Migration und Flucht

Ein Blog des Lateinamerika-Intituts der Freien Universität Berlin

Ich nehme den Applaus… aber ohne Mitleid bitte!

Theaterprobe

von Janka Andernach, Marga Zenth & Orsi Zilahy

(Die O-Töne haben wir für euch in kursiv kenntlich gemacht, Namen sind geändert.)

Berlin. Moabit. Wiclefstrasse. Jugendtheaterbuero. Es geht um das Theaterstück „Caravan Al-Hakawati“. Das Thema des Stuecks ist aktueller denn je: Immer mehr Menschen als jemals zuvor sehen sich überall auf der Welt aufgrund von Krieg und Verfolgung gezwungen aus ihrer Heimat zu fliehen.  Da vor allem, junge Geflüchtete aus arabischen Ländern wie Syrien oder dem Irak an den Projekt beteiligt sind, nimmt “Caravan Al-Hakawati” diese spezifische arabische Erzähltradition als Ausgangspunkt einer kollektiven Theaterproduktion. So werden unterschiedliche künstlerische und populärkulturelle Traditionen kollaborativ zu einem neuen gemeinsamen Narrativ oder Odyssee der Migration verflochten. Das Lateinamerikainstitut der FU Berlin unterstützte 2016 die Produktion dieses Projekts, daher hatten wir als Studierende das Glück, die Schauspieler*innen kennenzulernen und ihnen ein paar Fragen zu stellen.

Die Ergebnisse teilen wir gerne mit euch. Also lest selbst:

Beginnen wir am besten ganz am Anfang: Was bedeutet das eigentlich, „al-Hakawati“?

„Die neue Gruppe heißt Club Al-hakawati, das heißt auf Arabisch: Ein Mann erzählt eine Geschichte.“ (Serbest)

[…]

„…Familie, Seele, Herz, schwer, Theater, Leben…“

Das sind Antworten auf die Frage, mit welchen Worten die Schauspieler*innen der Berliner Theatergruppe Club Al-Hakawati, die aktuelle Produktion „Caravan Al-Hakawati“ zusammenfassen würden. Eine Herzensangelegenheit, das ist es in der Tat, was der Club Al-Hakawati dieses Jahr hier in Berlin auf die Bühne gebracht hat. Das merkt man sofort an der Stimmung, wenn man das Jugendtheaterbuero in Moabit betritt. Dabei erfahren wir im Gespräch mit den Schauspieler*innen, dass sich gar nicht alle etwas aus Theater gemacht bevor sie hier auf der Bühne angefangen haben.

 „Zum Beispiel habe ich vorher nichts mit Schauspielen zu tun gehabt. Ich habe Theater gehasst und fand es langweilig. Wenn ich es im Fernsehen gesehen habe, hat es mich gelangweilt.“ (Ali)

Doch genau das ist der Punkt! Hier geht es nicht nur einfach ums „auf der Bühne stehen und eine Rolle darstellen“. Es ist viel mehr als das. Den Hakawatis geht es um ihre Geschichten, es geht ihnen um den Entstehungsprozess des Stückes und darum die Botschaft an die Zuschauer*innen weiterzugeben können.

Außerdem hat ihnen das regelmäßige Treffen die Möglichkeit gegeben, die eigenen Erfahrungen mit Menschen zu teilen, die Ähnliches erlebt haben.  Die Theaterprobe war eine Ablenkung von ihrem Alltag, ein Ort zum Spaß haben, lachen und auch weinen.

 „Seitdem ich hierher komme, ist Theater für mich Spaß. Beim Theater spiele ich mir meine Probleme vom Herzen. Ich spiele, was ich im Herzen und im Kopf habe und das Theater nimmt sie mir ab.“(Ali)

„Am Anfang gab es für uns so viel Leere, wir waren so deprimiert, wir haben immer zuhause gesessen und konnten nichts machen und niemanden kennenlernen. Wir wussten nichts und wir sind einfach hier hergekommen und haben hier eine neue Heimat gefunden. Viele Leute, die zu uns gekommen sind, haben gesagt, dass hier alles anders ist. Auch eine Gruppe von arabischen Journalisten hat das gesagt. Alle haben das gesagt. Am Anfang waren wir nur Teilnehmer, jetzt ist die Theatergruppe ein Teil von uns, von dem wir uns nicht mehr verabschieden können. Am Anfang hatten wir so viele Probleme und wir haben immer auf den Mittwoch gewartet, um hierher zu kommen und unsere eigenen Leute zu treffen und zu reden und zu lachen und zu tanzen und alles Mögliche zu machen, was man im normalen Leben nicht macht. Wenn wir so was auf der Straße machen würden, würden die Leute uns für verrückt erklären.“ (Serbest)

Ein weiterer positiver Nebeneffekt, ist die Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse, wie Ramsi erklärt:

„Mein Deutsch wird besser, ich habe mehr Kontakte mit Anderen. Wir reden viel und haben neue Ideen. Das Theater bringt uns etwas bei, es macht mir Spaß und ich möchte es weitermachen.“ (Ramsi)

[…]

“When the public or German people watch the play they must ask themselves: Why the Arabic actors are with German people. We come here to learn the language.“ (Wafik)

(Übersetzung (A. d. R.): „Wenn das deutsche Publikum unser Stück sieht, müssen die Leute sich fragen, warum wir für ein deutsches Publikum spielen. Wir kommen hierher um die Sprachen zu lernen.)

Kommuniziert wird auf vielen verschiedenen Sprachen, Deutsch, Arabisch, Englisch, Französisch, Farsi, etc.  Und mit Hilfe dieser Sprachen erzählen sie ihre verschiedenen Geschichten.

Fast alle der Teilnehmenden sind mit einer persönlichen Geschichte im Stück dabei. Es geht in der Geschichte um ein Geschichtenerzähler-Festival, das kurzfristig aufgrund eines plötzlich ausbrechenden Krieges abgesagt werden muss. Auf ihrer Flucht stoßen die Hakawatis auf verschiedene Hindernisse und müssen es schaffen mit ihren eigenen Geschichten die sich ihnen in den Weg stellenden Grenzen zu durchbrechen.

Die "Caravan" der Hakawatis

Grenzen durchbrechen. Über sich hinauswachsen. Das Theater ist ebenfalls eine Möglichkeit um sich selbst zu überwinden und zu erfahren, wie es ist Dinge zu tun, von denen man dachte, dass man sie niemals schaffen könnte. Das kann mitunter auch so etwas vermeintlich Banales sein, wie auf einer Bühne zu stehen.

„Ich hatte vorher nie gedacht, dass ich eines Tages auf die Bühne kommen würde und auf Deutsch spielen würde. Es gibt viele Dinge, die ich nie vorher gedacht hätte, die ich machen würde, die ich hier tue.“(Serbest)

Zum Beispiel ohne Schuhe auf einer Bühne zu stehen, wie Wafik erzählt: „Ich mag es nicht ohne Schuhe auf der Bühne zu stehen. Aber ich habe es gemacht.“(Wafik)

Und wenn es ohne Schuhe geht, geht es auch ohne Kleidung. Oder?

 “There are two stories, which are horrible. I was worried about my friends, Said and Ibrahim. In the show we look like animals and then we change to humans. I‘m worried about the text, because they don´t know it exactly. And in the second show we show the people our muscles and take off our clothes. That was horrible, but we do it. And also when Leila and her friend kiss each other in front of the public, it was not easy for anyone to do it. But we do it for our future. “(Wafik)

(Übersetzung (A. d. R.): Ich erzähle euch zwei Geschichten, die schrecklich sind. Ich habe mir Sorgen um meine Freunde Said und Ibrahim gemacht. Im Stück sehen wir wie Tiere aus und dann werden wir zu Menschen. Ich mache mir Sorgen, weil sie ihren Text nicht genau können. Und im zweiten Teil zeigen wir den Leuten unsere Muskeln und ziehen unsere Kleidung aus. Das war schwierig, aber wir tun es. Und auch wenn Dana und ihre Freundin sich vor dem Publikum küssen, das war für niemanden einfach. Aber wir machen es für unsere Zukunft.)

 Herausforderung "Nacktbilder"

Die Themen Gender und sexuelle Freiheit wurden von Leila eingebracht.

 „Ich habe das Thema Gender und sexuelle Freiheit zur Sprache gebracht. Die Geschichte des ganzen Theaterstücks ist die Geschichte aller Menschen, ob sie geflüchtet sind oder nicht. Und das Thema, das ich eingebracht habe, ist einfach ein  Thema, das ein Teil unseres Lebens ist, für Männer, Frauen, Trans, Bisexuelle, Queer, Schwule, Lesben…. usw.“ (Leila)

Eines steht auf jeden Fall fest: Das Stück soll Denkanstöße und Impulse setzen. Und zwar bei den Menschen, die schon etwas länger hier sind…Darüber zum Beispiel:

Ich denke jetzt gerade über Mitleid nach. Ich mag das nicht. Wenn ich auf der Bühne spiele und die Leute sehen mich mitleidig an, das ärgert mich sehr und es macht mich sehr traurig. Oder auch wenn jemand mit Mikrofon sagt, das ist Surian aus Pakistan, das ärgert mich. (Zwischenruf: Wir sind alle Menschen!). Ich möchte einfach wie ein normaler Mensch spielen, ohne Mitleid. Oder wenn jemand mich fragt, woher ich komme, das mag ich nicht. (Ramsi)

Wir fragen genauer nach: Und wenn du auf der Bühne stehst, dann kannst du dich von dieser Rolle befreien?

„Zum Beispiel den [alten Namen des Vereins] […]fand ich gar nicht gut. Der Name Al-Hakawati ist besser. Ich möchte nicht in einer Schublade landen. Wenn ich auf der Bühne stehe und die Leute klatschen, dann möchte ich, dass sie nicht aus Mitleid klatschen, sondern weil wir gut sind.“ (Ali)

[…]

„Ich bin ein Mensch und ich zeige meine Kunst, ich komme aus Syrien, Irak oder Turkmenistan. Die Menschen tragen eine Brille, wenn sie nur über uns denken, der arme Flüchtling, er hat so eine schlimme Geschichte´. So sehen sie unsere Kunst nicht. Auch in der Schule habe ich gemerkt, dass die Leute immer denken, dass es in meinem Land kein Geld gibt. Wir sind nicht gekommen, weil wir kein Geld haben, sondern weil in meinem Land Krieg ist. Nicht wegen dem Geld. Wir haben Geld, warum nicht? Oder sie fragen uns: ,Weißt du denn, wie man ein Handy benutzt? Habt ihr schon Handys in Syrien? Habt ihr Play-Station in Syrien? Wir kommen nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wir haben eine gute Wirtschaft in Syrien, wir arbeiten alle fleißig, wir denken rational. Wir sind hier hergekommen wegen eurer Bomben, wegen eurer Politik. Wenn der Krieg vorbei ist, gehen wir wieder zurück in unser Land.“ (Ramsi)

Doch zum Nachdenken anregen soll es auf der anderen Seite auch die Community der Menschen, die vor noch nicht allzu langer Zeit hierhergekommen sind.

 „Ich meine, wir wollen, dass die anderen Flüchtlinge, die deprimiert sind, Hoffnung bekommen und empowered werden. Wir waren auch „Scheiß“-Flüchtlinge und sind jetzt auf der Bühne und das ist gut. Flüchtlinge auf aller Welt sollen nicht aufhören zu kämpfen, sie sollen weitermachen.“(Serbest)

Genau das ist auch die Botschaft des Theaterstücks – weitergehen – immer mehr Grenzen abzuschaffen – nie aufgeben!

Und mit diesem schönen Schlusswort möchten wir das Interview schließen. Wir bedanken uns für das Interview und sind fest überzeugt, dass den Club Al-Hakawati noch viele Bühnen erwarten!

Was uns von Geflüchteten unterscheidet ist Erfahrung, lasst Sie Ihre Erfahrung mitteilen.

Zum Beispiel in der Ersti-Orientierungswoche zum neuen Semester:

Wenn ihr euch die Hakawatis anschauen und kennenlernen möchtet, kommt am 12.10.2016 um 16 Uhr an die Rost/Silberlaube der FU Berlin (Foyer vor der Mensa). Dort werden die Hakawatis Teile ihre Produktion „Caravan Al-Hakawati“ noch einmal aufführen. (Eintritt frei)

 

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 7. Oktober 2016 um 14:43 Uhr von Marga-Berit Zenth veröffentlicht und wurde unter Beiträge, Migration nach Europa, Schauspiel, Theater, Performance abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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