Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Die mehrsprachigen Straßen Windhoeks

von: Henning Radke

Hauptsache Puccini. (Foto: HR)

Für Freunde sprachlicher Landschaften (engl. linguistic landscapes) ist Windhoek ein Paradies. Allen voran die Straßennamen, die einem abwechselnd auf Afrikaans, Deutsch oder Englisch begegnen. Ein Beispiel hierfür ist der Windhoeker Stadtteil Hochlandpark, den man vom Sam Nujoma Drive kommend über die Edelvalkstraat erreicht. Diese wiederum mündet in die Tchagra Street, die links zum Papageienweg und rechts zum Eulenweg führt. Dort angekommen befindet sich die English Primary School mit dem nicht ganz so englisch klingenden Namen Emma Hoogenhout.

Vor einem Parkplatz im Zentrum Windhoeks: keine Ausfahrt. (Foto: HR)

Doch damit nicht genug, denn einige Straßennamen kommen in gleich zwei sprachlichen Varianten vor: So gibt es sowohl ein Schild mit der Aufschrift Puccinistrasse (mit Doppel-S) als auch eines mit Puccini Street – beide stehen sich übrigens direkt gegenüber und weisen in dieselbe Richtung. Ähnlich mehrsprachig ausgeschildert ist die Jordan Street, pardon: Jordanstraat. Und so fährt man in Windhoek durch Strassen, strate und streets, wenn man sich nicht gerade auf einer Avenue oder einem Drive befindet.

AA oder EE? Variierende Doppelvokale, variierende Sprachwahl. (Foto: HR)
Einfahrt zur Edelvalkstraat im Windhoeker Stadtteil Hochlandpark. (Foto: HR)

Eine Regel, wann welche Straße wie benannt wurde, scheint sich auf den ersten Blick nicht zu erschließen und doch gibt es Tendenzen: Ältere und kleinere Straßen sind überwiegend auf Afrikaans und Deutsch zu finden. Neuere und vor allem größere Straßen werden auf Englisch beschildert. Offizielle Beschilderungen in indigenen Sprachen gibt es jedoch nicht und so sind die Straßenbeschilderungen auch immer Ausdruck namibischer (Sprach-)Politik. Der Windhoeker Stadtrat führt in regelmäßigen Abständen Umbenennungen durch, bei denen Straßen vorzugsweise nach Persönlichkeiten benannt werden, die für das unabhängige Namibia bedeutend sind. Verwirrung liefert die multilinguale Straßenbeschilderung Windhoeks übrigens eher selten: Die meisten Windhoeker sind ohnehin mehrsprachig und orientieren sich zudem oft gar nicht an Straßennamen. Sagen Sie ihrem Taxifahrer also nicht, dass Sie zur XY-strasse/straat/street wollen, sondern benennen Sie den nächstgelegenen Supermarkt oder die nächstgelegene Schule. Er wird Sie sicher und schnell zu Ihrem Ziel führen.

Geen kattebelletje … maar een kattenbelletje!

Na tig (zig) dienstjaren sla ik er nog altijd even de Dikke op na als het om de tussen-n gaat.

Een kattebelletje is een korte, vluchtige mededeling. Een kattenbelletje ist de bel (die Schelle) die men een kat (of een poes) omhangt.
Vergelijk: koninginnedag (het gaat om een uniek verschijnsel) en koninginnensoep (gebundene Hühnersuppe) of apetrots (stolz wie Oskar – Oskar is geen aap) en apenrots (Affenfelsen). Niet te vergeten: een kattegat is moeilijk, gevaarlijk vaarwater, een kattengat zou een gat voor de kat (in de heg) kunnen zijn of de kat z’n gat (anus).

‚De kat de bel aanbinden‘: detail van Nederlandse Spreekwoorden, Pieter Bruegel de Oude (PD)

De kat de bel aanbinden (der Katze die Schelle umhängen) is een uitdrukking die we te danken hebben aan een fabel van Aesopus (Äsop) In een vergadering van muizen wordt voorgesteld de kat een bel aan te binden – een kattenbelletje dus – opdat hij/zij gehoord wordt als zij/hij op jacht gaat.

Ook in het Engels hebben we die uitdrukking: bell the cat! En nu ben ik waar ik zijn wil: Bellingcat!

is een onafhankelijk journalistiek onderzoeksnetwerk dat ongelooflijk werk verricht. In de Arte-mediatheek is nog tot 17 maart de documentaire Bellingcat – Truth in a Post-Truth World van de Nederlander Hans Pool te zien.

Hebt u geen andere katten te geselen (anderes am Hals haben), dan neem eens een kijkje! Meer weten over de tussen-n: hier!

Wer spricht da?

Wer eine Sprache lernen möchte, hat es nicht leicht: Grammatik, Vokabeln, Aussprache, und an alles soll man gleichzeitig denken. Zum Glück lässt sich vieles nachschlagen, doch wer hilft bei der Aussprache, wenn ich bei einem Wort oder Ausdruck unsicher bin? Im Van Dale ist beispielsweise die Betonung markiert, eine phonetische Transkription ist selbst beim Bezahl-Abo nicht dabei. Klar, man kann zum Beispiel Lehrkräfte oder Bekannte fragen, wenn sie verfügbar sind. Inzwischen wächst aber auch das Angebot an Nachschlagewerken mit Tonbeispielen im Internet.

Bei der kostenlosen Webseite von PONS gibt es eine Transkription – dazu muss man natürlich einigermaßen IPA lesen können – und auch die Möglichkeit, Beispiele anzuhören. Die werden als automatische Sprachausgabe erzeugt. Manchmal klingt das hölzern, gelegentlich geht es auch schief. Bei iems rijbewijs intrekken wird etwa ‚iems‘ nicht als Abkürzung von iemands erkannt und vervollständigt, sondern einfach vorgelesen als sei es ein Wort. Zudem ist die Sprachausgabe auf niederländisches Niederländisch trainiert. Aussprachevarianten sind nicht verfügbar, und gerade die sind oft interessant, nicht nur zum Lernen, sondern auch für die Forschung.

Dafür gibt es zwei andere Ressourcen, die immer beliebter werden, nämlich forvo und YouGlish. Die zwei Webseiten arbeiten mit verschiedenen Methoden. Testen wir einmal den Unterschied zwischen nördlichem und südlichem Niederländisch anhand von drei Wörtern:

uitgeverij (Verlag)

aangifte (Anzeige, Steuererklärung)

rijbewijs (Führerschein)

Die sind einigermaßen zufällig gewählt, aber wir können an ihnen gut die Unterscheidung von harde und zachte g und den Umgang mit dem Diphthong bei ij erkennen.

Rijbewijs, Belgien. (PD-Belgium)

Forvo arbeitet mit gezielt aufgezeichneten Audioaufnahmen von Freiwilligen. Damit ein Wort zu hören ist, muss sich also jemand die Zeit genommen und es eingesprochen haben. Das haben schon sehr viele Menschen für sehr viele Wörter gemacht, aber ob eine belgische oder niederländische Variante vorhanden ist, ist ein bisschen Glückssache. Bei uitgeverij gibt es nur eine Audiodatei aus den Niederlanden, dafür hat sich jemand die Mühe gemacht, auch die Namen zahlreicher Verlage einzusprechen. Für aangifte gibt es jeweils eine Aufnahme für beide Varietäten. Bei rijbewijs sind nur zwei Tonbeispiele vorhanden, die laut Markierung aus den Niederlanden kommen. Eine davon ist erkennbar südlich, denn der Diphthong ist recht geschlossen, das [w] bilabial. Dass das Herkunftsland der Aufnahme genannt ist, überdeckt also ein wenig die Dialektgliederung, die schließlich nicht mit der Landesgrenze übereinstimmt. Woher die Aufnahmen stammen, ist dafür zusätzlich mit Pins in einer Karte genauer dargestellt. Allerdings kann man nur wenig hineinzoomen und Flandern und die Niederlande sind nun einmal leider ein eher kompaktes Gebiet. Das erschwert die exakte Bestimmung und mag im Zusammenspiel mit der Länderzuordnung verwirren, wenn man die Variationsräume nicht so gut kennt. Es ist aber zumindest ein Versuch, Variation im Raum einigermaßen abzubilden.

Ein bedeutender Nachteil von forvo liegt darin, dass die Audioqualität oft nicht besonders gut ist. Viele Aufnahmen sind mit Alltagstechnik erstellt, man kann also logischerweise keine Studioqualität erwarten. Dafür kann man sich die Wörter aber einzeln anhören, ohne dass man lange danach suchen muss oder sie im Redefluss verwaschen werden – zur Not auch zehnmal direkt hintereinander.

Die Webseite YouGlish ist etwas raffinierter und komplexer. Wählt man Niederländisch aus, kann man zwischen Niederlande und Belgien hin- und herschalten, also gezielt eine der beiden Varianten ansteuern. Feiner als eine Zweiteilung der Länder lässt sich die Aussprachevariation aber nicht erkennen. Die Seite ruft dann Youtube-Videos ab und springt direkt zur passenden Stelle, an der jemand das gesuchte Wort äußert. Man bekommt also ein realistisches, manchmal auch in halbwegs natürlichem Kontext entstandenes Beispiel und kann der Reihe nach durchblättern, wenn für das Schlagwort mehrere Videos gefunden wurden.

Rijbewijs, Niederlande. (Brinkie, PD)

Wie bei forvo sind auf YouGlish die Treffer für die Niederlande deutlich zahlreicher, für Belgien gibt es höchstens sporadisch welche. Allzu sehr sollte man sich auf die Aufteilung sowieso nicht verlassen. Wählt man die Niederlande aus, bekommt man trotzdem häufig Videos zu sehen, die erkennbar aus Belgien stammen. Für aangifte erscheint etwa als erstes ein Clip mit dem Logo der Universiteit van Vlaanderen. Klickt man weiter durch, hört man bald darauf eine belgische Immobilienmaklerin, die das zachte g ganz und gar flämisch als [h] realisiert.

Gleich danach spricht plötzlich die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann auf Deutsch über Verlagspublikationen, beim Beispiel rijbewijs erklingt amerikanisches Englisch. Offenbar spielen die Metadaten der Seite nicht nur bei der Länderzuordnung einen Streich, denn manche Videos sind insgesamt in der falschen Sprache, werden aber aufgrund von niederländischen Untertiteln abgerufen. Die sind eigentlich der Trumpf der Webseite, denn daraus wird die passende Textstelle erkannt und man kann gleich mitlesen. Ein wichtiger Vorteil, um den Kontext erfassen zu können – sofern die Sprache stimmt.

Beide Angebote haben also ihre Eigenheiten, mit denen man sich arrangieren muss, aber in Kombination kommt man mit beiden schon recht weit. Für das Englische sind die zwei Ressourcen logischerweise schon viel reichhaltiger und zuverlässiger. Surinamisches Niederländisch sucht man auf beiden Webseiten vergeblich. Aber was die beiden Projekte auf die Beine stellen ist dank der Freiwilligen oder der zufällig auf Youtube Belauschten durchaus beeindruckend – gerade wenn man berücksichtigt, dass selbst eine große uitgeverij wie Van Dale nichts Vergleichbares zu bieten hat.

Wann gibt es endlich ein vakcijn?

Der Sprachpurismus hatte es schwer in letzter Zeit. Mit Corona wurden unzählige Anglizismen angespült, vom Lockdown bis zum Superspreader. Einige davon machten Karriere als Wörter des Jahres, andere als Unwörter, sei es im Deutschen, im Niederländischen oder in anderen Sprachen.

Seit Ende 2020 naht aber Hoffnung. Als wäre es ein Zeichen, scheint nicht nur die Entlehnung sondern auch die Pandemie gebremst zu werden durch die Impfung. Wer die deutsche Sprache liebt, begeistert sich über Konsonantenhaufen wie in Impfpflicht. Aber der Sprachpurismus wäre nicht er selbst, würde er nicht auch hier den Fremdkörper identifizieren und anprangern: das Vakzin.

Vaccin. (US Secretary of Defense, CC-BY-SA 2.0)

Viele stören sich daran, finden es affektiert und fragen, warum man nicht einfach Impfstoff sagen könne, wie alle vernünftigen Menschen. Ob es nun englisch, französisch, lateinisch ist – jedenfalls ist das Vakzin offenbar vor allem eins: fremd. Und überhaupt, daneben gibt es auch noch die feminine Variante die Vakzine. Kann man sich da nicht wenigstens entscheiden? Nun, vernünftig ist dann auch das Niederländische nicht, denn dort gibt es neben der inenting und dem entstof auch die vaccinatie mit dem vaccin.

Siehe da, man hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, die Schreibweise an die niederländische Orthographie anzugleichen, während wir im Deutschen mit dem K und dem Z doch recht germanisch tun. Und der Impfstoff ist anscheinend auch immun gegen den Lautwandel des Niederländischen.

Schauen wir ähnlich aufgebaute Wörter an, etwa medicijn oder kapucijn. Ein C hat man den Wörtern noch belassen, damit die romanische Herkunft nicht völlig verschwindet, ansonsten hat man sie aber konsequent nederlandisiert, auch mit dem K am Anfang. Zudem können wir in der letzten Silbe einen Diphthong erkennen, wo die ursprünglich französische Form -cine oder -cin hatte, das Lateiniche -cina bzw. -cinus. Mit dem niederländischen IJ in der betonten Silbe hat man sich zugleich beim kapucijn eine artikulatorische Zumutung erspart, nämlich die französische Nasalierung.

Beim vaccin dagegen nichts von alledem. Nicht nur bleibt man in der Schreibweise bei einem doppelten C, was im Niederländischen äußerst selten vorkommt, sondern es bleibt in der Aussprache sogar der Nasalvokal erhalten. Woran liegt das? Die Erklärung ist vermutlich relativ simpel: Impfungen sind in der bekannten Form einfach zu neu. Das Wort vaccin ist im Niederländischen erst ab dem 19. Jahrhundert belegt, die anderen beiden Wörter dagegen einige Jahrhunderte früher. Sie hatten schlichtweg mehr Zeit zur Anpassung. Bis von einem vaccijn oder gar einem vakcijn die Rede sein wird, dürfte es noch eine Weile dauern. Das sehr ähnlich aufgebaute, altehrwürdige Wort accijns (Verbrauchssteuer) hat den Wandel zum ij schon lange hinter sich, aber es ist zu sehr ein Nischenbegriff um als Vorbild für eine Analogie zu taugen und es hat zudem eine etwas andere, komplizierte Lautgeschichte.

Wenn man beim vaccin genau hinhört – und das Wort wird ja momentan oft genug ausgesprochen – ist der Nasalvokal bisweilen schon spürbar geschwächt. Manchmal ist es ziemlich mühsam, mit dem Ohr genau wahrzunehmen, ob nicht doch bereits ein ij zu hören sein könnte. Liegt es nur daran, dass ich es so gerne heraushören möchte? Je länger die Debatte über die Lieferschwierigkeiten in Europa andauert, desto besser stehen jedenfalls die Chancen für den Sprachwandel.

Das deutsche Vakzin hat sich im Vergleich dazu schon längst seinem neuen Wirt angepasst, ohne ihm zu schaden. Die einzige Nebenwirkung: Ein paar Nörgeleien aus der sprachpuristischen Ecke.

Vom Shitstorm zum „Pogrom“?

Englische Lehnwörter erregen seit vielen Jahrzehnten Aufregung, in der deutschen Sprachgemeinschaft vielleicht noch etwas mehr als in der niederländischen. Über ein russisches Lehnwort regt sich kaum jemand auf – bis jetzt. Nicht etwa, weil das Russische plötzlich unsere Sprachen mit Fremdausdrücken überfluten würde, wie es dem Englischen gerne vorgeworfen wird. Verglichen mit Anglizismen sind Russizismen bislang echte Raritäten. So rar, dass der Begriff Russizismus selbst schon ungewohnt klingt.

Ein Wort aus dem Russischen ist jedoch fest etabliert, auf Deutsch wie auf Niederländisch, nämlich das Wort Pogrom. Bislang war es in seiner Bedeutung und Verwendung klar begrenzt auf Taten von höchster Gewalt mit einer fanatischen Vernichtungsabsicht. Im Niederländischen scheint sich das nun ein wenig zu ändern:

Ton den Boon, Chefredakteur des Van Dale trägt einige neue Verwendungsweisen zusammen, und zwar in der Regel als Komposita. Belegt ist etwa das twitterpogrom oder auch das toetsenbordpogrom. Gemeint ist damit das, was bisher als Shitstorm bekannt war: Eine überwältigende Welle an Widerspruch, oft durchsetzt mit Beleidigungen oder Drohungen, die auf kontroverse Äußerungen in sozialen Medien folgt.

Den Boon beschreibt das Phänomen zunächst ganz nüchtern als Bedeutungsausdehnung des Wortes, das nun auch im übertragenen Sinne verwendet wird. Im Deutschen wäre eine solche Nüchternheit gerade bei diesem Begriff selbstverständlich nicht denkbar. Das zeigte sich vor wenigen Wochen, als der Comedian Dieter Nuhr behauptete, der Shitstorm in sozialen Medien sei die „humane Variante des Pogroms“. Damit löste er wiederum einen berechtigten Shitstorm aus, denn die Verharmlosung von Massenmord und Genozid kann in der öffentlichen Debatte in Deutschland nicht unwidersprochen stehenbleiben.

Eine Tastatur, aber ganz sicher keine Massenvernichtungswaffe. (TodayTesting, CC-BY-SA 4.0)

Interessant ist, dass der Begriff derart parallel in beiden Sprachen exakt zum gleichen Zeitpunkt in den Diskus über das Verhalten in sozialen Medien einfließt – und mit welchen Hintergründen. Es ist kein Zufall, dass Dieter Nuhr seit einiger Zeit vor allem aus dem rechten Lager viel Zustimmung erfährt für seine Ansicht, die Meinungsfreiheit sei durch so etwas wie ‚Gesinnungskontrolle‘ eingeschränkt. Er ist in Deutschland sicher einer der prominensten Vertreter derjenigen, die sich von cancel culture gegängelt fühlen. Dem rechten Diskurs die Gelegenheit zu bieten, einen mit der historischen Verantwortung derart klar verknüpften Begriff wie Pogrom für Relativierungen zugänglich zu machen, wird dankbar aufgegriffen von all jenen, die sich gegen ‚Sprechverbote‘ wehren möchten. Eines der wichtigsten Mittel dabei ist es, sich selbst als Opfer darstellen zu können – mit der Darstellung, man sei Ziel eines Pogroms, und sei es nur im übertragenen Sinne, erzielt man dabei einen besonders drastischen Effekt. Dass so zugleich auch noch ein Anglizismus ersetzt werden kann (durch ein anderes Lehnwort, was soll’s), ist dabei wohl ein willkommener Nebeneffekt.

Der Begriff toetsenbordpogrom fiel in den Niederlanden im Zusammenhang mit einem Aktivisten, der sich gegen Corona-Schutzmaßnahmen wendet und diese allumfassend als unzulässige Einschränkung seiner Freiheiten bekämpft. Die Überschneidung solcher Haltungen mit dem Milieu, das sich auch sprachlich oder moralisch in den Freiheiten beschnitten sieht, ist unübersehbar und in Deutschland ebenfalls bekannt.

In den Niederlanden scheint man sich an der verharmlosenden Begriffsverwendung an sich bisher nicht allzu sehr zu stören. Der historische Kontext ist ganz bestimmt ein wichtiger Unterschied – schließlich ging weder von den Niederlanden noch von Flandern das grausamste Pogrom der Menschheitsgeschichte aus. Möglicherweise ist die auffällige Entspanntheit gegenüber dieser Verwendungsweise von pogrom aber auch der Tatsache geschuldet, dass in den Niederlanden der Gewöhnungseffekt an rechte Diskurse schon weiter fortgeschritten ist als in Deutschland.

Neue Farben, neue Fragen in Suriname

Lange Zeit war Suriname von Violett dominiert: Die Nationale Democratische Partij des langjährigen Präsidenten Desi Bouterse nutzt diese Farbe als Markenzeichen. Mit den Wahlen im vergangenen Mai änderte sich das. Die bisherige Opposition gewann die Mehrheit und bildete eine Koalition, die von der Vooruitstrevende Hervormingspartij (orange) und der Algemene Bevrijdings- en Ontwikkelingspartij (gelb) getragen wird. Es gelang tatsächlich ein Machtwechsel, neuer Präsident ist Chan Santokhi. Was das letztendlich für die Verfahren gegen Desi Bouterse wegen dessen Verantwortung für die Dezembermorde bedeutet, muss sich noch zeigen.

Santokhis Partei ist aus sprachlicher Sicht deshalb interessant, weil sie ursprünglich vor allem die Vertretung der hindustanischen Community im Land war und zunächst entsprechend den Namen Verenigde Hindostaanse Partij trug. Den expliziten Verweis auf die ethnische Verwurzelung legte man in den 1960er Jahren ab. Er blieb in der Benennung aber implizit erhalten, indem man zu einer Kombination aus Sarnami Hindi und Englisch griff: Vatan Hitkari Party, übersetzt: Partei zur Förderung des nationalen Wohlstands. In den 1970er Jahren kehrte man zurück zum Niederländischen mit dem heutigen Namen. Geschickt wählte die Partei stets ihre Bezeichnungen so, dass das Kürzel VHP erhalten blieb.

Chan Santokhi (Nationaal Informatie Instituut, CC-BY-3.0)

Santokhi selbst heißt übrigens mit vollem Vornamen Chandrikapersad, tritt aber in der Öffentlichkeit zumeist mit dem Kurznamen in Erscheinung. Sein Nachname wird [sanˈtɔki] ausgesprochen, mit stimmlosem S am Anfang und einem K in der Mitte. Der Digraph <kh> steht also nicht für [x], anders als man es vielleicht aus englischen Schreibungen wie in Kazakhstan kennt.

Die neue Regierung steht nun vor der gewaltigen Herausforderung, die Corona-Pandemie im Land einzudämmen, die sich sei Juli dramatisch entwickelt. Zum dritten Mal in Folge gilt an diesem Wochenende von Freitagabend bis Sonntagfrüh ein vollständiger Lockdown mit Ausgangssperre. Die Maßnahme wurde kürzlich in einer Pressekonferenz angekündigt; sie soll die Virusübertragung vor allem im privaten Bereich bremsen. Die Entscheidung wurde dreisprachig verkündet: auf Niederländisch, dazu ein Gebärdensprachendolmetscher im Fernsehen und zuletzt eine Zusammenfassung auf Sranan. Die Zusammenfassung ist selbst (soweit in der TV-Übertragung zu sehen) ebenfalls stark mit niederländischen Lehnwörtern durchsetzt. Tages- und Monatsbezeichnungen, Zahlen, aber auch Verben wie plaatsvinden, Präpositionen wie tussen oder Substantive wie toestemming kommen innerhalb weniger Sätze vor. Das ist nicht weiter überraschend, denn es entspricht den sprachlichen Gewohnheiten und tritt erst recht in Kontexten mit administrativen Gesprächsthemen auf, da das Niederländische schließlich die Sprache der Behörden ist. Trotzdem stellt sich die Frage: Wenn Sranan zusätzlich angeboten wird, vermutlich für das Publikum, das kein oder wenig Niederländisch beherrscht, wie viel Entlehnung ist dann möglich? Selbstverständlich sind zahlreiche niederländische Wörter und Begriffe so sehr ins Sranan eingegangen, dass sie auch von Menschen benutzt und verstanden werden, die eigentlich keine umfassenden Sprachkenntnisse des Niederländischen haben. Ähnlich kennen wir es im Deutschen mit zahllosen Anglizismen, die im Sprachgebrauch von Personen vorkommen, die nie Englisch gelernt haben.

Hindu-Tempel in Suriname (PK)

Welche Rolle die Sprachen des Landes mit der neuen Regierung künftig spielen, wird spannend zu beobachten sein. Wie entwickelt sich die Debatte um eine mögliche Anerkennung des Sranan als nationale Lingua Franca, und ändert sich womöglich auch etwas am Sprachgebrauch in der politischen Kommunikation? Lässt die Regierung den anderen Sprachen des Landes mehr Unterstützung zukommen, etwa auch den kleinen indigenen Sprachgruppen? Der Koalitionspartner ABOP ist seinerseits stark bei den Maroon-Gemeinschaften stark verwurzelt, in denen weitere Kreolsprachen gesprochen werden. Und sie arbeitet zusammen mit der kleineren Partei Pertjajah Luhur, die sich als Vertretung der javanischen Community sieht (dt. ‚voll Vertrauen‘). Nicht zuletzt könnte natürlich auch die VHP dem Sarnami Hindi zu mehr Reputation verhelfen – während sie allerdings momentan darauf achtet, nicht zu sehr als monoethnische Interessenspartei wahrgenommen zu werden.
Zumindest einen wichtigen symbolischen Schritt ging der neue Präsident jedenfalls, der im Zusammenspiel von Sprache, Religion und kultureller Zugehörigkeit viel Bedeutung hat: Den Amtseid sprach er auf Niederländisch mit Veden in Sankrit.

Vokale im Joghurt

In Luxemburg soll eine neue Joghurtfabrik entstehen. Lokal verursacht das Vorhaben etwas Aufregung etwa um Wasserverbrauch und –verschmutzung: Soll man so ein Projekt genehmigen? Internationales Aufsehen wird das wohl eher nicht erregen. Linguistisches Interesse dagegen schon, denn auf Luxemburgisch geht es um eine Jugurtsfabrick.

Das Fugen-S soll uns dabei nicht weiter stören; auch im Deutschen und Niederländischen finden wir bei Fugenelementen viel Variation. Aber das erste <u> in Jugurt fällt auf. Hört man in die Nachrichten aus Luxemburg im Radio und im Fernsehen hinein, muss man ein wenig die Ohren spitzen. Vermutlich hätte ich den Vokal selbst nicht als [ʊ] identifiziert, wenn ich nicht zuvor die Schreibweise gesehen hätte. Bei der Off-Sprecherin im Beitrag von RTL hört man es allerdings doch relativ deutlich.

Joghurtsorten (Feuerrabe, CC-BY-3.0 DE)

Nun ist der Weg von O zu U kein besonders weiter und der Wandelprozess dahinter ist nicht allzu spektakulär. Trotzdem ist er ein kleines bisschen ungewöhnlich. Die germanischen Sprachen haben nämlich sonst oft die Angewohnheit der sogenannten Nebensilbenabschwächung:

Wo ältere Wortformen in unbetonten Silben einen vollen Vokal hatten, bleibt heute meist nur noch ein Schwa [ə]. Das gilt für den alten germanischen Wortschatz, aber auch für Entlehnungen. Aus dem vorn betonten lateinischen Lehnwort tegula wurde beispielsweise dt. Ziegel und nl. tegel: Die unbetonte Endsilbe ist ganz geschwunden, das /u/ ist zum Schwa abgeschwächt. Das passiert bei neueren Lehnwörtern nach und nach, beim Joghurt ist das nicht anders.

Im Deutschen sind wir noch nicht ganz so weit, auch wenn ich aus dem Dialekt zumindest die Form [joːgɔɐt] kenne – der Vokal bewegt sich schon in Richtung Schwa. Die komplett abgeschwächte Variante wird sicher auch hier und da schon realisiert, ist aber jedenfalls noch nicht allgemein verbreitet.

Im Niederländischen kennt man dagegen für yoghurt als Aussprachevariante neben [jɔ­χʏrt] auch die Form [jɔ­ɣərt]. Was die ‚richtige‘ Aussprache ist, darüber lässt sich leidenschaftlich diskutieren (und zumeist ergebnislos). Der flämische Rundfunk entscheidet sich für die zweite Form mit Schwa. Im Van Dale sind beide verzeichnet, dazu aber noch eine dritte, die in Belgien verbreitet ist: [ju­ɣurt].

Damit sind sich nun Belgien und Luxemburg wieder überraschend einig. Sie haben nämlich ein anderes Verfahren gewählt, um mit den Vokalen umzugehen: die Assimilierung. Weil O und U einander ohnehin relativ ähnlich sind, gleicht sich der Laut in der betonten Silbe der unbetonten an. Das schließt nicht aus, dass später trotzdem die Nebensilbe noch ihren Vollvokal verliert, dann sprechen wir möglicherweise irgendwann vom Juchert. Vorerst war aber die Anpassung offenbar stärker. Bis es soweit ist, dürfte noch viel joghurtverseuchtes Wasser die Alzette hinunterfließen.

[Um das Kapitel abzuschließen: Ende September 2020 hat das Unternehmen beschlossen, sein Vorhaben zurückzuziehen. In Luxemburg wird also keine Joghurtfabrik gebaut, das Wasser bleibt sauber. Die Vokale dürfen sich selbstverständlich weiter wandeln wie sie möchten.]

#NLvsBE

Een weekje geleden postte Aafke Romeijn op Twitter onder de hashtag #NLvsBE een paar voorbeelden van verschillen tussen het Nederlands in Nederland en in België. Dat leverde een heleboel reacties op met tal van bekende en minder bekende voorbeelden van dergelijke verschillen.

Natuurlijk zaten er de ‘usual suspects’ bij, de lexicale verschillen die erg opvallend zijn en die in deze context meestal worden genoemd. Een paar voorbeelden:

NL BE
leuk plezant
koffer valies
vouwfiets plooifiets
ui ajuin
jam confiture
zakken buizen
neuken poepen
irritant ambetant
oma/opa bomma/bompa
koelkast frigo
magnetron microgolfoven

Dit lijstje zou je natuurlijk makkelijk kunnen aanvullen met tal van andere woordpaaren en sinds ik twee collega’s heb van Vlaamse afkomst, vallen me bijna wekelijks nieuwe voorbeelden op. Een van mijn favorieten, namelijk BE kuisen vs. NL schoonmaken, werd in de genoemde thread niet eens genoemd. Maar daarvoor zat er een reeks woorden bij die ik helemaal niet kende, zoals bijv. BE schotelvod (voor NL vaatdoek) of BE remorque (voor NL aanhangwagen).

Natuurlijk werden er ook weer vaste uitdrukkingen genoemd, zoals het bekende NL vast en zeker vs. BE zeker en vast. En Miet Ooms, die zich constant met dergelijke verschillen bezig houdt, wees op een paar van haar ‘mini-onderzoekjes’, bijv. over NL ik hou van jou vs. BE ik zie u graag (vgl. de kaart). Minder opvallende verschillen betreffen o.a. het woordaccent, zoals in NL ingewíkkeld vs. BE íngewikkeld of NL salámi vs. BE sálami.

Alles bij elkaar dus een echte aanrader, deze thread, voor iedereen die van het Nederlands en van talige variatie houdt. Prachtig!

Over dergelijke gebruiksverschillen hebben we het ook hier in deze blog al vaker gehad. Zo heb ik wel eens geschreven over verschillen in het gebruik van effectief die kunnen worden gerelateerd aan de grens tussen Nederland en Vlaanderen, om maar eens één voorbeeld te noemen.

iem. overhalen

Het interessantst vind ik die woorden en uitdrukkingen waar een betekenis- of gebruiksverschil correspondeert met een klein vormverschil. Het werkwoord overhalen is daar een mooi voorbeeld van. In het Nederlands is overhalen een scheidbaar samengesteld werkwoord: hij haalde iem./iets over of zij heeft iem./iets overgehaald. Dus bijv. hij wordt met het pont­je over­ge­haald of zij haalt de bel over.

Enigszins metaforisch kun je het werkwoord ook m.b.t. personen gebruiken: iem. tot iets over­ha­len. In deze gebruikswijze lijkt het min of meer synoniem met overreden (iem. bewegen om iets de doen/denken/voelen etc.). En het is deze laatste betekenis die interessant is vanuit een vergelijkend perspectief, want (alleen) met deze betekenis wordt overhalen in Vlaanderen tot een onscheidbaar samengesteld werkwoord, waardoor het ook qua vorm gaat lijken op overreden. Met dit verschil correspondeert een verschil in klemtoon: NL óverhalen vs. BE overhálen.

NL Hij heeft haar overgehaald om naar het strand te fietsen.
BE Hij heeft haar overhaald om naar het strand te fietsen.

NL Zij haalde hem over om nog te gaan lunchen.
BE Zij overhaalde hem om nog te gaan lunchen.

De Vlaamse versie komt in dit soort contexten voor de gemiddelde Nederlander vreemd over en vice versa.

Een van de vele opmerkelijke verschillen tussen de beide variëteiten dus en ik vraag me af of er niet meer van deze werkwoorden zijn, die in het ene land scheidbaar samengesteld zijn en die in het andere land functioneren als ‘gewone’ samengestelde werkwoorden. Als je een voorbeeld kent, zou ik je graag willen overhalen om dat met mij te delen.

Congo 60 jaar na dato

Op 30 juni 1960 werd Belgisch-Congo onafhankelijk.

In 1885 werd dit gebied onder de naam Congo-Vrijstaat het persoonlijk eigendom van Leopold II van België die er een schrikbewind voerde. Onder internationale druk werd het koninkrijk België in 1908 min of meer gedwongen de kolonie van zijn vorst over te nemen: Belgisch-Congo. Boudewijn, de toenmalige koning der Belgen, reisde voor de souvereiniteitsoverdracht af naar Leopoldstad (sinds 1966 Kinshasa) waar hij in zijn toespraak het „genie“ van zijn voorvader roemde en waar een Congolees hem – staande in een open auto – zijn koninklijke degen wegnam. De Duitse fotograaf Robert Lebeck was in de buurt en vereeuwigde dit moment op de vaste plaat.

Nu, in juni 2020, vallen de standbeelden van Leopold II in Leuven en Gent; in Ekeren wordt het in brand gestoken.

En niet alleen dat – er wordt ervoor gepleit het thema „kolonisatie“ vanuit hedendaags perspectief  op te nemen in de eindtermen van het secundair (voortgezet) onderwijs. Jef Geeraerts‘ „Gangreen 1 (Black Venus)“ is een paar dagen geleden uit de literaire canon geschrapt. En krijgt Kuifje (Tim von Tim und Struppi) een voorwoord met context?
Niet iedereen zal het met deze initiatieven eens zijn. Maar België is in beweging…  behalve dan prins Laurent – altijd goed „om een dansje op te voeren in de porseleinkast“, aldus De Standaard:

‘U moet maar eens zien wat Leopold II allemaal gedaan heeft voor België’, zegt Laurent in de kranten van Sudpresse. ‘Hij heeft parken laten aanleggen in Brussel en vele andere dingen. U moet ook weten dat er veel mensen voor koning Leopold II werkten. En zij hebben echt misbruik gepleegd. Maar het is niet zo dat Leopold II dat allemaal zelf gedaan heeft. Hij is nooit in Congo geweest. Ik zie dus absoluut niet in hoe hij de mensen daar zou laten lijden hebben. Het is belangrijk dat dat ook eens gezegd wordt.’ (Bron)

Ik ben benieuwd of koning Filip vandaag het woord neemt en een antwoord geeft op de vraag van historicus Elikia M’Bokolo (Universiteit van Kinshasa):

Est-ce que la Belgique telle qu’elle est aujourd’hui serait la Belgique si elle n’avait pas eu le Congo?

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Meer weten?

Over David Van Reybrouck: „Congo: een geschiedenis“ (2010) verscheen al eerder een blogbijdrage. Van recentere datum zijn de volgende titels:

Mathieu Zana Etambala: Veroverd. Bezet. Gekoloniseerd. Congo 1876-1914, Sterck & de Vreese 2019

Luc Renders: Koloniseren om te beschaven: het Nederlandstalige Congoproza van 1596 tot 1960, Hasselt: Gramadoelas 2019

Idesbald Goddeeris, Amandine Lauro, Guy Vanthemsche: Koloniaal Congo-Een geschiedenis in vragen, Polis 2020

Nadia Nsayi: Dochter van de kolonisatie, Epo 2020

Verwüstigung

Die Wüste heißt auf Niederländisch de woestijn. Soweit nur eine Vokabelfrage, es gibt sicher Schwierigeres zu lernen. Wenn man in das Wortfeld etwas tiefer hineinwandert, zeigt sich aber auf einmal ein Dickicht, das überhaupt nicht dürr ist. Das passende Fundstück zum Einstieg liefert De Tijd aus Belgien, die kürzlich titelte:

Hier begint de verwoestijning van Vlaanderen

Im Artikel geht es um Veränderungen und Schäden an der Natur durch zunehmende Trockenheit (bisher nicht unbedingt ein Phänomen, das man stereotyp mit Belgien in Verbindung brachte). Auf Deutsch gibt es zur Übersetzung ein bisschen Auswahl. Verbreitet ist die Lehnbildung Desertifikation, oft auch einfach Wüstenbildung, oder selten und trotzdem gelegentlich auffindbar die Wüstifizierung. Auch Verwüstung trifft man an, und da beginnt die Verwirrung.

Verwüstete Landstriche, das können nicht nur Folgen des Klimawandels etwa in der Sahelzone sein, sondern auch Zerstörungen durch Krieg und Gewalt. So mancher Rockstar hat schon ein Hotelzimmer verwüstet, aber ein Fall von verwoestijning ist meines Wissens noch nicht auf nächtliche Exzesse auf Tournee zurückgeführt worden. In alten Texten findet man auch noch die Form Verwüstigung, zumdeist auch im Kontext gewaltsamer Konflikte.

Verwoestijning (Jeanajean, CC-BY-SA 4.0)

Ausgehend von der Wurzel woest bzw. wüst entspannt sich ein Netz aus Wortbildungen, die sich zum Teil in den Bedeutungskomponenten überlagern und in den beiden Sprachen außerdem in Nuancen leicht anders funktionieren. Ähnlich wie bei Kälte oder Stille hat sich das Deutsche für die simple e-Derivation entschieden, um die Wüste zu bilden. Der Entstehungsweg von woestijn ist in Laut- wie Wortstruktur etwas komplexer.

Das niederländische Verb verwoesten setzt in der Regel heftige Zerstörungskraft voraus, die vom Menschen ausgehen kann oder auch von einer Naturkatastrophe. Es wird transitiv verwendet, braucht also ein Objekt: iets verwoesten. Das deutsche verwüsten kann beide Varianten. Ich kann etwas verwüsten, dann entspricht die Bedeutung dem niederländischen Verb, oder etwas verwüstet, dann muss es auf Niederländisch verwoestijnen. So zerstörerisch die Wüstenbildung auch ist, sie bewegt sich doch deutlich langsamer voran als ein Hurrikan oder ein Kampfflugzeug.

Wenn wir noch einen Schritt weiter in die Wüstenwelt vordringen, kommen wir zur Wüstung: Eine lange verlassene Siedlung, die höchstens an Ruinen erkennbar ist oder nur noch auf Konturen in Satellitenbildern sichtbar wird. Übersetzt auf Niederländisch als de wüstung – mitsamt dem Umlaut staubtrocken entlehnt aus dem Deutschen.