Folge 03: Wie kritzelt Berlin?

Inhalt:
- Die Be-Schreibung des städtischen Raums
- Ähnlichkeiten oder Abgrenzung zur „echten Literatur“
- BONJOUR TRISTESSE
- Die Stadtbewohner selber schreiben die Zeitung ihrer Stadt
- Schreiben gegen das Verschwinden
- Claim your city!
- Have you seen the Writing on the Wall?
- Zusammenfassung: Unterschiede zwischen institutionalisierter Literatur und der Urban Calligraphy
- (Literaturangaben und Belege)
***
[Musik]
(1.)
Solange die Berliner Mauer stand, war West-Berlin an vielen Orten über und über mit Farbe bedeckt. Brandmauern waren mit Schriftzügen übersät, die Toiletten der Universitäten waren von Wänden unterteilt, die täglich von oben bis unten neu überschrieben wurden, Straßen- und Bahnunterführungen waren mit Schriftzügen übersät. Alles Gekritzelte schien ununterbrochen von der Dringlichkeit zu reden, jenen eingemauerten Zustand zu beheben, der Berlin von einer Zukunft noch abzuschneiden schien.
Auch heute ist Berlin an sehr vielen Stellen von Schrift überzogen, aber es hat sich Grundsätzliches am Auftrag dieser Schrift geändert. Darum soll es in dieser Folge unseres Podcasts gehen. Also warum Berlin auch im Jahr 2024 ein Ort ist, der einem obsessiv beschriftet erscheint, der von Menschen bevölkert und von Nomaden durchwandert zu werden scheint, die die urbanen Räume dieser Stadt immerzu beschriften und bebildern, taggen und überschreiben wollen. Die Gegenwart schreibt sich gnadenlos fort, indem sie das gestern Neugeschriebene heute schon wieder überschreibt, als ob es nicht mehr gültig wäre oder als ob es gelte, wie ein Nachrichtenmagazin den neuesten Zustand der Welt auszudrücken. Ja, ein unbändiger Ausdruckswille scheint in Berlin am Werk zu sein. Aber was wird eigentlich ausgedrückt in diesen täglich erneuerten Einschreibungen, in den täglichen Eintragungen in den Schriftträger, der nichts weniger als der manifeste Stadtraum Berlins selber ist? Doch wohl nicht die neuesten Wirtschaftsdaten oder die Ergebnisse der Landtagswahlen von Brandenburg oder Thüringen?
Und wer drückt sich aus?
Und woher kommt die Energie, die investiert wird ohne Gegenleistung, das Risiko, das oft eingegangen wird, wenn Schriftaktionen in ungesicherten Räumen oder in schwindelerregenden Höhen unternommen werden oder aber dort, wo Strafen gegen Vandalismus oder Beschmutzung des öffentlichen Raums verhängt werden?
Wer bezahlt das alles und wer deckt das Risiko, die Kosten und nicht zuletzt die Schäden, die rein volkswirtschaftlich betrachtet das ganze Gekritzele und Gesprühe und Gemale verursachen?
Fragen über Fragen.
[Musik]

(2.)
Wir alle, die wir Berlin täglich durchkreuzen, kennen es: Unser Blick fällt andauernd auf Schrift, die auf fast alles aufgetragen, gesprayt, geschrieben oder gemalt ist. Wir können nicht anders, als das Geschriebene zu lesen. Schrift trägt ja in sich immer vor allem den Appell an uns: Du musst mich lesen. Und so verbinden sich für uns alle, meine ich, beim täglichen Bewegen durch die Stadt, die zufällig gelesenen Botschaften, Appelle, Frustäußerungen, poetisch offenen Sprachbeiträge, auch die so oft unverständlichen und auch unlesbaren Mitteilungen mit einem Erlebnis des Ortes, den wir gerade durcheilen. Wie flüchtig auch immer unser Aufenthalt an dieser Straßenecke sein mag, unter dem Eindruck des zufällig Gelesenen nehmen wir hier an einem Placemaking teil, zu dem die Literatur aktiv beigetragen hat. Unter Placemaking versteht man den Prozess, bei dem durch künstlerische oder stadtgestalterische Intervention die Identität eines Ortes hervorgehoben, verändert und jedenfalls ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gehoben wird. Es geht nicht darum, einen Ort einfach nur schöner zu machen. Placemaking will neue Bezüge und Optionen anbieten, wie die im Stadtraum lebenden Menschen ihre tägliche Umgebung reflektieren und sich in dieser Umgebung besser aufgehoben finden können. In diesen kreativen Prozessen, die man auch die Rückgewinnung des an Regularien, Bauvorschriften und Investoren verlorenen Stadtraums nennen könnte, spielen Sprachmarkierungen und Graffiti eine herausragende Rolle, indem sie auf das Ungesehene, Ungedachte, das Fehlende konkret und sprachlich direkt hinweisen können.
[Musik]
Anders als die Bildende Kunst ist Literatur im öffentlichen Raum noch kaum etabliert. Dabei wirkt Literatur aktiv am Place-Making mit, d.h. mit Hilfe von Schrift an öffentlichen Gebäuden, Fassaden, Straßen, Verkehrsampeln und Stromkästen werden Räume aktiv konstituiert: in die Aufmerksamkeit genommen, geprägt, Menschen werden zum Versammeln an diesen Orten eingeladen, die so auf ihre Weise – oft nur für kurze Zeit, bevor die Schrift überschrieben oder durch Reinigung getilgt wird – zu Gedenkorten, zu Orten des Eingedenkens, des Ideen-Sharings werden.
Dieser fluide Text der Stadt Berlin kann niemals als ganzer erfahren, geschweige studiert werden, er ist wie der html-Text oder auch wie Kafkas Prosatexte ohne Anfang und ohne Ende, bei jeder Lektüre wird der Text neu zusammengestellt, aber im jeweiligen Moment kann er doch (momentan) erfasst werden und einen Sinn ergeben. Diesen im Moment der Lektüre je aktualisierten Textsinn, der stets die Jetztzeit behauptet, könnte man den Literatur gewordenen Zeitgeist von Berlin nennen. Und so wie der Zeitgeist nie als ganzer erlebbar oder beschreibbar werden kann, ist auch das Ganze des Buchs Berlin nicht als Ganzes lesbar. Und selbst wenn man es wie einen Roman zwischen zwei Deckeln halten und lesen könnte, so wäre es immer nur eine Momentaufnahme. Beim Weiterlesen wäre das Gelesene bereits umgebrochen, ersetzt, getilgt oder durchgestrichen.
Aber dieser riesige bewegliche Text wird von seinen Leserinnen und Lesern ja auch nicht gelesen wie eine geplante Lektüre, zu deren Vorbereitung man in einer Buchhandlung das Buch kauft oder es in der Bibliothek ausleiht oder es aus dem Netz herunterlädt oder aber auf eine AutorInnenlesung geht; man hat vielmehr eine andere oder auch gar keine Einstellung zum Lesen, man wird auf die Lektüre gestoßen, während man die Stadt durchläuft, meist mit einem anderen Ziel als dem der Lektüre im Buch der Stadt. Auf dem Weg zu jenem eigentlichen Ziel widerfährt einem plötzlich die Lektüre eines TEXTS auf dem Straßenbelag, auf dem Ampelmast neben den Ampellichtern, auf die eigentlich der Blick gerichtet ist, in mehr oder weniger lähmender Routine des Wartens auf Grün nimmt man herzlich gern die spontane Ablenkung hin zu einer spontan entstandenen Schrift an einer ungewöhnlichen Stelle an, einer Stelle, die überraschend hier als Schriftträger sich erweist. Und bevor du entscheiden kannst, ob das Geschriebene hier als Literaturstück interessant, originell oder beides nicht ist, ist das Erscheinen von Literatur an dieser Stelle für dich schon ein Mehrwert, der deine Gedanken aus dem weitgehend durchregulierten System des Berliner Straßenverkehrs für eine meist sehr kurze Weile befreit und erhebt.
Und manchmal fragen wir uns vielleicht: Woher kommt diese unablässig zu mir Passanten sprechende Stimme, diese mir vorgelesene Schrift, diese Literatur im Stadtraum, dieser unendliche Lettern-Kosmos? Auf jeder Bäckereitüte steht etwas zum Lesen, die Hauseingänge sind voller Beschriftungen, die Toiletten der Bars und Clubs sowieso, auch die nicht beschrifteten Körper der Menschen werden immer weniger.
Studierende der Literatur mögen bei „Kritzeleien“ allenfalls an die Handschriften von Novalis denken, an Lichtenbergs Sudelbücher oder Robert Walsers Aufzeichnungen aus dem Bleistiftgebiet. Was rechtfertigt es, im Falle der Graffiti-artigen Kritzeleien im öffentlichen Raum der Stadt von Literatur zu sprechen?
[Musik]
(3.)

Eine der berühmtesten Inschriften Berlins fand sich jahrzehntelang hoch oben auf der Fassade eines Eckhauses an der Schlesischen Straße in Kreuzberg, Ecke Falckensteinstraße. Dort steht seit 1984, dem Ende der Errichtung des neuen Gebäudes in großen roten Lettern zu lesen: BONJOUR TRISTESSE. Es handelt sich bei dem Gebäude um einen schmucklosen Neubau mit geschwungener grauer Fassade, die ansonsten monotone Reihen von kleinen Fenstern aufweist, weshalb es naheliegt, den in roten Lettern aufgetragenen Schriftzug als negativen Kommentar zum unpersönlichen, anonymen Grau der Fassade zu verstehen. Dieser kritische Bezug zur tristen Erscheinung des Gebäudes[1] kann aber nicht die Berühmtheit des Spruchs erklären, das das Gebäude, von dem er getragen wurde, emblematisch für das zwischen Mauern eingekesselte Kreuzberg des Kalten Krieges machte. Fortan pilgerten die Berlinbesucher in Scharen zu diesem Must-see des Freilichtmuseums namens Berlin. Seit 2012 prangt ein weiterer Schriftzug oben neben dem inzwischen verbleichenden Graffito der TRISTESSE: nämlich: BITTE LEBN, ergänzt um ein Anarcho-A. Es ist, als würde jener TRISTESSE-Befund aus Mauerzeiten nun fortgeschrieben und für die Post-Wendezeit noch einmal mit einem Aufschrei forciert, der nicht nur die Tristesse des Lebens beklagt, sondern die Möglichkeit würdevollen Lebens überhaupt in Frage stellt und deshalb umso mehr verlangt. Die große Plakativität der Graffiti ergibt sich zum einen aus der Berühmtheit und Verrufenheit jenes Szene-Kiezes um das Schlesische Tor, zum anderen aber auch aus dem Zusammenspiel von Gründerzeitarchitektur und der brutal schmuckfreien Fassade des Eckhauses. Dennoch bleibt die nachhaltige Wirkung, die von den zugegebenermaßen äußerst lakonischen Aussagen dieser beiden vielleicht berühmtesten Kritzeleien des neueren Berlin bis heute ausgeht, doch erstaunlich . Man könnte darüber spekulieren, ob bei BONJOUR TRISTESSE eine intertextuelle Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Françoise Sagan aus dem Jahr 1954 vorliegt.

Oder aber, ob es die verkehrte Schreibweise des doppelten SS in Tristesse ist, was hier so ungewöhnlich nachhaltig gewirkt hat. Auch in dem neueren Graffito BITTE LEBN ist ja ein Fehler eingebaut, und zwar das fehlende E in der zweiten Silbe von LEBN, wobei sich auch hier multiple Auslegbarkeit und Fragwürdigkeit eröffnen, was möglicherweise für den nachhaltigen Ruhm dieser Riesenkritzelei zentral ist.
(4.)
Wo man geht und steht in Berlin, trifft man auf Schrift. Wer zu U-Bahnhöfen hinab- oder hinaufsteigt, wird von Kritzeleien begleitet, wohin man auch seinen Blick wendet, oben, unten, zu den Seiten; und die Befeuerung durch Geschriebenes hört nicht auf, wenn man in der Bahn sitzt oder steht. Die Ausstellung „Berliner Zimmer | Berliński pokój“ im Polnischen Kulturzentrum in Mitte im Frühjahr 2024 hat den Stadtraum als die aktuellste Form der Zeitung vorgestellt, eine sich beständig aktualisierende Schreib- und Lesemaschine, in der wir BewohnerInnen immerzu zum Weitertexten und Weiterlesen verdonnert sind.

Der Künstler Roland Schefferski hat Titelseiten internationaler Zeitungen so ins Fenster der Ausstellungsräume gehängt, dass man durch die Ausschnitte auf Augenhöhe im wahrsten Sinn der Worte durch die Zeitung hindurch den Stadtraum liest und durch den Ausschnitt auf Mundhöhe die Zeitung selber bespricht, also praktisch immer wieder neue Zeitungsbeiträge einspricht.
Ihr könnt übrigens Fotos dieser Ausstellung und viele Abbildungen zu dem hier im Podcast Erwähnten finden in den Materialien zum Podcast auf der entsprechenden Seite der FSGS. Dort findet ihr auch die Transkripte zu allen bisherigen Folgen unseres Podcasts.
Die kleine Ausstellung konnte anschaulich machen, dass wir es zwar gewohnt sind, Sprache in klassischen Medien der Schriftlichkeit aufbereitet zu finden, also in Büchern, Zeitungen und dem Internet, dass aber tatsächlich die Schrift auch jenseits dieser Medien immerzu am Werk ist, jenseits von Redaktionsschluss und Veröffentlichungsdaten. Ja, in der an Textualität überbordenden Stadt Berlin scheint vielleicht gerade jetzt erlebbar, wie überall die Textualität Besitz ergreift von der Stadt selber. Und diese allgegenwärtige Textualität hat es auf nichts anderes abgesehen als die Aufmerksamkeit ihrer Leser, also aller Stadtbewohner. Ich komme gerade von einem Aufenthalt in Asien zurück und habe dort zwei Monate lang in den Großstädten gelebt und gearbeitet und ich muss sagen: Dass ich es von Berlin her gewohnt bin, beim Laufen durch die Stadt immerzu zu lesen, auf Lesbares zu achten, von Schriften im Stadtraum täglich überrascht zu werden. Und so war ich schon bald nach meiner Ankunft in Beijing und Shanghai total perplex, dass ich dort nichts Geschriebenes fand außer Werbung und offiziellen Ankündigungstexten. Keine Stimme sprach dort zu mir, keine Symphonie von Kritzeleien, hinter denen ein vielschichtiges Autorinnen- und Autorenkollektiv Kunde gegeben hätte vom Lauf der Welt, von den Nöten der einzelnen Menschen der Stadt, von dem, was man mit dem großen, vielleicht etwas zu sehr raunenden Wort Zeitgeist versucht zu benennen. Ich empfand also die vollständige Abwesenheit von Graffiti und Skripturen im öffentlichen Raum in China als große Stille. …Die mich störte, die mich irritierte, und zwar zutiefst. Ich erlebte das Nicht-durch-seine-Bewohnerinnen-Beschriftetsein des städtischen Raums als Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem städtischen Raum selber. Kann ich mich verständlich machen? Dass die Stadtbewohner in China offenbar keine Möglichkeit haben, sich selber in den Raum ihrer Stadt einzuschreiben (oder es nicht wollen?), erlebte ich als Stille und ich muss sagen, als eine bedrückende. Abwesenheit geschriebener Schrift erlebte ich als Stille. Sie, er: Niemand bringt sich zum Ausdruck. Gibt es kein Ausdrucksbedürfnis nach draußen hin? Ich kann jedenfalls keines hören. Stille.
[Musik]
Aber zurück nach Berlin!
(5.)

In Berlin gibt es viele Orte, die brüchig dastehen. Die aussehen, als ob sie von der Furie des Verschwindens vergessen wurden beim letzten Mal, die aber der nächsten Runde der Räumung, der Stadterneuerung bestimmt zum Opfer fallen werden. Solche Orte, Gebäudereste, Mauerüberbleibsel, erratisch im Stadtraum verharrende Konstruktionen aus Vorzeiten werden bevorzugt als Schriftträger für Kritzeleien gewählt. Warum? Es scheint, als wolle man durch die Kritzeleien auf ihr bevorstehendes Verschwinden aufmerksam machen. Als ob das vor dem Verschwinden Stehende so ausgestellt werden solle, dass ihm dieses sein bevorstehendes Verschwinden abzulesen ist. Wir vorübergehenden Stadtbewohner lesen: Wenn wir das nächste Mal hier vorübergehen, wird dieser Gebäuderest womöglich nicht mehr da sein. Es sind diese Reste eines früher funktionalen Gebäudes, die zum Beschreiben, Besprühen, zum Bekritzeln einladen. Beschriftet werden müssen, so scheint es, gerade diejenigen Bauten, die jetzt funktionslos geworden sind und die durch diesen Verfall ihrer Funktionalität nun selber zum Verfall bestimmt wurden. Der Verfall kann wohl nicht mehr aufgehalten werden, aber die Ankündigung des endgültigen Verschwindens scheint die unablässig unterwegs befindliche Autorenschaft auf den Plan zu rufen. Als gelte es, die Aufmerksamkeit ein letztes Mal auf das zu richten, was bald in unserem gemeinsamen Stadtraum aufhören wird zu existieren. Die Schrift hat seit je den ganz wesentlichen Auftrag, die Erinnerung, die beim Menschen zur Schwäche neigt, zu stützen. Den Gedächtnisverlust, der den Menschen immerzu heimsucht, und zwar – wie heimtückisch! – ohne dass er es merkt. Und die Schrift ist eben nicht zuletzt eine vom Menschen ersonnene Merkhilfe. Dies ist nicht ihre gewöhnlichste, schon gar nicht ihre unbedeutendste Eigenschaft.
Als Ernst Reuter 1948 während der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion, als West-Berlin zu verschwinden drohte, dazu aufrief: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“, da versuchte er, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was vom Verschwinden, vom Getilgtwerden bedroht war, um es so zu retten. Hinter vielen, hinter fast allen der Kritzeleien in der großen Stadt Berlin sehe ich diese Aufmerksamkeitsversammlung, der es um die Rettung dessen geht, was mit der aufgetragenen Schrift gekennzeichnet – gerettet werden soll.

Ein anderes Beispiel dafür, wie funktionslos gewordene Gebäude zu riesigen Schriftträgern werden, ist das alte Postamt SW61 an der Möckernbrücke. Das Gebäude, eins der höchsten der Stadt, wurde entkernt und wird derzeit einer völlig neuen Bestimmung zugeführt. Die gesamte 65 Meter hohe Südfassade des Gebäudes ist von Graffiti-Writings überzogen, die, wie Spruchbänder angeordnet, lineare Textlektüre anbieten. Allerdings ist die Geschichte in einen offenbar nur Eingeweihten verständlichen Code übersetzt und das Gros der täglich zur Lektüre aufgerufenen Passanten nimmt hier zwar großflächig aufgetragene Textualität wahr, fühlt sich jedoch beim Versuch zu lesen allenfalls an Hieroglyphen erinnert. So führt die Unlesbarkeit vieler Writings dazu, sich näher mit dem Rätselhaften zu beschäftigen, sie stellen damit einen Gegenpol auf zu den im Stadtraum omnipräsenten Werbeschriftzügen, deren Message immer die gleiche ist und die das Leben der Städtebewohner wahrlich nicht durch geistige Provokation bereichert oder aufwühlt. Noch ein Wort zur Herkunft des ungewöhnlichen Stils dieser vertikalen und allgemein unlesbaren Zeichenbänder, die hier und an immer mehr Stellen der Stadt sichtbar werden: Es handelt sich um den sogenannten Pixação-Stil, der von den brasilianischen Pixadores übernommen wurde, die in São Paolo bereits in den 1960er Jahren Schriftzüge als neben Graffiti eigenständige Form der Streetart etablierten, eine Unterscheidung, die in Brasilien bis heute von großer Bedeutung ist.
(6.)

Hinter praktisch allen auf Mauern, Straßenschilder, Oberflächen der Stadt aufgetragenen Schriftzügen steht die Frage: Wem gehört die Stadt? Und wann immer diese Frage durch ein neues Graffito aufgerufen wird, so klingt schon die Furcht mit, dass uns allen die Stadt immer mehr weggenommen wird. Aus dieser Annahme, dass der öffentliche Raum immerzu in Gefahr ist, der Öffentlichkeit vorenthalten zu werden, resultiert jener meist unverhohlen agitatorische Gestus des ungefragten Anbringens der Kritzeleien. Immer geht es dabei darum, sich die Stadt anzueignen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten, schließlich wird der öffentliche Raum immerzu von Behörden reglementiert oder vom Kapital privatisiert, ohne die Öffentlichkeit vorher zu fragen. Vieles Selbstverständliche verschwindet unbemerkt, im Stillen. Und bei dem Kampf um die Öffentlichkeit geht es auch um das universelle Recht auf Wohnen, auf Bleiberecht, diese Forderungen stehen immer hinter den graphischen Aktionen, die jeden Tag 24 Stunden lang in Berlin im Gange sind und die sich auf das Motto Claim your City berufen können.
[Musik]
(7.)
Wenn wir uns einen Moment von der Vorstellung lösen, dass Literatur vor allem aus Büchern bzw. E-books, also aus mehrfach gesicherten Texten besteht, kommen wir sehr schnell in Teufels Küche. Kriegen wir die größten Scherereien mit dem geordneten Leben, mit den Lehrern, deren Beruf es ist, Wissen und geistige Inhalte so vorzustellen und so zu organisieren, dass sie greifbar, vermittelbar, aufräumbar, lehrbar, verpackbar und nicht zuletzt verkaufbar sind.
Aber das ist weder, wo Literatur herkommt, noch, wo sie hinwill. Literatur kommt doch aus der einzelnen sprachlichen Äußerung, historisch kommt sie aus der mündlichen Überlieferung, am Anfang ist immer ein experimentelles Setting, ein Ausprobieren von Wörtern, Sätzen, die ihre Textfähigkeit erst noch erweisen müssen.
Das fertige Buch ist nur der Sonderfall der Literatur, ein Spätling in der Geschichte des Erzählens, bei dem in äußerster Konzentration eine sprachliche Äußerung bis fast ins Unendliche langgezogen, ausgebaut, dabei ständig korrigiert und mit sich selbst in ein Kohärenzverhältnis gesetzt wird, das in manchen Fällen über 1000 Seiten hin gespannt wird mit den nur den episch begabtesten Schriftstellern eigenen Konzentrationseigenschaften, während bei dem normalen muttersprachlichen Sprecher dieses Konzentrationsvermögen kaum über drei Sätze hinaus reicht. Das Buch ist damit der äußerst seltene Fall einer ins Extrem gezogenen sprachlichen Äußerung.
Eine Tagung des FU-Graduiertenkollegs „Schriftbildlichkeit“ im Jahr 2011 widmete sich dem Thema „Über Kritzeln“ und stellte fest: „Kritzeleien scheinen ein Phänomen des Peripheren. Anzusiedeln in den … Randbezirken von Schrift und Bild, sind sie noch nicht oder nicht mehr lesbar, verwirren und faszinieren durch ihr affektiv-dynamisches Potential und sind mit vertrauten Rezeptionsmustern und Taxonomien kaum zu erfassen.
„In den Randbezirken von Schrift und Bild“ deutet an, wie wichtig die Ästhetik des Schreibbilds für die auch immer wieder „urbane Kalligraphie“ genannte Technik der Schriftzüge ist. Das Kritzeln ist in seinem Ausdrucksreichtum längst nicht erfasst, solange es nur als Schrift gelesen wird. Vielmehr verweist die kalligraphisch-visuelle Dimension auf Gestik und Materialität des Schreibaktes. Die Aktion des Kritzelns selber schreibt sich in die Schrift ein, und damit weist das Gekritzel über das rein Zeichenhafte hinaus auf die Körperlichkeit von Schreibakt und Schreibenden. Schreiben kann schließlich auch eine Maschine. Zum Kritzeln hingegen braucht es schon einen Menschen: In „kritzeln“ klingen viele körperliche Aktivitäten an, die dem Ausdrucksbedürfnis entspringen: kratzen, krächzen, kritteln und kritisieren, kruschen, kriechen, kreisen, kraxeln, kramen, krabbeln, krähen, kriseln. Allein die kurze Aufzählung aus dem Gedächtnis zeigt, in wie viele elementare und spontane Verrichtungen des Menschen das Schreiben körperlich eingebunden ist. Das Kritzeln kokettiert zudem stets mit Unleserlichkeit, ihm liegt ein scheuer Versuch zu Grunde, das Geschriebene in die nicht lesbare Unordnung zurückzuverbergen: in das doch besser ungesagt Bleibende, das Tohuvabohu.
[Musik]
Wenn wir über das Schreiben im öffentlichen Raum Berlins sprechen, müssen wir noch einmal auf die Mauer zurückkommen, der schon die letzte Folge dieses Podcasts gewidmet war. Heute freilich geht es uns nicht um das brutal und kompromisslos Teilende der Berliner Mauer, durch die die Kommunikation mit den Menschen auf der anderen Seite stark eingeschränkt wurde. Aber genau in dem Moment, da die Menschen resignierend vor ihrer physischen Unüberwindlichkeit zu stehen kamen, wurde ihnen die Mauer zum Schriftträger für den Protest gegen diese ihre Undurchdringlichkeit, gegen die Unmöglichkeit, sie mit Sprache zu durchdringen. Es ist eine einzigartige Konstellation der höchsten Verzweiflung gewesen: Die Menschen im getrennten Berlin wollten die Freiheit des Wortes, sie wollten mit den Menschen auf der anderen Seite sprechen und sich austauschen. Dass sie das nicht konnten, dass sie daran gehindert wurden, schrieben sie in großen Buchstaben auf diesen Verhinderer ihrer Redefreiheit. Das konnte die Führung der DDR nicht geahnt haben, sonst hätte sie sich eine Barrikadenart erdacht, die weniger zum Schriftträger der freien Menschheit geeignet gewesen wäre als die Mauer. Ein Jahrzehnt vor dem Fall der Mauer hat die britische Band Pink Floyd die unvergessliche Hymne zu dieser Verzweiflung geschrieben und damit aber auch eine Anleitung, wie diese Barriere der Menschen- und Redefreiheit zu beseitigen sei. Mit anderen Worten: Indem du auf die Mauer schreibst, indem du gegen sie anschreibst, damit tust du den ersten Schritt, der zu ihrer Überwindung führt, zu ihrem Abriss:
[Musik]
I don´t need no arms around me
And I don´t need no drugs to calm me
I have seen the writing on the wall
Don´t think I need anything at all
No, don´t think I´ll need anything at all
[Chorus]
All in all, it was all just bricks in the wall
All in all, you were all just bricks in the wall
(8.)
Zum Schluss möchte ich versuchen, noch einmal zu begründen, warum ich das von so großer Intensität vorangetriebene Be-Schreiben des städtischen Raums in Berlin als eine Form der Literatur ansehe. Ich möchte wesentliche Eigenschaften, Voraussetzungen, Wirkungen und Statusmerkmale der urbanen Kalligraphie der Literatur im engeren Sinne, also der gesellschaftlich und wissenschaftlich institutionalisierten Literatur gegenüberstellen:
Während die Literatur ihre Orte im Archiv, in den Bibliotheken und in den Bücherregalen der Lesenden hat, ist die urbane Kritzelei im öffentlichen Raum überall und barrierefrei möglich. Der Repräsentation der Literatur im Buch stehen hier die Aktion und der Augenblick gegenüber. Literatur wird im Archiv konserviert, ein Text, der einmal die Schwelle zum Buch und die Hürde der Veröffentlichung genommen hat, ist philologisch gesichert, aber auch festgestellt und unveränderlich. Philologische Treue geht oft mit der Auratisierung des Buchs einher und verleiht ihm quasi-religiöse Weihe, die oft mit dem Wesen der Literatur verwechselt wird. Dagegen wehren sich Street Art- und Urban Calligraphy-Kunstschaffende mit Händen und Füßen. Statt quasi-religiös wollen sie politisch sein. Dass ihre Hervorbringungen spontan und ephemer, wandelbar und vergänglich sind, lässt ihre Werke zum Gleichnis werden, denn ihnen ist der Zustand der Welt und der Gesellschaften ebenso ungesichert und gefährdet. Insofern ist der prekäre Zustand ihrer Kunst, die Gefahr und das Risiko, unter denen diese Schreibenden arbeiten, zugleich ein beständig mahnender Aufruf an alle, sich nicht in Sicherheit zu wägen, sondern der Zukunft aktiv entgegenzugehen und um die Grundrechte des Menschlichen zu kämpfen. Daher auch der subversive Gestus des Protests gegen den Besitzstand.
Anstelle der gepflegten Stille des Lesezimmers steht die Bewegung der Welt im urbanen Kosmos.
Wo hier die Realität der Institutionen von Buchhandel bis Bildungselite ist, ist dort die Virtualität und Utopie einer zukünftigen Schriftkultur.
Schließlich sei noch die Individualisierung angesprochen, die hinter dem literarischen Werk liegt. Seine Autorin, sein Autor schreibt allein, für sich, ihr oder sein Buch. Die oder der Urban Writer hat kein weißes Blatt vor sich, das nur sie oder er beschreibt. Das Neue kommt hinzu zu einem Kontext, der bereits da ist, aber verbleicht, verschwindet. Und auch das Neue verbleicht und schwindet wieder, tritt zurück hinter das Neueste, das frisch aufgetragen wird. Das Ganze ergibt immer wieder ein Getümmel von alter und neuer Rätselhaftigkeit sowie dazwischen aufscheinenden Bedeutungen, ein Auf und Ab, das ständig zur Aktualisierung drängt. Als ob die alles vorantreibende Frage hieße: „Wann lesen, wenn nicht jetzt!?“
[Musik/fade-out]

*** (Ende des Skripts)
Erwähnte Literatur:
- Monographien und Sammelbände
De Rijke, Victoria: The untimely art of scribble. Singapore: Springer 2023
Driesen, Christian; Köppel, Rea; Meyer-Krahmer, Benjamin; Wittrock, Eike (Hg.): Über Kritzeln. Graphismen zwischen Schrift, Bild, Text und Zeichen. Zürich: Diaphanes 2012
Lethem, Jonathan: When Art Talks Back: On Graffiti as Visual and Written Expression. Exploring Artistic Scribbling in a Rapidly Gentrifying New York City https://lithub.com/when-art-talks-back-jonathan-lethem-on-graffiti-as-visual-and-written-expression/ (diese und alle unten folgenden Webseiten zuletzt abgerufen am 22.9.2024)
Reclaim Your City: „BITTE LEBN. Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003–2021“. Assoziation A 2022
Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006 (Erstausgabe 1903)
Wohlleben, Doren / Edition text+kritik: Literatur im öffentlichen Raum. München 2023
- Webseiten und e-Artikel
Internetauftritt des Graduiertenkollegs „Schriftbildlichkeit“ an der Freien Universität Berlin:
Writing-Szene in Berlin:
https://taz.de/Bitte-nicht-taggen/!557265/
Reclaim your City-Movement:
https://taz.de/Berliner-Graffiti-Buch-BITTE-LEBN/!5864673/
Sammlungen gefundener Notizen und Kritzeleien in Berlin:
Gegenläufiger Trend: Buch wird Life-Style-Produkt:
https://taz.de/Dieses-Buch-ist-kein-T-Shirt/!354303/
https://www.deutschlandfunkkultur.de/instagram-trends-schoener-wohnen-mit-buch-100.html
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1164766.literaturbetrieb-lifestyle-literatur.html
1UP-Video (arte):
ACHTUNG: Daten nach YouTube werden erst beim Abspielen des Videos übertragen.
- Gehörte Musik:
Pink Floyd: Another Brick in the Wall (Part Three)
[1] Das Gebäude stammt übrigens von einem der anerkanntesten Architekten des Jahrhunderts, dem Portugiesen Siza Vieira. Siza entwarf das Projekt im Rahmen der für Berlin und für die Baumoderne bedeutsamen internationalen Bauausstellung 1983 in Berlin. Der Bau war Sizas erstes Auslandsprojekt.
[2] Zu lesen auf der Internetseite der Tagung: https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/schriftbildlichkeit/veranstaltungen/oeffentlich/tagungen/kritzeln/index.html
Hier geht´s zu den früheren Folgen: Folge_02 und Folge_01.
Zu unserer Podcast-Seite auf der Hauptseite der FSGS…
Podcast und diese Visualisierung © Georg Jansen 2024

