Epistemische Gewalt

Einleitung

Insbesondere in der Tradition des Liberalismus und der (europäischen) Aufklärung werden Sprache, Wissen und Wissenschaft vor allem als Ausdruck von und Mittel zur Erlangung von Freiheit und Selbstbestimmung angesehen. Gewalt wird hierbei als etwas der Sprache und dem Wissen Äußerliches verstanden und nur selten mit ihnen in Verbindung gebracht (vgl. Dhawan 2012, 47-49 und Brunner 2015, 48). Mit diesem Verständnis bricht der aus der Feministischen und Postkolonialen Theorie stammende Begriff der epistemischen Gewalt (vgl. Dhawan 2012, 49-50). So bezeichnet epistemische Gewalt eben „jenen Beitrag zu gewaltförmigen gesellschaftlichen Verhältnissen, der im Wissen selbst, in seiner Genese, Ausformung, Organisation und Wirkmächtigkeit angelegt ist“ (Brunner 2015, 39). Diese Verschränkung zwischen Wissen und Gewalt wird exemplarisch an rassistischen, sexistischen, klassistischen oder ableistischen Diskursen deutlich. In dieser Hin­sicht ist der Begriff der epistemischen Gewalt Teil eines weiten Gewaltverständnisses, das – über direkte (physische und psy­chische) Gewalthandlungen hinaus – unter anderem auch gesellschaftliche Strukturen, kulturelle und symbolische Sinnzuschreibungen sowie Wissensdiskurse umfasst (vgl. dazu Chojnacki 2019).

In diesem Begriffsexposé[1] setzen wir uns einführend mit den unterschiedlichen Facetten und Diskussionen des Begriffs epistemische Gewalt auseinander. Dazu geben wir im ersten Abschnitt zunächst einen kurzen Überblick über den Entstehungskontext des Begriffs. Im zweiten Abschnitt versuchen wir daraufhin die unterschiedlichen Dimensionen epistemischer Gewalt nachzuvollziehen und dabei auch auf zentrale Diskussionslinien in der Forschungsliteratur einzugehen. Im dritten Abschnitt widmen wir uns abschließend Möglichkeiten und Praktiken des Widerstands gegen epistemische Gewalt und gehen auf konkrete Konsequenzen für die wissenschaftliche Praxis ein.

 

1. Entstehung des Begriffes

Der Begriff epistemische Gewalt wurde 1988 von Gayatri Shakravorty Spivak in dem Aufsatz „Can the Subaltern Speak?“, in kritischer Anlehnung an die Arbeiten von Michel Foucault, eingeführt.[2] In Foucaults Vokabular bezeichnet eine Episteme so etwas wie eine Wissensordnung, durch die das, was gesagt werden kann sowie das, was als wahr oder wissenschaftlich gilt, strukturiert ist. Er schreibt in der Archäologie des Wissens: „Unter Episteme versteht man […] die Gesamtheit der Beziehungen, die in einer gegebenen Zeit die diskursiven Praktiken vereinigen können, durch die epistemologischen Figuren, Wissenschaften und vielleicht formalisierten Systeme ermöglicht werden“ (Foucault [1969] 2018, 272-273; Hervorhebung im Original). Zu diesen Beziehungen zählen für Foucault neben diskursiven auch nicht-diskursive Elemente wie „Institutionen, politische Ereignisse, ökonomische Praktiken und Prozesse“ (ebd., 231; vgl. auch Sarasin 2016, 117-118).

Während es Foucault (in dem Text, auf den Spivak sich bezieht) vornehmlich um die geschichtlichen Veränderungen des psychiatrischen Diskurses in Europa geht, kritisiert Spivak, dass Foucault nicht hinreichend über seine eigene ideologische Stellung reflektiert und fragt, ob der psychiatrische Diskurs nicht mit der rassifizierenden Konstruktion der Kolonialisierten als ,Andere‘ als „dislozierte und uneingestandene Teile einer immensen zweiarmigen Maschine […] gearbeitet hätte[ ]?“ (Spivak [1988] 2008, 42). Dieser auch als Othering bezeichnete Prozess schafft einerseits die Grundlage dafür, nicht-westliche Perspektiven abzuwerten oder gar zum Verschwinden zu bringen und bildet andererseits das konstitutive Außen für die Selbst-Repräsentation des Westens.

Im Weiteren untersucht Spivak anhand des Beispiels der sogenannten Witwenverbrennung, wie indische Frauen im Kontext des Kolonialismus zum Schweigen gebracht wurden. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Deutungssysteme des vermeintlich befreienden Diskurses der Kolonisierenden auf der einen und des patriarchalen Diskurses der kolonisierten Elite auf der anderen Seite, den diskursiven Raum derart konstituieren und begrenzen, dass die Subjektivität indischer Frauen nicht zur Geltung kommen kann und sie stets nur als Objekt in einem der beiden Diskurse erscheinen. Dieser Prozess des Zum-Schweigen-Bringens (auch silencing) ist für Spivak ein paradigmatisches Beispiel der Wirkungsweisen epistemischer Gewalt. Solche Gruppen, denen durch hegemoniale Diskurse jedwede Möglichkeit genommen wird, sich selbst zu repräsentieren, bezeichnet Spivak auch als subaltern. Der Begriff der Subalternität lässt sich als Grenzbegriff verstehen: In dem Moment, in dem subalterne Gruppen tatsächlich gehört werden können, sind sie nicht mehr subaltern.

 

2. Dimensionen und Diskusionslinien epistemischer Gewalt

Im Anschluss an Spivaks Arbeiten wurde der Begriff der epistemischen Gewalt vielfach aufgenommen und weiterentwickelt (vgl. etwa Shiva 1990, Dotson 2011, Dhawan 2012 und Brunner 2020).[3] Vor dem Hintergrund dieser vielstimmigen Diskussionen wäre es an dieser Stelle unangebracht, zu versuchen, eine eindeutige, abschließende Definition epistemischer Gewalt geben zu wollen – vor allem da eine solche Definition wiederum selbst eine Ausübung epistemischer Gewalt bedeuten kann. Daher ist es für uns wichtig, den Begriff für andere Zugänge und bisher nicht theoretisierte Formen epistemischer Gewalt offenzuhalten (vgl. analog Pohlhaus 2017, 14 und Brunner 2020, 273). Als eine erste Annäherung wollen wir an dieser Stelle erneut Claudia Brunners Vorschlag aufnehmen, epistemische Gewalt als „jenen Beitrag zu gewaltförmigen gesellschaftlichen Verhältnissen [zu verstehen], der im Wissen selbst, in seiner Genese, Ausformung, Organisation und Wirkmächtigkeit angelegt ist“ (Brunner 2015, 39). Davon ausgehend werden wir im Folgenden versuchen, unterschiedliche Dimensionen und Diskussionslinien epistemischer Gewalt zu skizzieren, um so eine bessere Vorstellung von den verschiedenen Teilaspekten des Begriffs gewinnen zu können.

Eine erste wichtige Unterscheidung betrifft die Ebenen, auf denen epistemische Gewalt wirksam wird. So lässt sich epistemische Gewalt, nach Brunner, analytisch sowohl auf der Mikro-, Meso- und Makroebene verorten (vgl. Brunner 2020, 275f.). Diese sind zum einen als heuristische Differenzierungen zu verstehen und nicht als ein Versuch, die gesellschaftliche Realität abzubilden. Zum anderen sind die drei Ebenen auch miteinander verschränkt und bedingen sich wechselseitig: Konkrete Fälle epistemischer Gewalt auf der Mikroebene ereignen sich stets vor dem Hintergrund und vermittelt durch die gesellschaftlichen und epistemischen Macht- und Gewaltverhältnisse auf der Meso- und Makroebene; diese wiederum werden durch die Interaktionen auf der Mikroebene (mit-)konstituiert und reproduziert. Ähnliches gilt für das Verhältnis zwischen Meso- und Makroebene.[4]

(i.) Die Mikroebene soll Phänomene epistemischer Gewalt in der konkreten Erfahrung von Menschen sichtbar machen, und zwar sowohl derjenigen, die epistemische Gewalt erleiden als auch derjenigen, die sie ausüben (vgl. ebd. 279). So ließe sich etwa die Erfahrung einer Schülerin, die durch ein rassistisches und/oder sexistisches Redeverhalten eines Lehrers zum Schweigen gebracht wird, der Mikroebene zuordnen. Ein zentraler Beitrag zur Theoretisierung epistemischer Gewalt auf der Mikroebene ist Kristie Dotsons Konzeptualisierung von testimonial quieting und testimonial smothering (vgl. Dotson 2011). Mit dem Begriff testimonial quieting bezeichnet Dotson Fälle epistemischer Gewalt, in denen eine sprechende Person etwa aufgrund diskriminierender Vorteile und Stereotypen, durch ihr Publikum nicht als Wissende anerkannt wird. Testimonial smothering hingegen bezieht sich auf Fälle, in denen sich eine sprechende Person aufgrund einer von ihr (bewusst oder unbewusst) wahrgenommenen Ignoranz des Publikums, selbst zum Schweigen bringt, ihr Sprechen verstellt oder verkürzt (vgl. ebd., 244).

(ii.) Auf der Mesoebene setzt Brunner vor allem die Verstrickungen von Wissen, Wissenschaft und kolonialer Moderne an (vgl. ebd. 284f.). Dabei geht es unter anderem darum, zu verstehen und sichtbar zu machen, wie sich andro- und eurozentrische Wissensdiskurse zu einem universellen Standard herausgebildet haben sowie welche Funktionen diese in Bezug auf die Legitimierung und Verdeckung anderer Gewaltformen erfüllen (vgl. ebd. 285). Exemplarisch lässt sich hier auch Dotsons Analyse der dominanten akademischen Philosophie anführen, in der sie untersucht, wie über eine bestimmte culture of justification, unreflektiert Normierungen gesetzt und marginalisierte Gruppen ausgrenzt werden (vgl. Dotson 2012).

(iii.) Auf der Makroebene fragt Brunner schließlich nach dem Zusammenhang zwischen Wissen und der vorherrschenden Ordnung auf globaler Ebene (vgl. Brunner 2020, 275). Diese sieht sie gekennzeichnet durch den „Kapitalismus als universell durchgesetztes Ausbeutungsmodell, […] de[n] Staat als universell durchgesetzte Form öffentlicher Autorität und […] de[n] Eurozentrismus als dominante Form von Rationalität und Wissensproduktion“ (Brunner 2020, 297). Brunner lehnt ihre Überlegungen dabei unter anderem auch an Boaventura de Sousa Santos Begriff des Epistemizids an, der die – oftmals parallel zu Völkermorden ablaufende – Vernichtung sozio-kultureller Wissensbestände und Praktiken im Zuge kolonialer Eroberung und Herrschaft beschreibt (vgl. Santos 2016, 18).

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt betrifft die Frage, inwieweit der Begriff an die Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus gebunden wird oder ob er sich auch auf andere Bereiche übertragen lässt. Brunners Verständnis epistemischer Gewalt ist sehr eng an eine Theoretisierung der kolonialen Moderne angelehnt. Sie schreibt: „[Epistemische Gewalt] hat eine spezifische Herkunft (Europa), eine spezifische Geschichte (Kolonialismus und Kapitalismus), spezifische Wirkungsweisen (Rassismus/Sexismus als Grundlage von globaler Arbeits- und Ressourcenteilung)“ (ebd., 274-275). Unserer Auffassung nach geht es zum einen darum, die koloniale Moderne als umfassendes globales Gewaltverhältnis anzuerkennen und ihr eine zentrale Bedeutung in der Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt beizumessen. Zum anderen verweist aber vielleicht bereits Spivaks Metapher der „zweiarmigen Maschine“ aus psychiatrischem Diskurs in Europa und kolonialem Diskurs (Spivak [1988] 2008, 42) auf ein (noch) komplexeres Bild, in dem unterschiedliche Unterdrückungsstrukturen und -diskurse sowohl eine gewisse Eigendynamik besitzen als auch ineinandergreifen. Wir würden daher dafür argumentieren, dass sich die Theoretisierung epistemischer Gewalt auch sinnvoll auf andere Bereiche übertragen lässt.

Der letzte Aspekt, den wir an dieser Stelle kurz skizzieren möchten, ist die Frage, in welchem Verhältnis epistemische Gewalt zu anderen Gewaltbegriffen steht. So weist epistemische Gewalt unter anderem enge Parallelen zu kultureller und symbolischer Gewalt auf.[5] Anders als der Begriff der kulturellen Gewalt geht es bei epistemischer Gewalt aber nicht ausschließlich um die Rechtfertigung anderer (direkter und struktureller) Gewaltformen, sondern auch um die gewaltvollen Einschreibungen in die Wissensproduktion selbst. Und während sich Theoretisierungen symbolischer Gewalt auf die Frage fokussieren, warum Unterdrückungsverhältnisse von den Betroffenen oftmals als selbstverständlich hingenommen und mit-reproduziert werden, wird von Autor*innen, die zu epistemischer Gewalt arbeiten, eher danach gefragt, warum die Stimmen der Unterdrückten nicht gehört werden bzw. was sie daran hindert, für sich selbst zu sprechen. Schließlich ist epistemische Gewalt auch auf verschiedene Weisen mit direkter und struktureller Gewalt verflochten. Auf der einen Seite trägt epistemische Gewalt zur Legitimierung und Verdeckung direkter und struktureller Gewaltverhältnisse bei. Zum anderen wirken sich aber auch direkte und strukturelle Gewalt auf das, was gesagt werden kann und was als Wissen(-schaft)[6] gilt, aus.

 

3. Widerstand gegen epistemische Gewalt

Bisher haben wir das Konzept der epistemischen Gewalt anhand einiger zentraler Diskussionslinien erörtert. Nun möchten wir abschließend auf Möglichkeiten und Praktiken des Widerstandes gegen epistemische Gewalt eingehen und konkrete Konsequenzen für die wissenschaftliche Praxis reflektieren. Unter epistemischem Widerstand verstehen wir in einer ersten Annäherung im Anschluss an José Medina „the use of our epistemic resources and abilities to undermine and change oppressive normative structures and complacent cognitive-affective functioning that sustains those structures” (Medina 2013, 3). Die zentrale Seite des Widerstands gegen epistemische Gewalt wird dabei von den von ihr unterdrückten Gruppen über „Hidden Transcripts“ (Scott 1990), das Unterlaufen und Umdeuten von Normen und Begrifflichkeiten (vgl. Brunner 2020, z.B. 301) oder (subalterne) Gegenöffentlichkeiten gebildet (vgl. dazu z.B. Fraser [1997] 2001).[7] Diese sind nie losgelöst, sondern immer im Zusammenhang mit anderen, stärker materiell ausgerichteten Formen des politischen und sozialen Widerstands zu verstehen. Mit Spivak stellt sich jedoch auch die Frage, ob und inwieweit unterdrückte Gruppen gehört werden (können) sowie wo die Grenzen und Möglichkeiten liegen, ihre Stimmen zu repräsentieren (vgl. dazu auch Dhawan 2012). Ebenfalls sollten deren Erfahrungen und Perspektiven nicht fälschlicherweise romantisiert oder von der Gefahr der Reproduktion epistemischer Gewalt gänzlich ausgenommen werden.

Eine weitere wichtige Frage ist, wie sich epistemischer Widerstand innerhalb der Institutionen denken lässt, die zum Teil mit an hegemonialen Wissensproduktionen beteiligt sind.[8] Ein erster und unumgänglicher Schritt scheint uns darin zu bestehen, ein Problembewusstsein – insbesondere im wissenschaftlichen Kontext – für Phänomene epistemischer Gewalt zu entwickeln, und zwar sowohl im Hinblick auf die individuelle als auch auf die kollektive Wissensproduktion. Hierfür bedarf es unter anderem verstärkter Kontextualisierungen konkreter Wissen(-schaft)spraktiken und ihres Zusammenhangs mit gewaltvollen Prozessen. Insbesondere die Aufarbeitung und ständige Reflexion unserer Verstrickungen in Geschichte, Gegenwart und Folgen kolonialer Herrschaft ist in dieser Hinsicht ein entscheidender Ausgangspunkt. In den Worten von Brunner: „Den globalen Rahmen der kolonialen Moderne sehen zu lernen ist Voraussetzung dafür, konkrete Verschiebungen epistemischer Gewalt anzustoßen“ (Brunner 2020, 309).

Davon ausgehend wollen wir abschließend reflektieren, welche konkreten Konsequenzen sich für unsere wissenschaftliche Praxis ergeben, wenn wir versuchen wollen, epistemische Gewalt zu reduzieren. Zunächst scheint es uns geboten zu sein, unsere eigene soziale Position – in unserem Fall unter anderem weiß, cis-männlich und ohne Behinderung – und die der verwendeten Autor*innen zu berücksichtigen. Dabei sind Fragen nach spezifischen Verantwortlichkeiten, aber auch nach Grenzen der Kompetenz, die sich aus bestimmten Positionen innerhalb von vielgestaltigen Herrschaftsgefügen ergeben, entscheidend. Nicht zuletzt ist es unserer Auffassung nach in diesem Zusammenhang wichtig, keinen Anspruch auf eine neutrale Wissensproduktion zu erheben, sondern die eigene Arbeit vielmehr als einen Versuch zu verstehen, durch kritische Wissensproduktion und Reflexion in von Herrschaft durchzogene gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zu intervenieren. Das heißt unter anderem aktiv nach widersprechenden, vielstimmigen und vom akademischen Mainstream abweichenden Perspektiven zu suchen und eine produktive Auseinandersetzung mit diesen anzustreben (vgl. auch Medina 2013, 10). In der wissenschaftlichen Praxis sollte etwa nicht nur auf Publikationen etablierter Verlage und Zeitschriften zurückgegriffen werden, die durch vermeintlich universelle ‚Wissenschaftssprachen‘ immer auch Ausschlüsse befördern, sondern auch Wissensproduktionen im globalen Süden sowie andere Wissensformen, wie Musik, biografische Erzählungen oder verschiedene Kunstformen, stärker einbezogen werden – ein Punkt, dem auch wir in diesem Begriffsexposé nicht entsprechen.

 

Fußnoten

[1] Für eine Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt in Form einer Collage vgl. Khaled 2020.

[2] Es gibt natürlich eine sehr lange Geschichte verschiedener Ansätze, die sich unter anderem auch kritisch mit Wissen und Wissensproduktion auseinandersetzen (vgl. auch May 2014 und Pohlhaus 2017, 13). Siehe z.B. Wollstonecraft [1792] 1995, Truth [1867] 1995, Cooper [1892] 1988, Said [1978] 1994 und Davis 1981. Auch wenn diese Autor*innen selber nicht den Begriff der epistemischen Gewalt verwendet haben, lassen sie sich als Theoretiker*innen epistemischer Gewalt avant la lettre verstehen. Ebenso lassen sich auch verschiedene neuere Arbeiten als Beiträge zur Thematisierung epistemischer Gewalt in einem weiten Sinne lesen, ohne dass die Autor*innen den Begriff immer selber verwenden (für ein derart weites Verständnis vgl. auch Brunner 2020, z.B. 77).

[3] Daneben haben sich auch Diskussionen zu verwandten Begriffen wie epistemischem Ungehorsam (vgl. Mignolo [2006] 2019) oder epistemischer Ungerechtigkeiten (vgl. u.a. Fricker 2007 und die Beiträge in Kidd, Medina & Pohlhaus (Hg.) 2017) herausgebildet.

[4] Für eine ausführlichere Ausarbeitung vgl. Brunner 2020, 275f.

[5] Für einen Überblick über die verschiedenen Gewaltbegriffe vgl. Chojnacki 2019 und für eine ausführliche Diskussion ihres Verhältnisses zu epistemischer Gewalt vgl. Brunner 2020, 147f.

[6] Diese Formulierung ist an Brunner angelehnt, die darüber unter anderem „die fließenden Grenzen zwischen mehr oder weniger autorisiertem Wissen in Erinnerung rufen [will]“ (Brunner 2020, 13).

[7] Dies wird unter anderem auch von den aus Critical Race Theory und Feministischer Theorie stammenden Standpunkttheorien gestützt, die davon ausgehen, dass unterdrückte Gruppen aufgrund ihrer Erfahrungen tendenziell eine in epistemischer Hinsicht privilegierte soziale Stellung einnehmen (vgl. z.B. Collins 2000 oder Harding 2004).

[8] Dabei sollte stets mit bedacht werden, dass das, was als hegemoniale und gegenhegemoniale Wissensproduktion gilt, selber umkämpft ist sowie dass der Wissensprozess durch unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven geprägt ist, die sich nicht immer eindeutig der einen oder der anderen Seite zuordnen lassen.

 

Literaturverzeichnis

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Autor*innen dieses Eintrags: Luca Kluziak und Johan Schlüter

Zuletzt überarbeitet: 06.07.2021

Koloniale Gewalt

nach Frantz Fanon

Auch wenn formeller Kolonialismus heute kaum mehr existiert, bleiben Mechanismen, die im Zuge dieser gewaltsamen Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und Gebieten entstanden sind, weiterhin wirkmächtig. In diesem Lichte muss die Arbeit des französischen Psychiaters und postkolonialen Theoretikers Frantz Fanon (1925-1961) betrachtet werden: Auch wenn seine Überlegungen zu kolonialer Gewalt von den Verhältnissen der Kolonialherrschaft ausgehen, haben die beschriebenen Zusammenhänge kaum an Aktualität verloren. Fanon beschreibt in seiner als Hauptwerk geltenden Schrift „Die Verdammten dieser Erde“(1981) die von Gewalt geprägten Wechselbeziehungen zwischen Kolonialismus, der kolonialen Subjektbildung und dem Befreiungskampf der Kolonisierten (Kerner 2015: 302). Mit seinen Werken macht er die Auswirkungen von Gewaltstrukturen sichtbar, die sich in der aktuellen Zeit etwa in der Entfremdung marginalisierter Bevölkerungsgruppen äußern. Damit hat Fanon eine wichtige Grundlage für heutige postkolonialen Studien und Gewaltforschung gelegt.

Im Kontext der Kolonialzeit äußerte sich Gewalt vor allem durch direkte physische Gewalt gegen die Kolonialisierten, etwa in Form von drakonischen Strafen, die bis zur Vernichtung gesamter Bevölkerungsgruppen führen konnten. Dies diente der Legitimation und Aufrechterhaltung kolonialer Herrschaftsbeziehungen (Mann 2004: 118f.). Im Kontrast zu dieser auf physische Gewalt beschränkten Perspektive umfasst Fanons Gewaltbegriff auch strukturelle und psychische Gewalt. So sei die Gewalt, die gegen das kolonisierte Subjekt ausgeübt wurde, auch im Denken der Kolonialisierten und der Struktur der Gesellschaft fest verankert. Laut Fanon resultiert diese strukturelle Durchsetzung der Gesellschaft mit Gewalt in einer Klasseneinteilung, in welcher sich Lebenswelten des Kolonialherren und des kolonialisierten Subjekts konträr gegenüberstehen. (Fanon 1981: 29).  Dem kolonialisierten Subjekt stehen dabei begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten zur Verfügung, sobald es die Überlegenheit des Kolonialherren anerkennt und sich dessen Kultur und Denkstruktur unterordnet (Fanon 1981:38).

Die einzige Möglichkeit, sich zu dekolonisieren und damit der einzige Ausweg aus den Herrschaftsmechanismen des Kolonialsystem sah Fanon darin, dass die Kolonisierten die Gewalt, die durch die Kolonisator*innen ausgeübt wurde, für sich beanspruchen sollten, um sich mit Gegengewaltdaraus zu lösen (Fanon 1981: 31). Dabei bemerkte er allerdings auch, dass die Notwendigkeit von Gewalt auch innerhalb der Lebenswelt des kolonialisierten Subjekts verschieden gedeutet wurde. Die städtische Arbeiterklasse, repräsentiert durch politische Parteien, benutze zwar Worte der Gewalt, um mehr Macht zu fordern, strebe jedoch nach keinem Umsturz des Systems, da sie indirekt von diesem profitieren, beispielsweise durch Lohn. Die Koloniale Elite predige Gewaltlosigkeit als Mittel des Widerstands, da sie in indirekter Weise von der Ausbeutung der Schwächeren profitierten. Für die Bauernschaft hingegen blieb nur die direkte Gewalt als Widerstand, da sie nichts zu verlieren hatten und ihre Interessen weder von der intellektuellen Elite noch von der neuen, seiner Meinung nach aristokratischen Arbeiterklasse, berücksichtigt wurden (Fanon 1981:46-48).

Einer der Hauptkritikpunkte an Fanon ist, dass er ein totalitäres Gewaltverständnis habe, oftmals wurde er als „Theoretiker der Gewalt und Revolution“ (Kerner 2015: 303)“ interpretiert. Dies war vor allem dem Vorwort Jean-Paul Sartres in „Die Verdammten dieser Erde“ geschuldet, welches sich hauptsächlich der im antikolonialen Kampf eingesetzten Gewalt widmete, obwohl Fanon diesem Thema nur eins der fünf Kapitel seines Werkes vollständig widmet. Herfried Münkler dagegen kritisiert, dass Fanon das Herrschaftssystem von Kolonialist*innen und Kolonialisierten schlichtweg umzudrehen versuche (Kerner 2015:303-304). Hierbei berief er sich auf eine Passage in Fanons Werk, die lautet: „Nicht ein Kolonialherr werden, sondern den Platz des Kolonialherren einnehmen“ (Fanon: 40). Laut Andreas Eckert wurde Fanon hier seine eigene Kategorisierung einer zweigeteilten Welt zum Verhängnis. Indem er Gewalt als das letzte und einzige Mittel der Bauernschaft ansah, sprach er ihnen die Kompetenz ab, sich über Gewalt hinaus gegen Missstände aufzulehnen und nahm damit die gleiche Reduzierung der Gewalt auf eine soziale Eigenschaft vor, die er den Kolonialherren vorwarf (Eckert 2006:174).

Fanon unterscheidet jedoch strikt zwischen der kolonialen Gewalt, welche ideologischer Natur sei und der Gewalt der Kolonialisierten, die einen emanzipatorischen Charakter habe. Für ihn ist sie reaktionären Charakters und kommt einem Selbsterhaltungstrieb gleich. Gleichzeitig ist ihm dabei bewusst, dass der Kolonialisierte mit seiner Entscheidung zu Gegengewalt drohe, in eine andauernde Spirale der Wechselseitigkeit zu sinken. Für ihn bezieht sich die Ausübung jedoch auf die Extremsituation, also den Moment der Revolution, in der es darum geht das einseitige Sterben der Kolonialisierten zu verhindern. Somit sei sie ein Mittel, an dessen Ende die Freiheit stehe. Das Lebensbejahende Moment verleihe ihr, so Mbembe, die ethische Dimension, die der kolonialen Gewalt nicht innewohne (Mbembe 2014: 303-306).

Für Eckert leiste Fanon heutzutage, neben seiner Bedeutung als Klassiker, aufgrund seiner problematischen Kategorisierungen keinen differenzierten Beitrag zu einer Analyse der postkolonialen Gesellschaft mehr (Eckert 2006:173-174). Im Postkolonialen Diskurs schaffte es vor allem Spivak in ihrem Aufsatz „Can the Subalterns speak?“ mit dem Begriff der epistemischen Gewalt, das Verhältnis von Wissen und Gewalt im kolonialen Kontext zu analysieren, ohne dabei verschiedene Ungleichheitsfaktoren wie Klasse, „Rasse“ oder Geschlecht (alternativ: class, race, gender) und deren Zusammenhänge außenvorzulassen (Brunner 2020: 98-99). Fanons koloniales Gewaltverständnis hat heutzutage aufgrund fehlender Berücksichtigung verschiedener Ungleichheitsstrukturen massiv an Aktualität eingebüßt. Sein emanzipatorisches Verständnis von einer das koloniale Subjekt befreienden Gewalt lässt neben diesem wenig Raum für andere Möglichkeiten der Emanzipation und trotzdem steckt hinter seinen Überlegungen mehr als der reine Gedanke der Gewalt um ihrer selbst willen. Doch auch wenn man Fanons revolutionären Grundgedanken nicht teilt, lieferte er mit seinen Überlegungen zu kolonialer Gewalt einen wichtigen Beitrag: Durch die Einsicht, dass koloniale Gewalt weit über die physische Komponente hinausgeht, erwächst auch aus der Selbsterkenntnis der Kolonisierten emanzipatorisches Potential.

 Literatur

Brunner, Claudia (2020): „Epistemische Gewalt-Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne“. Bielefeld: transcript Verlag, S.98-99

Eckert, Andreas (2006): „Predigt der Gewalt? Betrachtungen zu Frantz Fanons Klassiker der Dekolonisation“ in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006), H. 1, URL: https://zeithistorische-forschungen.de/1-2006/4453,
Druckausgabe: S. 169-175.

Fanon, Frantz (1981): „Die Verdammten dieser Erde“. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S.27-47

Kerner, Ina (2015): „Frantz Fanon in der Politischen Theorie. Stationen und Potenziale einer Rezeption“ in: Walter Reese-Schäfer, Samuel Salzborn (Hg.): „Die Stimme des Intellekts ist leise”. Klassiker/innen des politischen Denkens abseits des Mainstreams. Baden-Baden 2015: Nomos, S.301-316

Mann, Michael (2004): „Das Gewaltdispositiv des modernen Kolonialismus“, in: Mihran Dabag, Horst Gründer und Uwe-K. Ketelsen (Hg.): „Kolonialismus. Kolonialdiskurs und Genozid“, München, S.118-135

Mbembe, Achille (2014): „Kritik der schwarzen Vernunft“. Berlin: Suhrkamp Verlag, S.303-306

Autorin dieses Eintrags: Natalia Werbach  

Zuletzt überarbeitet: 19.05.2020

Gewalt – eng oder weit?

Wortwolke, basierend auf Endress/Rapp (2017)

Skizzen einer Kontroverse

Gewalt ist historisch omnipräsent wie gesellschaftlich allgegenwärtig, zeigt sich so konkret wie ambivalent, tritt so offensichtlich erkennbar wie verborgen auf, wirkt so ordnungs(zer)störend wie ordnungsstiftend. Was Gewalt jedoch konkret ist, ob es einen inhaltlich klar bestimmbaren Kern gibt oder ob Gewalt mehrdimensional ausdifferenziert werden sollte, ist und bleibt Gegenstand kontrovers geführter Debatten.

Mit diesem Beitrag skizziere ich die zentralen Trennlinien und Überschneidungen der Kontroversen – ohne jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben oder gar Hoffnung auf Überwindung der Differenzen suggerieren zu wollen. Dafür gibt es auch gar keine Notwendigkeit. Denn erstens gehört Gewalt zu jenen umkämpften Begriffen (wie auch Konflikt, Frieden oder Sicherheit), um deren inhaltliche Be-/Deutungen sowohl wissenschaftlich wie auch politisch stets gerungen wird und deren Zuschreibung dann immer auch mit historischen Bedingungen und gesellschaftlichen Kontexte bzw. deren Veränderungen verwoben ist. Zweitens kann die eigene Forschung – im Lichte kritischer (Selbst-)Reflexion und einer Einsicht in die Notwendigkeit der aktiven Auseinandersetzung mit diesen Debatten – davon sogar profitieren: Zwingt sie uns doch dazu, eigene Problem- und Fragestellungen entsprechend begrifflich zu präzisieren, die dahinter stehenden theoretischen Überlegungen zu reflektieren und Position zu beziehen.

Gewalt als komplexer Begriff

Die Kontroverse um die Inhalte von Gewalt ist dem Begriff gewissermaßen phänomenologisch und begriffsgeschichtlich eingeschrieben. So verweist der deutsche Begriff der Gewalt (waltan: stark sein, beherrschen) mit seiner althochdeutschen Herkunft und alltagssprachlichen Verwendung sowohl auf das Ausüben körperlicher (personaler) und seelischer (psychischer) Gewalt als auch auf das  Vorhandensein von „Herrschaft“ bzw. „Kompetenz“ (potestas). Letzteres findet seinen Ausdruck im Begriff der Staatsgewalt oder der Gewaltenteilung. So verbinden sich quasi eine Handlungsebene (Gewalt ausüben) mit herrschaftsorientierten Struktureigenschaften und Ordnungsaspekten bzw. mit der Verfügungsmacht über Gewalt (Gewalt innehaben). Diese beiden Seiten der (Gewalt-)Medaille finden sich im angelsächsischen, frankophonen und iberoamerikanischen Sprachgebrauch in der Unterscheidung zwischen „violenta“ und „potestas“ wieder, d.h. mit der Differenzierung zwischen direkter personaler Gewalt und ihrer Einhegung über legitime Staatsgewalt (vgl. Bonacker/Imbusch 2010: 82).

In der politikwissenschaftlichen und soziologischen Friedens- und Konfliktforschung haben die begriffsgeschichtlichen Unschärfen die Einsicht reifen lassen, den Gewaltbegriff stärker zu differenzieren, um ihn so für konkrete Forschungsfragen fruchtbar, aber auch für verschiedene Facetten und Wechselwirkungen der Gewalt analytisch brauchbar zu machen. Gleichwohl spiegelt sich die Begriffsgeschichte von Gewalt in den aktuellen Debatten über ihre Verwendung und Eingrenzung wider. Und es kann kaum verwundern, dass die zentralen Kontroversen darum kreisen, ob wir uns eher an einem engen Gewaltbegriff orientieren sollen, der beobachtbare, gezielte Gewaltakte gegen Individuen (bzw. ihren Körper) empirisch operationalisierbar und messbar macht – oder ob ein weiter Gewaltbegriff angemessener ist, der Gewalthandeln in ein Verhältnis zu gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen stellt, und darin unterschiedliche Formen der Gewalt und ihre Wechselbezüge untereinander zu erkennen versucht.

Der enge Gewaltbegriff

Der enge Gewaltbegriff soll nur jene (sichtbaren) Handlungen einschließen die sich absichtsvoll gegen den menschlichen Körper bzw. dessen Verletzbarkeit richten (vgl. u.a. Popitz 1992: 48, von Trotha 1997: 14). Die in interpersonalen Konflikten (individuelle Ebene) oder auf kollektiver Ebene (z.B. in Kriegen) intentional eingesetzte physische Gewalt erzeugt dabei immer ein Verhältnis zwischen Täter*innen und Betroffenen. Hinter der Fokussierung auf absichtsvolle Verletzungen gegen den menschlichen Körper, daher oft auch direkte Gewalt genannt, steht die theoretische Überlegung, den Gewaltbegriff von anderen politikwissenschaftlichen Konzepten wie „Herrschaftsordnung“ oder „Gerechtigkeit“ unterscheidbar zu machen (Koloma Beck/Schlichte 2014: 37). Ansätze der soziologischen Konflikt- und Protestforschung teilen aus phänomenologischer Perspektive die enge begriffliche Ausrichtung; sie sehen in Gewalt aber nicht nur eine soziale Praxis, die sich in der absichtsvollen Schädigung von Körpern äußert, sondern die sich im Kontext politischer Proteste auch gegen Sachen richten und damit materielle Schädigungen hervorrufen kann (vgl. Hutter 2014).

Um jenseits materieller und sichtbarer, rein körperlichen Schädigungen (im anatomisch-organischen Sinne) auch eher unsichtbare Verletzungen der leiblichen Integrität zu berücksichtigen, plädieren einige Forscher*innen darüber hinaus für einen expliziten Einbezug psychischer Gewalt (vgl. Inhetveen 2005: 32). Diese Form der Gewalt wird einerseits dem Anspruch gerecht, den Gewaltbegriff eng auf die Verletzbarkeit des Menschen zu begrenzen; andererseits muss Gewalt, die äußerlich nicht sichtbar ist, nicht zwingend durch konkrete Personen hervorgebracht werden. Sie kann ihre (absichtsvollen) Wirkungen auch über (scheinbar verborgene) Inhalte und Strategien entfalten, die über Sprache, Symbole oder Bilder kommuniziert werden (vgl. Bonacker/Imbusch 2010:  86f.).

Unter einen engen Gewaltbegriff, der Verletzungen gegen den menschlichen Körper und die leibliche Integrität erfassen soll, fallen auch verschiedene Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt. Sowohl die in bewaffneten Konflikten als auch in Kriegen instrumentell eingesetzte sexualisierte Gewalt als auch soziale Praktiken wie die Genitalverstümmelung oder das so genannte Brustbügeln als Schutz vor Vergewaltigungen (Meyer-Oldenburg 2019) weisen neben rein physischen Einwirkungen auch psychische Folgen auf (u.a. posttraumatische Belastungsstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl). Da sexualisierte Gewalt einerseits jedoch in einer engen Verbindung zu patriarchalen Strukturen und Maskuli­nismus steht (militärische und hegemoniale Männlichkeiten), andererseits deutliche Verschränkungen zur diskursiven Ebene bestehen (Vergewaltigungen als Teil der diskursiven Konstruktion kollek­tiver Identitäten und einflussreiches Mittel zur Herstellung von Feind*innenbildern, vgl. Engels/Chojnacki 2007), ist es mehr als sinnvoll, diese in Verbindung zum weiten Gewaltverständnis zu untersuchen.

Der weite Gewaltbegriff

Der weite Gewaltbegriff integriert in phänomenologischer Absicht auch jene Macht-Struktur-Wissen-Aspekte, in die Gewalt als Handlungsabsicht und -ausdruck eingebunden ist und die durch sie hervorgebracht und legitimiert werden. So können auch politische oder ökonomische Strukturen, die zu einer eigentlich vermeidbaren Ungleichheit an Lebenschancen führen, Gewalt erzeugen und durch Gewalt hervorgebracht werden. Der Friedensforscher Johan Galtung hat dafür den Begriff der strukturellen Gewalt geprägt, um unabhängig von Täter*innen-Opfer-Beziehungen jene Charakteristika gesellschaftlicher Strukturen zu thematisieren, die Personen oder auch Personengruppen in der Befriedigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse einschränken (vgl. Galtung 1971: 55). Strukturelle Gewalt verweist daher auf jene gesellschaftlichen Hierarchisierungen, asymmetrischen Machtpositionen und ungleichen Verteilungen von Ressourcen, die Formen sozialer Marginalisierung und Diskriminierung beinhalten, zu unterschiedlichen Lebenschancen führen und so für menschliches Leid oder Tod verantwortlich sind; sie wird über die Naturalisierung von Herrschaftsverhältnissen sowie ihre In- und Exklusionsmechanismen reproduziert und entzieht sich – teilweise – sowohl der direkten Wahrnehmung wie auch der konkreten Bestimmung von Täter*innen und Opfern (vgl. Imbusch 2017: 49).

Die in Handlungen sich ausdrückende physische Gewalt und über gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse erzeugte strukturelle Gewalt sind nach Johan Galtung zudem mit kultureller Gewalt verwoben – und verbinden sich so zum „Gewaltdreieck“ (Galtung 1998). Demnach kennzeichnet kulturelle Gewalt jene in Kultur/en verankerten Aspekte (wie Normen, Werten oder Ideologien) und über Symbole und Diskurse vermittelten Zuschreibungen (u.a. Zeremonien, Flaggen), die als Deutungs- bzw. Interpretationsmacht genutzt werden können, um direkte und strukturelle Gewalt zu legitimieren (vgl. Bonacker/Imbusch 2010: 89). Anders formuliert: kulturell manifestierte Denk- und Deutungsmuster werden politisch funktionalisiert und tragen so dazu bei, die Ausübung direkter und struktureller Gewaltformen innerhalb eines definierten sozio-kulturellen Raumes als – notwendigen oder logischen – Bestandteil der betreffenden Gesellschaftsordnung erscheinen zu lassen. Die „Kulturalisierung“ von Gewalt (Inhetveen 2005) verweist dann nicht nur auf Eingriffe innerhalb „eigener“ gesellschaftlicher Prozesse, sondern auch auf die Zuschreibung und Stigmatisierung „anderer“ Kulturkreise.

In ähnlicher Weise reflektiert symbolische Gewalt die durch Herrschaftsstrukturen vorgeprägten Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, die asymmetrische Machtverhältnisse unsichtbar machen und so zu deren unhinterfragten Absicherung führen (Bourdieu 2018: 122). Diese „sanfte Gewalt“ führt letztlich dazu, gesellschaftliche Kräfte- und Herrschaftsverhältnisse zu verschleiern und über symbolische Sinnzuschreibungen (u.a. in Architektur, Kunst, Sprache) die scheinbare Natürlichkeit von Herrschaftsverhältnissen anzuerkennen und zu verinnerlichen. Symbolische Gewalt zielt darauf ab, „Menschen mit Hilfe symbolisch-sinnhafter Bedeutungen von oder Zuschreibungen zu Sachen, Personen Handlungs- und Verhaltensweisen zur Hinnahme, Bejahung und Verstetigung von Strukturen, Institutionen und Akteuren gesellschaftlicher Herrschaft zu bewegen“ (Peter 2011: 12). Aus konflikt- und gesellschaftstheoretischer Perspektive sieht Lars Schmitt in der symbolischen Gewalt gleichermaßen ein zentrales „Funktionsprinzip (post-)moderner Gesellschaften“ (2006: 21). Auf ihrer Basis werden Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen, deren Chance soziale wie ökonomisch asymmetrisch verteilt sind, klein bzw. latent gehalten: „Sozial gemachte (d.h. „ungerechte“) Hierarchien werden durch Symbole in selbstverständliche, quasi-natürliche (d.h. „gerechte“) Hierarchien „verwandelt“ (ebd.). Folglich ist symbolische Gewalt alles andere als „sanft“, wenn einerseits Herrschaftsverhältnisse anerkannt und reproduziert, andererseits gewaltvolle Strategien der Herrschaftssicherung darüber legitimiert werden.

Um stärker auf das Zusammenspiel von Gewaltstrukturen und Gewaltdiskursen abzuheben und zugleich die Überschneidung von Ungleichheits-, Diskriminierungs- und Gewaltstrukturen zu problematisieren, hat sich ein feministisch-intersektional konnotiertes Verständnis diskursiver Gewalt entwickelt (Sauer 2011). In bewusster Erweiterung bestehender Gewaltkonzepte rücken hier nicht allein die strukturellen, kulturellen und/oder symbolischen Dimensionen von sich überschneidenden Unterdrückungssystemen in den Fokus (u.a. die Schnittpunkte von Rassismus und Sexismus), sondern ihre Verbindung zu gewaltvollen Diskursen. Eigentlich überlagern sich hier zwei konzeptionelle Ebenen: eine eher verdichtete Perspektive auf die Überschneidungen bzw. Kreuzungspunkte von Mehrfachdiskriminierung im Sinne der Logik von Intersektionalität (vgl. Crenshaw 1989) und ein eher weites Verständnis, das die Verschränkung von Diskriminierungsformen in Verbindung zu gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen und den darin wirkungsmächtigen Diskursen stellt. Diese Verschiebung reflektiert einerseits eine notwendige Reaktion auf die Genderblindheit früherer Gewaltansätze. Andererseits lässt sich mit der feministischen Staatstheorie argumentieren (u.a. Löffler 2011), dass Geschlechterverhältnisse und -identitäten, insbesondere die Naturalisierung einer hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit in gesellschaftliche Strukturen eingewoben und darüber verkodet sind – und damit eine enge Verbindung zur strukturellen Gewalt aufweisen.

Mit der epistemischen Gewalt soll schließlich auf jene Gewalt verwiesen werden, die der Wissensproduktion selbst innewohnt und die mit der Delegitimierung und Verdrängung anderer, alternativer Erkenntnismöglichkeiten einhergeht (vgl. Brunner 2015). Entlang von „Epistemen“ (Erkenntnisse, Wissen, Wissenschaft) wird Gewalt einerseits durch oder gegen Wissen ausgeübt (auch durch Auslassungen oder Leugnungen von Wissen), andererseits werden über asymmetrische Diskurse und Praktiken bestimmte Individuen und Gruppen ausgeschlossen, unterdrückt und als „Andere/s“ markiert bzw. konstituiert (vgl. Spivak 1988). In der Friedens- und Konfliktforschung sollen mit dem Begriff der epistemischen Gewalt vor allem jene Essentialisierungen, Naturalisierungen und Hierarchisierungen problematisiert werden (v.a. Kolonialismus, Eurozentrismus), die in der wissenschaftlichen Praxis hervorgebracht und verstärkt werden. Aus gewaltphänomenologischer Sicht liegen die herrschaftsstabilisierenden Funktionen epistemischer Gewalt sowohl in der Deutungskraft und Rechtfertigung anderer Gewaltformen (siehe Bezug zur kulturellen und symbolischen Gewalt) als auch in der Kanonisierung gesellschaftlicher Normen und der Re-Produktion der Kolonialität von Wissens (siehe Bezug zur strukturellen und diskursiven Gewalt). Auf methodologischer Ebene wird damit zudem die Konzeptualisierung von Gewalt als sozialer Praxis, die sich vor allem in empirischen Untersuchungen physischer Gewalt (u.a. Proteste, Kriege) aber auch struktureller Gewaltverhältnisse (u.a. Analysen zu politischen oder ökonomischer Ungleichheiten) widerspiegelt, um die Dimension Gewalt als Wissenskategorie erweitert. Dadurch tritt das in unsere Denk- und Wissensmuster eingelagerte Gewaltwissen, das Zusammenspiel von Macht, Herrschaft und Wissen ins Zentrum der Analyse (Brunner 2015: 43f.).

Mit Hilfe dieser Ausdifferenzierung kann dem engen Gewaltbegriff entsprechend entgegengehalten werden, dass seine postulierten Vorteile der direkten Beobachtbarkeit und Generalisierbarkeit sowie die damit einhergehende begriffliche Abgrenzung gegenüber anderen Phänomenen wie Macht, Herrschaft oder Gerechtigkeit von den Nachteilen überwogen werden. Der Aspekt des direkten Einwirkens gegen den menschlichen Körper (absichtsvolle Gewaltausübung) wird einerseits der Komplexität und Vielschichtigkeit des Phänomens Gewalt nicht gerecht, birgt andererseits aber eben auch die Gefahr, andere Aspekte der Gewalt zu verschleiern – und so womöglich selbst zu einer Form der Gewalt zu werden. Dass Schädigungen des menschlichen Lebens und das damit einhergehende Gewalterleiden in mannigfaltige gesellschaftliche Ursache-Wirkungs-Konstellationen eingebunden sind, und folglich auch die strukturellen und symbolischen Dimensionen in den Einzugsbereich der erfahrbaren Schädigungen einbezogen werden müssten, spricht für einen weiten Gewaltbegriff (Imbusch 2017). Der Entscheidung für ein weit gefasstes Verständnis wird dabei meist von der normativen, herrschafts- und gesellschaftskritischen Absicht sowie dem friedensethischen Ziel begleitet, den Gewaltbegriff für eine systematische Kritik und Skandalisierung asymmetrischer und diskriminierender gesellschaftlicher Verhältnisse heranzuziehen (Endreß/Rapp 2017).

Bedeutung für Forschung und Gesellschaft

Was bedeutet diese Kontroverse für die eigene Forschung? Mit dem engen Gewaltbegriff richtet sich die eigene Untersuchung primär auf das direkte Gewalthandeln und damit auf eher konkrete Täter*innen-Opfer-Beziehungen aus. Beispielhaft dafür stehen akteurszentrierte Analysen, die Demonstrationen und Protesthandeln oder Extremformen des Konfliktaustrags wie innerstaatliche oder zwischenstaatliche Kriege beschreiben und erklären wollen. Der weite Gewaltbegriff hingegen öffnet die analytische Perspektive für jene politischen, sozio-ökonomischen und kulturellen Bedingungen, die mit dem individuellen Erleiden von Gewalt einhergehen, und problematisiert dabei die gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren, die zu unterschiedlichen Lebenschancen führen und so für menschliches Leid oder Tod verantwortlich sind. Beispielhaft für eine solche Perspektive ist die „gewaltvolle Tatenlosigkeit“ (violent inaction) des EUropäischen Migrations- und Grenzregimes mit seinen biopolitischen Formen der Migrationskontrolle an den Außengrenzen Europas und der unterlassenen Hilfeleistung eigentlich normativ verpflichtender Seenotrettung im Mittelmeer (Davies u.a. 2017).

Unabhängig davon, für welchen Gewaltbegriff wir uns entscheiden, Gewalt bleibt aufgrund der Verletzungsoffenheit „als Teil des Menschseins“ allgegenwärtig (Inhetveen 2005: 33), facettenreich in ihren Ausdrucksformen und sozial-räumlich überall anzutreffen: im Globalen Norden ebenso wie im Globalen Süden (sowie in den wechselseitigen Bezügen), in urbanen wie in ländlichen Räumen, in öffentlichen Bereichen ebenso wie in privaten Kontexten (häusliche Gewalt). Und so wie Gewalt in diesem Sinne ein transhistorisches wie transkulturelles Phänomen ist, so kann sich doch das, was als Gewalt benannt wird, in Gesellschaften und ihren Diskursen immer wieder wandeln und umgedeutet werden – oder auch auf bestimmte Aspekte der Gewalt verengt werden. Gerade am Beispiel der politischen Diskurse und medialen Berichterstattung im Kontext gesellschaftlicher Proteste lässt sich beobachten, wie Debatten auf die Frage der Legitimität von Gewalt verengt werden. Dabei kann das „Knäuel von Gewalt und Gegengewalt“, wie sich bei den G20-Protesten von Hamburg 2017 gezeigt hat, von einer „diskursiven Eskalation“ überlagert werden (Malthaner u.a. 2018). Unmittelbar deutlich wird daran einerseits, dass das, was in gesellschaftlichen Konflikten jeweils als legitime oder illegitime Gewalt eingeordnet wird, gesellschaftspolitisch umkämpft ist. Andererseits sind die Zuschreibungen von Gewalt immer auch damit verbunden, wer letztlich die Deutungsmacht über Gewalt besitzt. 

Obwohl wir dann in öffentlichen Debatten und der Medienberichterstattung eine klare Präferenz zugunsten der Vermittlung von körperlicher Gewalt vermuten könnten, ist in der Repräsentation von Gewalt der Aspekt materieller Schädigungen weitaus präsententer als in den gewaltphänomenologischen Ansätzen der Friedens- und Konfliktforschung; sehen wir einmal von der sozialen Bewegungs- und Protestforschung ab, die der „Gewalt gegen Sachen“ aufgrund der damit verbundenen Gruppendynamiken und Aktions-Reaktionsspiralen innerhalb von Protestereignissen einen anderen Stellenwert einräumt (siehe Rucht 2002). So zeigt sich einerseits, dass öffentliche und mediale Gewaltdebatten nicht notwendigerweise auch den (politik-)wissenschaftlichen Überlegungen und ihrer Ausdifferenzierungen folgen müssen (und folglich eine Kluft zwischen wissenschaftlicher Begriffsbildung und öffentlicher Begriffspraxis bestehen kann). Andererseits haben materielle Schädigungen (wie Plünderungen von Geschäften oder das Anzünden von Personenkraftwagen) einen hohen Nachrichtenwert, der durch die Zuschreibung der Gewalt noch einmal gesteigert wird und/oder über die Zuordnung zu Gruppierungen von (vermuteten, behaupteten) Täter*innen in Klischees oder „Frames“ von Gewalt eingebettet ist (u.a. „Globalisierungskritik“, „autonome Szene“). Gleichzeitig lässt sich argumentieren und zeigen, dass mediale Inszenierungen von Gewalt durch diskursiv vermittelte und ikonographisch re-produzierte Stereotypen charakterisiert sind (Thiele 2010), die zur Vermittlung von Gruppenzugehörigkeit und Deutungsangeboten eingesetzt werden (essentialisierende, naturalisierende Zuschreibungen von „Anderen“). So werden die Plattformen und Portale der Informationsvermittlung (Zeitungen, TV, social media) selbst zu (Ver-)Mittler*innen oder gar Hersteller*innen der im weiten Gewaltverständnis aufgeworfenen Formen der Gewalt. Um es abschließend unter Bezug auf die symbolische Gewalt noch einmal zu akzentuieren: Als Sinnbezüge und Interpretationsschemata des alltäglichen Lebens konstruieren, strukturieren und vermitteln Medien wie auch die Wissenschaft/en und Künste gesellschaftliche (Herrschafts-)Realitäten, die als symbolische Gewalt wirksam werden und strukturelle wie direkte Gewalt zu legitimieren helfen.

Literatur

Bonacker, Thorsten/Imbusch, Peter 2010: Zentrale Begriffe der Friedens- und Konflikt, Gewalt, Krieg, Frieden, in: Imbusch, Peter und Zoll, Ralf: Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. 5.Auflage. Wiesbaden, 67-142.

Bourdieu, Pierre 2018: Die symbolische Gewalt, in: Müller-Salo, J. (Hrsg.), Gewalt. Text von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart, 121-129.

Brunner, Claudia 2015: Das Konzept epistemische Gewalt als Element einer transdisziplinären Friedens- und Konflikttheorie, In: Jahrbuch Friedenskultur, Band 10, Klagenfurt, 38-53.

Crenshaw, Kimberle 1989: Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, in: University of Chicago Legal Forum, 1: 8, URL: http://chicagounbound.uchicago.edu/uclf/vol1989/iss1/8

Davies, Tom/Isakjee, Arshad/Dhesi, Surindar 2017: Violent Inaction: The Necropolitical Experience of Refugees in Europe, in: Antipode 49, 1263-1284, doi: 10.1111/anti.12325.

Endreß, M./Rapp, B. 2017: Die friedensethische Bedeutung der Kategorie Gewalt, in: Werkner, I.-J./Ebeling, K. (Hrsg.), Handbuch Friedensethik, Wiesbaden, 163-173.

Engels, Bettina/Chojnacki, Sven 2007: Krieg, Identität und die Konstruktion von Geschlecht, URL: https://www.fu-berlin.de/sites/gpo/int_bez/frauenmenschenrechte/kriegidentitaetmenschenrechte/index.html (letzter Zugriff 09.10.2019).

Galtung, Johan 1998: Frieden mit friedlichen Mitteln Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur Wiesbaden.

Galtung, Johan 1971: Gewalt, Frieden, Friedensforschung, in: Senghaas, Dieter (Hrsg.), Kritische Friedensforschung, Frankfurt am Main, 55-104. 

Hutter, Swen 2014: Protesting Culture and Economics in Western Europe. New Cleavages in Left and Right Politics. Minneapolis.

Imbusch, Peter 2017: ‘Strukturelle Gewalt‘. Plädoyer für einen unterschätzten Begriff, in: Mittelweg 36: 3, 28-51.

Inhetveen, Katharina 2005: Gewalt in ihren Deutungen, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie,  30: 3, 28-50.

Löffler, Marion 2011: Feministische Staatstheorien. Eine Einführung. Frankfurt am Main. 

Malthaner, S./Teune, S./Ullrich, P. 2018: Eskalation: Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017, Berlin.

Meyer-Oldenburg, Anna 2019: Eingebrannter Selbsthass. Brustbügeln In Westafrika verstümmeln Mütter ihre Töchter – zum Schutz vor Vergewaltigung in: Der Freitag, URL: https://digital.freitag.de/3519/eingebrannter-selbsthass/ (letzter Zugriff: 09.10.2019).

Mohammed, Amer 2019: Gewalt… ist Gewalt! in: FKF_Kollektiv, Blog, URL: https://blogs.fu-berlin.de/fkfkollektiv/2019/09/09/gewalt-ist-gewalt/

Peter, Lothar 2004: Pierre Bourdieus Theorie der symbolischen Gewalt. Hamburg.

Popitz, Heinrich 1992: Phänomene der Macht, Tübingen.

Sauer, Birgit 2011: Migration, Geschlecht, Gewalt. Überlegungen zu einem intersektionellen Gewaltbegriff, in: GENDER-Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 3: 2, 44-60.

Schmitt, Lars 2006: Symbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte: Entwurf einer Heuristik zur Analyse und Bearbeitung von Konflikten, Marburg (CCS Working Papers 2).

Spivak, Gayatri C. 1988: Can the Subaltern Speak?, in: Nelson, Cary/Grossberg, Lawrence (Hrsg.), Marxism and the Interpretation of Culture, Urbana-Champaign, 271–313.

Rucht, Dieter (Hrsg.) 2002: Protest in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main.

Thiele, Martina 2010: Medial vermittelte Vorurteile, Stereotype und ‚Feindinnenbilder‘, in: Thiele M./ Thomas T./Virchow F. (Hrsg.), Medien – Krieg – Geschlecht, Wiesbaden, 61-79.

von Trotha, Trutz 1997: Zur Soziologie der Gewalt, in: Trotha, Trutz von (Hrsg.), Soziologie der Gewalt, Opladen.

 

Zitiervorschlag:

Chojnacki, Sven 2019: Gewalt – eng oder weit? Skizzen einer Kontroverse, in: FKF_Kollektiv, Glossar, URL: https://blogs.fu-berlin.de/fkfkollektiv/glossary/gewalt-kontroverse/

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Kulturelle Gewalt

Kulturelle Gewalt ist ein Phänomen, bei dem kulturell manifestierte Denk- und Deutungsmuster die Ausübung direkter und struktureller Gewaltformen innerhalb eines Kulturkreises als integralen Teil der betreffenden Gesellschaftsordnung und somit gewaltvolle Strukturen oder gewaltsames Handeln nicht als Ausdruck von Gewalt selbst erscheinen lassen; seitens Betroffener kann so kaum noch eine Differenzierung zwischen Kultur- und Gewaltform geleistet werden (vgl. Inhetveen 2005: 34 ff).

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Strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt verweist auf jene gesellschaftlichen Hierarchisierungen, asymmetrischen Machtpositionen und ungleichen Verteilungen von Ressourcen, die Formen sozialer Marginalisierung und Diskriminierung beinhalten, zu unterschiedlichen Lebenschancen führen und so für menschliches Leid oder Tod verantwortlich sind; sie wird über die Naturalisierung von Herrschaftsverhältnissen sowie ihre In- und Exklusionsmechanismen reproduziert und entzieht sich – teilweise – sowohl der direkten Wahrnehmung wie auch der konkreten Bestimmung von Täter*innen und Opfern (vgl. Imbusch 2017: 49).  

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