{"id":1046,"date":"2021-12-07T15:00:18","date_gmt":"2021-12-07T14:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/?p=1046"},"modified":"2024-08-26T13:22:35","modified_gmt":"2024-08-26T11:22:35","slug":"die-ethik-in-allem-interview-mit-mira-sievers-theologin-und-juniorprofessorin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/die-ethik-in-allem-interview-mit-mira-sievers-theologin-und-juniorprofessorin\/","title":{"rendered":"Die Ethik in allem: Interview mit Mira Sievers, Theologin und Juniorprofessorin"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1047 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2021\/12\/211104_hu_sievers_pp_06-scaled-e1666095824850-1200x801.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Mit 15 konvertierte sie zum Islam, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter brachte sie Studierenden als Tutorin Arabisch bei. Jetzt, mit 30, ist sie Juniorprofessorin f\u00fcr Islamische Theologie an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.islamische-theologie.hu-berlin.de\/de\/professuren\/islamische-philosophie-und-glaubensgrundlagen\/team\/prof-dr-mira-sievers-1\/prof-dr-mira-sievers\" target=\"_blank\">Prof. Dr. Mira Sievers<\/a> hat eine beachtliche Vita und wurde f\u00fcr ihre Forschung k\u00fcrzlich mit dem Nachwuchspreis des Berliner Wissenschaftspreises ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n<\/div><\/div>\n\n\n<p><em>Bildquelle: Philipp Plum\/ HU Berlin<\/em><\/p>\n<p>Zu Frau Sievers Forschungsinteressen geh\u00f6ren die islamische Ethik, Grundlagen der islamischen Theologie \u2013 und die Rolle, die Gender dabei spielt. Im Gespr\u00e4ch mit der Toolbox ging es um gute Lehre, Corona-Frust und um aktuelle Themen in alten Texten.<\/p>\n<p><strong>Frau Sievers, was begeistert Sie an Ihrem Forschungsgebiet?<br><\/strong>An der islamischen Ethik, meinem aktuellen Schwerpunkt, begeistern mich zwei Dinge: Zun\u00e4chst die Auseinandersetzung mit der islamischen Tradition, das Lesen von alten Texten. Ethik ist keine eigene Disziplin, sondern ethische Diskussionen kommen in unterschiedlichen Bereichen vor. Es ist interessant zu sehen, wie reich eigentlich die islamische Theologie in ihrer Behandlung ethischer Themen auf unterschiedlichen Ebenen ist.<\/p>\n<p>Das zweite ist die Vielfalt an gegenw\u00e4rtigen Themen, mit denen ich mich besch\u00e4ftigen darf. Im Bereich der Ethik sind das ganz unterschiedliche Fragestellungen von umweltethischen \u00dcberlegungen \u00fcber medizinethische Fragen bis zur Sexualethik.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wenn Sie diese Inhalte Studierenden vermitteln \u2013 was ist Ihnen da besonders wichtig?<br><\/strong>Ich m\u00f6chte immer erm\u00f6glichen, dass Studierende sich autonom in der islamischen Theologie bewegen k\u00f6nnen. Dass sie, wenn sie selbst zu einem bestimmten Thema recherchieren wollen, wissen, wie und wo man das tun kann, und was man beachten muss.<\/p>\n<p><strong>Ihre Zeit als Studentin und als Lehrende liegen nah beieinander. Inwiefern wurde Ihr derzeitiges Verst\u00e4ndnis von guter Lehre durch Ihr Studium gepr\u00e4gt?<br><\/strong>Ich war insgesamt zufrieden mit der Lehre, die ich als Studentin erlebt habe. Seit 2011 war ich au\u00dferdem selbst Tutorin f\u00fcr Arabisch und da kam die Frage auf, warum man das den Leuten beibringt. Es ist so: Nur, weil Studierende Arabisch sprechen, hei\u00dft das nicht, dass sie mit theologischen Texten umgehen k\u00f6nnen. Da braucht es Fachterminologie.<\/p>\n<p>Seit 2015 mache ich inhaltliche Lehre. Da war schnell klar, dass sich die gleiche Problemstellung ergibt wie bei der Arabischlehre: Was ist die Bedeutung des Ganzen? Da die Texte in der islamischen Theologie oft nach einer festgelegten Struktur aufgebaut sind, hilft es, wenn Studierende diese verinnerlichen. Deswegen baue ich meine Seminare grob entsprechend dieser Struktur auf und erkl\u00e4re, in welcher Reihenfolge Dinge diskutiert werden.<\/p>\n<p><strong>Gab es auch abschreckende Beispiele aus Ihrer Studienzeit?<br><\/strong>Ja, aber von einem tollen Lehrer! Da wollte ich gemeinsam mit einem Kommilitonen einen Text von dem Gelehrten Ab\u016b H\u0101mid al-Ghaz\u0101l\u012b lesen. Wir sa\u00dfen in meinem B\u00fcro und haben uns daran versucht und es war unglaublich schwierig. Dann kam dieser Dozent, mittlerweile ein Freund, herein, und sagte: \u201eDas k\u00f6nnt ihr nicht machen, das geht nicht.\u201c Wir fragten, warum nicht, und er sagte: \u201eMan kann den Text nicht verstehen, wenn man nicht schon viel Erfahrung mit Texten dieses Autors hat.\u201c Wir haben dann nicht aufgegeben, es weiter versucht und sind trotzdem verzweifelt. Aber das war schon so eine Erfahrung, wo ich gedacht habe, man muss Studierenden die Chance geben, solche Erfahrungen in den Lehrveranstaltungen zu sammeln.<\/p>\n<p><strong>Wie hat die Pandemie \u2013 und somit die Verlegung von Lehrveranstaltungen ins Digitale \u2013 Ihre Lehre ver\u00e4ndert?<br><\/strong>Die letzten Dinge vor einer Sitzung erledigen, das geht jetzt bis 30 Sekunden vor Beginn, anstatt bis eine halbe Stunde vorher (<em>lacht<\/em>). Das ist aber ein kleiner Trost, weil ich die Vorbereitung auf die digitale Lehre als intensiver empfinde. F\u00fcr mich ist das Lesen und Diskutieren von Texten extrem wichtig. Das macht f\u00fcr mich den Kern von Theologie aus und das funktioniert online ganz schlecht.<\/p>\n<p>Studierende der islamischen Theologie machen leider besonders selten ihre Kameras an. Das kann damit zusammenh\u00e4ngen, dass unsere Studierenden relativ fr\u00fch Familie haben. Oder damit, dass sie \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig die ersten in der Familie sind, die zur Uni gehen und Hemmungen haben, sich zu zeigen. Oft arbeiten sie viel, es kommt vielleicht auch das Thema von Bedeckung und Privatsph\u00e4re dazu. Ich will aber auch nicht alles wegerkl\u00e4ren. Ich glaube, dass teilweise noch das Bewusstsein fehlt, dass Online-Lehre nicht einfach ein Stream ist, den man sich in der Stra\u00dfenbahn reinziehen kann.<\/p>\n<p>Die ganze Konstellation sorgt daf\u00fcr, dass man nicht so in die Beziehung treten kann wie in der pers\u00f6nlichen Lehre. Das ist in diesem Fach besonders schwierig, weil Textlekt\u00fcre immer schon \u00dcberwindung gekostet hat. Das sind schwere Texte, im Original auf Arabisch, es ist schwierig, sie vorzulesen. Wenn ich in mit einer Gruppe in einem kleinen Raum bin, entsteht eine Arbeitsatmosph\u00e4re und man schafft das. Das ist f\u00fcr die Studierenden motivierender, weil sie sehen, jede und jeder kann mitgenommen werden. Das klappt dann. Aber digital ist die Tendenz, sich abzuschalten, h\u00f6her.<\/p>\n<p><strong>Hatte diese Situation Einfluss darauf, individuelle Bed\u00fcrfnisse von Studierenden, etwa von Erstakademiker*innen oder Elternteilen, wahrzunehmen?<br><\/strong>Auf jeden Fall. Vor der Pandemie besprach man vor oder nach Veranstaltungen die pers\u00f6nlichen Situationen der Studierenden. Jetzt ist die H\u00fcrde von Studierenden, eine Mail zu schreiben und eventuelle Schwierigkeiten zu beschreiben, sehr hoch. Ich versuche, das mitzudenken, das zum Thema zu machen, wenn es geht. Aber ich muss sagen, dass ich das in der Corona-Zeit schwierig finde \u2013 auch weil ich selbst Grenzen habe, was meine Kapazit\u00e4ten betrifft. Auf pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnisse eingehen zu k\u00f6nnen erfordert au\u00dferdem ein Vertrauensverh\u00e4ltnis, das ich kaum aufbauen kann. Im pers\u00f6nlichen Kontakt waren solche Situationen immer Selbstl\u00e4ufer.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen Gender und Diversity in Ihren Lehrinhalten?<br><\/strong>Das Thema Gender ist sehr pr\u00e4sent. Jedes Wintersemester versuche ich, eine Veranstaltung anzubieten, die sich speziell dem Thema Gender widmet. Letztes Jahr ging es stark um Frauenforschung. Das war ein Seminar zu Frauen in al-Andalus, also den muslimisch beherrschten Teilen der iberischen Halbinsel im Mittelalter. Es gibt diesen Mythos, dass es Frauen dort zu der Zeit an dem Ort besser ging als irgendwo sonst \u2013 das wollten wir pr\u00fcfen. Am Ende habe ich dar\u00fcber einen Artikel geschrieben, der hie\u00df \u201eWeder die Ausnahme noch die Regel\u201c.<\/p>\n<p>Dieses Jahr gebe ich ein grunds\u00e4tzliches Seminar zu Gender in Koran und Koranexegese. Es ist auf der einen Seite ein exegetisches Proseminar. Man spricht genauso wie in den nicht-genderbezogenen Veranstaltungen dar\u00fcber, was es mit der Kontextualit\u00e4t, der Chronologie und den Lesarten auf sich hat. Dann aber konzentrieren wir uns in den theologischen und normativen Fragen auf Gender: Wie wird im Koran die Sch\u00f6pfung des Menschen gedacht? Ist der erste Mensch ungeschlechtlich gewesen oder hat er mehrere Geschlechter in sich getragen? Gibt es Prophetinnen aus islamischer Sicht? Wie sieht das aus in den normativen Fragen, mit den typischen Themen vom Kopftuch \u00fcber Eheschlie\u00dfung, Ehescheidung bis hin zu Polygamie und Erbfragen. Au\u00dferdem behandle ich islamischen Feminismus. Aber auch in meinen allgemeinen Ethikseminaren spielen Geschlecht und Sexualit\u00e4t regul\u00e4r eine Rolle: Wie weibliches Selbstbestimmungsrecht gedacht wird, oder der Umgang mit intersexuellen Kindern. Im Zentrum steht die Frage: Was ist unsere heutige Debatte, etwa zu geschlechtsver\u00e4ndernden Operationen an intersexuellen Kindern? Und was ist die Entsprechung zu so einer Debatte in der islamischen Tradition?<\/p>\n<p><strong>Die gibt es?<br><\/strong>Ja, die gibt es! Es gibt einen Namen, <em>khunth\u0101<\/em>, das sind Kinder bzw. Menschen allgemein, die mit nicht eindeutig zuordenbaren Geschlechtsteilen geboren werden. Weil insbesondere das islamische Rechtssystem sehr bin\u00e4r denkt, und auch Rechte unterschiedlich an M\u00e4nner und Frauen vergibt, l\u00f6st das eine gro\u00dfe Diskussion aus. Wenn jetzt M\u00e4nner und Frauen unterschiedlich erben, was erbt dann ein <em>khunth\u0101<\/em>? Oder wenn Frauen hinter den M\u00e4nnern beten, wo beten dann intersexuelle Personen? Wird hier eigentlich eine dritte Geschlechtskategorie anerkannt oder ist das nicht der Fall? Das ist nicht alles unproblematisch, was man da findet und doch ist es spannend, dass diese Diskussion stattfindet.<\/p>\n<p><strong>Ausgew\u00e4hlte Beitr\u00e4ge von Prof. Dr. Mira Sievers:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>\u201eFrauen als religi\u00f6se Autorit\u00e4ten in islamisch-theologischer Perspektive: Weder die Ausnahme noch die Regel\u201c,&nbsp;<em>Neue Wege<\/em>&nbsp;6 (2020), S. 15\u201318.<\/li>\n<li>\u201eGottgewollte Geschlechterordnung? Gender als Ausgangspunkt f\u00fcr eine Neubetrachtung der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit&#8220;,&nbsp;<em>Theologie \u2013 gendergerecht? Perspektiven f\u00fcr Islam und Christentum<\/em>,&nbsp;Hg. Christian Str\u00f6bele, Amir Dziri, Anja Middelbeck-Varwick und Armina Omerika, Regensburg: Friedrich Pustet, 2021, S. 113\u2013126.<\/li>\n<li>\u201eZu den Voraussetzungen einer islamischen Umweltethik&#8220;,&nbsp;<i>CIBEDO-Beitr\u00e4ge<\/i>&nbsp;3 (2021), S. 113-118.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 15 konvertierte sie zum Islam, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter brachte sie Studierenden als Tutorin Arabisch bei. Jetzt, mit 30, ist sie Juniorprofessorin f\u00fcr Islamische Theologie an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. 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