#Twitterview mit Prof. Dr. Andrea Geier: Das ganze Gespräch zum Nachlesen

Auf dem Twitter-Account der Toolbox ging gestern ein neues Format an den Start: Das #Twitterview! Wir stellten der Germanistin und Geschlechterforscherin Prof. Dr. Andrea Geier 10 Fragen zu gendersensibler Lehre, digitalen Tools und Wissenschaftskommunikation. Heraus kam ein langes und intensives Gespräch, und wir stellten fest: So schön es ist, ein Interview häppchenweise und live zu verfolgen, so praktisch ist es, den zusammenhängenden Text in Ruhe nachzulesen. Verändert haben wir ihn  kaum, schließlich ist das Gespräch auf Twitter entstanden und so soll es auch aussehen: Da ersetzt ein „&“ mal ein „und“, eine „1“ einen unbestimmten Artikel, da werden Texte verlinkt und Accounts von anderen Nutzer*innen erwähnt.

Uns hat es großen Spaß gemacht, weitere Gespräche sollen folgen. Sagen Sie uns gern: Wie gefällt Ihnen das Format? Mit wem würden Sie gern ein #Twitterview lesen?

Hier nun die komplette Unterhaltung:

Prof. Dr. Andrea Geier: Auf Twitter habe ich mir das Etikett „Komplexitätsdienstleisterin“ gegeben –😎 –  im sogenannten Real Life bin ich seit 2009 Professorin an der Uni Trier für Germanistik und Gender Studies. Für @realsci_DE habe ich mal meinen wissenschaftlichen Weg so beschrieben als Antwort auf die Frage: Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Toolbox: Sehr aufschlussreich! Aber auf Twitter schwindet die Aufmerksamkeit schnell, deswegen: Welches GIF beschreibt Ihr Forschungsgebiet am besten?

Prof. Dr. Andrea Geier: Spontan dachte ich an ‚irgendwas mit Büchern‘, aber habe schlauerweise erstmal auf Twitter gefragt. Mein Favorit aus den Antworten ist

T: Kooperation schätzen wir immer! Damit Einsteiger*innen erst gar nicht auf die Idee kommen, Ihr Fach zu unterschätzen: Welches Buch oder Video würden Sie ihnen empfehlen?

A.G.: Da ich mehr als 1 wissenschaftlichen Hut aufhabe, müsste ich Beispiele für Literaturwissenschaft & Gender Studies nennen. In beiden Fällen sage ich Studierenden, dass sie unbedingt vergleichen sollen. Schon der Blick in verschiedene Inhaltsverzeichnisse ist aufschlussreich! Es ist wichtig, dass man gleich anfangs 1 Eindruck von interdisziplinärer Arbeit an & mit Theorien & Themen bekommt, & zugleich Einblicke in disziplinenspezifische Zugänge & Forschungstraditionen. Konkret: Ich empfehle zB die Einführung in die Gender Studies meiner Trierer Kollegin Franziska Schößler sowie das Handbuch der Gender-Theorien „Gender@Wissen“ & „Gender Studien. Eine Einführung“, beide herausgegeben von Christina von Braun & Inge Stephan.

Vielen Dank für die Tipps! Nun würden wir behaupten, dass etwa die Gender Studies nicht nur Forschungs- und Lehrinhalt sind, sondern auch die Durchführung von Forschung und Lehrveranstaltungen beeinflussen. Deshalb: Was bedeutet gender- und diversitysensible Lehre für Sie?

Auch als Geschlechterforscherin muss man sich klar machen, dass gender- & diversitysensible Lehre nicht automatisch durch die Themen mit ‚abgedeckt‘ ist. Das gibt es schon auch: Wenn ich z.B. über Kanon spreche ->  Kanonkritik -> Gelegenheit, über Lehrmaterial zu reden. Also: Wie organisiere ich Lehrmaterial, welche Forscher:innen & Künstler:innen mache ich sichtbar? Es betrifft die Organisation von Inhalten genauso wie die Kommunikation im Seminarraum (schön auf Zoom z.B. dass Studierende neben dem Namen Pronomina eintragen können). Allerdings gehören auch Rahmenbedingungen dazu, die man nicht als Einzelne*r in der Hand hat. Für 1 möglichst inklusives, barrierefreies Studium braucht es 1 Konzept der Uni zu Infrastruktur etc. Es sind also viele kleine & große Fragen von Anrede bis Ausstattung.

Spannender Hinweis: Ohne strukturelle Bemühungen geht es also nicht. Zur notwendigen Infrastruktur, von der Sie sprechen, gehören seit spätestens einem Jahr auch digitale Kanäle. Für Sie ist das schon lange Alltag. Welche digitalen Tools nutzen Sie für Ihre Arbeit am liebsten?

In der Lehre sind Vorgaben zu beachten & es gibt (immer noch/immer wieder) offene datenschutzrechtliche Fragen, auch deshalb bin ich da nicht sehr fancy unterwegs. Ich setze Zoom & Tools unserer Lernplattform ein. Alles jenseits davon ist nicht verpflichtend für Studierende. Twitter ist für mich auch 1 Tool in der Lehre, & ich ermuntere Studierende seit den digitalen Semestern konsequent, digital was auszuprobieren: Mal statt 1 Text zu schreiben 1 Podcast machen & ihn in die Lernplattform stellen oder wie ich ‚rausgehen‘ & zeigen, was man macht. Im 1. digitalen Semester waren Studierende eher zögerlich, im 2. wurden Arbeitsaufgaben auch auf Twitter & Insta erledigt. Es klappt besonders gut, wenn Studierende das auf Plattformen machen, auf denen sie sowieso unterwegs sind. Da haben sie 1 Community & bekommen Feedback.

Das sind viele tolle Hinweise für Lehrende! Und apropos Feedback: Was würden Sie solchen raten, die sich in ihren Veranstaltungen noch nicht mit Gender & Diversity beschäftigt haben, sich vielleicht noch nicht trauen, aber gern damit anfangen würden? (Für mehr Inspiration, wie insbesondere Twitter für Lehrveranstaltungen genutzt werden kann, empfehlen wir unser Gespräch mit Dr. Levke Harders.)

Wenn 1 Person soweit ist, dass sie anfangen möchte, hat sie beste Voraussetzungen: 1 Interesse & sicher auch 1 Idee, wo sie ansetzen möchte: Geht es um Forschung? Oder um die Organisation der eigenen Lehre? Wie für viele andere Fragen ist hier Teamteaching 1 tolles Tool! In der Forschung fängt man am besten mit Fragen an, die im eigenen Forschungsfeld schon bearbeitet wurden, & unterhält sich mit Expert:innen. Gastvorträge sind dafür 1 sehr niedrigschwelliger & guter Zugang. Meine Empfehlung ist, auf jeden Fall das Gespräch mit anderen Lehrenden über 1 gender- & diversitätssensible Gestaltung von Lehre zu suchen & den Austausch auch an der eigenen Uni/im eigenen Fach zu suchen & selbst mitzugestalten.

An Mitgestaltung sind Sie auch außerhalb des Fachs und Ihrer Uni interessiert, etwa in Interviews für  den Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur oder in Beiträgen für 54books. Oft geht es dabei um die viel beschworene „Cancel Culture“ und um Identitätspolitik. Warum polarisieren diese Themen so?

An diese Begriffe binden sich mittlerweile grundsätzliche Gesellschaftsdiagnosen der Gegenwart. Dabei geht es eigentlich um wichtige Werte, aber die Prämissen von #CancelCulture oder das Verständnis von Identitätspolitik sind teilweise stark verkürzt bis falsch. Haben sich falsche Problembeschreibungen & Kampfbegriffe – #CancelCulture – einmal etabliert, haben solche Debatten 1 Tendenz sich zu verselbstständigen. Man muss immer wieder versuchen, Ruhe reinzubringen & dazu auffordern sich anzusehen, worum es tatsächlich gehen sollte.

Auffällig ist, dass Personen wie Sie, die sich um eine differenzierte Debatte bemühen, dabei aber die Gender Studies klar verteidigen, immer wieder mit Häme und Hass konfrontiert werden. Wie kann sich das aus Ihrer Sicht ändern? (Für alle Mitlesenden: Die Debatten um #CancelCulture oder Identitätspolitik lassen sich natürlich nicht in zwei Tweets abhandeln. Aber keine Sorge, ausführliche Beiträge von Andrea Geier dazu verlinken wir am Schluss)

Es braucht 1 Bündel von verschiedenen Aktionen: Wichtig wäre, dass es mehr institutionelle Unterstützung gäbe: Ressourcen, Anerkennung, & natürlich auch Schutz bei Angriffen. Gerade wer #wisskomm auf Social Media macht, wird von Unis noch selten angemessen unterstützt. Diffamierende Fremdbilder darf man nicht zu sehr an sich ranlassen. Wer dich hasst nur weil du Geschlechterforscher:in bist, hat garantiert nichts von dir gelesen & ist auch einfach nicht dein Zielpublikum. #wisskomm soll zugänglich sein, aber immer mit Selbstschutz! Geschlechterforscher:innen müssen öffentlich viel zu oft aus 1 Verteidigungshaltung heraus agieren. Das kann 1 Person nicht ändern. Aber man kann sich sichtbar machen. Dafür öffnet insbesondere Social Media neue Wege. Das kann gute Anschlusskommunikationen erzeugen!

Wie bei der Lehre gilt also: Ein starker institutioneller Rahmen ist gefragt. Auch beim Stichwort „Sich sichtbar machen“ sind wir neugierig auf Ihre Expertise: Wie sieht gelungene Wissenschaftskommunikation (#wisskomm) für Sie aus, gerade in den Gender Studies?

Möglichst viele verschiedene Geschlechterforscher:innen sollten öffentlich präsent sein & ihre Expertise, auch disziplinär spezifisch, sichtbar machen! Interdisziplinarität zeichnet die Gender Studies aus, ist aber öffentlich auch 1 Kommunikationsproblem, denn: Gender Studies werden oft als homogen wahrgenommen. Daher wäre mehr disziplinäre Vielfalt zu sehen gut & – auch wenn das paradox klingt – mehr wissenschaftliche Kontroverse. Mehr Raum für den Austausch von Argumenten vor interessiertem Publikum, das täte gut. Dazu braucht es auch 1 Wissenschaftsjournalismus, der die öffentliche Auseinandersetzung über Gender Studies informiert zum Thema macht. & wir brauchen allgemeiner Räume, in dem wir nicht aus 1 Defensive heraus sprechen müssen. Das ist in Interviews oft der Fall.

Die schauen wir uns alle an! Dann bleibt uns nur noch zu sagen: Vielen, vielen Dank  @geierandrea2017 für Ihre Zeit und Ihr Wissen, es war uns ein Fest!

🙏

Wie versprochen folgen jetzt die Links zu weiteren Ressourcen. Allen, die mehr von Andrea Geier lesen, hören, lernen wollen, sei etwa dieses Interview ans Herz gelegt, außerdem ihr YouTube-Kanal mit Vorlesungsmitschnitten und Vorträgen zu Wissenschaftskommunikation oder dieser ihr Open-Access-Artikel „Logik und Funktion von Misogynie. Probleme und Perspektiven“ in der Fachzeitschrift „Ethik und Gesellschaft“.