Kritische Perspektiven auf Open Access

Monatsspecial „Open Access“ (Teil 3/3)

Stellen Sie sich eine Welt vor, in denen die Forschungsergebnisse aller Wissenschaftler/innen aus allen Ländern und Institutionen frei online zugänglich sind. Unabhängig davon, ob Sie als Student in der Bibliothek für eine Hausarbeit recherchieren oder als Wissenschaftlerin von zuhause die Arbeiten Ihrer Kolleg/innen nachvollziehen möchten: jeder Zeitschriftenartikel ist nur einen Klick entfernt. Klingt utopisch? Die Idee von Open Access zielt darauf, genau diese Welt in die Realität umzusetzen.

Und wo ist der Haken?

Die Idee von Open Access verfolgt ein übergeordnetes Ziel: wissenschaftliche Erkenntnisse sollen nicht mehr nur zahlenden Kunden, sondern allen potenziellen Leser/innen zur Verfügung stehen. Eine solche Zielsetzung kann nur erreicht werden, wenn das bestehende Publikationssystem sich verändert. Mittlerweile ist deutlich geworden, dass Open Access keine grundsätzliche Veränderung der wissenschaftlichen Publikationsabläufe mit sich bringt. Viele Akteure, einschließlich der etablierten Verlage, stellen ihre Publikations- und Geschäftsmodelle sukzessive auf Open Access um. Die größte Veränderung ergibt sich vor allem für diejenigen, die Forschung finanzieren und die Geldströme des bisherigen Subskriptionsmodells umleiten müssen. Vor allem wissenschaftliche Bibliotheken befinden sich deswegen in einer komplexen Übergangsphase, in der neue Modelle probiert und etabliert werden.OAlogo

Für die Wissenschaftler/innen entsteht in dieser Übergangsphase ebenfalls ein Mehraufwand, da sie Publikationsoptionen prüfen, Finanzierungsmodelle verstehen und sich mit neuen Zeitschriften auseinandersetzen müssen. Im Idealfall wird Open Access mittelfristig aber zu einem Standard werden, der keine zusätzlichen Kapazitäten von Wissenschaftler/innen benötigt.

Um den Weg dahin zu beschleunigen, können Wissenschaftler/innen allerdings einiges beitragen: Je mehr wissenschaftliche Autor/innen die bestehenden Angebote zum Open-Access-Publizieren nutzen, umso leichter wird es für Bibliotheken, Verlage, Projekte und Initiativen, diese Wege zu optimieren und zu verstetigen. Wissenschaftler/innen haben in diesem Prozess übrigens nicht nur als Autor/innen einiges an Gewicht. Auch als Zeitschriftenherausgeber/innen oder Gutachter/innen können sie aktiv dazu beitragen, Open-Access-Zeitschriften zu stärken und ihre Arbeitszeit und -kraft gezielt an diesen Stellen bündeln. Die Open-Access-Expertinnen Ihrer Institution, z.B. die Open-Access-Beauftragte/n, unterstützen Sie gerne bei diesem Weg.

Schränkt Open Access die Wissenschaftsfreiheit ein?

In den Diskussionen um Open Access wird mitunter die Frage gestellt, ob Open Access nicht die Publikationsfreiheit, und wichtiger noch: die Wissenschaftsfreiheit einschränkt, die ein zentrales Element einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ist. Solche Einwände übersehen allerdings, dass der Wunsch – und selbst das Mandat – zum Open-Access-Publizieren in keiner Weise einem Publikationszwang entspricht. Open Access heißt nicht, dass Wissenschaftler/innen alle Ihre Forschungsergebnisse ohne Ausnahme der gesamten Welt zur Verfügung stellen müssen. Open Access bedeutet lediglich, dass Forschungsergebnisse, die ohnehin publiziert werden, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein sollen, und nicht nur einem ausgewählten Kreis an Zeitschriftenabonnent/innen, die bzw. deren Institutionen sich die jeweilige Zeitschrift leisten können.

Sind Artikelgebühren gerecht?

Ein weiterer Kritikpunkt an Open Access bezieht sich auf das Finanzierungsmodell der Artikelgebühren (APCs). Indem hier die nicht mehr die abonnierenden Bibliotheken, sondern die publizierenden Autor/innen bzw. deren Institutionen den Publikationsprozess finanzieren, könnten, so die Befürchtung, finanzschwache Wissenschaftler/innen und Institutionen benachteiligt werden. Es gibt einige Modelle, die dieser Tendenz entgegenwirken möchten. Einige Zeitschriften bietet z.B. die Möglichkeit, die APCs zu erlassen, wenn Autor/innen diese nicht aufbringen können (APC-Waiver-Modell), oder arbeiten mit regionalen Staffelungen für APCs, um sie den jeweiligen lokalen Märkten anzupassen. Ganz ausschließen lassen sich negative Auswirkungen durch hohe APCs dadurch allerdings nicht. Im Moment fällt eine Prognose schwer, da Verlage, Bibliotheken und andere Institutionen an der Neu- und Weiterentwicklung von Open-Access-Modellen arbeiten und eine Konsolidierung zugunsten eines Modells in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. Da in den Geistes- und Sozialwissenschaften die meisten Open-Access-Zeitschriften ohnehin nicht mit APCs operieren, stellt sich die Frage der APC-Gerechtigkeit vornehmlich für die Naturwissenschaften.

  • Die Initiative OpenAPC sammelt Informationen, um APC-Strukturen transparent zu machen.

Und was ist mit Büchern?

Die Open-Access-Bestrebungen der letzten Jahre haben sich vornehmlich auf die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in wissenschaftlichen Zeitschriften konzentriert und ein Großteil der Open-Access-Konzepte ist anhand der Journal-Landschaft entwickelt worden. Zunehmend werden aber auch Buchpublikationen – die besonders in den Geisteswissenschaften eine größere Rolle spielen als Zeitschriftenartikel – im Sinne von Open Access angestrebt. Pilotprojekte loten neue Möglichkeiten aus und vor allem Universitätsverlage bieten häufig Open-Access-Buchpublikationen an.

  • Der linguistische Open-Access-Verlag Language Science Press ist in Zusammenarbeit mit dem Center für Digitale Systeme an der FU entstanden.
  • Die Initative Knowledge Unlatched sammelt Unterstützung für Open-Access-Bücher
  • Non-Profit-Verlage wie Open Book Publishers konzentrieren sich auf Open-Access-Bücher

Darüber hinaus gibt es immer mehr Entwicklungen in der Wissenschaftslandschaft, auch andere Aspekte der wissenschaftlichen Veröffentlichungskultur zu öffnen – Open Data und Open Science sind die wichtigsten Bereiche.

  • Die Open-Access-Enzyklopädie 1914-1918 online wurde am Center für Digitale Systeme der FU entwickelt und aufgebaut.
  • Das Projekt Open Encyclopedia System am CeDiS entwickelt eine freie Software für Open-Access-Enzyklopädien.
  • An der Universitätsbibliothek der FU befindet sich ein Repositorium für Forschungsdaten in Planung.

Haben Sie Fragen oder Beratungsbedarf?

Das Open-Access-Team der Freien Universität steht Ihnen unter open-access@fu-berlin.de zur Verfügung, wenn Sie konkrete Fragen haben oder einen Beratungstermin vereinbaren möchten. Gerne bieten wir Ihnen auch individuell zugeschnittene Informationsveranstaltungen für Ihren Fachbereich, Ihre Forschungsgruppe oder für laufende und geplante Forschungsprojekte an.

 

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