Folge 02: Wie geteilt war Berlin?

Inhalt:
- Entlang der Narbe/Naht der Mauer durch die Stadt
- Berühmte Berliner Sätze (Reuter, Ulbricht, Kennedy, Brandt, Schabowski)
- „Herr Lehmann“ im Kultur-Biotop Kreuzberg im Schatten der Mauer
- Wo bleibt oder blieb „der deutsche Wenderoman“?
- Was bleibt von der Mauer bzw.: Hat es sie überhaupt gegeben…?
- Bibliografie und Materialien
- Anmerkungen zu dieser Folge
***
(1.)
… Wie soll das denn bitte gehen: Wir wollen etwas lernen, etwas erfahren über das geteilte Berlin, darüber, wie es war, in einer Stadt zu leben, die durch eine Mauer geteilt war, von der die Menschen so getrennt waren, dass sie den anderen Teil der Stadt praktisch niemals besuchen konnten. Wie können wir heute, da Berlin seit über dreißig Jahren wieder eine Stadt ist, in der sich die Menschen in Freiheit überallhin bewegen können, die Erfahrungen in einer Stadt mit zwei hermetisch abgeschlossenen Hälften nacherleben, verstehend nachvollziehen? Ich wandere seit Jahrzehnten durch meine Wahlheimat Berlin und es zieht mich bis heute unverändert stark zu den Orten Berlins, die bis 1989 durch eine Mauer geteilt waren. Diese Methode kann ich nur allen empfehlen, die dem geteilten Berlin näherkommen möchten. Denn, wie bereits angedeutet, das heutige nichtgeteilte Berlin zu verstehen, ist kaum möglich, ohne zu begreifen, dass es erst aus der Überwindung der Teilung durch eine Mauer geworden ist, was es heute ist. Heute wende ich meine Methode so an: Ich folge, gehend oder mit dem Fahrrad fahrend dem doppelreihigen Streifen von Pflastersteinen, die den ehemaligen Verlauf der Mauer durch die Stadt nachzeichnen und die ihre Besucher stets daran erinnern, an welchen Stellen es früher wo nicht weiterging.
Übrigens empfehle ich als Fortbewegungsmittel in dieser Stadt nicht nur den ÖPNV, wie man den Öffentlichen Personennahverkehr in Berlin gern abkürzt, oder die Öffis, denn die Berliner tun eins noch lieber als Abkürzungen bilden, nämlich Spitznamen erfinden, mit denen alles Mögliche, Orte und Institutionen nicht nur in handliche Kurzwörter verwandelt werden, sondern mit denen sie dann noch eins über den Kopf gezogen bekommen. Aber ich wollte ja etwas zu der angemessenen Fortbewegungsart in Berlin sagen. Ja, die Öffis, die funktionieren sehr gut. Aber wer mehr sehen möchte und die Freiheit der Stadt genießen will, sollte sich selbst auch frei machen, sollte selber bestimmen, welchen Weg durch die Stadt sie oder er einschlägt: Und das Fahrrad ist dafür besonders gut geeignet. Zu Fuß geht auch, aber die Entfernungen in Berlin sind lang. Robert Gernhardt bemerkte zurecht, dass man in dieser Stadt kaum jemals einem Bekannten zufällig über den Weg läuft. In seinem Gedicht Berliner Zehner schreibt er:
In der großen Stadt Berlin
Sagt sich`s leicht: man sieht sich.
Schwerer ist das Wiedersehn:
Diese Stadt, die zieht sich.
Und weil diese Stadt sich zieht, sei nachdrücklich das Fahrrad empfohlen, aber bitte schließt es immer am Rahmen an, denn die Fahrradstadt Berlin ist auch die Stadt der Fahrraddiebe! Bevor wir abschweifen, will ich beschreiben, an welcher Stelle ich mit dem Fahrrad anhalte: Links von mir erhebt sich wie ein riesiger Palazzo der Martin-Gropius-Bau, ein wichtiges Berliner Museum für Wechselausstellungen. Rechts von mir ein politisches Gebäude, das Abgeordnetenhaus, in dem das Parlament des Bundeslandes Berlin seinen Sitz hat.

Blicke ich auf den Boden, sehe ich jene zweireihige Narbe, die den Verlauf der Berliner Mauer andeutet. Narbe passt, denn: Hier ist zwar – ich zitiere den früheren Berliner Bürgermeister und späteren deutschen Bundeskanzler Willy Brandt – „zusammengewachsen, was zusammengehört“; diese beiden gegenüberliegenden Gebäude lagen bis 1989 in zwei einander unzugänglichen Welten. Die heutige Aufteilung der beiden Monumentalgebäude in Kunst (südlich, Bezirk Kreuzberg) und Politik (nördlich, Bezirk Mitte) erscheint allerdings willkürlich, wenn man versteht, dass an dieser Stelle die Mauer bis 1989 die zwei damals die Welt beherrschenden politischen Sphären aneinandergrenzen ließ.
Der Ostberliner Schriftsteller Heiner Müller sagte in einem Interview, es gebe viele unsichtbare Mauern in der Welt, vor allem die zwischen reich und arm, die am deutlichsten zwischen Europa und Afrika zu verorten sei, aber die natürlich nicht sichtbar sei als Mauer oder Grenze. Und wenn es schon Mauern zwischen den Ländern und Kontinenten gebe, dann, so findet Müller, sollten sie auch sichtbar sein, im Sinne der Ehrlichkeit:
„Was ich daran [an der Berliner Mauer, G.J.] mag, ist, daß sie ein Zeichen ist für eine reale Situation, in der die Welt sich befindet. Und hier haben Sie es in Beton.“ (Müller, Rotwelsch, S. 51)
(2.)
Die Berliner Mauer hat die Weltpolitik zu einer Reihe von Sätzen inspiriert, die die Literaturfähigkeit der Politik unter Beweis gestellt haben. Sätze und Zitate haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, und zwar so nachhaltig, dass sie die Mauer um Jahrzehnte und, wer weiß, vielleicht für immer überdauerten:
(O-Ton) „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ (Ulbricht, 15. Juni 1961)
Dieser Satz des Staats- und Parteivorsitzenden Walter Ulbricht steht für die Lügenhaftigkeit des SED-Regimes. Weniger als zwei Monate, bevor die Mauer über Nacht hochgezogen und sein Volk und die ganze Welt vor vollendete Tatsachen gestellt wird, versucht Ulbricht mit dieser blanken Lüge alle Gerüchte schamlos abzutun. Er hatte dabei wohl vergessen, dass die Stadt Berlin als ganze längst in den Blick der Weltöffentlichkeit gerückt war, nachdem ihr erster Nachkriegsbürgermeister Ernst Reuter den ebenso berühmt gewordenen Hilferuf aus der zerstörten Stadt an die Siegermächte abgesetzt hatte:
(O-Ton) „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“.
Nachdem sie dann in den 60er Jahren dennoch in zwei Hälften zerfallen war, brachte der US-Präsident John F. Kennedy die Solidarität der USA auf den wohl kürzesten gemeinsamen Nenner der transatlatischen Freundschaft:
(O-Ton) „Ich bin ein Berliner!“
Das war bei Kennedys Berlinbesuch im Jahr 1963 zu. Willy Brandt war damals Bürgermeister West-Berlins.
Brandt selber steuerte dann selber einen „unkaputtbaren“ Spruch bei, der zum millionenfach zitierten Aphorismus der neueren politischen Kultur der „Berliner Republik“ werden sollte.
(O-Ton) „Es wächst zusammen, was zusammengehört“, hatte Brandt, der populäre Alt-Kanzler der 70er Jahre, den Mauerfall vom 9. November 1989 kommentiert.

Dieser berühmt gewordene Satz sollte sich jedoch schon bald als allzu optimistisch erweisen, man könnte sagen, dass er seine Berühmtheit seinem ironischen Potenzial verdanke, welches sein Verfasser, also Brandt, sicherlich nicht im Sinn hatte damals. Oder doch? Schließlich wollte Brandt zu Lebzeiten nicht mehr auf sein berühmt gewordenes Bonmot zurückkommen und auch in seinen Memoiren („Erinnerungen“, erschienen drei Jahre vor seinem Tod) wollte oder konnte er sich an diesen Satz nicht mehr erinnern. Der Satz enthält zwei Unterstellungen, deren Selbstverständlichkeit gar nicht so gesichert ist: Gehörte in Deutschland die beiden 44 Jahre lang getrennten Teile Deutschlands wirklich zusammen? – Und wenn ja (was übrigens bis heute nicht klar geworden ist), würden sie dann unweigerlich zusammenwachsen, wie von der Natur vorgegeben, wie Brandt zu behaupten schien? Auch diese Zusammengehörigkeit, also die vollendete Wiedervereinigung 35 Jahre nach ihrem Anfang, also 35 Jahre nach der Ausräumung der Grenzmauer, ist heute keinesfalls bestätigt werden.
Jene oben erwähnte, mit dem Fahrrad verfolgte Narbe, die zweireihig mit Pflastersteinen durch das heutige Berlin verläuft, ist eine treffliche Markierung innerer Zustände, die für all die Verzerrungen, Verwerfungen und Traumata stehen, die die Deutsche und damit auch die Berliner Teilung hervorbrachten und die in jenen Jahren des Einheitstaumels nicht bemerkt werden wollten, die uns aber wohl noch lange beschäftigen werden.
Zu erwähnen bleibt noch ein weiterer quasi literarischer Spruch eines SED-Politikers, der zeigt, dass ein einziger Satz ein weltgeschichtliches Erdbeben auslösen kann, ein Satz, der dazu noch schlecht vorformuliert war und sich selbst, während er ausgesprochen wurde, mehrmals korrigierte:
(O-Ton) „Das tritt… nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“
Ausgesprochen wurde dieser Satz – oder sagen wir besser – diese Äußerung, die kein ganzer Satz werden sollte, am Nachmittag des 9. Novembers 1989 bei einer internationalen Pressekonferenz in von dem Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in Ost-Berlin. Ein italienischer Journalist hatte die entscheidende Frage nach dem neuen Reisegesetz gestellt. Schabowski zögerte zunächst und starrte etwas entgeistert, als habe er einen unleserlichen Zettel vor sich. Er übersah ein entscheidendes Detail, nämlich die Sperrfrist, derzufolge das neue Reisegesetz erst am Folgetag in Kraft treten sollte. Eine Kommunikationspanne verändert in diesem Moment die Welt. Medien und Bürger der DDR nahmen die unbedachte Äußerung Schabowskis als Öffnung der Mauer an.
Diese kleine Aufzählung großer Sätze zur Berliner Teilung möchte ich mit einer Bemerkung von Uwe Johnson beschließen, die zeigt, dass die Mauer, bei all der Negativität, die symbolisch und physisch von ihr ausging, auch als Utopienstifter fungieren konnte. Es ist wohl kein Zufall, dass die utopische Überwindung der Mauer im Geist der Mauer selber einem Schriftsteller einfällt, dass sie im Medium der Literatur sich ereignet:
„Aber ich stelle mir diese Mauer auch anders vor. Sie steht so hoch, daß niemand drüber hinweggucken kann. Hinter der Mauer aber gibt es Wiesen und Wald und viele nette Menschen, und dann kommt der Rhein, und dahinter ist Paris.“ (Uwe Johnson)
(O-Ton: Ausschnitt aus dem Song Keine Macht für niemand von Ton Steine Scherben)
Komm rüber Bruder, reih‘ dich ein
Komm rüber Schwester, du bist nicht allein
Komm rüber Mutter, wir sind auf deiner Seite
Komm rüber Alter, wir woll’n das Gleiche
Keine Macht für Niemand! Keine Macht für Niemand!
(3.)
Als am 9.11.89 die Nachricht vom Fall der Mauer verkündet wird, nimmt eine junge Frau am Tresen einer Kreuzberger Bar erst noch einen kräftigen Schluck Bier, zu dem sie vor der Verkündung angesetzt hatte. Eine unvergessliche Szene aus dem Roman Herr Lehmann von Sven Regener, einerseits scheint es, als wolle sie auf das Jahrhundertereignis anstoßen. Sie zeigt sich dann beim Trinken jedoch dermaßen unbeeindruckt, dass die Szene betreten komisch wirkt.
(O-Ton) „Habt ihr schon jehört, det Neueste…? (Hebt das Glas an und trinkt, die Anderen, gelangweilt wegschauend, heben ihrerseits die Gläser, schließlich verrät sie das Angekündigte mit gleichgültiger Stimme:) „… die Mauer ist offen.“
„Zwischen Depression und Witzelsucht“, so verortet Regener selbst in einem eigenen Vorlesungstitel die Stimmung der alternativen Kulturschaffenden, die im Berliner Stadtteil Kreuzberg ein eigenes Biotop schaffen. Sein Roman Herr Lehmann schildert das Kreuzberg in den Jahren vor der Wende, der Roman endet mit dem Fall der Mauer, der nicht als bejubelter Höhepunkt erlebt wird, sondern als ungewolltes Ende jenes kulturellen Mikrokosmos, der seine Existenz dem Umstand verdankt, dass eine innenstädtisch-zentrale Gegend der Doppelstadt mit dem Mauerbau plötzlich zu einem weit abgelegenen, von zwei Seiten eingemauerten Subkultur-Biotop geworden war. Wir müssen hier genauer sein und können nicht von Gesamtkreuzberg reden, sondern nur von SO36, jenem Teil Kreuzbergs, der um die Hochbahnlinie U1 im Norden des Bezirks liegt und der unmittelbar an die Stadtbezirke Mitte und Friedrichshain grenzt, also die ehemaligen Ostbezirke. SO36 steht für den alten Postzustellbezirk Berlin Südost mit der Kennziffer 36. Heute sind diese Einteilungen längst nicht mehr amtlich, aber die Einteilung der Kreuzberger in „36er“ oder „61er“ ist nach wie vor eine gebräuchliche und brisante Zuordnung zu sehr unterschiedlichen Sozial- und Weltanschauungseinstellungen. Wer damals nach SO36 zog, war vom spießigen, normativen Heterodeutschland so weit entfernt wie möglich, verstand sich stattdessen als ein Ein-Mann-oder-Frau-Kunstbetrieb und trank Beck´s aus der Flasche. Dies ist die Welt im Schatten der Mauer, die „Herr Lehmann“ beschreibt und die andererseits vom Rest Deutschlands als Problemkiez schlechthin angesehen wurde.

Eichborn Verlag 2014
Die Nachricht vom Fall der Mauer erreicht diese Welt vollkommen unerwartet, sie stellt auf einmal ihre ganze Existenz in Frage, scheint sie implodieren zu lassen. Deshalb versuchen die Kreuzberger Anarcho-Bohemiens auch, sie zu ignorieren, oder, weil dies nicht möglich ist, sie als eine Nebensache abzutun. Im Buch liest sich die Hiobsbotschaft, wie bereits aus dem Film eingespielt, im Kreuzberger Mega-Understatement so:
(Dialog aus dem Roman szenisch gelesen mit verteilten Stimmen:)
Gegen eins kam dann jemand herein, stellte sich neben die beiden an den Tresen und bestellte ein Bier.
»Hast Du schon gehört?« fragte er den Mann hinter der Bar.
»Was denn?«
»Die Mauer ist offen.«
»Ach du Scheiße.«
»Hast du gehört?« fragte Herr Lehmann, der jetzt ziemlich betrunken war.
»Was denn?« fragte Heiko, der schon Anzeichen machte, wegzunicken.
»Die Mauer ist offen.«
»Ach du Scheiße.«
Herr Lehmann guckte sich um. Der Barmann erzählte es anderen Leuten, und die Sache schien sich herumzusprechen. Es gab aber keine große Aufregung, alle machten weiter wie bisher.
»Naja, wenn das stimmt … Kann doch sein« sagte Herr Lehmann.
»Und wenn schon, was soll das heißen, die Mauer ist offen.«
»Was weiß ich.«
Sie bestellten noch ein Bier. Als sie es halb ausgetrunken hatten, wurde Heiko plötzlich munter.
»Das sollten wir uns angucken« sagte er.
»Lass uns zur Oberbaumbrücke gehen«, sagte Herr Lehmann. »Da geht’s doch rüber.«
»Ja, nur mal gucken.«
»Aber erst austrinken«, sagte Herr Lehmann.
Herr Lehmann ist der Debütroman von Sven Regener, den man bis zu seinem Erscheinen im Jahr 2001 nicht als Schriftsteller, sondern als Sänger und Front Man der deutschen Band Element of Crime kannte. Das Buch kommt schon im Titel und Umfang bescheiden daher und hat von seiner ganzen Machart her nichts Prätentiöses, als wollte es ein literarischer Meilenstein werden. Der literarische Ton dieses schmalen Buchs scheint eher darauf hinzudeuten, dass es von seinem Autor als Nebenprodukt seiner Musikerkarriere angesehen wird, als ob er hätte sagen wollen: „Ich hatte gerade nichts Besseres zu tun, also hab ich das mal aufgeschrieben, was mir so im Kopf herumging.“ Und dennoch oder gerade auch wegen dieses „Na und!?“-Habitus´ hat der Roman einen Riesenerfolg erlebt und kann heute als ein Klassiker der Nachwendezeit gelten. In den 90er Jahren gab es in den Feuilletons der deutschen Zeitungen eine qualvolle Zeit des Wartens auf den einen großen Roman, der die politische Wende 89/90 beschreiben und erklären würde, der die kulturelle Bedeutung dieses historischen Bruchs raunend ausmalen würde. Ich muss schmunzeln, wenn ich mich daran erinnere, wie ich, an einem Feiertag des Jahres 1995 am Treptower Ufer des Landwehrkanals liegend, einen MERKUR-Essay des großen Literaturprofessors Karl Heinz Bohrer las, der wie viele andere auf der „Suche nach dem deutschen Zeitroman“ schrieb und, da dieser damals nirgends in Sicht ist, sich zu dramatischem Befund verleitet sieht und „auf das eigentliche literarische Desaster“ unserer Zeit verweist: „Die literarischen Standards sind auf dem tiefsten Niveau der Nachkriegszeit angelangt“.
In der ersten Folge unseres Podcasts haben wir Brussigs Sonnenallee-Roman aus dem Jahr 1999 als bedeutendes Prosawerk der Nachwendezeit vorgestellt. In ihm ist der Blick von Ost- auf West-Berlin gerichtet. Auch dieses Werk ist schmal und kommt ohne große literarische Attitüde daher. Regeners Roman ist, zwei Jahre später erschienen, das West-Pendant zu Brussigs Buch, das das westliche Milieu im Schatten der Mauer schildert, hinter der der Osten als das weitgehend Unbekannte liegt. Interessanter als das raunende Warten auf den großen literarischen Wurf ist womöglich die Frage, ob die Berliner Teilung auch eine geteilte Literatur hervorgebracht hat. Mit dieser meiner ungelenken Formulierung will ich sagen: Wenn die Teilung der Stadt zunächst und vor allem die Verstümmelung der vorher ganzen Stadt und die brutale Trennung ihrer Bevölkerung bedeutet, so gibt es sicherlich auch einen Mehrwert, eine Pluralisierung von Literaturen, zwischen die ein gehöriger Abstand getreten ist, der selber ein neuer Raum des Nachdenkens über Ungedachtes geworden ist oder noch werden kann.
Jedenfalls erscheint es kurios, dass jenes Warten auf den großen Berliner Roman sich zu einer regelrechten Kulturdebatte auswuchs damals, und dass in der Vorstellung, dass eine ganze Nation verzweifelt auf ein anspruchsvolles literarisches Werk wartet, nicht zuletzt etwas höchst Komisches liegt. Diesem Komischen hinter der deutschen Ernsthaftigkeit ist – wer sonst? – Robert Gernhardt auf die Schliche gekommen, der jener unsäglichen Debatte mit seinem Gedicht Couplet vom Hauptstadtroman den krönenden Abschluss setzte, aus dem ich zunächst die Überschrift zitieren möchte, die Gernhardt einer Buchkritik entnimmt:
«Auf den großen Hauptstadtroman freilich werden wir wohl noch weiter warten müssen.»
Und nun wird der ausbleibende Roman in Reimen betrauert (Ich lese einige Strophen und lasse die anderen weg):
Welch Novemberbeginn! Das gibt es doch nicht:
Alle Bäume entflammt. Alle Bauten im Licht.
Die Sonne zieht Tag für Tag ihre Bahn –
was sie nicht bescheint, ist ein Hauptstadtroman.
…
Am Alex die Gören. Zwei kurz, einer lang.
Die Blicke so wund und die Schnuten so bang.
«He Steppkes, was hat man euch angetan?»
«Mensch, keener schreibt uns den Hauptstadtroman!»
Der Mensch muß was essen. Der Pizzaduft lockt.
Was wirken die Esser so klamm und verstockt?
«Tutto bene, Signor? Etwas Parmesan?»
«Uns fehlt nichts», schallt’s im Chor, «außerm Hauptstadtroman.»
…
Berliner! Es steht ein Problem im Raum.
Die Hauptstadt ist da. Der Roman bleibt ein Traum,
wenn der Zufall Regie führt und nicht ein Plan:
Wer schreibt ihn denn nun, diesen Hauptstadtroman?
He, Hauptstadtzahnarzt! Ist dir denn bewußt,
was du in der Hauptstadtzahnarztpraxis tust?
Was suchst du im Mund? Was bohrst du im Zahn?
Du findest ihn dort nicht, den Hauptstadtroman!
…
Welch Novemberende! Leis rieselt der Schnee!
Hauptstadtberliner! Ich versteh euer Weh,
doch den Hauptstadtroman, den schreib ich euch nicht:
Wenn es hoch kommt, dann pack ich das Hauptstadtgedicht.
(1999)
Man könnte Gernhardts Diagnose des einfach nicht stattfindenden Hauptstadtromans so umdichten: Was nicht zusammengehört, soll nicht zusammenwachsen. Politische Parteien, die heute an Zulauf gewinnen, sind beredte Zeugen dieser Behauptung, und nicht nur die am rechten Rand des Spektrums.
An den beiden Nachwenderomanen, die beide den Vorabend eines welthistorischen Umbruchs schildern, fällt auf, wie gelassen und beinahe desinteressiert ihre Figuren auf die doch eigentlich ziemlich sensationelle Nachricht reagieren. Als bei einer Tagung des Literaturhaus Berlin 30 Jahre nach dem Mauerfall die Lyrikerin Monika Rinck gefragt wurde, wie sie auf das Weltereignis reagiert habe, antwortet sie ähnlich wie die Romanfiguren:
„Als die Mauer fiel, war ich in Deutschland so weit wie möglich davon weg. Im Saarland. Genauer: in Wemmetsweiler. Es war ein fader Abend, eia. Wir lungerten herum und versuchten die These zu illustrieren, dass man auch von alkoholfreiem Bier betrunken werden kann. Das war alles. Niemand von uns schaltete das Radio ein.“
(5.)
Aber wenn in der Literatur damals wie heute der Mauerfall kaum Kopfschütteln hervorzurufen vermag, so ist vielleicht noch einmal neu anzusetzen: Hat es sie vielleicht gar nicht gegeben, die Mauer? Oder haben die Politiker und Historiker allzu viel Lärm um Nichts gemacht? War es vielleicht gar nicht so schlimm, von den ungefähr 300 Mauertoten einmal abgesehen? Und was ist denn heute noch da von der Berliner Teilung, die so viele Jahre nach ihrer physischen Aufhebung noch immer Millionen von Besucherinnen und Besuchern in die Stadt zieht?
In Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel werden die Liebenden Rita und Manfred wenige Wochen, nachdem sie sich kennengelernt haben, durch den Bau der Berliner Mauer getrennt.
„Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen“, sagte Manfred spöttisch. „Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer?“ „Doch“, sagte sie leise. „Der Himmel teilt sich zuallererst.“
Auch Rita und Manfred scheinen sich nicht einig zu werden, wie weit die Teilung reicht, ob womöglich auch der Himmel von ihr erfasst werden kann. Im Internet findet man heute Satellitenaufnahmen von Berlin aus dem All, auf denen man deutlich die nach wie vor verschiedenen Beleuchtungen über Ost- und West-Berlin erkennen kann. Hier ist die Teilung auch nach fast 25 Jahren noch immer gut zu sehen. Peter Schneider hatte 1982 die Rede von der „Mauer in den Köpfen“ vorweggenommen. Tatsächlich geht dieses geflügelte Wort, mit dem schon bald nach November ´89 die hartnäckige Gespaltenheit der ost- und westdeutschen Bevölkerungen benannt werden sollten, auf seine Erzählung Der Mauerspringer zurück.
Was aber können wir diesen so unterschiedlichen Reaktionsweisen und Verarbeitungen der Berliner Mauer entnehmen? Ich denke, wir sollten die Mauer auch als ein literarisches Phänomen ansehen: Sie hat die Sprache herausgefordert, und zwar sowohl die des Alltags wie die literarische. Es galt auf einmal zu benennen, was vorher nicht da war und was noch nicht gedacht war.
In einem Berliner Stadtbahn überschriebenen Essay denkt Uwe Johnson 1961, also im Jahr des Mauerbaus, darüber nach, dass die Situation der in zwei Welthemisphären geteilten Stadt – „Es gibt nicht: Berlin. Es sind zwei Städte Berlin“, schreibt Johnson – so unerhört ist für den überkommenen Sprachgebrauch, dass die Teilung, die Grenze, die Mauer, die im Monat der Veröffentlichung von Johnsons Text im MERKUR erbaut wurde, als literarisches Phänomen erst noch seiner zukünftigen sprachlich-literarischen Ausarbeitung harrte, und das, wie wir gesehen haben, vielleicht noch über den heutigen Tag hinaus. Johnson schreibt dazu:
„Eine Grenze an dieser Stelle wirkt wie eine literarische Kategorie. Sie verlangt die epische Technik und die Sprache zu verändern, bis sie der unerhörten Situation gerecht werden.“ (Johnson, Berliner Stadtbahn, S. 10)

***
Erwähnte Literatur
Brussig, Thomas: Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999)
Gernhardt, Robert: Berliner Zehner (2000). In: Hauptstadtgedichte (2016)
Johnson, Uwe: Berliner S-Bahn. In: Berliner Sachen (1975), S. 7-21
Müller, Heiner: Mauern – Gespräch mit Sylvère Lothringer (1981). In: Rotwelsch (1982), S. 49-86
Regener, Sven: Herr Lehmann (2001)
Rinck, Monika: (Antwort auf die Frage, wie sie die Nachricht vom Mauerfall erfahren habe), zitiert nach: Cornelius Wüllenkemper: Lyrik zum Wendejubiläum (erschienen im Deutschlandfunk am 5.9.2019)
Schneider, Peter: Der Mauerspringer (1982)
Wolf, Christa: Der geteilte Himmel (1963)
Gehörte Musik:
Ton Steine Scherben: Keine Macht für Niemand (Song auf der gleichnamigen Doppel-LP, 1972)
Filmdokumentationen und O-Töne:
https://www.bpb.de/mediathek/video/198776/mauerstuecke/
Bildnachweise:
Rainer Fetting: Erstes Mauerbild (1977), Staedel-Museum Frankfurt am Main: https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/erstes-mauerbild
Niederkirchnerstraße in Berlin mit Preußischem Landtag und Martin-Gropius-Bau (9.11.1986): https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:19861109a_Niederkirchnerstra%C3%9Fe.jpg
„Wir sind ein Volk“ / Transparent von einer Demonstration im Berliner Lustgarten am 9. Dezember 1989, Sammlungen des Deutschen Historischen Museums:
https://www.dhm.de/archiv/sammlungen/gifs/sammlungen/dokumente2/d2z10387.jpg
Ausschnitt aus „Herr Lehmann” von Tim Dinter nach Sven Regener
Eichborn Verlag 2014: https://www.goethe.de/ins/lv/de/kul/sup/com/dgn/20618181.html
Fassade in der Brunnenstraße, Berlin-Mitte. Gestaltet 2009 von Jean-Remy von Matt:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Anderesland02.jpg
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Hier geht´s zur Podcast_Folge_03.
Zu unserer Podcast-Seite auf der Hauptseite der FSGS…
Das Transkript zur Folge_02 findet ihr hier.
Podcast und diese Visualisierung © Georg Jansen 2024

