{"id":704,"date":"2020-08-19T15:39:55","date_gmt":"2020-08-19T13:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/?p=704"},"modified":"2022-12-06T11:34:01","modified_gmt":"2022-12-06T10:34:01","slug":"sexismus-literaturbetrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/2020\/08\/19\/sexismus-literaturbetrieb\/","title":{"rendered":"\u00d6fter mal eine Autorin lesen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-705 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/toolbox\/files\/2020\/08\/buch-woolf.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Der Artikel ist zuerst im <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/lernen-und-lehren\/2020\/200818-sexismus-im-literaturbetrieb\/index.html\">Online-Magazin campus.leben<\/a> der Freien Universit\u00e4t Berlin erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angeregt durch ein Seminar am Institut f\u00fcr Deutsche und Niederl\u00e4ndische Philologie f\u00fchrten Studentinnen der Freien Universit\u00e4t eine Umfrage zu Sexismus im Literaturbetrieb durch<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Autorin: Anne-Sophie Schmidt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem Studium der deutschen Philologie liest Chantal Bossdorf \u00fcberwiegend Werke von Goethe, E.T.A. Hoffmann oder Thomas Mann. Autorinnen finden sich immer noch selten auf Klassiker-Leselisten; erst seit einigen Jahren werden vermehrt Schriftstellerinnen aus vergangenen Epochen in kanonischen \u00dcbersichten gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ein Seminar im gerade zu Ende gegangenen Sommersemester wurde Chantal Bossdorf bewusst, wie diese Auswahl eine jahrhundertelange Ungleichbehandlung von M\u00e4nnern und Frauen im Literaturbetrieb widerspiegelt. Als Reaktion darauf f\u00fchrte die Studentin mit vier Kommilitoninnen eine Umfrage zum Thema \u201eSexismus in der Literaturbranche\u201c durch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">#MeToo und Literaturbetrieb<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Rahmen des Bachelorseminars \u201e#MeToo und Literaturbetrieb\u201c bei Professorin Anne Fleig befragte die Gruppe Angeh\u00f6rige des Literaturbetriebs nach ihren Erfahrungen mit Sexismus. \u201eDie Umfrage hat uns einen kleinen Einblick vermittelt\u201c, sagt Vivien Rachow, die auf Lehramt Sonderp\u00e4dagogik und Deutsch im Bachelor studiert und an der Umfrage beteiligt war. \u201eViele unserer Annahmen und Vermutungen wurden leider best\u00e4tigt. Ein Gro\u00dfteil der Befragten ist sich der vorherrschenden Diskriminierung bewusst, viele haben selbst Erfahrungen mit Sexismus gemacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umfrage fand, wie das ganze Seminar, online statt. \u201eWegen des digitalen Semesters gab es ganz neue Formen und Formate \u2013 und auch mehr Freiheit als sonst\u201c, sagt Seminarleiterin Anne Fleig. \u201eIch finde es toll, dass diese Freiheit auch genutzt wurde. Die Studentinnen haben die Umfrage auf eigene Initiative gestartet und sind zu bemerkenswerten Ergebnissen gekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">An der Umfrage beteiligten sich 125 Personen aus der Literaturbranche<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Gruppe koordinierte sich ausschlie\u00dflich \u00fcber Messenger-Dienste, \u00fcber Soziale Medien machte sie die Umfrage publik und schrieb Vertreterinnen und Vertreter der Literaturbranche an. Am Ende nahmen 125 Menschen teil, darunter 98 Frauen: Autorinnen und Autoren, Lektorinnen und Lektoren, \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Verlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Seminar konnten sich die 21-j\u00e4hrige Chantal und die 24-j\u00e4hrige Vivien wenig unter dem Thema vorstellen. Chantal hatte von der #MeToo-Debatte, ausgel\u00f6st durch den Skandal wegen hundertfacher sexueller \u00dcbergriffe des US-Filmproduzenten Harvey Weinstein, bis dahin nur im Fernsehen geh\u00f6rt. Sie hatte das Thema auch deswegen ausschlie\u00dflich mit Film- und Fernsehstars verbunden. \u201eDass es \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle auch in der Literaturbranche gibt, wurde mir erst im Seminar bewusst.\u201c Damit war sie nicht allein, viele h\u00f6rten in der Lehrveranstaltung zum ersten Mal davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam diskutierten die Studierenden \u00fcber Machtverh\u00e4ltnisse in der Literaturbranche, lernten, welchen Einfluss Literaturpreise und Bestenlisten wie die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises haben, und lasen den Roman Hippocampus von Gertraud Klemm. Darin nimmt die Autorin den Literaturbetrieb aufs Korn und beschreibt diskriminierende und sexistische Strukturen der Branche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungewollte Ber\u00fchrungen von m\u00e4nnlichen Kollegen, unangemessene Kommentare zum \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild, stereotype Berichterstattung, das Vorurteil, als Autorin nur f\u00fcr bestimmte Themenbereiche geeignet zu sein, schlechtere Bezahlung bis hin zu sexuellen \u00dcbergriffen \u2013 die Antworten der Teilnehmenden zu ihren Erfahrungen sind reichhaltig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Austausch \u00fcber das Thema ist wichtig<\/h2>\n\n\n\n<p>Dass die Umfrageergebnisse nicht repr\u00e4sentativ sind, ist den Studentinnen klar \u2013 dennoch seien die gewonnenen Erkenntnisse zu Machtstrukturen und -missbrauch im Literaturbetrieb f\u00fcr sie erhellend. Und noch etwas ist ihnen deutlich geworden: \u201eIch habe gemerkt, dass man bei einer Umfrage sprachlich sensibel sein muss,\u201c sagt Vivien Rachow. \u201eManchen sind schlimme Dinge passiert. Deshalb h\u00e4tte ich einige Fragen im Nachhinein vorsichtiger formuliert. Man wei\u00df nie, was Menschen erlebt haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rachow meint aber auch, dass wichtige Fragen gestellt werden m\u00fcssten, und auch viele Befragte gaben an, dass sie Betroffenen von Sexismus empfehlen w\u00fcrden, sich mit anderen auszutauschen und Vorf\u00e4lle \u00f6ffentlich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberrascht war die Gruppe, dass viele an der Umfrage Beteiligte als L\u00f6sung f\u00fcr das Problem der Geschlechterungleichheit Quotenregelungen vorschlugen. \u201eDiese Regeln haben oftmals einen unangenehmen Beigeschmack\u201c, sagt Rachow. \u201eViele sagen, eine Quote passe nicht in den kulturell-k\u00fcnstlerischen Bereich, weil dort Freiheit wichtig sei. Aber manchmal braucht es solche Regeln, zumindest am Anfang, um langfristig gleichberechtigten Zugang herzustellen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Befragte w\u00fcnschten sich gleiche Bezahlung, mehr Transparenz in der Preisvergabe, diverser besetzte Jurys und Entscheidungspositionen sowie mehr R\u00fccksicht auf Berufst\u00e4tige mit Familie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was kann Kunst bewirken?<\/h2>\n\n\n\n<p>Inspiriert durch Gertraud Klemms Roman, in dem die Protagonistin Statuen ber\u00fchmter M\u00e4nner mit Per\u00fccken oder einer Vulva schm\u00fcckt, fragten die Studentinnen auch, wie wirksam k\u00fcnstlerische Aktionen bei der Durchsetzung von Gleichberechtigung sein k\u00f6nnen. In ihren Antworten zeigten sich viele der Befragten zustimmend, warnten aber auch vor kurzlebigen Trends, die zwar Aufmerksamkeit erzeugten, aber nichts an systembedingter Ungerechtigkeit \u00e4nderten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vivien Rachow wurde durch die Besch\u00e4ftigung mit dem Thema Sexismus in der Literaturbranche letztlich auch bewusst, welche Macht sie als Konsumentin und welches Gewicht ihre Kaufentscheidung auf dem Buchmarkt hat. \u201eIch werde vielleicht in Zukunft aktiver auch nach Autorinnen suchen. Man greift ja doch oft zu Bestseller-Empfehlungen. Die stammen aber oft von Autoren, weil M\u00e4nner h\u00e4ufig M\u00e4nner ver\u00f6ffentlichen und unterst\u00fctzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Chantal Bossdorf hat durch die Umfrage einen anderen Blick gewonnen. \u201eIch werde in Zukunft bewusster B\u00fccher von Autorinnen zur Hand nehmen, von einer nicht-wei\u00dfen Frau oder von LGBTQI*. Es ist sch\u00f6n zu wissen, dass ich Einfluss darauf nehmen kann, dass mehr Leute darauf achten, was sie lesen.\u201c Vielleicht wird dann auch der Literaturkanon zuk\u00fcnftiger Germanistik-Studentinnen diverser \u2013 und zu E.T.A. Hoffmann und Thomas Mann gesellt sich eine Autorin wie etwa Gertraud Klemm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Artikel ist zuerst im Online-Magazin campus.leben der Freien Universit\u00e4t Berlin erschienen. 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