{"id":1023,"date":"2025-09-04T07:20:08","date_gmt":"2025-09-04T07:20:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/wissenschaftspraxis-lai\/?p=1023"},"modified":"2025-09-04T07:20:08","modified_gmt":"2025-09-04T07:20:08","slug":"auslandssemester-an-der-universidad-de-los-andes-bogota","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/wissenschaftspraxis-lai\/2025\/09\/04\/auslandssemester-an-der-universidad-de-los-andes-bogota\/","title":{"rendered":"Auslandssemester an der Universidad de los Andes, Bogot\u00e1"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich hatte die Gelegenheit, ein Auslandssemester an der Universidad de los Andes in Bogot\u00e1 zu verbringen. Im Rahmen meines Masterstudiums der Interdisziplin\u00e4ren Lateinamerikastudien an der Freien Universit\u00e4t Berlin wollte ich meine akademischen Schwerpunkte in den Bereichen Entwicklung, Sicherheit und Transitional Justice in einem lateinamerikanischen Kontext vertiefen und zugleich die Phase der eigenst\u00e4ndigen Feldforschung meiner Masterarbeit integrieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Planung und Organisation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Universidad de los Andes ist eine der renommiertesten Universit\u00e4ten Lateinamerikas. Insbesondere in den Bereichen Post-Conflict und Peacebuilding sowie Development Studies im Kontext des kolumbianischen Friedensabkommens ist sie ausschlaggebende Institution.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Planung erforderte dennoch einige Geduld, prim\u00e4r bei der Kurswahl. Hier waren enge Fristen zu ber\u00fccksichtigen, die eine sorgf\u00e4ltige Abstimmung verlangten, um die gew\u00fcnschten Veranstaltungen zu belegen. Das Visum erwies sich als unkompliziert und das International Office der Uni Andes hat den Prozess absolut zuverl\u00e4ssig begleitet. Der Verlauf des Semesters wurde ma\u00dfgeblich von meiner Entscheidung bestimmt, parallel zu den Kursen die Feldforschung f\u00fcr meine Masterarbeit zu organisieren. Dies war eine zeitlich und organisatorisch \u00e4u\u00dferst anspruchsvolle Doppelbelastung, die ich in dieser Form nur eingeschr\u00e4nkt empfehlen w\u00fcrde. Ohne bereits bestehende Kontakte und Netzwerke vor Ort und soziogeografische Kenntnisse w\u00e4re dies nicht m\u00f6glich gewesen und ich w\u00fcrde davon sogar stark abraten. Ebenso waren die Betreuung durch den Professor an von meiner Heimatuniversit\u00e4t und der konstante Austausch mit Personen, die mit dem lokalen Kontext sehr vertraut waren, essenziell f\u00fcr das erfolgreiche Abschlie\u00dfen dieses Unterfangens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnsituation in Bogot\u00e1 stellte sich als wichtige organisatorische Frage heraus. Private Unterk\u00fcnfte sind nicht immer leicht zu finden, weshalb k\u00fcnftigen Austauschstudierenden geraten wird, fr\u00fchzeitig mit der Suche zu beginnen oder die Wohnheime der Universit\u00e4t in Betracht zu ziehen. Diese bieten den Vorteil, dass dort viele kolumbianische Studierende leben, wodurch der Einstieg in das soziale Umfeld erleichtert wird. Zudem werden viele Events organisiert, bei denen man sich kennenlernen kann. Der Campus selbst ist durch hohe Sicherheitsstandards gesch\u00fctzt und bot mit seiner Lage am Fu\u00dfe des Monserrate, also des Hausberges Bogot\u00e1s, ein inspirierendes Umfeld.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inhalte und Ablauf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer ersten Orientierungsphase w\u00e4hlte ich drei Kurse, die mein Studium sehr bereichert haben: \u201eTransitional Justice\u201c, \u201eInternational Political Economy\u201c und \u201eEnvironmental and Climate Justice\u201c. Das universit\u00e4re System orientiert sich stark am US-amerikanischen Modell und sieht kontinuierliche Pr\u00fcfungsleistungen in Form von w\u00f6chentlichen Abgaben, Referaten und Zwischenpr\u00fcfungen vor. Diese Struktur bedeutete einerseits eine erhebliche Umstellung im Vergleich zur FU, erm\u00f6glichte mir jedoch auch, Inhalte besonders intensiv zu durchdringen und sie in den kleinen Seminargruppen kontinuierlich zu diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders pr\u00e4gend war das Seminar zu \u201eTransitional Justice\u201d, in dem grundlegende Debatten zu Legitimit\u00e4t und Vertrauen in Postkonfliktgesellschaften er\u00f6ffnet wurden. Ebenso bedeutsam war das Seminar zu Environmental and Climate Justice, das radikale Perspektiven auf Fragen \u00f6kologisch-sozialer Transformation er\u00f6ffnete. Durch die Kombination aus anspruchsvoller Lekt\u00fcre, konstanten Pr\u00fcfungen und Diskussionen in akademischem Spanisch habe ich in kurzer Zeit sehr viel gelernt, weit mehr, als in Berlin im gleichen Zeitraum m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferner war es mir m\u00f6glich, einen renommierten Experten f\u00fcr Gewalt- und Sicherheitsforschung, insbesondere im kolumbianischen Kontext, als Zweitbetreuer meiner Masterarbeit zu gewinnen. Der Austausch mit Promovierenden am Centre for Interdisciplinary Development Studies (CIDER) erm\u00f6glichte mir nicht nur Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte, sondern auch wertvolle Kontakte f\u00fcr meine Feldforschung und eine akademische Community, die in den arbeitsreichen Phasen sehr hilfreich und unterst\u00fctzend war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Forschungs- und Vernetzungsaspekte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00f6rderung der Studienstiftung erm\u00f6glichte mir eine Feldforschung in der Region Sierra Nevada de Santa Marta, die ohne finanzielle Unterst\u00fctzung kaum realisierbar gewesen w\u00e4re, und hat damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung dieser Region und ihrer aktuellen Governance- sowie Entwicklungsstrukturen geleistet. Insbesondere organisatorische oder auch sicherheitsrelevante Entscheidungen waren in diesem Zusammenhang wesentlich einfacher und flexibler zu ber\u00fccksichtigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Durchf\u00fchrung der Interviews war mir stets bewusst, dass die Forschung in konflikt- und gewaltsensiblen Kontexten eine besondere ethische Verantwortung mit sich bringt. Dazu geh\u00f6rte, die Anonymit\u00e4t und Sicherheit der Interviewees zu gew\u00e4hrleisten, Erwartungen realistisch zu kommunizieren und ihre Bereitschaft zur Teilnahme nicht als selbstverst\u00e4ndlich zu betrachten. Gerade in Regionen, in denen Forschung mit pers\u00f6nlichen Risiken verbunden ist, habe ich es als meine Pflicht angesehen, die Integrit\u00e4t der Teilnehmenden \u00fcber den Erkenntnisgewinn zu stellen. Die M\u00f6glichkeit, kleine Reisezusch\u00fcsse oder Aufwandsentsch\u00e4digungen zu leisten, verstand ich dabei weniger als materielle Unterst\u00fctzung, sondern vielmehr als Ausdruck von Respekt und Anerkennung f\u00fcr ihre Offenheit. Diese Erfahrungen haben mir verdeutlicht, dass wissenschaftliche Neugier stets im Spannungsfeld von Verantwortung, Vertrauen und F\u00fcrsorge f\u00fcr die Befragten steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade hier erwies sich die Forschung im Rahmen der F\u00f6rderung als einmalige Chance: Ohne meinen Migrationshintergrund w\u00e4re es mir kaum m\u00f6glich gewesen, eine derart anspruchsvolle Datenerhebung zu realisieren. F\u00fcr mich als Halbkolumbianer wurde durch den Aufenthalt eine R\u00fcckkehr zu den eigenen Wurzeln erreicht, ein pers\u00f6nliches wie intellektuelles Erlebnis, durch das mir eindr\u00fccklich vor Augen gef\u00fchrt wurde, wie sehr Biografie und wissenschaftliches Arbeiten miteinander verwoben sein k\u00f6nnen und ohne F\u00f6rderung kaum zu bewerkstelligen w\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pers\u00f6nlicher Gewinn und Herausforderungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben den akademischen Erfahrungen war das Semester in Bogot\u00e1 auch pers\u00f6nlich pr\u00e4gend. Herausfordernd war hingegen die soziale Zusammensetzung der Studierendenschaft: Diese entstammt \u00fcberwiegend einer privilegierten gesellschaftlichen Schicht, was sich im Habitus und sozialen Umgang bemerkbar macht und f\u00fcr mich anfangs ungewohnt war. Dennoch er\u00f6ffneten sich zahlreiche M\u00f6glichkeiten zur Integration, sei es durch gemeinsame Projekte oder \u00fcber universit\u00e4re Veranstaltungen. Auch mit eingeschr\u00e4nkten Spanischkenntnissen ist eine Integration m\u00f6glich, da viele kolumbianische Personen sehr offen und hilfsbereit sind. Dennoch empfehle ich dringend, Sprachkenntnisse m\u00f6glichst vorab zu vertiefen, was f\u00fcr mich jedoch auf Grund meines muttersprachlichen Hintergrunds eine untergeordnete Rolle gespielt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Belastung bestand in der Doppelrolle zwischen regul\u00e4rem Studium und paralleler Feldforschung. Die enge Taktung des Semesters lie\u00df wenig Raum f\u00fcr Erholung, Reisen oder spontane Aktivit\u00e4ten. Gerade die Erfahrungen, die ich w\u00e4hrend der Forschung gemacht habe, haben mein Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft im \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c entscheidend gepr\u00e4gt. Dazu geh\u00f6ren das Planen komplexer Reiserouten, die Organisation dutzender Interviews unter schwierigen Bedingungen und der Umgang mit sich ver\u00e4ndernden Sicherheitslagen. Obwohl Spanisch meine Familiensprache ist, hat das Studium auf akademischem Niveau mein sprachliches Ausdrucksverm\u00f6gen erheblich verbessert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nachhaltigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Anreise erfolgte per Flug \u00fcber Paris nach Bogot\u00e1. Vor Ort war es mir nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, nachhaltig zu leben, da Verpackungen und Mobilit\u00e4t in Kolumbien noch stark von wenig nachhaltigen Strukturen gepr\u00e4gt sind, was eine wichtige Erkenntnis dieses Aufenthaltes gewesen ist. Dennoch habe ich versucht, den \u00f6ffentlichen Nahverkehr zu nutzen, Netzwerke vor Ort zu st\u00e4rken und Ressourcen bewusst einzusetzen. Insbesondere durch das Integrieren lokaler Lebensweisen, die mir nicht fremd waren, konnte man einen grundlegenden Einsatz beweisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reflexion und Ausblick<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Auslandssemester an der Universidad de los Andes war f\u00fcr mich sowohl fachlich als auch pers\u00f6nlich von unsch\u00e4tzbarem Wert. Ich konnte meinen Schwerpunkt in den Entwicklungs- und Sicherheitsstudien ma\u00dfgeblich vertiefen, internationale Netzwerke und Freundschaften aufbauen und eine Grundlage f\u00fcr meine in ihrer Komplexit\u00e4t und Tiefe un\u00fcbliche Masterarbeit schaffen. Pers\u00f6nlich hat mich der Aufenthalt gelehrt, mit Unsicherheit umzugehen, eigene Grenzen auszuloten und wissenschaftliche Neugier mit Verantwortung zu verbinden, nicht zuletzt gegen\u00fcber meiner zweiten Heimat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind auch einige W\u00fcnsche offengeblieben: Mehr Zeit f\u00fcr die Feldforschung, eine weniger enge Taktung der Studienleistungen und eine sicherere Forschungssituation vor Ort w\u00e4ren w\u00fcnschenswert gewesen; vordergr\u00fcndig letzteres ist jedoch stark von der eigenen Unf\u00e4higkeit gepr\u00e4gt, als Forschender einen aktiven Beitrag zur Verbesserung der hochkomplexen Sicherheits- und Entwicklungslage zu leisten. Dennoch \u00fcberwiegt die Dankbarkeit: Die Studienstiftung hat mir eine einmalige Chance er\u00f6ffnet, die ich ohne ihre F\u00f6rderung nicht h\u00e4tte ergreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrungen in Bogot\u00e1 haben meinen weiteren Weg entscheidend gepr\u00e4gt. Vor allem aber haben sie mir gezeigt, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Arbeit nicht nur aus der Distanz, sondern im direkten Austausch mit den lokalen Realit\u00e4ten zu betreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr weitere Informationen oder einen Austausch mit Studien- oder Forschungsinteressierten stehe ich unter folgender E-Mail-Adresse zur Verf\u00fcgung:&nbsp;<a href=\"mailto:santiago.loesslein@gmail.com\">santiago.loesslein@gmail.com<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Autor: Santiago L\u00f6sslein Pulido (2025)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte die Gelegenheit, ein Auslandssemester an der Universidad de los Andes in Bogot\u00e1 zu verbringen. 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