„…das Handeln schließlich, […] schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte.“ (Hannah Arendt: Vita Activa, 1960)

Die jüdische deutsch-amerikanische Soziologin und Politologin Hannah Arendt, die sich selber als Historikerin verstand, wurde 1906 in Deutschland geboren, emigrierte aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten über Frankreich in die USA. Sie gilt als bedeutende Theoretikerin und Philosophin der Moderne, ihre Arbeit und Engagement insbesondere während des Eichmann-Prozesses verhalfen ihr zu großer Bekanntheit.

In ihrem philosophischen Hauptwerkes „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ sind die Begriffe Arbeiten – Herstellen – Handeln von zentraler Bedeutung. In der Seminardiskussion zum Text wurde deutlich, dass der Begriff des Handelns, konkreter des politischen Handelns, nicht nur für Arendt zentrales Erkenntnisziel ihres Werkes darstellt, sondern auch in der Gruppenarbeit und im Diskurs große Aufmerksamkeit im Plenum erregte. Deshalb wird der Begriff an dieser Stelle nochmals thematisiert, um vielleicht noch offene Fragen abschließend zu klären.

Alle drei Grundtätigkeiten (Arbeiten, Herstellen, Handeln) sind bedingt durch die Tatsache, dass der Mensch geboren wird und stirbt. Während die Arbeit das Am-Leben-bleiben und das Weiterbestehen der Gattung sichert, ist das Handeln stärker an die Grundbedingung der Natalität gebunden. Denn mit der Geburt erhält der Mensch die Fähigkeit zum Handeln. Eine weitere Grundbedingung des Handelns ist das Faktum der Pluralität, also der Tatsache, dass viele Menschen die Welt bevölkern und dass sie einander unterschiedlich sind und waren, obgleich sie alle der gleichen Gattung  angehören. Die Pluralität zeigt sich in der Verschiedenartigkeit. Im Sprechen und Handeln zeigt sich die Einzigartigkeit des Menschen. Das Handeln ist „ferner die politische Tätigkeit par excellence“.

Für das Handeln ist das Sprechen unabdingbar. Menschen offenbaren, wer sie sind, werden aktiv. Handelnd zeigen sie „die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gemeinsam auf die Bühne der Welt […]“ (Arendt: 169).

Aber was genau bedeutet es denn nun zu handeln? Ulrike hatte in der Sitzung vor Weihnachten die Frage in den Raum gestellt: „Wie häufig habt ihr in diesem [letzten] Jahr gehandelt?“

Durch das Handeln verwirklicht sich der Mensch, denn er wird selbst zum Zweck. Frei sein können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns. Handeln ist für Arendt wesentlich mit dem öffentlichen Raum verknüpft, ohne ihn nicht ausführbar oder denkbar. Deshalb führt sie das Beispiel der Polis ein, beschäftigt sich ausführlich mit den Denkern der Antike und befürwortet den öffentlichen Diskurs der Polis.

Handeln ist die Auseinandersetzung mit den Mitmenschen, die Debatte um Grundsätzliches, der Austausch von Ideen, das Streiten um Visionen und die Teilhabe am Politischen. Die konkrete Umsetzung und Ausarbeitung von Kompromissen und Vereinbarungen erfüllt nicht mehr den Zweck des Handelns.

Mit Blick auf die aktuellen GroKo Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen würde Hannah Arendt wohl kritisieren, dass die Gesprächsteilnehmenden nur herstellen und nicht handeln.

 

Das komplette Gespräch zwischen Hannah Arendt und Günter Gaus seht ihr hier:

Weitere Literatur:

Grit Straßenberger: Hannah Arendt zur Einführung, Junius Hamburg, 2015

Ulrike Höppner – Power and Globalization – Patterns of order in  a globalizing world. Dissertation, Berlin, 2011. https://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000015560/hoeppnerx2011x-xpowerxandxglobalization.pdf