Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Flederhunde und holländische Tauben

Warum sollte man sich eigentlich mit Kreolsprachen beschäftigen? Gründe gibt es viele: Sie haben eine spannende (und oft tragische) Geschichte, sie haben interessante grammatische Strukturen zu bieten – und natürlich: man darf zu ihrer Erforschung in wunderschöne Länder reisen. Kürzlich fand wieder eine Kreolistik-Konferenz statt, nämlich auf den Seychellen.

Flughund. (PK)

Dort fiel mir als erstes auf, dass der Landesname im Deutschen ebenso wie im Niederländischen immer einen Artikel hat: die/de Seychellen. Auf Englisch liest man dagegen ganz oft einfach nur Seychelles. Das Land heißt offiziell Republic of Seychelles, man spricht von the government of Seychelles usw.

Auch im Deutschen gibt es die Tendenz, bei Ländernamen den Artikel immer häufiger wegzulassen. Dann sagt oder schreibt man in Iran statt im Iran und ähnliches. Die Formen mit Artikel wirken mit der Zeit etwas altbacken, in unterschiedlichen Stufen. Mir kommt der Jemen jedenfalls etwas ältlicher vor als der Iran. Auf Niederländisch braucht man sich darum keine Gedanken zu machen, denn hier gibt es bei all diesen Ländern gar keinen Artikel.

Aber bei Pluralen sind sich Deutsch und Niederländisch noch einig: Sie sind normalerweise nicht weglassbar. Das Englische verhält sich da etwas inkonsequent. Während die Seychellen ihren Artikel weitgehend verloren haben, haben The Bahamas ihren praktisch immer. Und man schreibt ihn sogar häufig groß, was noch stärkere Zugehörigkeit zum Namen signalisiert.

Aber zurück zu den Seychellen. Die Inselgruppe ist benannt nach dem französischen Adligen und Politiker Jean Moreau de Séchelles (noch ohne Y). Der war im 18. Jahrhundert zeitweise intendant von Flandern. Man hätte also eigentlich den Norden Belgiens genauso gut Seychellen nennen können, dann vielleicht eher im Singular bzw. ohne Artikel. Jedenfalls sind beides regenreiche Gegenden, die Inseln im Indischen Ozean haben zwischen den Regenschauern mehr Sonne statt Nebel.

Pizon olande. (PK)

Wenn man auf den Seychellen nicht nur die Sprache studiert, sondern auch die Natur, findet man interessante Tiere. Da wäre zunächst der Seychellen-Flughund. Der heißt auf Niederländisch vleerhond. Dass es sich irgendwie um Hunde handeln sollte, ist natürlich biologisch gesehen Unsinn, aber in beiden Sprachen gleich abwegig. Da sind wir also wieder im Bereich der Tiere, die nach anderen Tieren benannt sind. Der Wortanteil vleer- kommt natürlich auch im Deutschen vor, etwa bei der Fledermaus. Dahinter steckt der Flügel bzw. letztendlich das Flattern beim Fliegen.

Flattern kann auf den Seychellen nicht nur der Flughund, sondern auch die pizon olande. Mit etwas Konzentration erkennt man darin die französischen Wörter pigeon (Taube) und Hollande. Die holländische Taube kommt entgegen ihrem Namen nur auf den Seychellen vor und heißt auf Deutsch Paradies-Fruchttaube. Ihre niederländische Bezeichnung Seychelse blauwe duif ist etwas irreführend, denn den kreolischen Namen trägt die Taube nämlich wegen der Kombination von gleich drei Farben ihres Federkleids. Roter Kopf, der Körper oben weiß, unten bläulich: Ganz eindeutig die niederländische Flagge. Dass sie sich heimlich zum Koningsdag auch mal in Orange kleidet, konnte bisher aber noch nicht beobachtet werden.

Tierischer Zuwachs an der Rijksuniverseit Groningen

von Aniko Schusterius

Würde Prof. Dr. Doerak eigene Seminare und Vorlesungen geben, stünden wohl Veranstaltungstitel wie „Die Entwicklung des Wollknäuels zwischen dem 19. und 21.Jahrhundert“ oder „How to stroke cats – The beginner course“ im Vorlesungsverzeichnis. So merkwürdig diese Studienthemen auch klingen, klar ist, dass kein Student diese Lehrveranstaltung verpassen wollen würde. Denn Doerak ist der Star an der Rijksuniversiteit in Groningen (RUG).

Doekan. (RUG/Facebook)

Mit seinen leuchtend gelben Augen beobachtet er genau, was auf die Leinwand vor ihm projiziert wird, während ihm ein Student über das weiß-braune Fell streicht. Der Kater hat einen eigenen Instagramaccount (@universitycat), der täglich gefüllt wird mit Bild- und Videomaterial der Studenten, die ihn auf dem Campus antreffen. Er spaziert durch die langen Flure der Gebäude, legt sich auf Tastaturen und Pulte und lässt sich ausgiebig knuddeln. Kein Wunder, dass sein Besitzer Ekko Ros ihn offiziell an der Universität einschreiben wollte. Seiner auf Instagram gestellten Anfrage wurde innerhalb von 24 Stunden stattgegeben. Seit November besitzt Prof. Dr. Doerak nun einen offiziellen RUGpas. Erst einmal nur für Studenten, aber wer weiß ob die Veterinärmedizin ihn nicht bald als Gastdozenten für eine Vortragsreihe einlädt.

Die RUG ist nicht die einzige Hochschule mit einem eigenen Haustier. Auf der ganzen Welt streunen Katzen und Kater durch die Hörsäle und Seminarräume. Die Saint Mary University in Kanada ist offizielles Terrain von Kater Carlton. Seinen Spitznamen „The littlest Hobo“ gaben ihm die Studenten, weil er immer nur wenige Minuten in einer Vorlesung verweilt. Sonst könnte man all die Leckerlies und Streicheleinheiten gar nicht an einem Tag schaffen. Auch Carlton hat einen eigenen Instagramaccount (@carlton_the_cat) und war bereits in den US-Medien präsent.

Carlton. (CBC News)

Schaut man die deutschen Universitäten an, hat sich der Trend zum Uni-Haustier noch nicht durchgesetzt. Die wenigen Exemplare sind dafür landesweit bekannt. Kater Pep machte 2015 Schlagzeilen als tierischer Student der Universität Regensburg. Seine Facebookseite hat rund 22.500 Likes und sein eigenes Buch „Pep, der Unikater – Wie ich das Leben der Menschen studierte“ erschien 2016 im Bastei Lübbe Verlag. Die Berühmtheit schien ihm jedoch zu viel geworden zu sein, denn kurz nach seinem Durchbruch in den Medien wurde Pep nicht mehr in der Bibliothek und auf dem Campus gesichtet.

Noch hat die Freie Universität (FU) kein eigenes Haustier. Für eine samtpfötigen oder einen bellenden Ehrenstudenten sprechen allerdings viele Gründe. Zum einen wirken Tiere im Hörsaal beruhigend und zugleich konzentrationsfördernd. Das gleichmäßige Streicheln von weichem Fell versetzt sowohl Tier als auch Student in eine ruhige Stimmung inmitten der stressigen Uni-Atmosphäre. Zum anderen hätte die FU im Konkurrenzkampf mit andere Hochschulen einen entscheidenden Vorteil. Denn neben dem Kultur- und Partyangebot einer Stadt zählt für angehende Studenten auch das soziale Umfeld. Einzig Allergiker wird das von einer Bewerbung abhalten, aber für die könnte man ja auch Fische anschaffen.

Meta-Orte und Kettenfreunde

Wenn es draußen grau und nass ist, braucht man manchmal ein bisschen Zeitvertreib. Einen Vorschlag haben wir vor längerer Zeit schon einmal vorgestellt: Das Falsche-Freunde-Domino. Dabei geht es darum, eine möglichst lange Kette von Falschen Freunden zu basteln.

Misttelefon in Wien (PK)

Man kann das Spiel aber noch erweitern und versuchen, ganze Netze von Falschen Freunden zu finden. Also Wörter, die in mehr als zwei Sprachen Falsche Freunde sind. Am bekanntesten sind die Fragewörter im Niederländischen, Englischen und Deutschen, beispielsweise hoe – who – wo.

Fortgeschrittene bringen dann noch Variation oder Plurizentrik ins Spiel. In Wien überraschte mich beispielsweise der Hinweis auf das Misttelefon. Da in Österreich der Müll Mist heißt, ging es um eine Hotline der Stadtreinigung. Für mich war ein Misttelefon bis dahin einfach nur ein unbrauchbares Gerät, über das ich mich ständig ärgern muss.

S-Bahnhof Oranienburger Straße (PK, LEZ)

Und im Niederländischen? Wenn es ein misttelefoon gäbe, dann könnte man dort vielleicht Informationen vom Wetterdienst einholen: Wann ist wo mit Nebel zu rechnen; ist es ungefährlich, jetzt mit dem Segelboot rauszufahren?

Wer statt Netzwerken lieber weiter Ketten sucht, kann sich auch auf Meta-Orte spezialisieren: Orte die nach etwas anderem benannt sind, was wieder nach etwas anderem benannt ist. Ein schönes deutsch-niederländisch-französisches Beispiel haben wir hier in Berlin.

Alles fängt an mit der südfranzösischen Stadt Orange. Das dazugehörige Fürstentum fiel an die Nassauer, die seitdem bekannt sind als das Haus Nassau-Oranien. Nach Louise Henriette von Oranien ist nun wiederum die Stadt Oranienburg nördlich von Berlin benannt. In Berlin gibt es deshalb die Oranienburger Straße. Und nach der Oranienburger Straße heißt der gleichnamige S-Bahnhof.

Also eine Station, die nach einer Straße heißt, die nach einer Stadt heißt, die nach einem Herrschergeschlecht heißt, das nach einer französischen Stadt benannt ist. Wer bietet mehr?

Gebruiksaanwijzing: Saarland

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: An diesem Donnerstag und Freitag ist das niederländische Königspaar zu Besuch im Saarland. (Und auch in einem anderen Bundesland nebenan – wie hieß das noch?) Da wir fest davon ausgehen, dass Willem-Alexander und Máxima regelmäßig unser Blog lesen, haben wir ein paar Handreichungen zusammengestellt, damit der Besuch mit seinem reichhaltigen Programm reibungslos verläuft. Denn eines ist sicher: Deutschkenntnisse alleine werden nicht ausreichen.

 

Empfehlung 1:

Vorsicht mit „dat“ und „das“

 Wer Niederländisch als Muttersprache hat, rutscht beim Deutschsprechen manchmal kurz aus und baut versehentlich doch eine niederländische Form in den Satz ein. Beim „dat“ passiert das schnell, weil es so ein unscheinbares, oft unbetontes Wörtchen ist. In vielen Dialekten des Deutschen passt das hervorragend, weil man dort auch „dat“ sagt. Das Saarland wird einmal quer von der dat-das-Linie durchzogen, und diese Grenze ist in der Wahrnehmung der Menschen fest verankert. Die offiziellen Besuche Ihrer Majestäten finden beiderseits dieser Grenze statt. Bei den Terminen in Saarlouis und Mettlach ist das „dat“ gerne gesehen, in Saarbrücken und Homburg empfiehlt sich ein sorgfältiges „das“. Völklingen ist für Fortgeschrittene, denn es liegt genau auf der Linie. Beim Besuch im Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte also am besten einfach nur zuhören und staunen, dann geht nichts schief.

 

Völklinger Hütte. (S. Schrotz, CC-BY-SA 4.0)

Empfehlung 2:

Neutrum für Frauen ist keine Majestätsbeleidigung

In den saarländischen Dialekten werden Frauen oft mit einem grammatischen Neutrum bezeichnet: das Erika, das Angelika. Dabei wird der Artikel typischerweise verkürzt zu „es“ oder „et“ (siehe oben, entsprechend der Gebiete für „das“ und „dat“). Es ist also kein Grund zur Sorge, wenn die Königin der Niederlanden liebevoll als „es Máxima“ bezeichnet wird. Unter gender-linguistischen Gesichtspunkten kann man sich natürlich fragen, wie diese grammatische Eigenart zustande kam und welche impliziten Wirkungen sie hat. Eine bewusste Herabwürdigung wird damit im heutigen Sprachgebrauch in der Regel nicht beabsichtigt. Nehmen wir an, jemand sagt: „Heit sinn de Willi unn es Máxima dòò, ich frei mich wie e Atzel!“ Dann meint er damit, dass er Willem-Alexander und Máxima einfach nur de max vindt. (Eine Atzel ist eine Elster, aber Ornithologie steht offenbar nicht auf dem Besuchsprogramm.)

 

Empfehlung 3:

Kurze Antworten auf kurze Fragen sind in Ordnung

 Wer königlich unterwegs ist, muss ständig Konversation betreiben. Da kommen saarländische Kommunikationsgewohnheiten sehr gelegen. Schauen wir uns einen typischen Dialog in Original mit wörtlicher und sinnhafter Übersetzung an:

Unn? En? Leuk om je te ontmoeten. Hoe gaat het?
Jòò. Unn selwa? Ja. En zelf? Heel goed, dankjewel. Ik kan niet klagen. Hoe gaat het met jou?
Aach. Unn dehemm? Ook. En thuis? Ook goed, dank je. En je familie dan, alles in orde?
Ei jòò. Ja zeker. Ja, het gaat goed met iedereen.
Alleh dann! Goed dus! Dat is fijn om te horen. Het was leuk om je weer eens te zien. Tot de volgende keer! Dag!

Wer sich diese Dialogform einprägt, zeigt eine gute Beherrschung der kulturellen Codes und kann obendrein beim Bad in der Menge viel Zeit sparen – das lohnt sich, wenn es anschließend etwas Gutes zu Essen und zu Trinken gibt. Dabei wird dann allerdings viel geredet, und meist auch laut.

 

Neben diesen drei Faustregeln sind ein paar weitere Besonderheiten der Grammatik interessant, die es ausgehend vom Niederländischen im Saarland sogar etwas einfacher machen. Diese Fälle haben wir hier im Blog schon früher behandelt, sie können archiviert nachgelesen werden:

  • Heißt es „het Saarland“ oder nur „Saarland“? (Archiv)
  • Darf es noch ein „dat“ oder „das“ zusätzlich sein? (Archiv)
  • Wer etwas vertellen will, kann es einfach verzählen. (Archiv)
  • Rode of groene volgorde? Of toch iets anders? (Archiv)

 

Zum Schluss noch ein paar nützliche Vokabeln mit dem wichtigsten Grundwortschatz für den Besuch:

de Keenich de Koning
die Keenichin de Koningin
Keenichs de Koninklijke familie, het Koninklijk Huis
Meins de Koningin (enkel voor de Koning)
Meiner de Koning (enkel voor de Koningin)
Wie schreiwe Sie sich? Wat is uw naam?
Oh leck wie scheen! Hann Se das selwer gemach? Wat mooi! Hebt u dat zelf gemaakt?
Geh, sei so gudd, zappsch mer noch enns, gell? Mag ik nog een pilsje?
Hann Sie de selwe Friseer wie mei Mudder? Bent u bij dezelfde kapper als mijn moeder?

 

Mit diesen Handreichungen dürfte nichts mehr schiefgehen. Damit wünschen wir Keenichs einen angenehmen Besuch im Saarland (und nebenan in… Dings). Alleh dann!

Trainer auf Rädern

Das Jahr 2018 habe ich zu meinem persönlichen Mottojahr „Habsburg“ erklärt. Im Dienste der Linguistik durfte ich im vergangenen Frühjahr nach Bozen in Südtirol reisen, um an einem Workshop zur historischen Mehrsprachigkeit teilzunehmen. Im August war das Colloquium Neerlandicum in Belgien, kurz darauf die International Conference on Sociolinguistics in Budapest – und zum Abschluss nun in der vergangenen Woche das Treffen der deutschsprachigen Niederlandistik in Wien.

In Ungarn brütete ich längere Zeit über der Frage: Welche sprachlichen Verbindungen gibt es eigentlich zwischen Niederländisch und Ungarisch? Unter den europäischen Sprachen ist das Ungarische ja eine der „exotischeren“. In der Grammatik oder Aussprache wird man wegen der geographischen Distanz wahrscheinlich kaum direkte Kontakte finden. Beim Wortschatz sieht das schon anders aus, aber auch hier sind die Angaben der uitleenwoordenbank relativ bescheiden. 56 Wörter werden aufgelistet, die eine ungarisch-niederländische Geschichte haben. Die allermeisten wurden zwischen den beiden Sprachen über das Deutsche vermittelt. Darunter sind klischeebeladene Begriffe wie edammer, klompen und polder, natürlich auch die Tulpe.

Bei der Tulpe allerdings kann man ein wenig ins Zweifeln geraten. Sie heißt auf Ungarisch tulipán – und ist damit viel näher am persisch-türkischen Ursprungswort, das auch dem niederländischen zugrunde liegt. Dass Tulpen aus den Niederlanden nach Ungarn gehandelt wurden, liegt nahe. Aber Ungarn stand auch sehr lange unter osmanischem Einfluss. Ob tulipán dann ohne Weiteres als Niederlandismus zu sehen ist?

Fiaker in Wien. (R. Roletschek, CC-BY 3.0)

Ein etwas spannenderes Beispiel konnte ich erst in Wien ausfindig machen, weil man davon dort fast überfahren wird: die Kutsche, de koets. Die gibts in den Niederlanden beispielsweise in einer berühmten goldenen Ausführung, die zum Prinsjesdag gebraucht wird. Die Herkunft des Wortes ist derart faszinierend, dass man unbedingt die packende Geschichte lesen sollte, die dazu in der Etymologiebank zu finden ist. Dort erfährt man, was alles mit dem Wort zusammenhängt: Nicht nur ein von Pferden gezogener Wagen gehört dazu, sondern sogar der coach, der im Englischen inzwischen ein Reisebus geworden ist, von dort aber auch als Trainer wieder in Niederländische gekommen ist. Auf Spanisch ist ein coche einfach ein Auto, so dass man für die Kutsche ein Retronym bilden musst, den coche de caballos – auf Deutsch ist uns die Pferdekutsche auch nicht unbekannt, aber die genauere Bestimmung mit Pferd ist im Grunde überflüssig, weil sich die Motorkutsche nicht durchgesetzt hat.

Und woher das alles? Aus Ungarn. Auf die Herstellung von Kutschen hatte man sich im Ort Kocs nordwestlich von Budapest spezialisiert. Den spricht man [kotʃ] aus, und der Weg zu Kutsche und coach ist dann nicht weit. Das Niederländische kam mit dem [tʃ] am Ende nicht zurecht, weil es so schlecht ins Sprachsystem passt. Viel besser funktioniert das [ts], mit dem auch das heute weitaus relevantere Beförderungsmittel endet: de fiets. Aber das Fahrrad ist nicht nur weniger glamourös, auch seine Wortherkunft ist viel weniger transparent und farbenfroh.

Spitzenkandidaat

Die Gretchenfrage der europäischen Politik lautet derzeit: „Wie hältst du es mit Orbán?“ Die konservative EVP ist auf der Suche nach einem Politiker (keine einzige Frau wird momentan ernsthaft ins Spiel gebracht), der bei den Europawahlen im kommenden Jahr als möglicher EU-Kommissionspräsident ins Rennen gehen soll.

Umstritten ist die Kandidatur von Manfred Weber, weil dessen CSU allzu kuschlig mit der demokratiefeindlichen Politik in Ungarn umgeht. Als Gegenentwurf präsentiert sich nun der Finne Alexander Stubb, wie De Standaard zu berichten weiß. Die Zeitung nutzt dabei einen interessanten deutsch-niederländischen Hybridbegriff für die Funktion, die der Erwählte im Wahlkampf einnehmen soll: Spitzenkandidaat.
Ein Kompositium mit deutscher Großschreibung und einem eindeutig deutschen linken Glied – kombiniert mit der niederländischen Schreibung von kandidaat. Dass Kandidat bzw. kandidaat sprachübergreifend funktioniert, macht die Sache natürlich einfacher.

Woher kommt aber diese Wortschöpfung, die aus dem Deutschen abgeleitet ist? Eigentlich hat das Niederländische doch selbst jede Menge Begriffe, mit denen man wichtige politische Kandidaturen bezeichnen kann, denken wir z.B. zurück an kopstukken und lijsttrekkers. Allerdings passt nichts davon exakt auf den Kontext der Europapolitik. Es gibt keine europaweiten Parteilisten, also wird der Spitzenkandidat kein lijsttrekker sein. Er muss auch nicht unbedingt Vorsitzender der EVP sein, also ist er auch nicht wirklich ein kopstuk im engeren Sinne. Das deutsche Wort Spitzenkandidat ist praktischerweise unspezifisch genug, um auch für die komplizierten Mechanismen der Europawahl zu passen.

Alexander Stubb 2014 beim EVP-Gipfel in Kortrijk. (EVP, CC-BY 2.0)

Und weil der Begriff so praktisch ist, hat ihn nicht nur das Niederländische übernommen, sondern beispielsweise auch das Französische. Natürlich versteht man auch dort, was ein Kandidat ist, selbst wenn man ihn mal nicht candidat schreibt. Manchmal setzt man den Begriff noch in Anführungszeichen, wie Le Monde – dort auch mit Großbuchstaben und damit noch klar als Lehnwort markiert. L’Opinion schreibt den Begriff le spitzenkandidat kursiv, aber schon mit Kleinbuchstaben, angereichert mit einer Übersetzung in Klammern. Die lautet nun allerdings „tête de liste“, was im Prinzip genau einem lijsttrekker entspräche. Ähnlich übernimmt man den Spitzenkandidat in anderen Sprachen komplett, übersetzt ihn aber noch einmal: in Portugal beim Diário de Notícias als „cabeça de lista“ (wörtlich: „Listenkopf“), oder in Polen beim Dziennik als „kandydatem wiodącym“ („anführender Kandidat“).

Auch in niederländischen und flämischen Medien finden sich noch Berichte, in denen der Begriff nicht als komplett vertraut vorausgesetzt wird und mit Anführungszeichen markiert ist, beispielsweise bei der VRT (mit Kleinschreibung) oder bei Trouw (im Plural, wo man gar keinen Unterschied zwischen Deutsch und Niederländisch mehr sieht). Dort glaubt man auch, den Urheber für den Begriff zu kennen: „Dat Duitse woord is gemeengoed geworden sinds toenmalig parlementsvoorzitter Schulz vijf jaar geleden voor introductie van dit systeem pleitte.“

Die Kernfrage dabei ist, was schwerer wiegt: Die erst langsam wachsende Vertrautheit mit dem deutschen Wort Spitzenkandidat, oder die Tatsache, dass überhaupt das Konzept des Spitzenkandidats für die Europapolitik noch nicht selbstverständlich ist? Schließlich dreht sich die Diskussion häufig um die Frage, ob die Europawahl verknüpft werden soll mit zentralen Personen als mögliche Kommissionspräsidenten. Eine Neuerung im politischen Prozess geht also hier einher mit einer Neuerung der Begrifflichkeiten in mehreren europäischen Sprachen. Warum der neue Begriff ausgerechnet deutsch ist, auch darüber kann man nachdenken. Die Flexibilität in der Bedeutung mag eine Rolle spielen, aber so mancher dürfte darin vielleicht auch einen Beleg sehen, dass die EU wieder ein Stückchen deutscher wird.

Relativ neutral umschreibt beispielsweise der schwedische Rundfunk SVT die Begriffswahl: „Med ett tyskt ord kallas detta ”Spitzenkandidat” eller toppkandidat.“ (Mit einem deutschen Wort nennt man dies „Spitzenkandidat“ oder Topkandidat.) Dass überall der deutsche Begriff kursiert, fällt offenbar auf. Und Alternativen gibt es durchaus, aber anscheinend macht trotzdem das deutsche Wort europaweit die Runde.

Da das in manchen Teilen Europas weiterhin Unwohlsein weckt (und weil man sich von Autokraten besser fernhalten sollte), müsste man wirklich nicht unbedingt einen CSU-Politiker zum Spitzenkandidaten machen – ein finnischer spitzenkandidaatti wäre mal was Neues. Nun ist kandidaatti auf Finnisch leider nur ein Begriff für einen Studienabschluss; ein politischer Kandidat ist ein ehdokas. Aber davor müssen Entlehnung und Sprachwandel ja nicht Halt machen – und siehe da: die Boulevardzeitung Ilta-Lehti schreibt längst vom spitzen-kandidaatti.

Fietspomp in Lissewege

LimoWreck, CC-BY-2.5

Lissewege… het ligt niet direct entre les tours de Bruges et Gand – maar het is Vlaanderen ten voeten uit (typisch). Zie die toren, dat katholieke baken; zie hoe het dorp in zijn schaduw bijna verdwijnt…

Lissewege is een bijzonder mooi stadje (niet ver van Brugge) en het heeft een rijk Vlaams verleden. Op het kerkplein staat een standbeeld van Willem van Saeftinghe, die een niet onbelangrijke rol heeft gespeeld in de Guldensporenslag (1302).

Iets verderop bevindt zich het restaurant ’de Goedendag’…

U weet wellicht nog wat een goedendag is? Nee?
Met een goedendag trokken de Vlamingen in 1302 tegen de Fransen ten strijde. En ze versloegen het Franse leger grandioos.

Ik heb in dit restaurant niet gegeten maar ze hebben er vast overheerlijke mosselen met frietjes en zo.

Eveneens op het kerkplein, niet ver van Willem van Saeftinghe, stuit ik op deze openbare fietspomp!

Zo!

Daar kan Berlijn nog een puntje aan zuigen (sich eine Scheibe von abschneiden können).

Einmal Pommes mit Syntax, bitte!

Ende August war es ruhig auf unserem Flur an der Uni: Fast die komplette Niederlandistik war in Leuven zum Colloquium Neerlandicum, der Konferenz der Internationale Vereniging voor Neerlandistiek. Die findet alle drei Jahre statt, immer abwechselnd in Flandern und den Niederlanden – letztes Mal in Leiden, dieses Jahr also in Belgien.

Bei Lüttich (in Wallonien!) hat die ANS sogar einen Bahnhof. (PK)

Das Programm war dichtgepackt, mit Vorträgen aus Sprach- und Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft und Didaktik. Vorgestellt wurde unter anderem ein Mammutprojekt: Die Überarbeitung der Algemene Nederlandse Spraakkunst, kurz ANS. Die Referenzgrammatik des Niederländischen ist schon lange online verfügbar, allerdings muss sie dringend aktualisiert werden. Nicht nur der Forschungsstand hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert, auch die Sprachbeispiele sind zum Teil völlig veraltet: Es ist von Franken und Gulden die Rede, man verschickt noch Telegramme oder Frauen stehen am Herd und schälen Kartoffeln, während Männer Geld verdienen.

Eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen aus beiden Teilen des europäischen Sprachgebiets arbeitet hart daran, die alte Tante ANS ins 21. Jahrhundert zu holen. Leider mit viel zu wenig Förderung und mit einem befristeten Projekt. Ein derart wichtiges Arbeitsinstrument für die Wissenschaft, für Sprachlernende und Lehrkräfte hätte es verdient, dauerhaft und besser ausgestattet zu werden.

Bei so großen Projekten, spannenden Vorträgen und komplizierter Forschung entsteht Energiebedarf. Den deckt man in Belgien einerseits mit bröckelnden Kernkraftwerken, andererseits mit Pommes. Aber wie bestellt man eigentlich korrekt Pommes? Die Frage ist tatsächlich gesamtbelgisch. Neben der Konferenz in Leuven hatte ich die Gelegenheit, auch in Brüssel und in Lüttich vorbeizuschauen – alle Regionen gleichberechtigt abgedeckt, belgische Lösung. Und beiderseits der Sprachgrenze dieselbe Grübelei.

Auf Französisch wunderte ich mich über den Verkäufer, der konsequent von „les moyens“ und „les petits“ sprach. Er bezeichnete die mittleren und die kleinen Portionen konsequent im Maskulinum. (Große kamen nicht vor, denn große Tüten waren alle.) In einer drängelvollen friture kann man schlecht eine Grammatik-Debatte vom Zaun brechen. Also bleibt es vorerst ein Rätsel: les frites ist Femininum, une portion auch. Warum also die maskuline Bezeichnung? Eine mögliche Erklärung wäre le cornet, die Bezeichnung für die spitze Kartontüte, in der man die Pommes oft bekommt. Leider fehlte die Gelegenheit, nach einer Pommesbude zu suchen, bei der die Pommes in viereckigen Schalen (barquettes, f.) oder auf Tellern (assiettes, f.) serviert werden.

Brüsseler Pommes im cornet. (PK)

In Flandern ist die Pommesfrage nicht so sehr an das Genus gebunden, sondern eher an allgemeinere Kommunikationsprinzipien. In einer frituur sind Pommes das Produkt, das fast alle kaufen, vielleicht sogar das einzige im Angebot. Also ist es im Prinzip unnötig, bei der Bestellung explizit zu sagen, dass man Pommes möchte. Aber was sagt man stattdessen? Auf Deutsch kann man vielleicht „einmal mit Ketchup“ bestellen. Een keer geht auf Niederländisch nicht so richtig. Muttersprachler erzählen mir, dass sie beispielsweise een kleintje met… bestellen. (Die Namen der zahllosen Saucen sind ein Vokabelproblem, das noch dazukommt.) Der Diminutiv erledigt nebenbei auch das Genus-Problem, das sich im Französischen gestellt hat. Auch in anderen gängigen Formulierungen bleibt das Produkt meist unausgesprochen. So hat sich sogar schon Wikipedia der Frage angenommen und führt als Bestellgewohnheiten in Belgien an: „een pakje met x of een grote/kleine (friet) met x“. Genau genommen bestellt man also Pommes, ohne Pommes zu bestellen.

Welche dieser Varianten wann bevorzugt werden und warum, dazu müsste man noch mehr Feldforschung betreiben. Das ist wahrscheinlich schlecht für die Linie, aber dafür zum Wohle der Wissenschaft. Denn eins ist klar: Auch in der neuen ANS wird es sicher kein Kapitel zur Pommesgrammatik geben, das man einfach nachschlagen kann.

De wakkere bakker

Evenals vorig jaar was ik in augustus in Brugge op het festival Musica Antiqua. En het waren weer prachtige concerten!
Gelogeerd heb ik uiteraard in de Goezeputstraat. En op weg naar concertzaal of kerk waren mijn ogen op zoek naar taalvariatie en wat dies meer zij (et cetera pp.). Tenslotte ben ik bij de zuiderburen en daar valt altijd wat te ontdekken… deze bakker bijvoorbeeld.

Een wakkere bakker slaapt niet. Integendeel, een echte – warme – bakker wordt lang voor zonsopgang wakker (aufwachen) en gaat aan het werk. Bovendien is een wakkere bakker een flinke (wacker, tüchtig) vent.

Bij de wakkere warme bakker der Bäcker mit eigener Bäckerei) liggen de broodjes, vers uit de oven (ofenfrisch) – niet industrieel voorgebakken dus – warm voor het grijpen.

Als producten als warme broodjes de deur uitvliegen, gehen sie weg wie warme Semmel.

Natuurlijk waren er altijd wel studenten die bij „de warme bakker“ in de lach schoten. Die kregen extra uitleg: het Nederlandse adjectief „warm“ heeft niets met homoseksualiteit te maken.

Deze reclame van een bakker in het Belgische Brugge behoeft (bedarf) geen commentaar! Mooi toch?

Koningsdag in Groningen

von Aniko Schusterius

Ausgefeilte Deko.

Wenn die Läden ihre Schaufenster Orange dekorieren, wenn an den Häuserfassaden Trauben von rot-weiß-blauen Luftballons hängen und wenn an der Universität Pappkronen verschenkt werden, dann ist es wieder soweit. Der alljährliche Koningsdag wird zelebriert.
Für mich war der Geburtstag des niederländischen Königs Willem-Alexander doppelt besonders. Wir haben in Deutschland weder ein Königshaus noch eine vergleichbare Person, dessen Älterwerden die Bürger des Landes so begeistert. Während meines Auslandssemesters in Groningen wurde mir sogar die Ehre zu Teil, die Königsfamilie live zu sehen und mit anderen tausenden Menschen zu bejubeln.

Obwohl der niederländische König erst am 27. April Geburtstag hat, bereitete sich Groningen schon Ende März auf den Feiertag vor. Es begann kaum merklich mit ersten Werbeaufstellern in Supermärkten, die besondere Produkte wie orangenen Hooghoudt (Jenever aus Groningen) oder Glitzergirlanden anpriesen. Es konnten Bonuspunkte bis zum großen Tag gesammelt und im Markt für Fanartikel eingelöst werden.

Sprachspielerische Deko.

Eine ansteigende Aufregung war ab der zweiten Aprilwoche zu spüren. Während meine Dozenten in der Universität jedes Seminar damit begonnen, auf den Besuch der königlichen Familie hinzuweisen, steckten Kommilitonen Nerven und Geld in die Planung von Mottoparties und Bartouren. Die Läden dekorierten mit Puppen des Königspaares ihre Schaufenster, stellten Spruchtafeln auf und legten orangene Teppiche vor den Eingängen aus. Motto-T-Shirts gingen öfter über die Ladentheke, als Stroopwaffeln und Käse. Auch die Studentenverbindungen ließen es sich nicht nehmen, ihre Häuser passend zu gestalten. Als besonders kreativ erwiesen sich die Mitglieder der Verbindung Vindicat, die aus der Hooghoudt-Werbung auf ihrem Dach Hoogheidt machten.

In der dritten April-Woche begannen erste Umbauarbeiten in der Stadt. Bühnenteile wurden angefahren und Hotels und Pensionen klebten rot beschriebene Schilder in ihre Fenster: „Geen kamers tussen 27.4. en 29.4“. Auf dem Wochenmarkt und in den Supermärkten konnte man nun vermehrt Gesprächen lauschen, die sich um so wichtige Themen wie Máximas Kleid und die Wahl von Willem-Alexanders Krawatte drehten. Eine Kommilitonin, mit der ich zum Schreiben von Hausarbeiten verabredet war, hatte statt der Begriffe zur Gedichtanalyse tatsächlich alle 43 Titel des Königs auswendig gelernt – meine Begeisterung darüber hielt sich zu ihrer Überraschung in Grenzen.

Mehr sprachspielerische Deko.

Am Morgen des 23. April ging in der Universität das Gerücht um, dass der gesamte Campus aus Sicherheitsgründen zeitnah gesperrt werden würde. Am Abend des gleichen Tages freute ich mich bereits über die kurzfristig ausgerufene veranstaltungsfreie Woche aufgrund des Sicherheitschecks der gesamten Stadt. Herumstehende Fahrräder wurden aus der Stadt transportiert, Parkverbote und die Entfernung von Mülleimern folgten. So langsam wurde mir klar, dass der Koningsdag in der Kategorie Partysport kein Sprint, sondern ein Marathon ist, denn die Feierlichkeiten begannen bereits in der Nacht vor dem Koningsdag. In meinem Fall feierte ich mit hunderten anderen Menschen vor einer großen Bühne auf dem Vismarkt, Dresscode: Krönchen. Hier wurde niederländisches Musikprogramm geboten und es floss jede Menge Heineken.

Die königliche Familie (hinten, ohne Uniform)

Am Freitag, dem 27. April, stand ich nach einer sehr kurzen Nacht um 10:30 Uhr auf dem Martinikerkhof – Kamera um den Hals, Papierkrone auf dem Kopf. Trotz meiner Größe von über 1,80m gelang es mir nur auf Zehenspitzen den noch größeren Umstehenden über die Schulter zu schauen. Kaum hatte die königliche Familie das nahegelegene Hotel Prinsenhof verlassen, stiegen hunderte Arme mit Handys und Kameras in die Luft. Mir gelang nur ein Schnappschuss aus der Menge heraus. Ein Programm entlang der Route sollte den royalen Gästen einen Eindruck von der Stadt und ihren Einwohnern verschaffen. Konfettikanonen, Kindertanzgruppen, Spitzensportler, Alumni der Universität, Musikbands und Quizspiele – ein Hindernissparcours, den die königliche Familie, stets umringt von schreienden und jubelnden Menschenmassen, mit Bravour bewältigte.
Nach dem Besuch des Königs stiegen die großen Partys auf den Bühnen, Clubs und Bars. Im Stadtpark und in den Nebenstraßen fernab des Trubels verkauften Einwohner traditionell ihre tweedehands spullen. Das große Kingsland Festival, schon wochenlang vorher ausverkauft, bot vor allem ein Programm für Technofans.
Egal wer man war, egal wo man sich befand, Groningen war im Ausnahmezustand. Es wurde gefeiert, gelacht und getanzt. Und auch wenn der Krach von den Bühnen aus der Stadt, den Bars und Restaurants, aus den offenen Fenstern und Balkontüren unglaublich laut war, hatte ich das Gefühl am friedlichsten Ort der Welt zu sein.

Alle Fotos von Aniko Schusterius.