zwang gibt, mit dem Basismodul in der Chronologie durchzukommen, so dass die thematischen Module – also auch zu Geschlechteridentitäten – dann häufig hintenüberfallen.
Das bedeutet also konkret, dass die Thematisierung von Geschlechterverhältnissen im Geschichtsunterricht nicht verpflichtend ist, sondern die Schulen sich aussuchen können, ob sie dieses Thema behandeln oder nicht. Mit dem queerhistoryLab als Modul der Geschichtsdidaktik ist es Euch aber zumindest gelungen, die Auseinandersetzung mit Geschlechtergeschichte stärker im Lehramtsstudium zu verankern. Wie kam es dazu und war es schwer, dieses Konzept umzusetzen?
Nina Reusch: Das queerhistoryLab entstand aus dem Konzept der Lehr-Lern-Labore, die darauf abzielen, Bachelorstudierende möglichst früh an die Praxis heranzuführen. Für das Fach Geschichte wurden diese seit 2015 von David Seibert entwickelt. Dieses Konzept wurde 2019 für das queerhistoryLab übernommen und mit geschlechter- und queerhistorischen Inhalten gefüllt. Das Seminarkonzept und die theoretische Grundlage für das queerhistoryLab hat mein Kollege David Gasparjan erstellt, ich habe das Seminar vor zwei Jahren übernommen. Theoretische Grundlage ist der Begriff des historische Genderbewusstseins, ein von David Gasparjan und Martin Lücke entwickeltes Modell, das geschlechterhistorisches Lernen und Denken im Lehramtsstudiengang nachvollzieht. Im queerhistoryLab laufen geschlechterhistorische Inhalte, Lehrkräftebildung und Theoriearbeit zusammen: Die Studierenden beschäftigen sich inhaltlich mit queer- und geschlechterhistorischen Themen und Theorien und entwickeln Unterrichtseinheiten zu diesen Themen. Dafür sprechen wir im Seminar auch über die notwendigen didaktischen Grundlagen. Praktisch ausgetestet werden die Unterrichtseinheiten dann zusammen mit Schulklassen, die wir an die FU einladen.
Ihr vermittelt also theoretische Grundlagen zu Geschlecht, Geschlechtergeschichte als Perspektive und zugleich Fachdidaktik, die bestenfalls auch diversitätssensibel ist. Ist das nicht sehr herausfordernd?
Nina Reusch: Der Anspruch ist sehr hoch. Man darf da als lehrende Person nicht reingehen mit dem Anspruch, dass das alles perfekt von den Studierenden umgesetzt wird. Es ist ja ein Seminar für Bachelorstudierende im dritten Fachsemester, die zum ersten Mal mit Didaktik in Berührung kommen. Neben der geschlechter- und queerhistorischen Perspektive müssen wir also auch didaktische Grundlagen vermitteln. Ziel des Seminars ist ja, dass die Studierenden in diesem Seminar Unterricht planen, diesen ausprobieren und reflektieren. D.h. man muss mit denen auch noch darüber sprechen, wie man eigentlich Unterricht aufbaut. Da fließen also drei Stränge rein, die eigentlich viel zu viel sind für ein Bachelorseminar. Das funktioniert nur dann, wenn die Studierenden Bock darauf haben. Und das ist das Schöne: Die kommen entweder ins Seminar, weil sie Lust auf das Thema Geschlecht haben oder weil sie gern unterrichten und so eine Praxiserfahrung machen wollen. Da gibt es eine gewisse intrinsische Motivation bei den Studierenden, die es einfacher macht.
Mir ist aber wichtig, dass die Studierenden verstehen, wie Stereotype reproduziert werden, dass Geschlecht eine Rolle spielt, sowohl in der Schule als auch in der Geschichte.
Was ist das Wichtigste, was Du den Studierenden in dem Seminar vermitteln möchtest?
Nina Reusch: Ich denke, ich habe mein Ziel erreicht, wenn die Studierenden, die bisher noch nicht über Geschlecht nachgedacht haben, anfangen, darüber nachzudenken und zu verstehen „Ah, das ist irgendwie nicht eine biologische, sondern auch eine soziale und historische Kategorie!“ Und wenn sie sich mit Spaß und Freude an Unterrichtsplanung versuchen und merken, was gut und was weniger gut funktioniert. Ich habe nicht den Anspruch, dass die Leute danach theoretisch wahnsinnig versiert zum Thema Geschlechtergeschichte und queere Geschichte sind. Mir ist aber wichtig, dass die Studierenden verstehen, wie Stereotype reproduziert werden, dass Geschlecht eine Rolle spielt, sowohl in der Schule als auch in der Geschichte. Wenn die Studierenden damit rausgehen, dann bin ich eigentlich ganz zufrieden.
Alle haben natürlich Erfahrungen mit Geschlecht, mit ihrem Geschlecht und mit dem, was die Welt diesbezüglich von ihnen erwartet – auch Studierende, für die Queerness nicht Teil ihrer Lebenswirklichkeit ist.
Wie wird das Seminar von den Studierenden angenommen? Welche Erfahrung machst Du als Lehrende?
Nina Reusch: Die Seminare sind eigentlich bisher immer voll belegt gewesen. Die Interaktion ist total herausfordernd und interessant. Ich muss es als Dozentin schaffen, ein Diskussionsniveau zu finden, mit dem alle mitkommen. Oft gibt es eine Gruppe mit sehr viel Vorwissen und eine mit weniger, da muss ich immer ein bisschen lavieren. Ich erreiche die Studierenden aber sehr gut mit Übungen zur Selbstreflexion, die Teil des Seminars sind. Denn alle haben natürlich Erfahrungen mit Geschlecht, mit ihrem Geschlecht und mit dem, was die Welt diesbezüglich von ihnen erwartet – auch Studierende, für die Queerness nicht Teil ihrer Lebenswirklichkeit ist. Das ist immer ein guter Anknüpfungspunkt und da wird auch immer viel diskutiert. Ich habe den Eindruck, Studierende haben Lust, sich damit auseinanderzusetzen und nehmen das dankend an.
In die Lehr-Lern-Labore kommen ja Schüler*innengruppen, die dann von den Studierenden probeweise unterrichtet werden. Welche Erfahrungen habt Ihr hier gemacht?
Nina Reusch: In den letzten beiden Jahren, in denen ich das Seminar angeboten habe, hatten wir Gruppen aus sieben Schulen aus dem gesamten Berliner Raum bei uns. Die Erfahrung der Studierenden beim Unterrichten dieser Gruppen ist oft, dass man das Niveau meistens doch noch mal ein ganzes Stück niedriger ansetzen muss, als man glaubt. Aber insgesamt wurde der Unterricht gut angenommen und die Schüler*innen fanden es spannend, mal die Uni von innen zu sehen und von relativ jungen Leuten unterrichtet zu werden.
Hast Du Studierende, die bereits in der Schule arbeiten? Was berichten die über den Umgang mit Queerness im Schulalltag?
Nina Reusch: Ich bekomme häufig zurückgemeldet, dass die theoretischen und didaktischen Grundlagen, die wir hier an der Uni vermitteln, in der Schule gar nicht genutzt werden; dass da andere, pragmatischere Fragen handlungsleitend sind. Das ist vor allem häufig bei älteren Lehrkräften so. Aber daraus würde ich nicht ableiten, dass es falsch ist, was wir hier an der Uni machen, sondern dass es gut ist, mehr von dem, was wir hier machen, in die Schulen hineinzutragen. Es gibt aber mittlerweile auch einige Schulen, die zum Beispiel Queer AGs haben, in denen einzelne Schüler*innen und Lehrkräfte super engagiert sind. Also ich sehe schon, dass da was in Bewegung ist in der Berliner Schullandschaft. Viele Initiativen, die queere Themen in die Schule hineinbringen, sind allerdings von den aktuellen politischen Entwicklungen sehr gefährdet, sowohl was rechte Angriffe angeht, als auch in Bezug auf Fördermittel, die momentan massiv gestrichen werden.
Wie geht es jetzt mit dem queerhistoryLab weiter?
Nina Reusch: Ich kann mit Freude berichten, dass das Seminar ab dem Sommersemester 2026 von meiner Kolleg*in Merlin Sophie Engel weitergeführt wird und zwar im Kontext eines größeren Projekts, das Bildungsangebote zu queerer Geschichte durchführt und zugleich beforscht. Das heißt, das Seminarkonzept des queerhistoryLab wird nicht nur weiter angeboten, sondern gleichzeitig wird erforscht, wie das historische Lernen von Lehramtsstudierenden in diesem Kontext funktioniert.
Die Studierenden kommen später in eine Institution, die soziale Ungleichheit einerseits reproduziert und gleichzeitig aber auch abbauen soll. Das heißt, wir sind mitten im Kampffeld der Bildungsungleichheit.
Hast Du Wünsche an die Zukunft der Lehrkräftebildung allgemein?
Nina Reusch: Ich würde mir wünschen, dass die Lehrkräftebildung sich ganz allgemein viel stärker gesellschaftlichen Fragen widmet und dass es ganz selbstverständlich zur Lehrkräftebildung gehört, sich mit sozialer Ungleichheit – im Sinne von Race, Class und Gender – auseinanderzusetzen. Weil die Studierenden später in eine Institution kommen, die soziale Ungleichheit einerseits reproduziert und gleichzeitig aber auch abbauen soll. Das heißt, wir sind mitten im Kampffeld der Bildungsungleichheit. Es wäre schön, wenn da alle reingehen mit einer Selbstreflexion über ihre eigene Position, weil natürlich auch die Studierenden ja Resultate von Bildungsungleichheit sind. Ich mache mir jetzt nicht vor, dass man diese Ungleichheiten abbauen kann, nur weil man sich irgendwie darüber bewusst ist. Aber ich denke, sich darüber bewusst zu sein, in was für einer Institution man steckt, ist ein wichtiger erster Schritt, um sich überhaupt darin bewusst bewegen zu können. Ich würde mir wünschen, dass auch die Fachdidaktik Geschichte da viel stärker in den Diskurs reingeht. Dass man weniger über Aufgabenstellungen im Unterricht diskutiert, sondern über gesellschaftspolitische Fragen – auch die Frage, welche Rolle Geschichte in unserer Gesellschaft einnimmt und wie wir uns als Fachdidaktiker*innen da positionieren.

Dr. Nina Reusch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte der FU Berlin und war von 2023 – 2025 für die Durchführung des Lehr-Lern-Labors queerhistoryLab zuständig. Sie unterrichtet mit Hochdeputat in der Lehrkräftebildung. Zu ihren Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. Frauen- Geschlechter- und queere Geschichte sowie historisches und Zukunftsdenken im Angesicht der Klimakrise.
Links zum Thema:
- Handreichung „queerhistoryLab“
- Internetplattform „queerhistoryLab“
- Konzeptpapier „queerhistoryLab“ von Birgit Marzinka und Nina Reusch
- Vorstellung des Seminarkonzepts in der Toolbox