Berliner_Straßen_Zeilen_01

Folge 01: Wie tickt Berlin?

Inhalt:

  1. Wie tickt Berlin? Am Alex.
  2. Unterwegs zur Sonnenallee. Wie es dort tickt…
  3. Literatur heute: Am Alex oder eher in Neukölln?
  4. Bibliografie zu dieser Folge
  5. Anregungen, rund um die Sonnenallee literarisch aktiv zu werden
  6. Anmerkungen

***

Podcast Folge 01

„Wenn du unterwegs etwas näher ansehn willst, geh nicht zu gierig darauf los. Sonst entzieht es sich dir. Laß ihm Zeit, auch dich anzusehn.“[1]

Wie tickt Berlin?

Ich wende mich an Alfred Döblin und seinen Berlin Alexanderplatz. Weil er der berühmteste Berlinroman ist, verspreche ich mir, in diesem großen, 500 Seiten starken Werk Antworten zu finden, die auch heute, etwa hundert Jahre nach seiner Entstehung, gültig sein können. Ich fahre also an den Alexanderplatz, setze mich auf eine der dort nicht aufgestellten – also imaginären – Bänke und beginne zu lesen. Und lese. Was passiert nun? Öffnen sich vor mir literarische Erkenntnisse über den Alexanderplatz? Beginnt Berlin in mir, aus der Lektüre heraus, zu ticken?

Rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampframme. Sie ist ein Stock hoch, und die Schienen haut sie wie nichts in den Boden.

Eisige Luft. Februar. Die Menschen gehen in Mänteln. Wer einen Pelz hat, trägt ihn, wer keinen hat, trägt keinen. Die Weiber haben dünne Strümpfe und müssen frieren, aber es sieht hübsch aus. Die Penner haben sich vor der Kälte verkrochen. Wenn es warm ist, stecken sie wieder ihre Nasen raus. Inzwischen süffeln sie doppelte Ration Schnaps, aber was für welchen, man möchte nicht als Leiche drin schwimmen.

Rumm rumm haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz. Viele Menschen haben Zeit und gucken sich an, wie die Ramme haut. Ein Mann oben zieht immer eine Kette, dann pafft es oben, und ratz hat die Stange eins auf den Kopf.[2]

Mit dieser Beschreibung emsiger Bauwut auf dem Alexanderplatz beginnt ein Kapitel in Döblins Roman, das überschrieben ist mit einer scheinbar beiläufig hingeschriebenen Tagesnotiz: Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wirds noch kälter.

Alexanderplatz 2023

Auch heute, beinahe einhundert Jahre später, zeigt sich dem Betrachter ein Bild grenzenlosen Baubooms, allerdings will sich die Lebendigkeit, das Quirlige der Menschenaufläufe um die lärmenden Baustellen herum hier und heute gar nicht einstellen. Vier riesige rote Kräne strecken ihre Köpfe in verschiedene Richtungen, stehen aber still und geben ein Bild der Ratlosigkeit ab darüber, was über den riesigen aufgerissenen Baugruben nun in Berlins Mitte eigentlich entstehen soll. Daneben erhebt sich, aus einer vergangenen Zeit, das Park Inn Hotel, dieser gesichtslose Monolith, wie ein Eckzahn im hässlichen, ansonsten zahnlosen Mund des einst prächtigen Alexanderplatzes. Dann die klobigen, irgendwie zusammenhanglos dastehenden Stahlskelettbauten der DDR, von denen einige – Das Haus des Berliner Verlages, das Haus des Lehrers und das Haus der Statistik – zögerlich modernisiert werden. In ihrem Inneren werden diese Gebäude auf den neuesten technischen Stand gebracht, äußerlich bleiben ihre DDR-Fassaden erhalten. Die Gebäude werden „ertüchtigt“, wie die Architekten auf einer Führung der interessierten Öffentlichkeit immer wieder erklären. Das klingt fortschrittlicher als es aussieht. Denn man kann in dem restaurativen Umgang mit diesen repräsentativen Bauwerken aus der Mitte des Ost-Berlins der DDR-Zeit auch mangelnden Mut zu einer Erneuerung des Alexanderplatzes mehr als dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer sehen; eine Musealisierung der DDR mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Abschaffung. Quo vadis, Berlin? – Diese Frage scheint vorerst offen zu bleiben.

Wie die Bienen sind sie über den Boden her. Die basteln und murksen zu Hunderten rum den ganzen Tag und die Nacht. Ruller ruller fahren die Elektrischen, Gelbe mit Anhängern, über den holzbelegten Alexanderplatz, Abspringen ist gefährlich. Der Bahnhof ist breit freigelegt, Einbahnstraße nach der Königstraße an Wertheim vorbei. Wer nach dem Osten will, muß hinten rum am Präsidium vorbei durch die Klosterstraße.[3]

Döblins Sätze sind dermaßen lebensnah, spontan und unprätentiös, dass man die von ihm in Sprache gesetzten Bewegungen am Platz mit eigenen Augen zu erhaschen meint. Und doch will das von Döblin „besprochene“ Bild vom Alex sich nicht mit Leben füllen, das Bild vor den Augen bleibt merkwürdig blass und unerfüllt. Und so bleibt zweifelhaft, ob am Ende der unabsehbaren Baubemühungen der Alexanderplatz zurückfinden kann zu jener Berliner Mischung, die so emblematisch für das damalige Berlin war, dass Alfred Döblin den Platz zum Mittelpunkt der Taten des Franz Biberkopf wählte. Biberkopf auf seinen rastlosen, orientierungslosen Gängen durch seine Stadt, auf der Suche nach Jobs, nach Geld, nach Glück und nach Liebe, immer wieder kommt er im Roman auf diesen Platz zurück. In den 1920er Jahren schienen alle Straßen in diesem Platz zusammenzulaufen, weshalb Döblin ihn zum Mittelpunkt, zu dem zentralen Ort seines Berlinromans machte. Heute hat man diesen Eindruck nicht.

Lesser Ury: Alexanderplatz, Berlin (1910er Jahre) Quelle: Wikipedia

Lesser Ury malt Ende der 1920er Jahre diese Szene unter der Stadtbahnbrücke am Alexanderplatz. Obwohl zur gleichen Zeit entstanden wie Döblins Roman, erkennen wir sofort die unterschiedlichen Perspektiven, die Maler und Schriftsteller auf die Stadt werfen: Während wir bei Ury ein bürgerlich-gepflegtes Stadtleben erkennen, in dem der Regen die einzig denkbare Störung ist und in dem ansonsten alles wohlgeordnet ist, spricht aus allen Schilderungen Döblins das Unbändige und Unberechenbare der Riesenstadt, in der die schlimmste Wendung des Schicksals hinter jeder Ecke droht.

Auf einem jener großen Eckgebäude, in denen die Geschichte seit dem Mauerfall zum Stillstand gekommen war, dem Haus der Statistik, war zuletzt ein großer, unerhörter Schriftzug zu lesen, der mir jedes Mal die Sprache verschlug, wenn ich hier vorüberradelte: „ALLESANDERSPLATZ“. Unter diesem Namen versuchten verschiedene Initiativen und Künstlerkollektive, „mitten in Berlin … in einem gemeinwohlorientierten Modellprojekt zusammen“ zu wirken und „die Menschen dieser Stadt ein[zuladen], das neu entstehende Quartier mitzugestalten.“[4] Der verheißungsvolle Schriftzug ist neulich der Baustellenrüstung und den Kränen gewichen. Der Fortschritt, so sieht es aus, ist auch hier lieber blind oder restaurativ als „alles anders“. Alles anders! wäre vielleicht eine treffende Antwort auf die Frage, wie der Alexanderplatz aus der Orientierungslosigkeit herausfinden könnte, in die ihn die vergangenen hundert Jahre versetzt haben: Aus dem historischen Hin- und Hergerissenwerden zwischen West und Ost, zwischen Plan- und Marktwirtschaft, zwischen Sozialismus, Kommunismus und westlicher Demokratie kann vielleicht einzig ein Alles anders! hinüberführen zu einem Platz in der Mitte der Stadt, in dem nicht nur alle Menschen einander über den Weg laufen, sondern in dem das Herz der Stadt schlägt wie zu jener Zeit, die Döblin in seinem Roman festhält. Womöglich wäre ein Allesandersplatz der beste aller möglichen Arbeitstitel für den offen in seine Zukunft taumelnden zentralen Platz Berlins, der zurzeit eher das Provisorium eines städtischen Platzes ist.

Die platzartigen Konturen, die hier auf dem Entwurf von 1928 deutlich zu erkennen sind, hat der Alexanderplatz nach dem Zweiten Weltkrieg völlig verloren. Heute ist er – um mit dem satirischen Architektengedicht von Christian Morgenstern zu sprechen – ein Platz „ohne was herum“[5]. Kaum mehr als der Wind scheint die Plätze von 1929 und 2024 miteinander zu verbinden.

Hören wir dazu ein letztes Mal Döblin:

Wind gibt es massenhaft am Alex, an der Ecke von Tietz zieht es lausig. Es gibt Wind, der pustet zwischen die Häuser rein und auf die Baugruben. Man möchte sich in die Kneipen verstecken, aber wer kann das, das bläst durch die Hostentaschen, da merkst du, es geht was vor, es wird nicht gefackelt, man muß lustig sein bei dem Wetter.[6]

Ehemaliges Haus der Statistik im Umbau. Alexanderplatz 2023

Ein virtuell bleibender ALLESANDERSPLATZ steht insgesamt für Berlin und seinen Laboratoriumscharakter. Alles steht hier meistens in Frage und deshalb oft auch still. Weil Projekte auf dem Sprung in die Zukunft plötzlich innehalten oder unterfinanziert sind, weil die Planer und Macher plötzlich unsicher geworden sind oder die Regierung wechselt… Aber allein schon: neue Orte oder neue Nutzungskonzepte gedacht zu haben, ihre Möglichkeit ausgesprochen zu haben, den Möglichkeitsraum neben der immer vergänglichen Realität spürbar und realisierbar, ja erlebbar gemacht zu haben, den Provisoriumscharakter der Gegenwart deutlich zu machen, für ihn zu kämpfen, das scheint mir trotz aller zweifelhaft-zögerlichen Versuche die Vitalität Berlins auszumachen.

***

2. Unterwegs zur Sonnenallee. Mal hören, wie es dort tickt…

Beim Versuch, zu erfahren, wie Berlin heute tickt, sind wir am Alexanderplatz nicht wirklich fündig geworden. Wir ziehen deshalb weiter und fahren mit der U8 sechs Stationen in südlicher Richtung. Wir steigen am Hermannplatz aus, von wo die Sonnenallee ihren Anfang nimmt. Hier scheint Berlin heftig zu ticken…

Die Sonnenallee hat eine ganz andere Dynamik als der Alexanderplatz, der nach einer neuen Identität drängt, aber dabei immerzu an der gleichen Stelle verharrt. Die Sonnenallee ist eine Straße, die praktisch selbst immerzu in Bewegung ist. Angelegt wurde sie 1893 und erhielt den Namen des damaligen Kaisers Friedrich, sie war nur 300 Meter lang und reichte gerade einmal bis zur Reuterstraße. Es begann die wechselvolle Geschichte einer Berliner Straße, die nicht wusste, so scheint es, was und wohin sie wollte.

Am Ende des Kriegs wurde mit der Stadt Berlin auch die Sonnenallee geteilt, die inzwischen auf eine Länge von fünf Kilometern angewachsen war. Während ihr Anfang am Hermannplatz lag und liegt, also an der Grenze der West-Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln, verlief sie anschließend quer durch Neukölln und wurde immer länger, bevor sie schließlich die Bezirksgrenze zu Treptow überquerte, wo sie nach weiteren wenigen Hundert Metern endete. Mit der Berliner Teilung aber fiel der Bezirk Treptow dem sowjetischen Sektor zu, was bedeutete, dass die Sonnenallee auf ihrer letzten Strecke von der Mauer zerschnitten wurde und der Verheißung ihres Namens – den Weg in den Osten bis zur aufgehenden Sonne zu weisen – ein jähes Ende bereitet wurde. Dieser geschichtsironischen Entwicklung hat Thomas Brussig einen ebenso übersichtlich-kompakten wie großartigen Roman gewidmet, in dessen kongenialem Titel er das Schicksal der Sonnenallee ebenso knapp wie trefflich zusammenfasst: Am kürzeren Ende der Sonnenallee.

Es gibt im Leben zahllose Gelegenheiten, die eigene Adresse preiszugeben, und Michael Kuppisch, der in Berlin in der Sonnenallee wohnte, erlebte immer wieder, dass die Sonnenallee friedfertige, ja sogar sentimentale Regungen auszulösen vermochte. Nach Michael Kuppischs Erfahrung wirkt Sonnenallee gerade in unsicheren Momenten und sogar in gespannten Situationen.[7]

Kurze Erläuterung der Geschichte der Berliner Sonnenallee:

  1. Vorgänger der Sonnenallee: Kaiser-Friedrich-Straße zu­nächst nur vom Kottbusser Damm bis Reuterstraße (300 m lang)
  2. Vor der Eingemeindung der Stadt Neukölln (1920) sowie der umlie­genden Ortschaften nach Groß-Berlin erhielt die neu angelegte Trasse der verlängerten Kaiser-Friedrich-Straße zwischen der Kanalbrücke und dem Dammweg am 20. April 1920 den Namen Sonnenallee.
  3. Während des Nationalsozialismus Umbenennung in Braunauer Straße nach Hitlers Geburtsort Braunau am Inn.
  4. Zwei Jahre nach Ende WKII Umbenennung der gesamten fast 5km langen Straße in Sonnenallee.
  5. Die Entwicklung der Wohnbevöl­kerung der Sonnenallee vollzog sich in den letzten Jahren hin zu Internationalität, zahl­rei­che ImmigrantInnen aus dem Nahen Osten sind dort inzwischen hei­misch. Weil von den Einwan­de­rern rund 50 Prozent arbeitslos sind und aufgrund unterschied­licher Kulturkreise entstehen häufige Konflikte. Gemäß einem Zeitungsbericht wird der Kiez deshalb auch als „Gazastreifen“[8] bezeichnet.

Die rasante Entwicklung dieser Straße, die mitunter wie ein Basar anmutet, vollzieht sich so schnell, dass alles je über sie Geschriebene immer schon veraltet scheint. Deshalb begebe man sich am besten selbst vor Ort, halte Augen und Ohren offen und erkundige sich beispielsweise an folgenden Orten über das, was gerade los ist oder vor sich geht:

Späti: Heil-Quelle, Pannierstraße

Buchhandlungen:

  • Al Mustafa, Sonnenallee 45
  • Bunbury, Weserstraße 210
  • Mabarrat-Waisenkinderprojekt, Sonnenallee 69

Restaurants:

  • Azzam, Sonnenallee 54
  • Kindl Stuben, Sonnenallee 92 (jeden Sonntag Poetry-Slam)

Angefangen hatte unsere Straße großspurig als Kaiser-Friedrich-Straße im Jahr 1893 und war doch nur 300 Meter lang. Als sie – nach einem peinlichen Interregnum, während dessen sie nach dem Geburtsort Hitlers in Braunauer Straße umbenannt war – nach dem Krieg in Sonnenallee umgetauft wurde, maß sie inzwischen fast fünf Kilometer. Damit reichte sie zwar noch nicht bis zur Sonne, war ihr aber immerhin etwas nähergekommen: Denn im Südosten, also von dort, wohin die Sonnen­­al­lee zeigt, geht sie auf. Ob in der Ostlage der Stra­ße der Grund ihres Namens liegt, konnte bis heute nicht erwiesen werden.

Mit der historischen Genese der Sonnenallee fanden wir ihren Namen also noch nicht erklärt. Woher stammte bloß dieser schlichte und zugleich wundervollste Name einer städtischen Straße: Sonnenallee?  Hieß sie etwa so, weil die Straße in Richtung der aufgehenden Sonne angelegt wurde und sich in dieser Richtung immer weiter der Sonne entgegenstreckte? „Ostung“ nennt man die gezielte Ausrichtung eines Gebäudes oder einer städtischen Anlage nach Osten bzw. eben in Richtung der aufgehenden Sonne. Der Begriff „Orientierung“ ist der heute kaum gebräuchlichen „Ostung“ sehr ähnlich, er stammt vom lateinischen Verb „oriri“ mit der Bedeutung „aufgehen (der Sonne)“. Aus der konkreten Bedeutung von „Orientierung“ – sich Gewissheit über den Stand der Sonne verschaffen, um zu wissen, an welchem Ort zu welcher Tageszeit man sich befindet – hat sich bis heute die Bedeutung erweitert zu: Die Situation, in der wir uns befinden, besser verstehen, indem wir sie einzuordnen versuchen in einen größeren Zusammenhang.

Anfang des 18. Jahrhunderts kamen böhmische Religionsflüchtlinge nach Berlin und gründeten das heute noch erhaltene Dorf Rixdorf, die Keimzelle des heutigen Bezirks Neukölln. Nach 1945 kamen türkische ArbeitsmigrantInnen hier an, 2016 kamen, aus der gleichen Richtung, Menschen aus Syrien auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem Land. Dann Flüchtende aus der Ukraine. Und Menschen aus fast allen anderen Ländern. In Neukölln leben heute Menschen aus 155 Nationen, die hier in der Sonnenallee Orientierung zu finden hoffen, die sich bemühen, sich in der hier vorgefundenen Umwelt zurechtzufinden. Ist es nicht wenigstens literarisch legitim, die Sonnenallee in diesem Sinne als nach Osten ausgerichtete Straße zu verstehen, die seit Jahrhunderten eine Einladung an Menschen aus östlich gelegenen Ländern und Regionen ist, sich hier anzusiedeln und hier in für sie neuer Umgebung sich einzuleben, sich zurechtzufinden und sich zu orientieren? Die Verheißung ih­res Namens und ihrer geografischen Ausrichtung jedenfalls ist historisch mehrfach erfüllt worden…

Zwischen den vielen Flüchtlingswellen, die diese Straße erlebt hat und erlebt, liegt eine Zäsur: Das geteilte Berlin zwischen 1945 und 90. In dieser Zeit ging zwar auch die Sonne von Osten her über der Sonnenallee auf, aber eine Mauer verhinderte, dass die Menschen herüber kommen konnten von Ost nach West. Die letzten Meter der Sonnenallee lagen hinter der Mauer auf Ost-Berliner Seite. Thomas Brussig gab, wie bereits erwähnt, seinem Roman über Leben und Kultur im Schatten der Berliner Mauer diese Straßensituation zum Titel: Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Einen Teil ihrer heutigen Berühmtheit verdankt die Straße diesem Buch.

Brussig erzählt eine Anekdote, derzufolge Stalin 1945 bei der Aufteilung Berlins in vier Sektoren nicht auf eine Straße mit dem schönen Namen „Sonnenallee“ verzichten wollte. Als gerade über die Sonnenallee ein Streit zwischen den Mächtigen ausbrechen wollte, ging Churchill die Zigarre aus:

Stalin war so zuvorkommend, ihm Feuer zu geben, und während Churchill seinen ersten Zug auskostete und sich über die Berlin-Karte beugte, überlegte er, wie sich Stalins Geste adäquat erwidern ließe. Als Churchill den Rauch wieder ausblies, gab er Stalin einen Zipfel von sechzig Metern Sonnenallee und wechselte das Thema.

So muss es gewesen sein, dachte Michael Kuppisch. Wie sonst konnte eine so lange Straße so kurz vor dem Ende noch geteilt worden sein? Und manchmal dachte er auch: Wenn der blöde Churchill auf seine Zigarre aufgepasst hätte, würden wir heute im Westen leben.[9]

(Grenzübergang Sonnenallee im Jahr 1989 und das Buchcover von Brussigs Roman aus dem Jahr 1999)

(Grenzübergang Sonnenallee im Jahr 1964 und Leander Haußmanns Verfilmung des Romans von Brussig)

***

Wenn die Sonnenallee ein langer Arm ist, der von Berlin aus nach Südosten aus der Stadt hinausführt, dann ist der Hermannplatz der Dreh-und Angelpunkt, an dem der Arm mit dem Leib – der Stadt Berlin – verbunden ist. Unter dem Hermannplatz ist einer der wichtigsten Berliner Ubahnhöfe mit den beiden Linien U7 und U8. Die Sonnenallee hat außer dieser Station an ihrem Anfang keinen weiteren Ubahnhof, allerdings gibt es im weiteren Verlauf einen S-Bahnhof, der ihren Namen trägt.

Der in den Zwanziger Jahren entstehende Ubahnhof Hermannplatz verband die Ubahnlinien U7 und U8. Von den beiden Ebenen der jeweiligen Linien gab es separate Zugänge zum Warenhaus „Karstadt“. Durch die großzügige, saal-artige Gestaltung der Bahnsteighallen sollten die Besucher auf ein exklusives Einkaufserlebnis eingestimmt werden. Die Ubahnhöfe waren hier als verlängerte Eingangshallen des Warenhauses angelegt.

Ubahnhof Hermannplatz (1926-1927), bei seinem Bau der größte in Berlin. Der Bahnsteig der U7 ist als große Halle angelegt. Der darüber liegende U8-Bahnsteig ist weitaus bescheidener.

Von beiden Bahnsteigen aus gab und gibt es direkte Zugänge zum darüberliegenden Karstadt-Warenhaus.

Karstadt am Hermannplatz. Erbaut 1927-1929

Am 25.4.1945 wird das Gebäude von der Waffen-SS zerstört, um zu ver­hin­dern, dass es in die Hände der Sowjetarmee fällt, die nur zwei Tage später hier eintrifft.

Kontroverser Neubau nach einem Entwurf von David Chipperfield, Baubeginn Ende war für Ende 2023 geplant. Wegen Insolvenz des Investors Signa, aber auch wegen erheblicher Vorbehalte um den Entwurf seitens der Neuköllner Bezirks­ver­ord­neten­versamm­lung wurde der Baubeginn bis auf weiteres verschoben.

***

Wir saßen vor dem Lokal Azzam in der Sonnenallee und hatten unser Mittagessen etwa zur Hälfte aufgegessen. Die Mengen hier sind enorm, was wir wussten, trotzdem hatten wir zwei Hauptgerichte bei dem leicht überbeschäftigt scheinenden Personal bestellt, denn die Vielfalt der angebotenen Speisen hier ist verführerisch. Fünf, sechs, sieben junge Männer teilen sich einen winzigen Raum in T-Form hinter der Theke, rechts werden die dampfenden Suppen zubereitet, von links bringt ein Junge immer wieder frische Pizza aus der von meiner Position vor der Theke aus nicht einzusehenden Küche nebenan. Der Chefbediener an der Kasse nimmt abwechselnd Bestellungen auf oder ruft zur Abholung der fertigen Speisen auf, und zwar durch ein übersteuerndes Mikrophon, es klingt wie früher das „Zurückbleiben!“ bei der BVG, und zwar in einem Idiom, dessen Kehllaute extra-hart ausgesprochen werden, um den gemeinten Abholer zur Eile anzutreiben.

So wie das Azzam gibt es unzählige arabische Lokale in der Sonnenallee. Die Straße ist vielleicht die umstrittenste Straße Deutschlands, aber auch eine ihrer lebendigsten, in der Begegnungen zwischen Menschen aus aller Welt stattfinden und in der ständig sich kulturelle Prozesse entwickeln. Die Straße verändert sich derart rasant, dass sie kaum in ihrem Ist-Zustand erfasst werden kann, was ein Grund jenes äußerst ambivalenten Spektrums von Ansichten sein dürfte, den Berlinerinnen und Berliner von ihr haben. Wie schwierig es ist, die Sonnenallee einzuordnen und zu bewerten, erklärt die Autorin Olga Grjasnowa im Interview so:

Sie haben lange und bis zuletzt an der Sonnenallee in Neukölln gewohnt, die sich in den letzten Jahren ja sehr verändert hat, oder?
Ich habe hier acht Jahre lang gelebt und sehr gerne. Ich finde, das ist die einzige Straße in Berlin, die sich zum Positiven verändert hat. Sie ist noch lebendiger geworden. Die Straße hat einen großen Reiz. Was ich aber erstaunlich finde: Jede andere Großstadt vermarktet Chinatown oder Little Italy, doch die Sonnenallee ist als No-Go verschrien. Dabei sind die Mietpreise hier höher als in Charlottenburg.[10]

***

3. Literatur heute: Am Alex oder eher in Neukölln?

In unserer ersten Folge haben wir den wohl bedeutendsten Berlinroman, Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, an Ort und Stelle auf seine heute Aktualität geprüft und festgestellt: Er kann aktualisiert werden, aber er muss es auch! Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass Berlin Alexanderplatz nach wie vor ein großer Roman ist, dass er heute ebenso gültig wie zur Zeit seiner Entstehung ist, denn er kann bei allen historischen Brüchen der zurückliegenden 100 Jahre das Wesen Berlins gerade im ständigen Wandel der Stadt zur Anschauung bringen, und zwar auf höchst überzeugende Weise. Der Alexanderplatz selbst jedoch hat heute kaum mehr den Stellenwert eines Energiezentrums für die Stadtbewohner. Wichtige kulturelle Impulse scheinen heute eher von neuen, abseits des historischen Zentrums gelegenen Kiezen auszugehen. Einen solchen äußerst dynamischen Kiez, in dem Reichtum und Probleme unserer globalisierten Welt in eine interessante bis brisante Konstellation geraten, haben wir in der Sonnenallee gefunden. Hier entsteht heute neue Literatur, hier entstehen Filme und Serien. Und womöglich schreibt eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger von Alfred Döblin hier gerade den neuen großen Berlinroman. Wenn nicht hier, wo sonst?

Übrigens hört man in den letzten Jahren häufig, das Berlin unserer Zeit habe sehr viele Ähnlichkeiten mit dem Berlin der Weimarer Republik. Davon zeugt beispielsweise die Fernsehserie Berlin Babylon, die zu einem riesigen Erfolg wurde. Und die Neuverfilmung von Berlin Alexanderplatz durch Burhan Qurbani aus dem Jahr 2022 zeigt, dass in einem aktualisierten Setting – das Berliner Urgestein Franz Biberkopf wird durch einen illegalen Flüchtling aus Guinea namens Francis ausgetauscht – Döblins Roman auch heute große Aussagekraft gewinnen kann. Zwar bleibt in dieser Verfilmung visuell kaum etwas vom Alexanderplatz Döblins übrig, aber unter heutigen Umständen lässt Qurbani Franz Biberkopf tatsächlich als Francis, einen heutigen Berliner weiterleben.

***

Zum Schluss schlagen wir den Bogen noch einmal zurück in das Berlin des frühen 20. Jahrhunderts. Von dem kaum bekannten Berliner Schriftsteller Hans Otto Werda gibt es ein kleines Gedicht mit dem schlichten Titel Neukölln 1917, das einen Blick auf das Straßenleben eines geschäftigen, aber armen Berliner Stadtteils wirft, in dem man immerzu den Lebensnotwendigkeiten nachgeht. Ähnlich wie bei Döblin, aber auch ähnlich wie heute.

Hans Otto Werda: Neukölln 1917

Hier führt die Kinderhorde auf dem Pflaster
lärmend Beweis, wie gerne man sich paart,

aus den Destillen riechts nach schlechtem Knaster, –
und Leichwagen in geduldiger Fahrt

stuckern symbolbeputzt, je nach den Spesen
zu Grabe arm und reich, gesund und siech

vorbei an Lebensmittelpolonäsen,

in denen es von Butter schwatzt und Krieg.

Hier ist kein Trost, hier kann sich nichts entkernen,
hier wählt man Zubeil, schimpft auf Staat und Geld

so dumm und dürr, wie längs den Mietskasernen
der tote Sand, das Tempelhofer Feld.

***

Bibliografie zu dieser Folge:

1. Literatur

Aydemir, Fatma: Dschinns (2014)

Benjamin, Walter: Wiederkehr des Flaneurs (1929)

Brussig, Thomas: Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999)

Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz (1929)

Grjasnowa, Olga (Interview mit Susanne Lenz, Berliner Zeitung vom 24.9.2023) https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/star-autorin-olga-grjasnowa-verliess-berlin-faekalien-in-der-s-bahn-und-makler-die-nicht-zurueckrufen-li.418244

Hessel, Franz: Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen(1933)

Hessel, Franz: Ein Flaneur in Berlin (1929)

Khani, Behzad Karim: Hund Wolf Schakal (2020)

Sundermeier, Jörg: Die Sonnenallee (2016)

Werda, Hans Otto: Neukölln 1917 (1917)

2. Internetseiten

https://allesandersplatz.berlin/

Fluter 88/2023: Neukölln (Bundeszentrale für politische Bildung / www.bpb.de)

https://taz.de/Das-Grollen-der-Grossstadt/!5539918/ (zur soundscape des Alexanderplatzes)

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/star-autorin-olga-grjasnowa-verliess-berlin-faekalien-in-der-s-bahn-und-makler-die-nicht-zurueckrufen-li.418244 (Interview mit Olga Grjasnowa in der Berliner Zeitung vom 24.9.2023)

3. Filme

Der Himmel über Berlin (Wim Wenders, 1987)

Berlin Alexanderplatz (Burhan Qurbani 2020)

4 Blocks (Dramaserie von Marvin Kren, Oliver Hirschbiegel und Özgür Yıldırım, 2017-2019)

Berlin Babylon (Kriminal-Fernsehserie von Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten, 2017 bis heute)

Anhang: Anregungen, wie man rund um die Sonnenallee aktiv werden kann…

  1. Hermannplatz Ubahnhof: Hat dieser Bahnhof eine bestimmte Aura? In welche Zeit gehört er? Nennen Sie ein paar Worte, die Ihnen spontan einfallen!
  • Azzam (Sonnenallee 54): Bitte reingehen, vielleicht einen Tee trinken; auf Geräusche… Gerüche… Blicke… Bewegungen… EINDRÜCKE achten. Was passiert hier? Bitte nennen Sie drei Stichworte in Ihr Sonnenallee-Notizheft! …
  • Späti (Pannierstraße): Was ist ein Späti? Und was ist ein Kiez?
  • Wenn Sie über die Sonnenallee schreiben sollten: Welche literarische Form halten Sie für am besten geeignet: Roman? Gedicht? Essay? Oder…
  • Nennen Sie drei Themen oder Motive, die Sie in Ihrem literarischen Text über die Sonnenallee ansprechen möchten:

Anmerkungen


[1] Franz Hessel: Von der schwierigen Kunst, spazieren zu gehen (1933), S. 22

[2] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Suhrkamp Verlag 1980, S. 179

[3] ebd.

[4] vgl. https://allesandersplatz.berlin/ und https://hausderstatistik.org/pioniernutzungen/

[5] Christian Morgenstern: Der Lattenzaun (In: Galgenlieder, 1905)

[6] Döblin, S. 180

[7] Brussig, Thomas: Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999), S. 7

[8] Mechthild Küpper: Die arabische Straße, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.8.2016 (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/sonnenallee-die-arabische-strasse-14382811.html)

[9] Brussig, Thomas: Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999), S. 8

[10] Interview mit Olga Grjasnowa in der Berliner Zeitung vom 24.9.2023

***

Hier geht´s zu den Folgen: Podcast_Folge_02 und Podcast_Folge_03.

Zu unserer Podcast-Seite auf der Hauptseite der FSGS.

Das Transkript der ersten Folge findet ihr hier.

Podcast und diese Visualisierung © Georg Jansen 2024