Die Rhetorik der Universität entzaubern: Interview mit Angie Martiens vom Lehrprojekt „Understanding University“

"Wir wollen mit 'Understanding University' die Möglichkeit schaffen, kritisch reflektiert über die Universität nachzudenken und über diese intensive Auseinandersetzung mit der Universität die Möglichkeit für Empowerment schaffen." (Angie Martiens)

An der Universität kommt es nicht nur darauf an, was wir sagen, sondern auch, wie wir es tun. Die universitäre Rhetorik umfasst viele subtile Regeln und Codes. Für Studierende zeigt sich das z.B. in folgenden Situationen: Wann ist in einer Vorlesung ein guter Zeitpunkt, um eine Frage zu stellen? Was mache ich, wenn ich Fachbegriffe oder Fremdwörter nicht verstehe? Wie schreibe ich eine gelungene Mail an eine Professorin? Ein bildungssprachlicher Duktus prägt das Sprechen an Universitäten. Je nach Disziplin sind unterschiedliche Ausdrucksweisen und Fachbegriffe nötig, um Inhalte zu kommunizieren. Zudem haben sich spezifische Formen entwickelt, wie etwa wissenschaftliche Debatten geführt werden oder wie Diskussionen in Lehrveranstaltungen ablaufen. Wie leicht oder schwierig die Gewöhnung an die universitäre Rhetorik für Studierende ist, hängt oft nicht von ihren Fähigkeiten und ihrem Fachwissen, sondern anderen Faktoren ab: Ob sie aus einem akademischen Elternhaus kommen, in dem eine universitätsnahe Sprechweise zum Alltag gehört, oder ob sie als Erste in der Familie studieren und ihnen ein solcher Rückhalt fehlt.

Sprechen über ungeschriebene Regeln – Diversität und akademische Rhetorik

Solche Unterschiede und Voraussetzungen werden in universitären Lehrveranstaltungen bisher wenig thematisiert. In diesem Good-Practice-Bespiel stellen wir ein Lehrprojekt vor, das diesen Umstand ändern möchte: „Understanding University – The Rhetoric(s) of German Academia“ ging aus einem Projekt der Romanistikprofessorin Anita Traninger und ihren wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen Angie MartiensIsabelle Fellner und Oliver Gent im Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ hervor. 2017 erhielt es den Zentralen Lehrpreis der Freien Universität Berlin. In dem Jahr wurden explizit Veranstaltungen mit Diversity-Bezug ausgezeichnet, die aktuelle Forschung innovativ in die Lehre umsetzen.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Vorstellung des Lehrkonzepts
  • Links zu verwendeten Materialien
  • Einfluss von Fachkulturen
  • Videointerview mit Angie Martiens, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Understanding University“
  • Literaturhinweise

Gender Sensitivity in English

Gender-sensitive language is a part of inclusive language — one that avoids words or expressions that promote prejudices, stereotypes, or discriminatory views. Inclusive language helps individuals feel like they belong and offers a way to reflect on the diverse nature of society. People experience discrimination based on different characteristics, such as race and ethnicity, gender, sexuality, age, disability, socioeconomic status, personal appearance, level of language acquisition, etc. When thinking about strategies for inclusive language, it is important to consider several general questions:

● Is it necessary to refer to gender or any other characteristics when talking about a group of people or a single person?

● Is it certain that the notion is not disempowering people or reinforcing a stereotype?

● If you are referring to a group, does the statement reflect its diversity?

All of these questions also apply to the use of gender-sensitive language.

Strategies for gender sensitivity exist in many languages: in some, like in Swedish, it has become a norm that can be found in the dictionary, in German, some aspects are slowly gaining more acceptance, and in others, like in Russian, it is a practice brought into larger public spheres by marginalized groups and it is not yet widely spread. English as the third most widely spoken language in the world and arguably the most used language in academia on an international level is of particular interest in the case of gender sensitivity.

General Guidelines on Non-Discriminatory and Gender-Sensitive Language
The SAGE Handbook of Sociolinguistics Guidelines for Non-Discriminatory Language Use (2011)
Guidelines for Gender-Inclusive Language in English (United Nations)
Handout on Gender-Inclusive Language (The Writing Center, University of North Carolina at Chapel Hill)

1. Is English Gender-Neutral?

English is sometimes called a gender-neutral language as if it were a completely safe terrain in terms of inclusivity and sensibility for the issues of gender and sexuality. It’s true that in comparison to German or other gendered languages such as Spanish or Russian, English doesn’t require so many changes to be gender-neutral, but given that gender, as a category is not absent from English grammar, gender-neutrality is not something that comes with the language itself.  

Most cases of gender-marking in English happen through words that refer to people — nouns and personal pronouns. Unlike German, in English, inanimate objects – words like tablecoffee, or book – are not gendered. There are exceptions, such as the “metaphorical” gender, with words like shipcar, or bus that are sometimes referred to by feminine pronouns, but it is quite a shortlist that presents rather a peculiarity on a linguistic level than a stepping stone for societal change through language. 

2. Do’s and Dont’s of Gender-Marking in Nouns

Several issues occur in gender-marked nouns. Among the words that refer to occupations there are some that can either enforce an already existing stereotype or bring a diminishing connotation to the meaning. General recommendation in this case would be to avoid gender-marking and only use it symmetrically when gender is relevant to the topic. Another problem that gender-marked nouns create is the gender binary, which doesn’t reflect the breadth and complexity of gender identities that go beyond female and male. This issue is also relevant for the way people are addressed, as in ladies and gentlemen or Dear Sir/Madam. Many family-related terms exclude non-heterosexual relationships and can be replaced with a neutral equivalent.

You can find more information on all the mentioned issues with examples of gender-neutral wording as well as literature on our webpage Gender Sensitivity in English.

Ansprache von Studierenden: Richtiges „Gendern“ in der digitalen Kommunikation

Genderbewusste Sprache ist ein zentrales und schnell umsetzbares Element gender- und diversitätsbewusster Lehre. Dazu gehört auch, Studierende richtig anzusprechen. Seit Einführung der „dritten Option“ ist das Bewusstsein gewachsen, dass nicht alle Menschen mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen werden wollen, weil sich nicht alle als männlich oder weiblich identifizieren. Darüber hinaus macht die Einführung des Personenstands „divers“ noch deutlicher, dass nicht auf Grundlage des Vornamens oder Aussehens einer Person geschlossen werden kann, wie diese adressiert werden möchte. Gerade im Hochschulalltag machen wir das leider noch besonders häufig, weil das Siezen und die Ansprache mit „Herr/Frau (Nachname)“ sehr üblich ist. Auf der Toolbox-Seite zu Sprache gehen wir nun auch ausführlicher auf genderinklusive Sprache und richtiges „Gendern“ von Personen ein.

Wir haben einige Tipps für die digitale Lehre zusammengestellt, wie Sie eine Diskriminierung bei der Ansprache von Studierenden vermeiden können:

  1. Direkte Ansprache
    Sprechen Sie einzelne Student*innen mit Vornamen oder mit Vor- und Nachnamen an. So vermeiden Sie „Herr/Frau (Nachname) und damit eine geschlechtliche Zuschreibung. Sie können die Studierenden dennoch siezen. Erklären Sie zu Beginn der Lehrveranstaltung oder in virtuellen Sprechstunden, warum Sie sich für diese Regelung entschieden haben. Nehmen Sie diese Information auch in die grundlegenden schriflichen Informationen zu Ihrer Lehrveranstaltung auf, z.B. in Blackboard.
  2. Indirekte Ansprache
    Verwenden Sie auch Vornamen oder Vor- und Nachnamen, wenn Sie über einzelne Student*innen sprechen. So vermeiden Sie sowohl „Herr/Frau (Nachname)“ als auch „er/sie“.
    Beispiel: wie Martin Stokowski in der Präsentation erläutert hat
  3. E-Mail-Signatur
    Ergänzen Sie in Ihre E-Mail-Signatur um eine Information zur Ansprache. So können Sie diese wichtige Information unkompliziert mitteilen und signaliseren, dass Ihnen respektvolle Kommunikation wichtig ist.
    Beispiel: Die Geschlechtsidentität von Menschen ist weder aus dem Aussehen noch aus dem Namen verlässlich abzuleiten. Gerne können Sie mir mitteilen, wie ich Sie ansprechen soll. Wenn Sie mich ansprechen, verwenden Sie bitte das Pronomen sie/ihr.
  4. Systemeinstellungen
    Wenn Sie synchrone digitale Veranstaltungen durchführen, informieren Sie die Studierenden zusammen mit den Zugriffsdaten zur Plattform über die Möglichkeit, den später im System angezeigten Namen zu ändern. Nicht bei allen Studierenden ist der eingetragene Name auch der Name, mit dem sie angesprochen werden möchten – dieser ist aber für die Kommunikation in der Lehre meistens der relevante Name, denn eine Prüfung der Identität ist nur selten notwendig.
    Beispiel: Bei Webex ist die Änderung des angezeigten Namens über das Zedat-Portal möglich.
  5. Selbstbestimmung und Antidiskriminierung
    Akzeptieren Sie unbedingt, wenn eine Person Ihnen mitteilt, wie sie angesprochen werden möchte und halten Sie sich konsequent daran. Wenn Sie die Person bislang anders angesprochen haben, ist eine Umgewöhnung nicht immer leicht. Versuchen Sie anfangs, sich beim Sprechen besonders zu konzentrieren oder „üben“ Sie für sich. Entschuldigen Sie sich kurz und ohne Umschweife oder Rechtfertigung, wenn Sie die Person aus Versehen falsch angesprochen haben. Informieren Sie nie Dritte ohne dringende Notwendigkeit und Rücksprache mit der betroffenen Person über einen nicht mehr genutzten Vornamen  – das ist diskriminierend und unter Umständen rechtlich explizit verboten (Offenbarungsverbot nach § 5 TSG). Hier stellt die digitale Lehre ein größeres Risiko dar, weil verstärkt auf Daten aus dem System zurückgegriffen wird, z.B. bei Webex.

Haben Sie weitere Tipps zur Umsetzung nicht-diskriminierender Ansprache von Studierenden? Sind Ihnen in der digitalen Lehre weitere Hürden oder Probleme des Datenschutzes begegnet? Teilen Sie uns gerne Ihre Erfahrungen mit. Auch Fragen beantworten wir gerne per E-Mail.

Im Starter-Kit der Toolbox finden Sie mehr Informationen zu gender- und diversitätsbewusster Sprache. Die Seite wurde im Mai 2020 aktualisiert und enthält nun u.a. mehr Informationen zur Dritten Option und genderinklusiver Sprache.

Empfehlenswerte Leitfäden zu genderbewusster Sprache

Sprache ist vielfältig – Leitfaden der HU für geschlechtergerechte Sprache (Humboldt-Universität zu Berlin, 2019)
ÜberzeuGENDERe Sprache. Leitfaden für eine geschlechtersensible Sprache (Universität zu Köln, 2020)
Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache (Stadt Hannover, 2019)
Geschlechtersensible Sprache – Ein Leitfaden (Technische Universität Berlin, 2020)

 

Weitere Informationen

Arbeitsgemeinschaft trans*emanzipatorische Hochschulpolitik, Deutsche Gesellschaft für Transidentität undIntersexualität e.V. (Hg.). 2018. Inter* und Trans*an der Hochschule. Informationen zum kompetenten Umgang mit Inter*- und Trans*studierenden für Entscheidungsträger*innen an Hochschulen.

Akademie der bildenden Künste Wien (Hg.). 2019. trans. inter*. nicht-binär. Lehr- und Lernräume an Hochschulen geschlechterreflektiert gestalten. Wien

Soziale Herkunft an Hochschulen: Interview mit Hannah Rindler von ArbeiterKind.de

"Also es ist ja durchaus auch eine Kompetenz, in zwei Welten zuhause zu sein, eine besondere Leistungsanstrengung hinter sich gebracht zu haben und bestimmte Hürden genommen zu haben, die andere nicht nehmen mussten." (Hannah Rindler)

Welche Rolle spielt soziale Herkunft, also der Bildungshintergrund von Studierenden, aktuell an der Hochschule? Welche Erfahrungen machen Studierende, die als Erste in ihrer Familie studieren, im Unterscheid zu  Studierenden mit akademischem Familienhintergrund?

„Studierende der ersten Generation“, „first generation academics“ oder „working class academics“ – so bezeichnen sich Personen, die als Erste in ihrer Familie ein Studium begonnen haben. Bei diesen Selbstbezeichnungen handelt es sich um neutrale, beschreibende Formulierungen oder um die positive Betonung einer Vorreiter*innenrolle. Damit stehen die Begriffe im Gegensatz zu der häufig zu findenden Fremdbezeichung „bildungsferne Studierende“, die eine Distanz zur Norm, eine Abweichung, betont.

In diesem Good-Practice-Beispiel möchten wir eine Organisation vorstellen, die ebenfalls die Position als Vorreiter*in ins Zentrum stellt. Die gemeinnützige Organisation ArbeiterKind.de hat das Motto „für alle, die als erste in ihrer Familie studieren“. Motiviert durch ihre eigenen Erfahrungen als Studentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin gründete Katja Urbatsch 2008 ArbeiterKind.de. Was als ehrenamtliches Projekt begann, ist mittlerweile eine mehrfach ausgezeichnete Organisation mit mehr als 30 Mitarbeiter*innen in ganz Deutschland.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Soziale Herkunft als folgenreiche Diversitätsdimension
  • Videointerview mit Hannah Rindler, Bundeslandkoordinatorin Berlin von ArbeiterKind.de
  • Literaturhinweise

Twitterseminar zu kritischer Wissenschaftsgeschichte: Interview mit Dr. Levke Harders

Der ironische und erfolgreiche Start des Twitterseminars

Ein Lehrauftrag zur Geschlechterforschung

Unter dem Titel „Die Universität Bielefeld wird 50. Wir twittern!“ bot Dr. Levke Harders im Wintersemester 2018/19 ein Seminar für Studierende in ganz unterschiedlichen Studiengängen an. In der Lehrveranstaltung wurde aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums der Universität Bielefeld gemeinsam eine Twitter-Timeline erstellt. Die mehr als 400 Beiträge über die Gründungszeit und die historische Entwicklung wurden unter dem Twitter-Account @UniBielefeld50 zwischen Februar und Dezember 2019 veröffentlicht.

Wir sind über Twitter auf die innovative Lehrveranstaltung aufmerksam geworden und haben mit Dr. Levke Harders, zu deren Forschungsschwerpunkten Gender- und Migrationsforschung gehören, über das Twitterseminar gesprochen.

Mehr zu dem Good-Practice-Beispiel im Toolbox-Beitrag:

  • Konzept der Lehrveranstaltung mit Syllabus
  • Gender und Diversität im Twitterseminar
  • Digitale Bildung und Open Educational Ressources
  • Blogbeiträge über das Twitterseminar
  • Videointerview mit Dr. Levke Harders
  • Literaturhinweise

Zeit geben, Transparenz und Wertschätzung – Studierende mit Prüfungsangst unterstützen

„Für die meisten Lehrenden ist das eine ganz unangenehme Situation, wenn Studierende in einer mündlichen Prüfung nichts sagen. Sie wünschen sich normalerweise, dass Prüflinge gut abschneiden.“ Als möglicher Grund für das Schweigen von Studierenden in Prüfungssituationen sei Prüfungsangst in Erwägung zu ziehen. Dr. Dipl.-Psych. Michael Cugialy bietet im Rahmen der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologischen Beratung der Freien Universität jedes Semester einen Workshop „Fit für die Prüfung“ an. Dabei geht es zwar um Lernstrategien im Allgemeinen, aber der Umgang mit Nervosität und Angst spielt eine wichtige Rolle.

In die Einzelberatung kommen jährlich knapp 900 Studierende, von denen etwa 50 Prüfungsangst als Anliegen angeben. Holger Walther, Autor des Ratgebers „Ohne Prüfungsangst studieren“ geht davon aus, dass mindestens 10 % der Studierenden stärkere Prüfungsängste haben, die über eine übliche und auch produktive Anspannung und Nervosität hinausgehen.

Wir haben ein Interview mit Michael Cugialy geführt, in dem er folgende Fragen beantwortet:

  • Wie können Lehrende erkennen, dass Studierende Prüfungsangst haben? Welches Verhalten weist darauf hin?
  • Wie kommt es zu Prüfungsangst? Welche Faktoren tragen dazu bei?
  • Welche Folgen hat Prüfungsangst für betroffene Studierende?
  • Welche Strategien zum Umgang mit bzw. Abbau von Prüfungsangst empfehlen sie Studierenden?
  • Was kann die Organisation Hochschule tun, um Prüfungsangst entgegenzuwirken?
  • Was können Lehrende in mündlichen Prüfungen machen?
  • Wie können Lehrende – unabhängig von betroffenen Einzelpersonen – Prüfungen gestalten, so dass Studierende möglichst wenig durch Prüfungsangst eingeschränkt sind?
  • Welche Informationsquellen zum Thema Prüfungsangst empfehlen Sie?
  • An wen können sich Lehrende oder Studierende wenden, wenn Sie Unterstützung in Bezug auf den Umgang mit Prüfungsangst suchen?

Alle Antworten und Tipps in der ‚Toolbox Gender und Diversity in der Lehre‘

Es reden immer die Gleichen? 17 Anregungen für Lehrende

Es ist eine Situation, die die meisten Lehrenden kennen: Fragen und Wortbeiträge kommen immer von den gleichen Studierenden, viele Teilnehmende schweigen. Das macht Diskussionen manchmal zäh und oft einseitig.

Dazu kommt, dass es nicht ganz zufällig ist, wer häufiger und länger und möglicherweise auch mit mehr Fachbegriffen und Selbstbewusstsein spricht. Denn solche Verhaltensmuster entsprechen eher dem erlernten Verhalten von männlichen Personen. Traditionell wird ein solches Kommunikationsverhalten bei ihnen auch positiv bewertet, während Frauen eher negativ wahrgenommen werden, wenn sie sich in Gesprächen zu dominant verhalten und mehr Raum einnehmen. Das heißt auch, dass in Diskussionen nicht nur quantitativ Perspektiven fehlen, sondern tendenziell auch qualitativ unterschiedliche Perspektiven.

Unterscheidungen statt Unterschiede – doing gender

Hilfreich zum Verständnis von Differenzen und Geschlecht ist der Begriff des doing gender. Dieses Konzept wurde in der Ethnomethodologie, einer Forschungsrichtung der Soziologie, entwickelt. Geschlecht ist demzufolge nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun:

„Doing Gender betrifft zum einen Handlungsformen, mithilfe derer Akteur*innen signalisieren, dass sie einem Geschlecht angehören (z.B. Weisen der Gesprächsführung, des Gehens und Sitzens, des Verhaltens zum eigenen Körper und zu dem anderer, etwa wer wen wann, wie und wie lange anschaut). Darüber hinaus interessiert, wie sie sich zu dieser Mitgliedschaft verhalten (bspw. affirmativ, ritualistisch, ironisch, kritisch oder subversiv). Zuletzt verweist Doing Gender auf das praktische Wissen, das nötig ist, um diese Signale zu verstehen und sich zum Geschlechtshandeln anderer in Beziehung zu setzen, etwa zu bewerten, ob dieses Handeln angemessen ist, deplatziert, abwegig oder unverständlich.“ (Westheuser 2018)

Wie wir Handlungen wahrnehmen und bewerten hängt zudem nicht nur von der Kategorie Geschlecht ab, sondern beispielsweise auch von Alter oder sozialer Herkunft. In diesem Beitrag zur Beteiligung in Lehrveranstaltungen wird vor allem deshalb Gender in den Fokus genommen, weil in Veranstaltungen des Toolbox-Projekts am häufigsten danach gefragt wird.

Doing gender ist ein Ansatz des Sozialkonstruktivismus, der Geschlecht und auch die Norm der Zweigeschlechtlichkeit nicht als gegeben betrachtet. Diese Perspektive ist daher auch nützlich bei der Beobachtung von vergeschlechtlichten Verhaltensmustern in Lehrveranstaltungen. Es kann verunsichernd sein, solche Differenzen wahrzunehmen, weil wir eigentlich Studierende individuell wahrnehmen wollen und auch Unterschiede eher auflösen als festschreiben wollen. Umfangreiche oder zurückhaltende Beteiligung können mit Hilfe des interaktionstheoretischen Ansatzes als Varianten von doing masculinity oder doing femininity gedeutet werden. Geschlecht wird damit weder naturalisiert noch unabhängig von anderen Diversitätsdimensionen konzipiert. Damit lässt es sich nicht nur theoriegeleitet analysieren, sondern ist auch durch Interaktion veränderbar.

Beteiligung aller fördern – Praxisanregungen

Konkrete Anregungen, wie Sie mit ungleichem Beteiligungs- und Gesprächsverhalten in der Lehre umgehen können, finden Sie im neuen Methodenblatt „Es reden immer die Gleichen? 17 Anregungen für Lehrende“ zum Download in der Toolbox. Die Vorschläge reichen von methodischen Ansätzen, über die Gestaltung der Gesprächs- und Lernkultur oder die explizite Thematisierung von ungleichem Redeverhalten bis hin zu Fragen zur Selbstreflektion.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ungleichem Redeverhalten in Lehrveranstaltungen gemacht? Kennen Sie noch andere Strategien für Lehrende, damit umzugehen? Teilen Sie gerne mit uns und den anderen Leser*innen ihre Überlegungen und Vorschläge in den Kommentaren.

Literatur

Westheuser, Linus (2018). Doing Gender. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

Gute Nachbar*innenschaft: Interview zu den Gender-Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW

Unter der Kategorie „Gute Nachbar*innenschaft“ stellen wir regelmäßig Angebote anderer Hochschulen zu gender- und diversitätsbewusster Lehre vor. Diese Woche geht es um die Gender Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW, eine einzigartigen Datenbank mit Vorschlägen zur Integration von Lehrinhalten der Frauen- und Geschlechterforschung in 54 Studienfächer. Auch die  inhaltlichen Anknüpfungspunkte für jedes Fach, die wir in der Toolbox veröffentlicht haben, basieren auf diesen Gender Curricula.

Die Toolbox-Mitarbeiterin Melanie Bittner hat mit Dr. Lisa Mense und Dr. Heike Mauer ein Interview über die Entwicklung und Nutzung der Gender-Curricula geführt.

Von der Genderforschung zu Gender Curricula

Das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW hat eine Datenbank mit Gender Curricula für über 50 Fächer erstellt. Gibt es mittlerweile eigentlich in jedem Fach Genderforschung?

In jedem Studienfach sicherlich nicht, auch wenn die Geschlechterforschung mittlerweile sowohl in vielen Einzelwissenschaften als auch als eigenes Fach, Gender Studies, eingeführt ist. Dies zeigen die über 200 Professor*innen mit einer entsprechenden Denomination an den Hochschulen in Deutschland, die Sektionen und Arbeitsgruppen der Frauen- und Geschlechterforschung innerhalb von Fachgesellschaften sowie die vielen wachsenden landes- und bundesweiten Netzwerke der Frauen- und Geschlechterforschung. Geschlechterforschung ist bereits seit ihren Anfängen als Frauenforschung und feministische Theorie besonders stark in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften verankert, aber auch in den Natur- und Technikwissenschaften war und ist sie vertreten. Dies spiegelt sich auch in der Datenbank www.gender-curricula.com wider.

Wer hat die Gender Curricula erstellt?

Die in der Datenbank zusammengetragenen Vorschläge, wie Inhalte und Methoden der Geschlechterforschung in die Curricula verschiedener Studienfächer integriert werden können, wurden von ausgewiesenen Fachwissenschaftler*innen entwickelt. Und es ist gelungen, für zurzeit 56 Studienfächer – und damit fast alle in Deutschland studierbaren Fächer – Expert*innen zu gewinnen. D. h. konkret, dass die Inhalte für das Fach Mathematik von einer Mathematikprofessorin erstellt wurden und die Inhalte aus der Romanistik von einem Professor für romanische Literaturwissenschaft. Zudem werden für jedes Curriculum weitere Expert*innen als Ansprechpersonen genannt, um die Vielfalt der Geschlechterforschung innerhalb der jeweiligen Fachdisziplinen sichtbar zu machen.

Allerdings zeigt sich auch, dass insbesondere in den technik-und naturwissenschaftlichen Fächern nur wenige Fachwissenschaftler*innen mit einem Schwerpunkt in der Geschlechterforschung forschen und lehren. Während beispielsweise in der Politikwissenschaft, aber auch in der Mathematik, mehrere ausgewiesene fachwissenschaftliche Geschlechterforscher*innen aufgeführt sind, gilt dies nicht im gleichen Maße für die Studienfächer der Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, zumindest im deutschsprachigen Raum. Dennoch werden auch für diese Fächer, wie beispielsweise für die Nautik, Vorschläge unterbreitet, wie Genderaspekte im Curriculum berücksichtigt werden können: Themen sind hierbei u. a. Personalführung oder auch Team- und Projekt-Management der Schiffsbesatzungen. Hier werden Genderaspekte vor allem auf der Ebene von „Geschlechtsrollenmustern“ oder als Unterschiede und Konflikte zwischen Frauen und Männern verstanden, während erkenntnistheoretische Grundlagen, wie im Curriculums-Vorschlag für die Informatik, weniger angesprochen werden.

Warum ist eine Verankerung der Genderforschung in all diese Studiengänge notwendig?

Geschlecht ist eine sehr grundlegende Struktur unserer Gesellschaft, die nicht nur unser Denken und Handeln auf sehr vielfältige Weise prägt, sondern ebenfalls Organisationen, Institutionen und Gesellschaft und insbesondere auch die Wissenschaften. Deshalb ist es in Bezug auf viele Themen schlicht nicht möglich, gute Wissenschaft zu betreiben, ohne hierbei die Kategorie ‚Geschlecht‘ systematisch zu reflektieren. „Gute Nachbar*innenschaft: Interview zu den Gender-Curricula des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW“ weiterlesen