Brûler, brûler, brûler (2020)

Kommentar von Cycloparde

Als zweites Gedicht der Sammlung wird CYCLOPARADE begleitet von einer Collage, die sechs Ausschnitte von drei unterschiedlichen Personen zeigt. Im Vordergrund eine weiblich gelesene Person, die, die Hände um das Gesicht gelegt, gefasst in die Kamera blickt. Hinter ihr zwei Kopien einer männlich gelesenen Person im Anzug, die eine Augenbinde trägt und drei Kopien einer wiederum weiblich gelesenen Person, die mit aufgebrachtem Gesichtsausdruck dabei zu sein scheint, zu diskutieren. Das Gedicht selbst spricht von den sinnlichen Eindrücken, die das lyrische Ich inmitten einer demonstrierenden Masse wahrnimmt, und den Gewalten, die sich in dieser Masse gegenüberstehen. Im Folgenden werden zuerst das französische Originalgedicht sowie seine deutsche Übersetzung angeführt. Anschließend wird das Gedicht mit Hinblick auf die Gegenüberstellung der Gewaltebenen interpretiert und analysiert und schließlich in seinen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet.

5.1 Zusammenfassung des Inhalts

Das Gedicht beschreibt die Eindrücke eines lyrischen Ichs, das sich inmitten einer großen Masse von Demonstrierenden zu befinden und seine Umgebung und Mitmenschen wahrzunehmen scheint. Diese Mitmenschen werden stets in der grammatisch weiblichen Form beschrieben („celles qui“ – „diejenigen, die“ (z.B. V.5); „basanées, voilées, handicapées, sanspapiers, putes, tox, // trans, gouines“ – „dunkelhäutig, verschleiert, behindert, ohne Papiere, Schlampen, süchtig, // trans, Lesben“ (V.16f.); usw.), was darauf schließen lässt, dass es sich um eine Masse von Frauen und/oder transgender Personen handelt. Transgender Personen werden explizit in der Aufzählung in Vers 16 genannt[1]. Der Titel CYCLOPARADE, der auf einen Protest zum inter-nationalen feministischen Kampftag verweist, bestätigt diese Annahme. Anfangs beschreibt das lyrische Ich Eindrücke, die es wahrnehmen kann, ohne die Augen zu öffnen: „Je n’ai pas besoin d’ouvrir les yeux, […]. // Sous mes paupières, je sens“ – „Ich habe es nicht nötig, die Augen zu öffnen, […]. // Unter meinen Lidern fühle ich.“ (V. 2-4). Jeder Satz der zweiten, dritten und vierten Versgruppe beginnt mit den Worten „Je sens“ – „Ich fühle/rieche“ und beschreibt entweder einen Geruch, wie Schweiß und Putzmittel, oder einen Sinneseindruck, wie Einsamkeit und Erschöpfung. Über jeden dieser Eindrücke werden die unterschiedlichen Formen der Unterdrückung und Diskriminierung aufgezeigt, die die Personen außerhalb, aber auch innerhalb der demonstrierenden Masse erfahren. Von diesen Geruchs- und Sinneseindrücken wechselt die Beschreibung in der fünften Versgruppe zu visuellen Eindrücken, die das lyrische Ich erfahren würde, „wenn ich [es] die Augen öffnen würde“ – „si j’ouvrais les yeux“ (V. 46). Es beschreibt die Masse, die es sehen würde, als Heer von gerüsteten Kriegerinnen, die sich formieren um „zurückzuschlagen gegen die Gewalt des Systems“ – „riposter contre la violence du système“ (V. 59). In der abschließenden Versgruppe wird schließlich erklärt, welches dieses System ist, und wie es konkret Unterdrückung auf die von der Masse repräsentierten Gruppen ausübt.

5.2. Interpretation und Analyse mit Struktur und Form

Die sehr freie Form des Gedichts weist keine klare Strophenstruktur auf, die Verse sind lediglich in sechs Versgruppen mit unterschiedlicher Versanzahl geordnet: respektive vier, neun, 15, 15, 16 und 15 Verse gehören einer Gruppe an. Ebenfalls ist die Silbenzahl der Verse stark divers, so dass sie sich keinem eindeutigen Metrum zuordnen lassen. Des Weiteren sind Reime so unregelmäßig und weit verstreut, dass ein klares Reimschema genauso wenig festzustellen ist. Mit der Aufteilung der Verse in Versgruppen korreliert jedoch durchaus eine inhaltliche Aufteilung des Gedichts. Besonders auffällig ist die starke Gegenüberstellung der zwei entgegengesetzten, aber sehr unterschiedlich funktionierenden Ebenen der Gewalt – einerseits die strukturelle Gewalt vonseiten des Systems, andererseits die potenzielle revoltierende Gewalt vonseiten der Unterdrückten. Die eine Form der Gewalt, die strukturelle, wird in den Versgruppen zwei bis vier, sowie in der sechsten, verbildlicht. Wie bereits angedeutet, widmen sich dabei die zweite bis vierte Strophe Beispielen von Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen, wie sie einzelne oder mehrere Personen der Masse konkret erfahren (jedoch vorerst ohne die Gewalt des Systems als solche zu benennen). Die Anapher „Je sens“ – „Ich fühle“ bzw. „Ich rieche“[2] (V. 5, 9, 14, 19, 23, 26, 29, 36, 38) leitet jeden Satz dieser Versgruppen ein, um die jeweiligen Sinneseindrücke aufzugreifen, die sinnbildlich für diese Unterdrückung oder Diskriminierung stehen. Zu Anfang sind diese Sinneseindrücke stark an körperliche Wahrnehmung gebunden: Das lyrische Ich spricht von Gerüchen, die von den Körpern der um es herum Protestierenden ausgehen, wie „l’odeur tenace de la javel sur la paume“ – „de[r] zähe[…] Geruch von Putzmittel auf den Handflächen“ (V.5) und „la goutte de transpiration qui roule sous l’aisselle“ – „de[r] Schweißtropfen, der von der Achsel […] läuft“ (V.9). Damit einher geht ein ganzes Wortfeld von Körperteilen: zu den Handflächen und Achseln der zweiten Versgruppe kommen in der ersten Versgruppe „les yeux“ – „die Augen“ (V.2), „le front“ – „die Stirn“ (V.3) und „mes paupières“ – „meine[…] Lider[…]“ (V.4). Verstärkt durch das implizierte Bild des Fahrradfahrens am Ende der zweiten Versgruppe („celles qui ne possédaient pas de vélo“ – „[die], die heute kein Fahrrad besaßen“ (V.10)) entsteht eine isotopische Gruppe, die die Körperlichkeit der protestierenden Masse greifbar macht. Das lyrische Ich. scheint mit dem eigenen Körper die Körper um sich herum wahrzunehmen, ohne sie jedoch sehen zu können, wie es in der ersten Versgruppe einleitend erklärt: „Je n’ai pas besoin d’ouvrir les yeux […], // je sens“ – „Ich habe es nicht nötig, die Augen zu öffnen […], // [ich fühle]“ (V. 2-4). Auch die Verben parler, ’sprechen‘, und être, ’sein‘, im ersten Vers weisen im weiteren Sinne eine Verbindung mit dem Körper auf und verorten, in Kombination mit dem deiktischen Adverbialausdruck là, ‚da‘, das lyrische Ich als Körper in der Menge („De là où je parle, de là où je suis, je sens“ – „Von da, wo ich spreche, von da, wo ich bin, fühle ich“ (V.1)). In den zwei folgenden Versgruppen werden weiter nach dem gleichen Schema die strukturelle Gewalt aufgezeigt, mit dem Unterschied, dass die Wahrnehmungen, an denen diese aufgehängt sind, zunehmend vom Körper losgelöst sind und assoziativer werden. Nun sind es häufiger keine Gerüche mehr, die das lyrische Ich wahrnehmen kann, sondern viel mehr abstrakte, atmosphärische Eindrücke. „[L]’épine du calcul“ – „[Der] Dorn der Kalkulation“ (V.14), „des radicalités qui se frottent“ – „Radikalitäten, die sich reiben“ (V.23), „la solitude“ – „die Einsamkeit“ (V.26) und „la fatigue“ – „die Erschöpfung“ (V.29) beschreiben allesamt Konzepte, die taktil oder geruchlich nicht zu greifen sind, sondern bereits eine Interpretation vonseiten der empfindenden Person (in diesem Falle also das lyrische Ich) erfordern, um sie als solche benennen zu können. Einzig „le jasmin du thé“ – „der Jasmin des Tees“ (V.19) und „l’éther dans le couloir d’hôpital“ – „Ether im Flur des Krankenhauses“ (V.38) sind in der Theorie Gerüche, die direkt sinnlich aufgenommen werden können. Zumindest der Ether des Krankenhauses jedoch scheint in der konkreten Umgebung des lyrischen Ichs nicht anwesend, sondern über Assoziationen mit ihr verknüpft zu sein. Diese Assoziativität wird unterstrichen durch die abnehmende Vollständigkeit der Teilsätze innerhalb des Satzes, der den Krankenhaus-Geruch beschreibt. Die Wiederholung des Wortes éther, ‚Ether‘, und das Fehlen von Verben in den Versen 42 und 43 verleiht der zweiten Hälfte dieser Versgruppe einen elliptischen Charakter. Bis zum Ende der vierten Versgruppe beschränken sich die verwendeten Pronomina auf je, ‚ich‘, und celles, ‚diejenigen‘. Somit wird eine Distinktion aufgemacht zwischen dem lyrischen Ich, das sich zwar in einer Menschenmenge befindet, sich jedoch nicht als Teil dieser zu fühlen scheint, und den Menschen, die es umgibt. Auch die Beschreibung der einzelnen, aber nicht zwangsläufig von Allen geteilten, Schicksale dieser Menschen, stellt diese zwar als Gruppe, aber immer noch als Individuen, womöglich sogar als isolierte Körper in dieser Gruppe dar. Am Ende dieser vierten Versgruppe jedoch wird schließlich das Possessivpronomen nos, ‚unsere‘, verwendet. Die Rede ist von „nos différences […], // nos petites et nos 11 profondes divergences“ – „unsere[n] Unterschiede[n] […], // unsere[n] kleinen und unsere[n] tiefen Gegensätzlichkeiten“ (V.40-44). Obwohl nach wie vor die Unterschiede innerhalb der Masse vorrangig sind, scheint die Isolation der Körper und Schicksale durch die Wahl der Pronomina überkommen zu sein, und die Masse von nun an als Einheit gedacht zu werden. Dieser Wechsel markiert zugleich den Übergang zur fünften Versgruppe und somit den Wechsel von der Beschreibung der strukturellen Gewalt hin zu der Beschreibung der Revolte der Masse. Die Versgruppe beginnt mit einer erneuten Verortung des lyrischen Ichs in der Menge und der Bestätigung, dass die bisher beschriebenen Eindrücke Wahrnehmungen der Sinne sind, indem die Worte der ersten Versgruppe wiederaufgegriffen werden: „Tout ça, d’où je parle, d’où je suis, sous mes paupières, // je le sens“ – „All das, woher ich spreche, woher ich bin, unter meinen Lidern, // das fühle ich“ (V.44f.). Nun wechselt die Wahrnehmung der Masse aber von einer sinnlichen zu einer visuellen: im Konjunktiv schlägt das lyrische Ich die Möglichkeit vor, die Augen zu öffnen und die Masse vor sich zu sehen („si j’ouvrais les yeux […], // je pourrais voir“ – „wenn ich die Augen öffnen würde […], // könnte ich […] sehen“ (V.46f.)). An dieser Stelle ist die Doppelbedeutung des französischen le front, ‚die Stirn‘ oder ‚die Front‘ essenziell, da dieses Wort zugleich die Parallele und den Gegensatz zur ersten Versgruppe darstellt. Während sich le front in der ersten Versgruppe isotopisch als ‚Stirn‘ in das Wortfeld der Körperteile eingliedert, scheint es an dieser Stelle als ‚Front‘ die darauffolgende Isotopie der Militärssprache vorwegzugreifen. In der Beschreibung seines visuellen Eindrucks der Masse, verändert sich der Ton und übernimmt Vokabular aus dem Militär: Guerrières, ‚Kriegerinnen‘, armée, ‚bewaffnet‘, riposter, ‚zurückschlagen‘, sowie die gesamte Aufzählung der Ausstattung dieser Kriegerinnen („Des casques, des scaphandres, de la limaille, des cuirasses, // des cuissardes, de la riposte en ordre de bataille, // des sabres, des kamikazes, des commandos //et des épaulettes en ferrailles précieuses.“ – „Helme, Tauchanzüge, Feilspäne, Panzer, kniehohe Stiefel, // Gegenschläge in Kampfordnung, // Säbel, Kamikaze, Kommandos // und Schulterkappen aus hochwertigem Eisen.“ (V.51-54)) spannen ein Bild einer Armee, die sich kampfbereit macht, auf. Diese Masse scheint jedoch eine rein hypothetische oder imaginierte zu sein, da ihre Beschreibung mit einem Konditionalsatz eingeleitet wird. Die eingangs erwähnte revoltierende Gewalt vonseiten der Unterdrückten ist also keine Gewalt im wortwörtlichen Sinne, sondern vielmehr ein Sich-Vorbereiten-auf die Gewalt, oder eine Gewalt die ausgeübt werden könnte; eine potentielle Gewalt also. Dennoch wird der strukturellen Gewalt ebenfalls Gewalt entgegengehalten: die Kriegerinnen 12 sind alle „auf ihre eigene Weise bewaffnet um // zurückzuschlagen gegen die Gewalt des Systems“ – „armée à sa manière pour riposter contre // la violence du système“ (V.58f.). Die strukturelle Gewalt wird in der sechsten Versgruppe wiederaufgegriffen. Die fünf Mal innerhalb eines Satzes wiederholte Anapher „(et c’est) le même système“ – „(und es ist) das gleiche System“ (V.60, 61, 63, 64, 67) macht deutlich, dass die Gewalt systemisch ist und, dass sich die Gewalten – die des Systems und die der Kriegerinnen – direkt gegenüberstehen. Die letzten vier Verse der Versgruppe zeigen mit dem doppelten „oui, d’accord“ – „ja, in Ordnung“ (V.71, 73) eine Form der Resignation auf: es scheint so, als würde hier den Forderungen des Systems nachgegeben werden, nämlich der Forderung, dass die Protestierenden doch lieber „schöne Gedichte [schreiben]“ – „écri[re] de beaux poèmes“ (V.71) und „[ab]hauen“ – „se casse[r]“ (V.73) sollen. Zugleich ist dieser Ausgang aber keine fruchtbare Lösung. Die zwei rhetorischen Fragen „mais so what?“ – „aber so what?“ (V.72) und „Mais pour aller où?“ – „Aber um wohin zu gehen?“ (V.74) zeigen, dass das lyrische Ich in diesem Sich-dem-System-Fügen keine Zukunft sieht. Im Gegensatz zur fünften Strophe wird der Gewalt des Systems nicht ebenfalls Gewalt, sondern Gewaltlosigkeit entgegengehalten, was sich aber als aussichtlos zu erweisen scheint.

5.3. Gesellschaftlicher, geschichtlicher und politischer Kontext

Die realweltliche Cycloparade wird von dem belgischen Kollektiv „Collectives et Ardentes“ organisiert und ruft jedes Jahr zum 8. März – dem internationalen feministischen Kampftag – dazu auf, sich mitsamt fahrenden Fortbewegungsmitteln dem Demonstrationszug in Lüttich/Liège, Belgien, anzuschließen.[3] Nach eigener Aussage setzt das Kollektiv sich mit der Demonstration zum Ziel, sich zu mobilisieren und engagieren, um Rechte zu erhalten und für Themen wie sexuelle Gewalt, Lohngleichheit und Frauen-Emanzipation zu sensibilisie[1]ren. Dabei betrachten sie den feministischen Kampf nicht isoliert, sondern in Verbindung mit der Diskriminierung von Minoritäten, wie LGBTQI+ oder rassissierte und religiöse Gruppen.[4] Dieser Fokus auf Intersektionalität ist einer, der auch auf Lisette Lombés Werk starken Ein[1]fluss nimmt. In einem Interview des Magma Magazine Mixité Altérité erklärt Lisette Lombé ihr Verständnis des Begriffs intersectionnalité: Je suis une femme racisée, diplômée, issue de la classe moyenne. Malgré mes quelques privilèges, je suis quotidiennement victime de discriminations […] Pour moi l’intersectionnalité, c’est comme le slam, c’est avant tout l’urgence de dire l’injuste, […]. L’intersectionnalité, c’est aussi, selon moi, l’approche la plus progressiste justement à cause de l’exigence qu’elle impose : croiser les discriminations, attaquer les systèmes de domination, pas hiérarchiser les luttes, etc.[5] Deutlich wird diese Verbindung von Politik und Poesie in Lisette Lombés Werk auch in dem Gedicht CYCLOPARADE: die Thematisierung der vielschichtigen Diskriminierungserfahrungen, die die Protestierenden machen, ist ein sehr dominanter Aspekt des Gedichts. So wird die Mehrfachdiskriminierung „der Freiwilligen und der Arbeiterinnen“ – „des bénévoles et des travailleuses“ (V.29) und die der Minoritäten – „dunkelhäutig, verschleiert, behindert, ohne Papiere, Schlampen, // süchtig, trans, Lesben“ – „basanées, voilées, handicapées, sans-papiers, putes, tox, // trans, gouines“ (V.16f.) – angesprochen. Ebenfalls werden Referenzen auf die Kolonialgeschichte Belgiens gemacht: in der sechsten Versgruppe, in der die strukturelle Gewalt dem System zugeordnet wird, werden die Umbenennung des Leopold-II-Tunnels und des Lumumba-Platzes in Brüssel aufgegriffen. Der Tunnel ist nach dem König Leopold II. benannt, der im 19. bis 20. Jahrhundert die, vorerst private, später nationalstaatliche, Kolonisierung und systemische Ausbeutung des Kongo verantwortet[6]. Nun soll dieser Tunnel aufgrund seiner Geschichte umbenannt werden, zu welchem Anlass am internationalen feministischen Kampftag 2020 ein neuer, weiblicher, Name gewählt wurde: der Name der belgischen Sängerin und Schauspielerin Annie Cordy.[7] Der Lumumba-Platz hingegen wurde neu eingeweiht, um dem ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo, Patrice Lumumba, der später unter der Verantwortung Belgiens gefoltert und exekutiert wurde,[8] zu gedenken[9]. Im Kontext des Gedichts jedoch wird mit der Formulierung „qui te débaptise un tunnel Léopold II par-ci et rebaptise // une place Lumumba par-là pour que tu fermes un peu // ta gueule“ – „das dir hier einen Leopold-II-Tunnel umtauft und da einen Lumumba- // Platz neu tauft, damit du ein bisschen die Klappe hältst“ (V.65-67) eine Kritik an dieser Praxis deutlich. Diese Umbenennungen scheinen performativ und – durch die Situierung in der Aufzählung der Formen der systemischen Gewalt – so, als wären Aufstände und Protest im System bereits mitgedacht, um sie mit geringen Mitteln kleinhalten zu können.

5.4 Persönliche Anmerkungen der Verfasserin

Die Frage, ob eine Veränderung des Systems gewaltfrei möglich sei, die auch viele Diskussionen rund um Gesellschaftspolitik und Aktivismus prägt, wird in diesem Gedicht treffend thematisiert und illustriert. Das Heer von Kriegerinnen, das sich rüstet, um das gewaltvolle System zu bekämpfen, gibt ein sehr eindrückliches – und nachdrückliches – Bild, in das man sich leicht hineinfühlen kann. Weniger leicht hingegen ist die Übersetzung dieser sehr treffend formulierten Eindrücke – gerade das poetische Spiel mit den Doppeldeutigkeiten der Begriffe kann in der Übersetzung leider nur mangelnd wiedergegeben werden. Umso spannender ist dennoch die Interpretation genau dieser Differenzen.

5. Schluss

Die Gewalt, die der des Systems entgegengehalten wird, bleibt also eine potenzielle, (noch) nicht realisierte. Das Gedicht stellt nicht die Frage, was passieren würde, wenn diese Gewalt wirklich ausgeübt werden würde, sondern genügt sich allein darin, dass die Vorstellung einer kriegerischen Formierung überhaupt besteht. Allein der (nicht einmal reale, sondern viel mehr poetisch-fiktive) Vorschlag, der in diesem Gedicht gemacht wird, ist bereits eine militante Handlung in sich. Insofern ist folgendes Zitat von Lisette Lombé hier passend: [S]i on entend par engagée le fait que je transforme en poèmes un sentiment de révolte face aux discriminations, que j’assume chacun des mots que j’écris et que je partage ceux-ci dans le but de faire bouger des lignes dans les imaginaires collectifs, alors oui, je suis une auteure engagée. 13 Was im Poetry-Slam selbstverständlich ist, lässt Lisette Lombé auch in ihre geschriebenen Gedichte einfließen: Poesie bedeutet Engagement und ist Träger(in) von politischen Kämpfen.


[1] Hieraus wird jedoch nicht klar, ob lediglich trans Frauen gemeint sind, oder trans als Überbegriff sämtlicher gendervarianter Geschlechtsidentitäten, einschließlich nicht-binärer, inter- und ageschlechtlicher. Der spätere Vers „chaque écaille-femme, chaque écaille-fille, chaque // écaille-mère“ – „jeder Schuppen-Frau, jedem Schuppen-Mädchen, jeder // Schuppen-Mutter“ (V.57f.) deutet eher auf erstere Variante hin, jedoch scheint es mir im Zweifelsfall sinnvoll, von Personen, anstatt von Frauen zu sprechen, da diese Bezeichnung alle Möglichkeiten miteinschließt.

[2] Besonders spannend ist hier die Mehrdeutigkeit des französischen sentir, welches einerseits ’spüren‘, anderseits aber auch ‚riechen‘ bedeuten kann. Im Französischen scheint hier eine Unterscheidung des taktilen und des geruchlichen Wahrnehmens, wie sie im Deutschen existiert, nicht gemacht zu werden.

[3] Vgl. Collectives et ardentes, 2021, Abschn. Cycloparade 2021.

[4] Vgl. Collectives et ardentes, 2021, Abschn. Cycloparade 2021.

[5] 8 Vgl. Mukolo, o. D.

[6] Vgl. Göttsche et al., 2017.

[7] Vgl. Walker, 2021

[8] Vgl. Göttsche et al., 2017. 14

[9] Vgl. BBC News Afrique, 2018.

Literaturverzeichnis

Primärquelle:
Lombé, Lisette: CYCLOPARADE, in: Brûler, brûler, brûler, 01. Aufl., Paris, Frankreich: Editions de l’Iconoclaste, 2020.

Sekundärquellen:
Balises: Lisette Lombé, poésie et luttes: in: Balises – Le magazine de la Bpi, 01.07.2021, https://balises.bpi.fr/lisette-lombe-poesie-et-luttes/ (abgerufen am 07.10.2021).
BBC News Afrique: Belgique : une place Lumumba inaugurée à Bruxelles, in: BBC News Afrique, 30.06.2018, https://www.bbc.com/afrique/region-44667649 (abgerufen am 07.10.2021).
Ciré: Les Centres Fermés – Brochure édition 2019 –: in: CIRÉ asbl, o. D.,
https://www.cire.be/publication/les-centres-fermes/ (abgerufen am 07.10.2021). Collectives et ardentes: Accueil, in: Cycloparade, 29.01.2021, https://cycloparade.be/ (abgerufen am 07.10.2021).
Göttsche, Dirk/Axel Dunker/Gabriele Dürbeck: A Kolonialgeschichte und ihre Folgen im Überblick – 70 Belgien, in: Handbuch Postkolonialismus und Literatur, 1. Aufl. 2017, Stuttgart, Deutschland: J.B. Metzler, 2017, S. 396–398.
Lombé, Lisette: Pas de poésie sans engagement, in: Continents Manuscrits, 15.10.2020b, https://journals.openedition.org/coma/5916#illustrations (abgerufen am 07.10.2021).
Mukolo, Gloria: L’intersectionnalité, comme le slam, c’est l’urgence de dire l’injuste !, in: Magma Magazine Mixité Altérité, o. D., http://www.mag-ma.org/societe/lrintersectionnalite-comme-le-slam-crest-lrurgence-de-dire-lrinjuste/ (abgerufen am 07.10.2021).
Walker, Lauren: Leopold II tunnel renamed after Belgian singer, in: The Brussels Times, 08.03.2021, https://www.brusselstimes.com/news/belgium-all-news/158747/leopold-tunnel-brussels-belgium-van-den-brandt-annie-cordy-cars-traffic-mobility-internationalwomens-day/ (abgerufen am 07.10.2021)