Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

…wat dat dat „dat“ daar doet

Weihnachten ist eine Zeit des Sammelns. Wir sammeln Erinnerungen, Energie für das neue Jahr oder sogar Geschenke. Und Dialektdaten. Nur selten hat man eine so gute Gelegenheit, mehrere Generationen gleichzeitig um Beispiele, Urteile oder Einfälle bitten zu können. Glücklicherweise ist meine Familie immer mit Begeisterung dabei. (Ich weiß: Familie als Datenquelle ist eine schlechte Idee. Aber es geht ja nicht um eine systematische Erhebung, sondern um Anekdoten und Kuriositäten. Darin ist meine Familie unschlagbar.)

In diesem Jahr lieferte die Familie sogar unaufgefordert Daten. Schon seit einiger Zeit grüble ich nach über Konstruktionen wie diese:

Tante: Oma, wieviel Kuche willsche dann metnemme?
Oma: Kommt druff aan, wieviel dass de hasch.

In Belgien kann man den Dialog ohne Änderungen ins Niederländische übertragen:

Hoeveel koek wil jij meenemen?
Hangt ervan af hoeveel dat je hebt.

Das eingeschobene dass bzw. dat ist weder im Deutschen noch im Niederländischen Standard. In den südniederländischen Dialekten oder in tussentaal, aber auch im Saarland und angrenzenden Dialektgebieten ist es sehr produktiv bei indirekten Fragen. Bei Nebensätzen, die mit wie/hoe + Ergänzung eingeleitet werden, kann man jede Menge Varianten bilden:

Kommt druff aan, wie oft dass de kommsch.
Hangt ervan af hoe vaak dat je komt.

Kommt druff aan, wie lang dass de willsch bleiwe.
Hangt ervan af hoe lang dat je wil blijven.

Neben dieser besonderen Konstruktion können auch weitere ähnliche Formulierungen mit W-Nebensätzen mit diesem zusätzlichen dass/dat gebildet werden. Hier ist allerdings das Niederländische in Belgien großzügiger, während das Saarländische einige Formen nicht zulässt:

Ist das „dass“ überflüssig wie ein Kropf? Oder hat es eine Funktion? (A. Schwarzkopf, CC-BY-SA 3.0)

Ik weet wie dat ik moet bellen.
Ich wääs wenne dass ich muss anrufe.

Ik weet niet wanneer dat ik moet komen.
Ich wääs net wann dass ich muss komme.

Ik weet waarom dat hij dit zegt.
Ich wääs fawas dass er das saat.

Ik weet wat dat ik moet doen.
*Ich wääs was dass ich muss mache.

Ik weet waar dat ik moet zoeken.
*Ich wääs wo dass ich muss suche.

Ik wist niet of dat hij nog ging komen.
*Ich han net gewisst ob dass der noch gängt komme.

Kan dat „dat“ gemist worden als kiespijn? Of heeft het een eigen functie? (CDSG, CC-BY-SA 3.0)

Ik weet hoe dat ik dat moet doen.
*Ich wääs wie dass ich das muss mache.

Noch weiter vom Standard entfernt sind in Belgien die Formen, bei denen das dat noch lautlich oder morphologisch verändert bzw. ergänzt wird:

Ik weet wanneer da-k-ik moet komen.

Ik weet wanneer dat-e gij moet komen

Ähnlich wie in den Dialekten im Saarland findet man auch für das Luxemburgische Belege, etwa aus dem Luxemburgischen Wörterbuch:

Géi wouhinner (d)atts de wëlls!
Geh wohin dass du willst!

Im nördlichen niederländischen Sprachgebiet gibt es eine ähnliche Konstruktion, die anstelle von dat mit of gebildet wird. Eine Studentin aus Nordholland sagte ein meinem Seminar spontan in einer lebhaften Diskussion:

Ik weet niet in hoeverre of dat een probleem is.

Was genau bedeuten nun diese Konstruktionen mit einem overtollig ‚dat‘ in bijzinnen, wie es beim Taaltelefoon als Negativbeispiel von tussentaal genannt wird? Und wie kann man die Unterschiede zwischen Flandern und Saarland erklären?

Eine sehr simple Erklärung wäre die Annahme, dass man mit solchen Sätzen deutlicher macht, dass der folgende Satzteil ein Nebensatz ist und keine echte Frage, so dass auch keine Antwort verlangt wird. Allerdings wird dies auch ohne zusätzliches dat/dass unmissverständlich, weil sofort nach dem Fragewort die typische Verbreihenfolge des Nebensatzes anschließt:

Ik weet niet waarom (dat) hij zoiets zegt.
Ich wääs net fawas (dass) er so ebbes saat.

*Ik weet niet waarom zegt hij zoiets?
*Ich wääs net fawas saat er so ebbes?

Für die These, dass die Frage in einen Aussagesatz übergeleitet werden soll, spricht aber vielleicht die Variante mit of. Das of wird gerade bei Fragenebensätzen verwendet, hat also genau dafür eine spezifische Funktion – und zwar in der Regel für ja-nein-Fragen. Doppeltes of klingt seltsam:

*Weet jij of of Jan vandaag wil komen?

Das of leitet vielleicht über von einer offenen zu einer geschlossenen Frage. Damit bekommt der entsprechende Nebensatz nur noch die Möglichkeit einer Entscheidung zwischen ja/nein, also praktisch die Alternative zwischen Wahr und Falsch, die Aussagesätze in der Regel prägt.

Auch die Prosodie könnte eine Rolle spielen. Ein dat/dass fügt eine zusätzliche unbetonte Silbe in den Satz ein, so dass sich der Rhythmus verändert. Allerdings lässt sich auch hier in beiden Sprachen keine Regelmäßigkeit feststellen, denn in Belgien kann das dat sowohl nach ein- als auch nach zweisilbigen W-Wörtern stehen. Im saarländischen Dialekt findet man aus beiden Kategorien akzeptable und nicht-akzeptable Sätze. Und das darauffolgende Wort kann je nach Satzbedeutung mehr oder weniger Betonung haben, so dass mit dem zusätzlichen dass/dat jedenfalls keine regelmäßige und feste rhythmische Struktur entsteht.
Es bleibt also vorerst noch ein Geheimnis, warum dass das dass da auftaucht.

Der Beitrag wurde am Freitag, den 13. Januar 2017 um 09:24 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Belgien, Grammatik, Sprachvariation, Sprachvergleich, Syntax abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Eine Reaktion zu “…wat dat dat „dat“ daar doet”

  1. Philipp Krämer

    Unser Kollege Christopher Bergmann aus Groningen sendet uns einen Beleg, dass im Groninger Dialekt sowohl dat als auch of in solchen Kontexten benutzt werden. Dann stellt sich zusätzlich also noch die Frage, ob es zwischen beiden eine bestimmte Verteilung nach Funktionen, Kontexten o.ä. gibt.
    Und ob nebenan auch das Friesische so eine Erscheinung kennt, wenn es rundherum im Niederländischen und Niedersächsischen auch vorkommt.