Öfter mal eine Autorin lesen

Von Anne-Sophie Schmidt

Der Artikel ist zuerst im Online-Magazin campus.leben der Freien Universität Berlin erschienen.

Angeregt durch ein Seminar am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie führten Studentinnen der Freien Universität eine Umfrage zu Sexismus im Literaturbetrieb durch

In ihrem Studium der deutschen Philologie liest Chantal Bossdorf überwiegend Werke von Goethe, E.T.A. Hoffmann oder Thomas Mann. Autorinnen finden sich immer noch selten auf Klassiker-Leselisten; erst seit einigen Jahren werden vermehrt Schriftstellerinnen aus vergangenen Epochen in kanonischen Übersichten geführt.

Durch ein Seminar im gerade zu Ende gegangenen Sommersemester wurde Chantal Bossdorf bewusst, wie diese Auswahl eine jahrhundertelange Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im Literaturbetrieb widerspiegelt. Als Reaktion darauf führte die Studentin mit vier Kommilitoninnen eine Umfrage zum Thema „Sexismus in der Literaturbranche“ durch.

#MeToo und Literaturbetrieb

Im Rahmen des Bachelorseminars „#MeToo und Literaturbetrieb“ bei Professorin Anne Fleig befragte die Gruppe Angehörige des Literaturbetriebs nach ihren Erfahrungen mit Sexismus. „Die Umfrage hat uns einen kleinen Einblick vermittelt“, sagt Vivien Rachow, die auf Lehramt Sonderpädagogik und Deutsch im Bachelor studiert und an der Umfrage beteiligt war. „Viele unserer Annahmen und Vermutungen wurden leider bestätigt. Ein Großteil der Befragten ist sich der vorherrschenden Diskriminierung bewusst, viele haben selbst Erfahrungen mit Sexismus gemacht.“

Die Umfrage fand, wie das ganze Seminar, online statt. „Wegen des digitalen Semesters gab es ganz neue Formen und Formate – und auch mehr Freiheit als sonst“, sagt Seminarleiterin Anne Fleig. „Ich finde es toll, dass diese Freiheit auch genutzt wurde. Die Studentinnen haben die Umfrage auf eigene Initiative gestartet und sind zu bemerkenswerten Ergebnissen gekommen.“

An der Umfrage beteiligten sich 125 Personen aus der Literaturbranche

Die Gruppe koordinierte sich ausschließlich über Messenger-Dienste, über Soziale Medien machte sie die Umfrage publik und schrieb Vertreterinnen und Vertreter der Literaturbranche an. Am Ende nahmen 125 Menschen teil, darunter 98 Frauen: Autorinnen und Autoren, Lektorinnen und Lektoren, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Verlagen.

Vor dem Seminar konnten sich die 21-jährige Chantal und die 24-jährige Vivien wenig unter dem Thema vorstellen. Chantal hatte von der #MeToo-Debatte, ausgelöst durch den Skandal wegen hundertfacher sexueller Übergriffe des US-Filmproduzenten Harvey Weinstein, bis dahin nur im Fernsehen gehört. Sie hatte das Thema auch deswegen ausschließlich mit Film- und Fernsehstars verbunden. „Dass es ähnliche Vorfälle auch in der Literaturbranche gibt, wurde mir erst im Seminar bewusst.“ Damit war sie nicht allein, viele hörten in der Lehrveranstaltung zum ersten Mal davon.

Gemeinsam diskutierten die Studierenden über Machtverhältnisse in der Literaturbranche, lernten, welchen Einfluss Literaturpreise und Bestenlisten wie die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises haben, und lasen den Roman Hippocampus von Gertraud Klemm. Darin nimmt die Autorin den Literaturbetrieb aufs Korn und beschreibt diskriminierende und sexistische Strukturen der Branche.

Ungewollte Berührungen von männlichen Kollegen, unangemessene Kommentare zum äußeren Erscheinungsbild, stereotype Berichterstattung, das Vorurteil, als Autorin nur für bestimmte Themenbereiche geeignet zu sein, schlechtere Bezahlung bis hin zu sexuellen Übergriffen – die Antworten der Teilnehmenden zu ihren Erfahrungen sind reichhaltig.

Austausch über das Thema ist wichtig

Dass die Umfrageergebnisse nicht repräsentativ sind, ist den Studentinnen klar – dennoch seien die gewonnenen Erkenntnisse zu Machtstrukturen und -missbrauch im Literaturbetrieb für sie erhellend. Und noch etwas ist ihnen deutlich geworden: „Ich habe gemerkt, dass man bei einer Umfrage sprachlich sensibel sein muss,“ sagt Vivien Rachow. „Manchen sind schlimme Dinge passiert. Deshalb hätte ich einige Fragen im Nachhinein vorsichtiger formuliert. Man weiß nie, was Menschen erlebt haben.“

Rachow meint aber auch, dass wichtige Fragen gestellt werden müssten, und auch viele Befragte gaben an, dass sie Betroffenen von Sexismus empfehlen würden, sich mit anderen auszutauschen und Vorfälle öffentlich zu machen.

Überrascht war die Gruppe, dass viele an der Umfrage Beteiligte als Lösung für das Problem der Geschlechterungleichheit Quotenregelungen vorschlugen. „Diese Regeln haben oftmals einen unangenehmen Beigeschmack“, sagt Rachow. „Viele sagen, eine Quote passe nicht in den kulturell-künstlerischen Bereich, weil dort Freiheit wichtig sei. Aber manchmal braucht es solche Regeln, zumindest am Anfang, um langfristig gleichberechtigten Zugang herzustellen.“

Andere Befragte wünschten sich gleiche Bezahlung, mehr Transparenz in der Preisvergabe, diverser besetzte Jurys und Entscheidungspositionen sowie mehr Rücksicht auf Berufstätige mit Familie.

Was kann Kunst bewirken?

Inspiriert durch Gertraud Klemms Roman, in dem die Protagonistin Statuen berühmter Männer mit Perücken oder einer Vulva schmückt, fragten die Studentinnen auch, wie wirksam künstlerische Aktionen bei der Durchsetzung von Gleichberechtigung sein können. In ihren Antworten zeigten sich viele der Befragten zustimmend, warnten aber auch vor kurzlebigen Trends, die zwar Aufmerksamkeit erzeugten, aber nichts an systembedingter Ungerechtigkeit änderten.

Vivien Rachow wurde durch die Beschäftigung mit dem Thema Sexismus in der Literaturbranche letztlich auch bewusst, welche Macht sie als Konsumentin und welches Gewicht ihre Kaufentscheidung auf dem Buchmarkt hat. „Ich werde vielleicht in Zukunft aktiver auch nach Autorinnen suchen. Man greift ja doch oft zu Bestseller-Empfehlungen. Die stammen aber oft von Autoren, weil Männer häufig Männer veröffentlichen und unterstützen.“

Auch Chantal Bossdorf hat durch die Umfrage einen anderen Blick gewonnen. „Ich werde in Zukunft bewusster Bücher von Autorinnen zur Hand nehmen, von einer nicht-weißen Frau oder von LGBTQI*. Es ist schön zu wissen, dass ich Einfluss darauf nehmen kann, dass mehr Leute darauf achten, was sie lesen.“ Vielleicht wird dann auch der Literaturkanon zukünftiger Germanistik-Studentinnen diverser – und zu E.T.A. Hoffmann und Thomas Mann gesellt sich eine Autorin wie etwa Gertraud Klemm.

Soziale Herkunft an Hochschulen: Interview mit Hannah Rindler von ArbeiterKind.de

"Also es ist ja durchaus auch eine Kompetenz, in zwei Welten zuhause zu sein, eine besondere Leistungsanstrengung hinter sich gebracht zu haben und bestimmte Hürden genommen zu haben, die andere nicht nehmen mussten." (Hannah Rindler)

Welche Rolle spielt soziale Herkunft, also der Bildungshintergrund von Studierenden, aktuell an der Hochschule? Welche Erfahrungen machen Studierende, die als Erste in ihrer Familie studieren, im Unterscheid zu  Studierenden mit akademischem Familienhintergrund?

„Studierende der ersten Generation“, „first generation academics“ oder „working class academics“ – so bezeichnen sich Personen, die als Erste in ihrer Familie ein Studium begonnen haben. Bei diesen Selbstbezeichnungen handelt es sich um neutrale, beschreibende Formulierungen oder um die positive Betonung einer Vorreiter*innenrolle. Damit stehen die Begriffe im Gegensatz zu der häufig zu findenden Fremdbezeichung „bildungsferne Studierende“, die eine Distanz zur Norm, eine Abweichung, betont.

In diesem Good-Practice-Beispiel möchten wir eine Organisation vorstellen, die ebenfalls die Position als Vorreiter*in ins Zentrum stellt. Die gemeinnützige Organisation ArbeiterKind.de hat das Motto „für alle, die als erste in ihrer Familie studieren“. Motiviert durch ihre eigenen Erfahrungen als Studentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin gründete Katja Urbatsch 2008 ArbeiterKind.de. Was als ehrenamtliches Projekt begann, ist mittlerweile eine mehrfach ausgezeichnete Organisation mit mehr als 30 Mitarbeiter*innen in ganz Deutschland.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Soziale Herkunft als folgenreiche Diversitätsdimension
  • Videointerview mit Hannah Rindler, Bundeslandkoordinatorin Berlin von ArbeiterKind.de
  • Literaturhinweise

Practicing Academic Kindness in the Classroom

by guest author Philipp Schulz

This text was first published on the blog „Duck of Minerva“ on February 17, 2020. The blog focuses on world politics from an academic perspective. We thank the author and publishers for the opportunity to share this article on our Toolbox-Blog.

Academic competitiveness and pettiness is alive and real. From expediting demands of the competitive academic job market, disrespectful peer review comments, to micro-aggressions and open hostilities at conferences – in particular to early career, women and/or people of colour scholars – there seem to be countless examples for an acute absence of kindness and empathy in the academy. Probably most of us, although to varying degrees, have been confronted with the unkind aspects of academic environments. In many ways, of course, these problems are embedded in wider structural problems of racism and sexism within the academy at large.

Fortunately, there seems to be increasing (albeit slow) recognition of the toxic practices of academic work cultures. As an early career researcher, I am particularly excited about some of the kindness that many of my peers are extending and the horizontal generosity that is beginning to spread across conferences, workshops and social media. Yet, I do believe that the (sub-)field of feminist international relations is particularly unique in that way, perhaps not unrelated to some of the disciplinary sanctioning and marginalizing that the field still experiences in the discipline more widely.

Kindness through Thank You Emails

Inspired by some of that inclusivity and kindness of the scholars I look up to and read – and I am specifically looking at Cynthia Enloe here, who has often been praised for being ‘amazingly generous to feminist colleagues and graduate students’, or my former supervisor Fionnuala Ní Aoláin – I too aim to be more mindfully generous and kind, in my research and writing, as well as during conferences/workshops and teaching. Here, I want to share one particular way in which I try to practice (and teach) academic kindness in the classroom: Together with my students, for each session in our seminars, we write an email to the authors we read that day, to share our appreciation for their work.

The idea came to me when a scholar whose work I absolutely admire in an email also mentioned that she had assigned one my recently published articles in one of her seminars, and that the students liked the text. For me, this was the first time I heard that someone had used any of my writing in class, let alone that it was apparently well received, and so this was an absolute highlight for me that semester. I have also been inspired by others following similar paths, such as Megan Mackenzie, who has previously recorded thank you videos with her students for the authors they read in class, and shared those publicly via twitter.

Influenced by that, I intend to myself share more positive feedback with the authors I read – whether for research or for teaching. We all get so used to receiving and articulating critique (mostly constructive, but often also harsh, unreasonable and imbalanced) about our work and papers, whether at conferences, during peer-review or from supervisors and/or peers. But in my experience so far, we too seldom just articulate positive, affirmative, encouraging and generous feedback about something we truly enjoyed reading, and from which we benefited intellectually, politically or even personally.

In order to change that, for the past two semesters now, I have made it a practice of together with my students sending positive feedback emails to the authors we read. With these emails, we aim to let the authors know how we engaged with their work, to recognize and thank them for their work, and to share with them how this has been beneficial for us.

How does this look like in practice? „Practicing Academic Kindness in the Classroom“ weiterlesen

Black History Month: 8 Podcasts über Schwarze Geschichte und Kultur

Februar ist „Black History Month„! Anfang des Monats haben wir zu diesem Anlass bereits einige Bücher von Schwarzen¹ Autor*innen empfohlen. Doch auch über andere Medien können Interessierte etwas über Schwarze Geschichte und Kultur (dazu)lernen. So gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Podcasts, in denen Schwarze Menschen über ihre Perspektiven auf Politik und Gesellschaft sprechen. Mal wissenschaftlich, mal eher persönlich, mal journalistisch – und manchmal eine Mischung aus all diesen Dingen. Auf jeden Fall aber: kritisch. Hier stellen wir 8 Podcasts vor und empfehlen jeweils eine Folge zum Einstieg:

„Afropod: Kompromisslos schwarz“, Folge: „Schwarze Menschen, Deutschland und die Konstruktion von Rasse“
Maciré Bakayoko und Fatou Sillah sind Aktivistinnen aus Bremen. In ihrem „Afropod“ bieten sie gesellschaftliche Analysen aus dezidiert Schwarzer Perspektive. In der ersten Folge geht es darum, wie Schwarze Menschen in der deutschen Gesellschaft unsichtbar gemacht wurden und werden. Sie nehmen außerdem die deutsche Kolonialgeschichte in den Blick, wie das Deutsche Reich vom transatlantischen Sklavenhandel profitierte und wie es dazu beitrug, Rassismus pseudowissenschaftlich zu institutionalisieren.

„Black and Breakfast“, Folge: „Impostor Syndrome“
Jaide und Joana sind „zwei Berlinerinnen, denen die Stimmen von Women of Colour in Deutschland gefehlt haben“. In der Folge zum „Impostor Syndrome“ geht es um das Phänomen, das auftritt, wenn sich Personen ihre Erfolge nicht selbst zuschreiben, sondern sich als Hochstapler fühlen: „Das war nur Glück“, „Die Klausur war so leicht“. Dass diese Denkmuster vor allem bei marginalisierten Bevölkerungsgruppen auftreten, ist dabei kein Zufall.

„Code Switch“, Folge: „The Birth of a ‚New Negro'“
„Code Switch“ ist ein aufwändig produziertes Storytelling-Format von People of Colour. Der Podcast stammt vom US-amerikanischen „National Public Radio“ (NPR). In der Folge „The Birth of a ‚New Negro'“ geht es um Alain Locke. Der afroamerikanische, schwule Philosoph wird häufig als „Vater der Harlem Renaissance“ bezeichnet, der wichtigsten künstlerischen und sozialen Bewegung von Afroamerikaner*innen im frühen 20. Jahrhundert. Er studierte an der Universität Berlin, dem Vorläufer der späteren Humboldt-Universität, und prägte die afrodeutsche Szene entscheidend mit.

„Die kleine schwarze Chaospraxis“, Folge: „akademia“
Die Poetry-Slammerin Ninia la Grande und die Schauspielerin und Sängerin Denise M’baye sprechen in der „Kleinen schwarzen Chaospraxis“ humorvoll über Alltägliches, Feminismus und Inklusion – „im perfekten Imperfektionismus“, wie sie selbst sagen. In dieser Folge nehmen sie den Wissenschaftsbetrieb und vor allem dessen Sprache in den Blick: Wen schließt sie ein, wen schließt sie aus? Von diesen Analysen bleibt in der Episode auch die Freie Universität Berlin nicht verschont.

„Essay und Diskurs“, siebenteilige Reihe zu „Identitäten“, Folge: „Farbe bekennen“
Die Sendung „Essay und Diskurs“ läuft im Deutschlandfunk und veröffentlichte zum Jahreswechsel eine Reihe mit dem Titel „Identitäten“. Darin widmen sich Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende verschiedenen Themen: In der Folge „Farbe bekennen“ beschäftigt die Kuratorin und Autorin Mahret Ifeoma Kupka sich kritisch mit Büchern afrodeutscher Autor*innen: Mit welchen Rassismusbegriffen sie operieren, ob sie die weißen Leser*innen herausfordern – oder diese eher beschwichtigen.

„Feuer und Brot“, Folge: „White Saviorism“
Maxi Häcke und Alice Hasters sind seit ihrer Kindheit beste Freundinnen. Als „Feuer und Brot“ widmen sie sich Themen aus Politik und Popkultur. Alice Hasters hat zudem kürzlich ein Buch mit dem Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber hören sollten“ veröffentlicht. In der empfohlenen Folge geht es um weiße Menschen, die etwa in Form von Freiwilligendiensten nicht-weiße Menschen „retten“ wollen – und dabei oft mehr Schaden anrichten als helfen.

„The Nod“, Folge: „Nobody Looks Like Me“
Im US-amerikanischen Podcast „The Nod“ sprechen Brittany Luse und Eric Eddings über ernstere und unterhaltsamere Aspekte Schwarzer Kultur. In der vorgestellten Folge geht es um ein besonderes historisches Ereignis: 1961, als Schulen in den USA noch überwiegend segregiert waren, waren die „Memphis 13“ – gerade einmal Erstklässler – die ersten Schulkinder, die Schulen besuchten, die vormals ausschließlich weißen Kindern vorbehalten waren. In „Nobody Looks Like Me“ sprechen die Moderator*innen mit dem Vater eines der „Memphis 13“.

„Tupodcast“, Folge: „Wie wir zu uns selbst kommen“
Tupoka Ogette ist vor allem für ihre antirassistische Bildungsarbeit bekannt. Ihr Buch „exit Racism“ gehört zu den Standardwerken in diesem Bereich. Im „Tupodcast“ spricht sie mit anderen Schwarzen Frauen über Diskriminierung und Widerstand, Inspiration und Empowerment. In der Folge „Wie wir zu uns selbst kommen“ spricht sie mit Pascale Virginie Rotter, Projektkoordinatorin für „Empowerment, Sensibilisierung und antirassistische Öffnung“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

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¹Der Begriff „Schwarz“ wird in diesem Beitrag bewusst groß geschrieben. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass es sich dabei nicht um biologische Eigenschaften oder lediglich die Hautfarbe, sondern um eine Strukturkategorie in einem globalen Machtgefüge handelt. Für weiße Menschen hat sich die kursive, kleingeschriebene Variante etabliert. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Brettspiel „Identitätenlotto“ zu Gender, Vielfalt und Diskriminierung kann bei der Toolbox ausgeliehen werden

Gendertheorien praktisch und erfahrungsorientiert zu vermitteln – dieser in der Lehre erlebte Bedarf stand am Anfang der Entwicklung des Identitätenlottos. Juliette Wedl hat sich gemeinsam mit einigen Kolleg*innen am Braunschweiger Zentrum für Gender Studies an die Arbeit gemacht und ein Lehr-Lernspiel zu Gender, Vielfalt und Diskriminierung entworfen, getestet und weiterentwickelt. Jetzt ist das Brettspiel erschienen.

Mit einer zufällig gezogenen Spielidentität durchlaufen die Spieler*innen verschiedene Lebensthemen wie Alltag in Deutschland, Selbstbild und Familie. Gemeinsam werden Wissens- und Ereigniskarten sowie Entscheidungen auf Grundlage der Spielidentität diskutiert.

Mehr zum Ablauf und Einsatz des Brettspiels sowie Hinweise zur Reflektion finden Interessierte in dem Artikel „Identitätenlotto – Ein Spiel quer durchs Leben“ von Juliette Wedl, der als eines der Good-Practice-Beispiele in der ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‚ veröffentlicht wurde.

Weitere Informationen zum Spiel gibt es unter https://identitaetenlotto.de/. Dort kann das Spiel auch bestellt werden. Es kostet 50 Euro.

Mitarbeiter*innen und Studierende der Freien Universität Berlin können ein Exemplar des Spiels gegen Vorlage eines Lichtbildausweises beim Toolbox-Team am Arbeitsbereich Zentrale Frauenbeauftragte ausleihen. Schicken Sie uns bei Interesse einfach ein E-Mail.

 

Gute Nachbar*innenschaft: Interview zu den Gender-Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW

Unter der Kategorie „Gute Nachbar*innenschaft“ stellen wir regelmäßig Angebote anderer Hochschulen zu gender- und diversitätsbewusster Lehre vor. Diese Woche geht es um die Gender Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW, eine einzigartigen Datenbank mit Vorschlägen zur Integration von Lehrinhalten der Frauen- und Geschlechterforschung in 54 Studienfächer. Auch die  inhaltlichen Anknüpfungspunkte für jedes Fach, die wir in der Toolbox veröffentlicht haben, basieren auf diesen Gender Curricula.

Die Toolbox-Mitarbeiterin Melanie Bittner hat mit Dr. Lisa Mense und Dr. Heike Mauer ein Interview über die Entwicklung und Nutzung der Gender-Curricula geführt.

Von der Genderforschung zu Gender Curricula

Das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW hat eine Datenbank mit Gender Curricula für über 50 Fächer erstellt. Gibt es mittlerweile eigentlich in jedem Fach Genderforschung?

In jedem Studienfach sicherlich nicht, auch wenn die Geschlechterforschung mittlerweile sowohl in vielen Einzelwissenschaften als auch als eigenes Fach, Gender Studies, eingeführt ist. Dies zeigen die über 200 Professor*innen mit einer entsprechenden Denomination an den Hochschulen in Deutschland, die Sektionen und Arbeitsgruppen der Frauen- und Geschlechterforschung innerhalb von Fachgesellschaften sowie die vielen wachsenden landes- und bundesweiten Netzwerke der Frauen- und Geschlechterforschung. Geschlechterforschung ist bereits seit ihren Anfängen als Frauenforschung und feministische Theorie besonders stark in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften verankert, aber auch in den Natur- und Technikwissenschaften war und ist sie vertreten. Dies spiegelt sich auch in der Datenbank www.gender-curricula.com wider.

Wer hat die Gender Curricula erstellt?

Die in der Datenbank zusammengetragenen Vorschläge, wie Inhalte und Methoden der Geschlechterforschung in die Curricula verschiedener Studienfächer integriert werden können, wurden von ausgewiesenen Fachwissenschaftler*innen entwickelt. Und es ist gelungen, für zurzeit 56 Studienfächer – und damit fast alle in Deutschland studierbaren Fächer – Expert*innen zu gewinnen. D. h. konkret, dass die Inhalte für das Fach Mathematik von einer Mathematikprofessorin erstellt wurden und die Inhalte aus der Romanistik von einem Professor für romanische Literaturwissenschaft. Zudem werden für jedes Curriculum weitere Expert*innen als Ansprechpersonen genannt, um die Vielfalt der Geschlechterforschung innerhalb der jeweiligen Fachdisziplinen sichtbar zu machen.

Allerdings zeigt sich auch, dass insbesondere in den technik-und naturwissenschaftlichen Fächern nur wenige Fachwissenschaftler*innen mit einem Schwerpunkt in der Geschlechterforschung forschen und lehren. Während beispielsweise in der Politikwissenschaft, aber auch in der Mathematik, mehrere ausgewiesene fachwissenschaftliche Geschlechterforscher*innen aufgeführt sind, gilt dies nicht im gleichen Maße für die Studienfächer der Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, zumindest im deutschsprachigen Raum. Dennoch werden auch für diese Fächer, wie beispielsweise für die Nautik, Vorschläge unterbreitet, wie Genderaspekte im Curriculum berücksichtigt werden können: Themen sind hierbei u. a. Personalführung oder auch Team- und Projekt-Management der Schiffsbesatzungen. Hier werden Genderaspekte vor allem auf der Ebene von „Geschlechtsrollenmustern“ oder als Unterschiede und Konflikte zwischen Frauen und Männern verstanden, während erkenntnistheoretische Grundlagen, wie im Curriculums-Vorschlag für die Informatik, weniger angesprochen werden.

Warum ist eine Verankerung der Genderforschung in all diese Studiengänge notwendig?

Geschlecht ist eine sehr grundlegende Struktur unserer Gesellschaft, die nicht nur unser Denken und Handeln auf sehr vielfältige Weise prägt, sondern ebenfalls Organisationen, Institutionen und Gesellschaft und insbesondere auch die Wissenschaften. Deshalb ist es in Bezug auf viele Themen schlicht nicht möglich, gute Wissenschaft zu betreiben, ohne hierbei die Kategorie ‚Geschlecht‘ systematisch zu reflektieren. „Gute Nachbar*innenschaft: Interview zu den Gender-Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW“ weiterlesen

Wie gendergerecht war Ihre Lehre? Online-Tool zur Selbstevaluation der Universität Freiburg (CH)

Ziehen Sie Bilanz

Bald endet die Vorlesungszeit des Sommersemesters und damit auch viele Lehrveranstaltungen. Zur Verbesserung der eigenen Lehre empfehlen wir allen Lehrenden eine systematische Nachbereitung. Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit und halten Sie alle Überlegungen, Eindrücke, Schwierigkeiten, Erfolge, Rückmeldungen und Änderungsideen schriftlich fest, so dass Sie die Notizen für Ihre weitere Lehrplanung auch zu einem späteren Zeitpunkt nutzen können.

Besonders anregend für die Reflexion von Geschlechtergerechtigkeit in der Lehre ist das komfortable Online-Selbstevaluationstool der Universität Freiburg (CH).

So funktioniert das Tool

(1) Zunächst wählen Sie aus, ob Sie mit einem expliziten oder einen impliziten Ansatz geschlechtergerechter Lehre gearbeitet haben: Beim impliziten Ansatz geht es darum, für alle Studierenden – unabhängig vom Geschlecht – gute Lernmöglichkeiten zu schaffen. Es bedeutet zum Beispiel, Zuschreibungen zu hinterfragen und Stereotypisierungen zu vermeiden. Der explizite Ansatz beinhaltet diese Aspekte ebenfalls, geht aber darüber hinaus: „Der Erwerb von Genderkompetenz durch die Studierenden ist in Ihrer Veranstaltung oder im Curriculum als Lernziel deklariert.“

(2) Anschließend entscheiden Sie, welche Dimensionen Sie mit dem Tool gerne evaluieren möchten:

  • Kommunikation durch die Lehrperson
  • Fachinhalte
  • Lehr-/Lernmethoden
  • Interaktion in der Lehre
  • Selbstverständnis als Lehrperson
  • Überprüfung der Leistung von Studierenden
  • Evaluation der eigenen Lehre

(3) Dann beantworten Sie einige Fragen mit Hilfe einer Skala. Zu jeder Frage können Sie eine Erläuterung anklicken, in der die Bedeutung der Frage erklärt wird. Im letzten Schritt erhalten Sie ein Feedback mit weiteren Anregungen.

Beispiel für Auswahloptionen „impliziter Ansatz“ und „Fachinhalte“

Bei dieser Vorauswahl beantworten Sie zum Beispiele folgende Frage:

In der Erläuterung zu dieser Frage finden Sie einen Text, der die Bedeutung der Frage erläutert: „In vielen Fachbereichen ist der Kanon von männlichen Autoren dominiert. Autorinnen werden erwiesenermaßen weniger oft zitiert. Wenn es inhaltlich angebracht ist, achten Sie darauf, in der Zusammenstellung von Literatur zu Ihrer Lehrveranstaltung auch Fachbeiträge von Autorinnen aufzuführen. Sie nehmen dafür gelegentlich auch zusätzlichen Suchaufwand in Kauf.“

Stärken und Schwächen des Tools

Das Online-Selbstevaluationstool hilft, eine große Bandbreite an Aspekten wahrzunehmen, die für geschlechtergerechte Lehre wichtig sind. Sie können Ihre eigene Praxis und Haltung reflektieren. Kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Kategorie Geschlecht hier ausschließlich binär verstanden wird, also beispielsweise nur nach männlichen und weiblichen Studierenden gefragt wird. Die real existierende und mittlerweile auch rechtlich in Deutschland anerkannte Vielfalt von geschlechtlicher Identität, wie z. B. die „dritte Option“ beim Eintrag des Personenstands, wird hier nicht berücksichtigt. Auch weitere Diversitätsdimensionen wie soziale Herkunft oder Alter werden, wie die Verfasser*innen auch transparent machen, selten explizit berücksichtigt. Es ist also wichtig, sich dieser Engführung bewusst zu sein und ggf. selbständig mehr Vielfalt in den Blick zu nehmen.

Das Online-Selbstevaluationstool wurde im Rahmen des Projekts E-qual + „Lehrevaluation als Instrument zur Gleichstellungsförderung“ am Centre de Didactique Universitaire der Universität Freiburg (CH) entwickelt.

Es wird unter der Creative-Commons-Lizenz Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported zur Verfügung gestellt.

L’outil d’auto-évaluation est mis à disposition en allemand et français.

Weitere Hinweise zur Nachbereitung von Lehrveranstaltungen, z.B. auch im Kolleg*innenkreis, finden Sie in der Toolbox Gender und Diversity in der Lehre

Save the Date: Treffen des ‚Netzwerks Gender und Diversity in der Lehre‘ am 11.10.19

Was ist das ‚Netzwerk Gender und Diversity in der Lehre‚?

Das Netzwerk ist ein autonomes Netzwerk von Personen, die strategisch und/oder operativ im Bereich Gender und Diversity in der Hochschullehre arbeiten und sich untereinander vernetzen und kontinuierlich zusammenarbeiten wollen. Das Netzwerk dient dem Informationsaustausch sowie der inhaltlichen und strategischen Zusammenarbeit.

Wie arbeitet das Netzwerk?

In der jetzigen Ausrichtung besteht das Netzwerk seit November 2016. Die Kommunikation erfolgt über eine Mailingliste. Vernetzungs- und Arbeitstreffen finden circa zweimal im Jahr an unterschiedlichen Hochschulen in Deutschland statt. Auf den Treffen und in Arbeitsgruppen wird momentan zu verschiedenen Themen gearbeitet, zum Beispiel zu gender- und diversitätsbewusste Didaktik und Methodik, fachspezifische und interdisziplinäre Curricula sowie Organisationsentwicklung. Die Verantwortlichkeit für die Organisation der Treffen wandert zwischen den Mitgliedern. Das nächste Treffen am 11.10.19 wird von Dr. Lena Eckert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg organisiert.

Wie kann ich im Netzwerk aktiv werden?

Das Netzwerk ist offen für neue Mitglieder, die Expertise im Feld Gender und Diversity in der Lehre mitbringen und an einer kontinuierlichen Zusammenarbeit interessiert sind. Für weiterführende Informationen kontaktieren Sie gerne Dr. Lisa Mense.

 

Vortrag „Gender- und Diversitykompetenz in der Hochschullehre – Praxisorientierte Beispiele“ von Dr. Lisa Mense

Do 27.6.19, 16-18 Uhr

Dieser Workshop ist Teil einer Veranstaltungsreihe zu Gender und Diversity in der Lehre der Naturwissenschaften. Mehr Informationen finden Sie hier.

Organisation: Dr. Sarah Huch