Fischtal / Zehlendorfer Dächerkrieg

Und plötzlich duftet es nach Kiefern: Das Fischtal

Ob Läufer*in oder Müßiggänger*in: wer im Berliner Stadtteil Zehlendorf unterwegs ist, sollte das Fischtal kennen(lernen): ein geschwungener Grüngürtel, der sich von der Onkel-Tom-Straße fast bis zur Argentinischen Allee zieht und auf zwei parallelen Wegen durchlaufen werden kann (eine Runde hat ca. zwei Kilometer). Die Hänge zwischen den Wegen und die leichten Wellen mit ihren sanften Steigungen machen zugleich deutlich, warum sich das Gelände seinerzeit für die Wohnbebauung nicht eignete. Stattdessen wurde hier zwischen 1925 und 1929 ein Gartendenkmal mit Liegewiesen und Rodelhang verwirklicht. Die für den Berliner Südwesten typischen Nadelhölzer machen das Fischtal auf einigen Abschnitten dann nicht nur zu einem schattenspendenden Geruchserlebnis, sondern bieten auch einen idealen, leicht federnden Laufuntergrund.

Vom Fischtal zum „Zehlendorfer Dächerkrieg“

Wer das Fischtal an nordwestlicher Seite durchläuft, erahnt zwar zwischen Kiefern und Büschen die nahe gelegene Randbebauung. Dabei bleibt jedoch meist verborgen, dass sich hier in den 1920er Jahren ein gesellschaftspolitisch hoch spannender und kontrovers geführter Architekturstreit abgespielt hat. Nur wer auch einmal die parallel verlaufende Straße „Am Fischtal“ durchläuft, kommt an einer Gedenktafel vorbei, die über den „Zehlendorfer Dächerkrieg“ informiert: Flachdach vs. Steildach.

Während auf der einen Seite (zur Argentinischen Allee hin) mit der Wohnsiedlung „Onkel-Toms-Hütte“ ein modernes Projekt des „Neuen Bauens“ mit Flachdächern, intensiven Farben und hohem Grünanteil verwirklicht wurde (der Architekt Bruno Taut zählte wie Walter Gropius, Hans Scharoun und Ludwig Mies van der Rohe zum Umfeld der „Bauhaus“-Bewegung), repräsentiert die gegenüberliegende Siedlung „Am Fischtal“ den gesellschaftspolitischen und architektonisch-konservativen Gegenentwurf: mit spitz zulaufenden Steildächer sollte an traditionelle Bau- und Lebensstile angeknüpft werden. Der Konflikt zwischen Tradition („Heimatstil“) und Moderne („Licht, Luft und Sonne“) war dabei nicht allein ein Architekturstreit, sondern ein „Kulturkampf“ um die städtebauliche und gesellschaftspolitische Deutungshoheit.

Angesichts der historischen und gesellschaftspolitischen Relevanz war es während meiner ersten Spurensuche doch recht ernüchternd, dass viele Anwohner*innen weder die Gedenktafel kannten noch vom „Dächerkrieg“ gehört hatten; sich nach meinen ergänzenden, vorsichtigen Erläuterungen zur Bedeutung der Auseinandersetzung aber doch interessiert bedankten.

Ebenso interessant ist zweifellos die diskursive Aufladung der architektur- und städtebaupolitischen Auseinandersetzung als „Krieg“. Friedens- und Konfliktforscher*innen werden sicher einwenden, dass es sich hierbei kaum um eine Extremform des „gewaltvollen“ Konfliktaustrags handelt und zudem eine Relativierung von Gewaltkonflikten mit Todesfolgen droht. Gleichwohl verweist die Wortwahl auf die polarisierte Zuspitzung einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die selbst Teil des „Vorkriegs“ gewesen ist.

 

Quellen:
http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/…/zehlendorfer-daecher/

http://www.berliner-mieterverein.de/…/onl…/mm0406/040614.htm

http://dwb-nw.de/index.php?id=340

PS: Die Inspiration zu diesem Beitrag verdanke ich Nina und Harald Reiff, die mich überhaupt erst auf das Fischtal aufmerksam gemacht haben – und meine Neugierde entfachten, mehr darüber zu erfahren.

Ein Beitrag von Sven Chojnacki (erstmals veröffentlicht im Dezember 2017, aktualisiert am 26. August 2019)