Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Zurück zu den niederländischen Wurzeln

In diesem Jahr wäre Schauspiel- und Modeikone Audrey Hepburn 90 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jubiläums ist in Brüssel eine Sonderausstellung über ihr Privatleben zu sehen.

von Aniko Schusterius

Unsere Gastautorin Aniko Schusterius mit der kleinen Audrey.

Es scheint so als würde Audrey Hepburn höchstpersönlich die Besucher ihrer Ausstellung in Empfang nehmen. Angelehnt an eine Requisite wartet sie im ersten Saal auf ihre Gäste und blickt dabei auf eine große Filmkulisse. Von den Wänden halt ihre Stimme wieder. Großformatige Plakate zeigen ihr lächelndes Antlitz. Das erste und letzte Mal wird sie hier als Schauspielstar innerhalb der Ausstellung inszeniert.
Im Vanderborght-Gebäude in Brüssel will Sean Hepburn Ferrer (ältester Sohn der Schauspielerin) den Besuchern Audrey Hepburn vor allem als Menschen vorstellen.
Familienstücke, bislang nie gezeigte Fotografien, Zeichnungen und Notizen vermitteln sehr persönliche und intime Eindrücke. Chronologisch gegliedert sieht man erste Aufnahmen von der kleinen Audrey, wie sie in Brüssel geboren wird und Anfang des zweiten Weltkrieges mit ihrer niederländischen Mutter nach Arnheim zieht. Hier nimmt sie erste Ballettstunden und will schon bald als Tänzerin auf den Bühnen der Welt stehen.
In den Niederlanden dreht sie 1948 auch ihren ersten Film: „Nederlands in zeven lessen“. An diesem Punkt in ihrem Leben spricht Hepburn schon drei Sprachen: Niederländisch, Französisch und Englisch (ihr Vater war Brite). Bis zum ihrem Tod 1993 wird sie noch Italienisch und Spanisch lernen. Die junge Hepburn betrachtet ihren Ausflug in die Filmwelt als eine Ausnahme, doch der Besucher weiß bereits, dass dies der Beginn einer großen Karriere ist.

ACHTUNG: Daten nach YouTube werden erst beim Abspielen des Videos übertragen.

Nederlands in zeven lessen mit Audrey Hepburn

Hepburns Familie und Freunde nehmen einen großen Teil der Ausstellungsfläche ein. Das Brautkleid von Hepburns Eheschließung mit Mel Ferrer und ihre Trauringe erzählen von dem Fest in der Schweiz, welche zu ihrem Lebensmittelpunkt wird. Die Wiege von Sean und Fotos von seiner Taufe sind Zeitzeugen der liebevollen und sensiblen Mutter, als die Audrey Hepburn beschrieben wird. Auch Kollegen wie Elisabeth Taylor und Cary Grant berichten in einer Videosammlung von der scheinbar perfekten Frau.
Schnell wird deutlich, dass es sich vor allem um eine Sammlung von guten Erinnerungen handelt- Gedanken und Momente ihres ältesten Sohnes, die weder von zwei gescheiterten Ehen noch dem zweiten Kind Hepburns Luca Dotti berichten. Doch das tut der Ausstellung keinen Abbruch. Der dem Anlass entsprechend positive Blick auf ihr Leben bringt auch neue Informationen für langjährige Fans mit sich.
Besonders emotional inszeniert wird ihr Engagement für Unicef. Videomitschnitte zeigen wie Hepburn unermüdlich Gelder für Dritte-Welt-Länder sammelte. Ihre appellierenden Reden kann man auf ihren Notizen mitlesen: „Kinderen  kunnen worden gered als we vastbesloten zijn om dat te doen“.

Hörproben, Filmausschnitte und Fotos: Verschiedenste Medien setzten sich in „Intimate Audrey“ zu einem großen erzählenden Puzzle zusammen. Durch eine dünne Plexiglasscheibe blicken die Besucher herab auf alte Pässe, den gold-glänzenden Oscar und Zeichnungen von Kostümen und Outfits. Visuell sehr beeindruckend gestaltet setzt Kurator Hepburn Ferrer noch eins drauf, als ein blühender Kirschbaum tatsächlich auch noch duftet. Und auch der ineinander überlaufende Erzählstrang der Ausstellung ist sehr gelungen. So endet die Zeitreise in einem kleinen Kinosaal, welcher Ausschnitte von Hepburns großen Leinwandmomenten zeigt. Und draußen auf der Bank wartet wieder Audrey. Doch nun im Alter von fünf Jahren.

Intimate Audrey, Espace Vanderborght, noch bis zum 25. August, täglich 10 bis 18 Uhr
intimateaudrey.org

*hust*

Wenn wir uns in der Linguistik mit Kommunikation beschäftigen, steht meistens Sprache im Mittelpunkt. Der Mensch hat daneben aber noch jede Menge andere Möglichkeiten, sich mitzuteilen: mit Gesten, Mimik oder Geräuschen. Ein Räuspern oder Husten kann die Dinge manchmal hervorragend auf den Punkt bringen. Kein Wunder also, dass das Husten auch innerhalb der Sprache eine große Rolle spielt.

Abgesehen vom wohlplatzierten Hinweishusten möchte man unbequeme Lungenkrämpfe eigentlich lieber vermeiden. Wenn sie doch kommen, dann zumeist unfreiwillig. Und so haben die germanischen Sprachen eine Redewendung daraus gemacht. Beispielsweise heißt es in der Debatte um die skandalöse Umfinanzierung im niederländischen Wissenschaftssystem:

Er moet 100 miljoen euro geïnvesteerd worden in bètawetenschappen en techniek; de alfa-, gamma- en medische wetenschappen moeten het ophoesten. (Het Parool)

Was sie wohl aufhusten soll? (GabboT, CC-BY-SA-2.0)

Wortwörtlich kann man den Satz nicht ins Deutsche übersetzen. Dass die Geistes- und Sozialwissenschaften 100 Millionen ‚aufhusten‘ sollen, versteht man vielleicht intuitiv, ein etablierter Ausdruck ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil zum Englischen, zum Norwegischen und Schwedischen:

Walmart Will Cough Up $282 Million To Put Years-Long Bribery Investigation Behind It (Forbes)

Resultatet var åtte fartssyndere som må hoste opp kroner til statskassa. (Altaposten)

Das Ergebnis [der Verkehrskontrolle] waren acht Geschwindigkeitssünder, die jetzt Geld für die Staatskasse aufhusten müssen.

Juventus på jakt – behöver hosta upp 440 miljoner kronor (Aftonbladet)

Juventus ist auf Jagd – und muss 440 Millionen Kronen aufhusten

Friesisch macht auch mit (wobei ich nicht beurteilen kann, ob das eine neuere Lehnübersetzung aus dem Niederländischen ist – aber eigentlich spielt das ja auch keine Rolle, Friesisch ist es trotzdem):

Dat jild kinne de hjoeddeiske mediabedriuwen net mear ophoastje. (Blog)

Das Geld können die heutigen Medienunternehmen nicht mehr aufhusten.

Zur Abwechslung setzt das Dänische noch eine Präposition dazu:

Bilister skal hoste op med 1.100 kroner for 36 kilometer (Politiken)

Autofahrer sollen mit 1.100 Kronen für 36 Kilometer aufhusten.

Dass eine solche Redewendung sprachübergreifend funktioniert, ist nicht ungewöhnlich. Die Metapher ist schließlich relativ einfach und unabhängig von der Sprache zu erschließen. Soweit ich das beurteilen kann – die Nuancen können durchaus abweichen – scheint der Ausdruck überall eher salopp zu sein, vielleicht auch etwas ironisierend oder polemisch. Deshalb erstaunt es ein wenig, dass die verwandten Sprachen rundherum dieselbe Formel kennen, nur das Deutsche nicht.

Verweigert man sich einer Forderung, greift aber auch auf Deutsch eine passende Redewendung – die es auch auf Niederländisch gibt: Was, wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften der niederländischen Regierung was husten?

Afrikaans in Thüringen

von Henning Radke

Laut tönt die Stimme von Jack Parow über die großen Lautsprecher hinein in die idyllische Landschaft der Thüringer Provinz. In einem Zelt ganz in der Nähe tanzen etwa 100 junge Menschen und singen textsicher mit: „Dans, dans, dans – ek wil fokken, fokken dans.“. Wenn sie nicht gerade singen, sprechen sie untereinander Deutsch. Die Nacht wird noch lang sein. Der nächste Morgen beginnt für die meisten auf dem Zeltplatz mit einem Country-Song auf Afrikaans – schon wieder diese Sprache, die man ansonsten nicht gerade häufig mit Thüringen assoziiert. Was war da los in dem kleinen Ort unweit von Eisenach?

Die Mischung aus Afrikaans, Deutsch, Englisch und Namslang – bis dato wohl eher ungehört in dieser Thüringer Landschaft (Foto: Andreas Kuhrt).

Die Antwort liegt Jahrzehnte zurück in der Vergangenheit: Anfang der 1960er Jahre wandte sich Rosemarie Bernhardt an die namibische Allgemeine Zeitung (AZ) mit einem Aufruf, der seine Wirkung nicht verfehlen sollte: Die damalige Bodenstewardess der KLM kam zwar aus Namibia, wohnte jedoch seit einiger Zeit im niedersächsischen Hannover und lud daher zu einem Treffen all derjenigen Namibier ein, die sich gerade in Deutschland befanden, „um diesen jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, sich in Deutschland näher kennenzulernen“, wie die AZ damals schrieb. Mithilfe von Postkarten legte sie den Grundstein für ein deutschlandweites Netzwerk. Das Treffen während der Pfingsttage entwickelte sich zu einem festen Termin für viele deutschsprachige Namibier in der Diaspora mitten in Europa.

Jack Parow, EES & Co.: Die übliche Musikauswahl im Auto über namibische Sandpads.

Doch egal aus welcher Perspektive man auf die Community schaut – ob deutschsprachige Minderheit, namibische Deutsche oder deutsche Namibi(an)er – ein Aspekt ist unweigerlich mit ihrer Kultur verbunden: die Sprache Afrikaans. Sie speist den Namslang der deutschsprachigen Community nicht nur mit einer Vielzahl von Lehnwörtern („ich habe lekker gelacht ou!) und grammatischen Besonderheiten („Wieviel geht das kosten?“), sondern ist auch Teil der Lebenswirklichkeit vieler Menschen in Namibia. Wer nun also als Mitglied der deutsch-namibischen Community nach Europa auswandert, nimmt Afrikaans in der einen oder anderen Form einfach mit. Und so schallte es auch auf dem diesjährigen Treffen in Thüringen nicht nur deutschen, sondern auch afrikaansen Pop, Rock und Schlager über den Zeltplatz, während die Nachbarn auf der anderen Seite ihre Steckrüben pflanzten.

Was hätte Rosemarie Bernhardt dazu gesagt? Wenn sie noch lebt, sollte sie mittlerweile über 80 sein. Seit fast 60 Jahren bringt ihre Idee von damals Menschen zusammen; mittlerweile in der 3. Generation. Und die tanzt anno 2019 unweit von Eisenach auch zu den Liedern von EES, der zwar nicht auf Afrikaans singt, dafür aber im Namslang rappt und somit zur sprachlichen Stilikone vieler junger, deutschsprachiger Namibier wurde („Hab kein Gees mehr zu moven, bin pap (…) maar hier kommt der Plan: Ich call die Maats zusammen“). Amerikanischer Pop ist hingegen eher selten zu hören. Nur eine amerikanischen Band wurde auf dem Thüringer Zeltplatz immer wieder gespielt und erntete auffallend lautes Mitsingen: Toto mit ihrem Song Down in Africa.


Und weil es thematisch passt noch ein Terminhinweis:

Vom 3. bis 5. Juli findet an der Freien Universität der Workshop „German(ic) in contact“ statt. Thema der Konferenz sind allerlei Situationen, in denen Deutsch und andere germanische Sprachen in Kontakt mit einer anders- und mehrsprachigen Umgebung stehen, darunter das Fallbeispiel Namibia, aber auch Ostfriesen in Nordamerika oder Mennoniten in Uruguay. Unser Gastautor Henning Radke wird ebenfalls seine Arbeit zu Namibia vorstellen.

Programm und weitere Informationen auf der Webseite der FU-Germanistik.


Bildnachweise zu diesem Post:

Foto 1: Andreas Kuhrt

Foto 2: Henning Radke/Merrick Nock

Verstrahlte Wissenschaftspolitik

Dem Klischee zufolge ist der Holländer der Schwabe der Niederlande: sparsam bis zur Gier, effizient bis zum Geiz. In der Geschichte der Kaufleute und Handlungsreisenden hat sich das Image festgesetzt, und auch die aktuelle Politik versucht nicht gerade, den Ruf loszuwerden. Die rechtsliberale Regierung unter Mark Rutte sorgt aktuell wieder dafür, die Stereotype zu bestätigen, nämlich in der Wissenschaftspolitik.

Anhand kosmischer Gammastrahlung dargestellte Milchstraße. (NASA, PD)

Um es etwas zu verkürzen (ausführlicher kann man hier die Hintergründe nachlesen): Mehr oder weniger Konsens ist, dass die Forschung der naturwissenschaftlichen und technischen Fächer mehr Mittel braucht. Das darf aber bitteschön keine zusätzlichen Kosten verursachen, also soll umgeschichtet werden. Mehr Geld für bèta-wetenschappen bedeutet weniger für alfa und gamma.

Keine besonders hilfreiche Erläuterung? Griechische Buchstaben kennen wir im Deutschen beispielsweise für verschiedene Arten von Strahlung. In der Sprachwissenschaft kommen uns zumindest β und ɣ aus dem phonetischen Alphabet bekannt vor. Im niederländischen Sprachgebrauch teilt man die großen Wissenschaftsbereiche anhand der drei Buchstaben ein:

Alfa für Geisteswissenschaften

Bèta für Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik, Ingenieurswissenschaften

Gamma für Sozialwissenschaften, aber auch Recht und Wirtschaftswissenschaften

Die Medizin hat keinen Buchstaben bekommen und gilt als eigene Kategorie. Traditionell gab es zuerst alfa und bèta; die gamma-Disziplinen gelten als neuere Entwicklungen, die später eine neue Klasse brauchten. Bei einigen Disziplinen ist die Zuordnung umstritten oder flexibel (etwa bei der Geographie); sowieso wird natürlich zunehmend auf interdisziplinäre Forschung geachtet. Die Linguistik gilt ursprünglich als Teil der alfa-Wissenschaften, aber je nach Ausrichtung hat sie zu den anderen beiden Feldern starke Verbindungen.

Auch im traditionellen Schulsystem fand man die Bezeichnungen schon, je nach Schwerpunktsetzung bei den gewählten Fächern. Und Menschen, die eine bestimmte Beziehung, ein Talent, ein Interesse für eine der Fachgruppen zeigen, nennt man manchmal ebenfalls nach dem Buchstaben.

Anders als im Deutschen verzichtet die niederländische Orthographie bei alfa auf die klassisch-griechische Schreibung mit ph. Beim Wörtchen bèta hilft der selten benutzte Akzent dafür, dass der Laut etwas näher an der griechischen Aussprache liegt: ein kurzes, offeneres E, und eher kein nord-niederländisches, lang diphthongiertes eej.

Warum bei der Einteilung des Bildungs- und Wissenschaftssystems genau in dieser Reihenfolge die Klassifikationen vergeben wurden, konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Genauso schwer nachvollziehbar ist die Universitätspolitik in den Niederlanden. Besonders die liberale Partei D66, die sich oft als Wissenschaftspartei sieht und im akademischen Milieu stark ist, bekommt gerade massive Kritik von ihrer Kernwählerschaft zu hören.

Die allgemeine Tendenz hin zum vermeintlich Nützlichen, zum Konkreten, das sich bezahlt macht, die ist in den Niederlanden nicht neu und auch woanders deutlich spürbar. Aber gerade die Geistes- und Sozialwissenschaften werden jetzt gebraucht, in Zeiten von gesellschaftlicher Polarisierung, von Unverständnis für kulturelle Diversität und von Ignoranz gegenüber historischen Zusammenhängen – das gilt für ganz Europa und weit darüber hinaus.

Von Deutschland aus kann man den Entwicklungen im Nachbarland zunächst mit Kopfschütteln zusehen (oder eine Petition der Opposition dagegen unterschreiben). Egal ob Alpha, Beta oder Gamma: strahlend sind diese Entscheidungen sicher nicht. Dass sich die Wissenschaftspolitik hierzulande ähnlich entwickelt, ist aber leider überhaupt nicht auszuschließen.

Sprachbau in der Bausprache

In der Linguistik lesen wir jeden Tag ziemlich spezielle Texte. Ein sehr spezieller Text, mit dem ich mich bislang weniger beschäftigt habe, ist die deutsche Baustellenverordnung. Das hat sich heute geändert. Der Anlass hat übrigens nichts damit zu tun, dass im Gebäude unserer Exzellenzuniversität gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate die Decke herunterfiel und Regenwasser durch die Deckenlampe tropfte.

Zur Lektüre dieses äußerst lesenswerten Schriftstücks kam ich durch einen Umweg, über einen Artikel auf aannemervak.nl, einem niederländischen Branchenportal des Baugewerbes.*

Maastricht baut. (Kleon3, CC-BY-SA 4.0)

Dort ging es knapp beschrieben, mit zackigen Hauptsätzen, um „eindeutige Kommunikation auf dem Bau“. Fasziniert las ich von Bouwspraak, einem Hilfsmittel zur Verständigung auf der Baustelle, wo häufig Menschen mit unterschiedlichsten sprachlichen Hintergründen zusammenkommen. Bouwspraak ist ein überschaubares Inventar an Gebärden, die genutzt werden sollen, wenn Gefahr droht oder jemand Hilfe braucht. Die Gebärden sind in verschiedenen Sprachen erläutert (mit Video) und sollten von allen auf dem Bau beherrscht werden. Keine schlechte Idee, nicht nur wegen möglicher Sprachbarrieren, sondern auch vor dem Hintergrund, dass es auf Baustellen oft laut ist oder man über größere Distanzen miteinander kommunizieren muss.

Ob es etwas Ähnliches auch in Deutschland gibt, konnte ich nicht ergoogeln. Die Baustellenverordnung sagt nur: „Die Arbeitgeber haben die Beschäftigten in verständlicher Form und Sprache über die sie betreffenden Schutzmaßnahmen zu informieren.“ (§5, Abs. 2) Erläutert wird die Vorschrift so: „Wesentliche Informationen sind zu übersetzen, wenn in anderer Form eine Verständigung nicht gewährleistet ist. Zu den verständlichen Formen der Information können z. B. Bilder, Piktogramme, praktische Unterrichtung am Arbeitsplatz und arbeitsplatzbezogene Demonstrationen gehören.“

Von Gebärden zur Kommunikation bei der Arbeit ist also nicht die Rede, wohl aber von der Information durch den Arbeitgeber – und auch hier greift man bei Bouwspraak auf Mehrsprachigkeit, Bilder und Piktogramme zurück.

Worauf man auf niederländischen Baustellen offenbar auch oft zurückgreift, ist das Deutsche. In dem Artikel auf aannemervak.nl liest man: „Duits is niet zelden de voertaal op de bouwplaats.“ Wie kommt das? Dazu kann es verschiedene Erklärungen geben. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind aus Deutschland viele Fachkräfte im Handwerk ausgewandert in Länder, wo es Arbeit und gute Löhne gibt. Ziele waren oft die Schweiz und Österreich, Skandinavien, Großbritannien, aber auch der Benelux-Raum. Allerdings dürfte die Präsenz von Deutschen auf niederländischen Baustellen nicht so enorm sein, dass sie dort sprachlich dominieren.

Vermutlich kann man eher einen Sekundäreffekt beobachten. In Deutschland arbeiten in der Baubranche viele Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa, ebenso in den Niederlanden. Es kann sein, dass ein bedeutender Anteil zunächst in Deutschland gearbeitet hat und dort für die Verständigung zwischen den verschiedenen Sprachfamilien –  Polnisch, Ungarisch oder Rumänisch usw. – lernte man Deutsch. Möglicherweise Baustellendeutsch, mit vielen Wendungen und Begriffen, die für die Arbeitsumgebung relevant sind. Wer dann eine neue Arbeit noch weiter westlich fand, nahm die Gewohnheit zur Verständigung, die inzwischen eingeübte Fachsprache einfach mit.

Zur Fachsprache des Branchenportals aannemervak.nl scheint übrigens auch ein interessanter Umgang mit Singular und Plural zu gehören. Das beginnt mit dem oben zitierten Satzteil: „veiligheidsgebaren die voor betere en eenduidige communicatie moet zorgen”. Das ist wohl ein Versehen, bei dem die Kongruenz verrutscht ist. Ungewöhnlicher ist aus deutscher Perspektive eher diese Frage:

Maar wie werken er op de bouw?

Wer-Fragen ziehen auf Deutsch immer einen Singular nach sich. Auf Niederländisch dagegen kann hier auch ein Plural stehen, wenn nach einer Gruppe gefragt ist bzw. wenn die erwartete Antwort wahrscheinlich auch im Plural stehen wird. Umgekehrt setzt das Branchenportal wiederum dort einen Singular, wo es ganz offensichtlich um mehrere Menschen geht:

Als ik kijk naar mijn bedrijf, komt het voor dat er soms 15 man aan het werk is.

Mann als Plural ist auch im Deutschen geläufig. Dabei muss das Verb dann aber ebenfalls im Plural stehen. Im Niederländischen findet man dagegen problemlos Belege wie diese:

Er is 20 man ingeschreven. (bron)

Es sind 20 Mann angemeldet.

Er is 15 man nodig geweest om hem te kalmeren. (bron)

Es waren 15 Mann nötig, um ihn zu beruhigen.

Gängig sind auch hier Formen wie er zijn 15 man nodig, möglicherweise werden viele die Beispiele mit dem Singular sogar für ungrammatisch halten. Aber offenbar ist gelegentlich die Form man stärker als sogar das eindeutige Zahlwort, das für einen Plural sorgen müsste.

Bei aller Vorliebe des Deutschen für den Plural ist eines trotzdem klar: Ein einziges wasserdichtes Dach über dem Kopf würde uns für unser Uni-Gebäude eigentlich genügen.


*Mit Dank an Cefas van Rossem (Meertens Instituut) für die Entdeckung!

Applied Linguistics across Borders – Truus De Wilde in Berlijn

Van tijd tot tijd wordt ons gevraagd om voor een ander medium te schrijven. We laten onze bloglezers graag de tekst lezen die in het Infobulletin van Anela verscheen.

Truus De Wilde is docent Nederlands aan de Freie Universität Berlin. Ze woont sinds 2010 met haar gezin in de stad, en promoveerde in 2018 bij Matthias Hüning op een sociolinguïstisch thema. Een thema dat alle medewerkers aan het Institut für deutsche und niederländische Philologie verbindt, is het opleiden van studenten tot kritische geesteswetenschappers. Dat doen we onder meer door het integreren van recent eigen onderzoek in het onderwijs.

Nieuwsgierig onderzoeken

Niets zo ingewikkeld, of door onderzoek kan het tot klaarheid worden gebracht, zo liet de Romeinse dichter Terentius al optekenen. Voor mij is de kloof tussen lesgeven en onderzoeken onbestaande. Net de nieuwsgierigheid van de onderzoeker moet je de studenten meegeven, het voortdurende ontdekken, het steeds opnieuw zekerheden in vraag stellen.

Dat de neerlandistiek daar een heel belangrijke rol op zich neemt, is niet onlogisch, omdat het Nederlands bij uitstek een taal is die er zich in het midden van Europa, in het midden van de Germaanse talen toe leent om samenhang en structuren te ontdekken. Studenten, zeker zij die ook goed Duits spreken, moeten niet ongereflecteerd regels leren, maar ontdekken waar een regel vandaan komt.

Terwijl de neerlandistiek in haar eigen taalgebied geleidelijk aan implodeert, omwille van absurde mercantiele argumenten, staat ze extra muros haar mannetje. Hier wordt het Nederlands absoluut niet beschouwd als een kleine taal, maar als een werktuig: taal als een zich steeds ontwikkelende bepalende factor in de samenleving, taal om te gebruiken om gereflecteerd plannen te maken voor de toekomst. Of het nu om mijn onderzoeksgebied ideologie & variatie, om morfologie of om pragmatiek gaat, het kadert allemaal in het grotere geheel van taal in de maatschappij.

Truus in de klas (Ljubljana, oktober 2016) (Foto: Anita Srebnik)

Van nationale filologie naar transnationale benaderingen

Daarom ben ik ook heel trots om mee aan de wieg te staan van de nieuwe studierichting “Sprache & Gesellschaft” aan de Freie Universität. Het gaat daarin niet alleen om het begrijpen van de samenleving op basis van taal, maar ook om het actieve argumenteren tegen een gevaarlijk nationalistisch denken dat in het laatste decennium steeds sterker de kop opstak. De universiteit moet de plaats blijven waar men zich niet terugplooit op zichzelf, maar de transnationale effecten ziet. Als Theresa May de tijdsgeest verwoordt als: ‘a citizen of the world is a citizen of nowhere’, moet een hele generatie studenten kunnen counteren. De idee dat er ooit monoculturaliteit was, waar we nu romantisch aan kunnen terugdenken, is een illusie. Voorbeelden zat in de Europese kunst – en literatuurgeschiedenis, en in talen overal ter wereld. Maar ook hier geldt de wijsheid van Johan Cruijff: Je gaat het pas zien als je het door hebt. Ook de idee dat de taal bevrijd moet worden van vreemde invloeden, is tenslotte niet nieuw.  

In de klassen van mijn kinderen is meertaligheid de norm en ik merk elke dag hoe dat ons leven rijker maakt, hoe zij leren verbanden te leggen en analytisch te denken, hoe zij ervan uitgaan dat er ook een wereld is buiten hun eigen bubbel. Ik weet dat ik bevoorrecht ben om te mogen onderzoeken en doceren in Berlijn, de stad die echt multicultureel en meertalig is. Zoals in veel grootsteden kan het wel eens botsen, maar omdat heel de wereld naar hier komt, komen ook al die achtergronden mee. Wat normaal is of gebruikelijk, wordt steeds opnieuw tegen het licht gehouden, en maakt ook regelmatig plaats voor een nieuwe, andere visie.

Taalbewustzijn en taalvariatie

Een Vlaamse slaviste in de Berlijnse neerlandistiek – ik timmer aan een ongebruikelijke weg binnen de academische wereld. Het brengt een eigen perspectief mee dat ook door de collega’s steeds als een verrijking geduid wordt. Voor mijn promotieonderzoek heb ik taalideologieën van docenten Nederlands aan Europese universiteiten in kaart gebracht. Het is een etnografisch onderzoek dat ons leert dat de ideeën over taal een belangrijk rol spelen in de manier waarop we taalverwervingslessen organiseren, én dat duidelijk maakt dat de taalklas een plaats is waar taalideologieën aan een volgende generatie doorgegeven worden. In de loop van het jaar verschijnt mijn boek “Over taalbewustzijn & taalvariatie” in de reeks Lage Landen Studies.

De conclusie kan ik alvast hier meegeven: als we blijven inzetten op nieuwsgierige, goede onderzoekers en docenten aan de universiteiten, heeft dat een duidelijke multiplicatiefactor. Misschien betekent dat voor de neerlandistiek wel dat we vanuit het buitenland ook de neerlandistiek intra muros nieuw leven in kunnen blazen.

1+1=Brüssel

Am kommenden Sonntag, 26. Mai wird gewählt*, und zwar nicht nur das Europaparlament, sondern in Belgien auch das föderale Parlament und die Parlamente der Gemeinschaften und Regionen. Es gibt also viel zu entscheiden für die belgischen Wahlberechtigten.

Pünktlich zum Wahlkampf hat man in Belgien die Sprachpolitik wiederentdeckt, beispielsweise im Bildungssystem von Brüssel. Dort bestehen im Prinzip zwei Schulsysteme nebeneinander, jeweils getragen von der flämischen und der frankophonen Gemeinschaft. Die Strukturen simulieren einen Zustand, als würden zwei einsprachige Communities getrennt in der Stadt nebeneinanderher leben. Dass das immer weniger der Realität entspricht, versteht man natürlich auch in der Politik und man hat schon einige Möglichkeiten für mehrsprachige Bildung eingerichtet. Aber die mühsam ausgehandelten politischen Grundstrukturen lassen sich nicht so leicht umformen.

Um die Qualität des mehrsprachigen Unterrichts zu verbessern, kam jetzt ein Vorschlag vom Brüsseler Spitzenkandidaten der Christdemokraten für das flämische Parlament: Der Sprachunterricht sollte nur noch von Lehrkräften erteilt werden, die jeweils muttersprachliche Kenntnisse haben, etwa mit einer Art Austausch zwischen frankophonen und niederländischsprachigen Schulen innerhalb von Brüssel. Das ließe sich innerhalb der Stadt mit relativ kurzen Wegen praktisch lösen.

Nicht alle Schulen in Brüssel sind so elegant wie das Lycée Émice Jacqmain direkt neben dem Europaparlament. (F. Romero, CC-BY 2.0)

Klingt auf den ersten Blick gut und logisch. Auch in anderen Bereichen des Sprachenlernens, an Universitäten, Sprachschulen usw. gilt es als Qualitätsmerkmal, muttersprachliche Lehrkräfte zu haben, und die Lernenden fordern das oft selbst ein oder bewerten es zumindest positiv. Bei näherem Hinschauen steckt dahinter eine Denkweise, die in der Soziolinguistik native speaker ideology genannt wird:

Die ‚authentische‘ und ‚legitime‘ Sprachform schreibt man denjenigen zu, die diese Sprache von Kind auf erworben haben. Sie dürfen entscheiden, was ‚gute Sprache‘ ist, was ‚echt‘ und ‚natürlich‘ wirkt. Wer eine Sprache lernt, möchte so weit wie möglich genau diese ‚natürliche‘ Sprache lernen. Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass man ein ganz anderes Sprachgefühl hat, wenn man von klein an die Sprache kennt und benutzt.

Aber ist das wirklich die wichtigste Qualifikation für die Fremdsprachenlehre? Mindestens ebenso wichtig sind didaktische Kenntnis, Lehrerfahrung, kritisches Sprachbewusstsein. Und gerade letzteres haben auch viele nicht-muttersprachliche Lehrkräfte. Man kann kaum überschätzen wie zentral es ist, sich bei der Lehre in den Denkprozess und die Erfahrungen der Lernenden hineinzuversetzen. Wer diesen Prozess und diese Erfahrungen selbst schon einmal durchgemacht hat, kann sie auch im Unterricht nachvollziehen.

Das symbolische Signal an Kinder und Jugendliche wäre bei einer solchen Regelung ziemlich unschön. Ihnen würde gezeigt, dass es Menschen gibt, die legitim die Sprache vertreten dürfen, während andere als weniger legitime Sprecher*innen gelten. Die Vorstellung, dass ich mir auch im Jugend- oder Erwachsenenalter eine Sprache zueigen machen kann, sie als meine Sprache annehmen kann, wird damit erschwert.

Wie so oft kommt hier im Wahlkampf eine Lösung zum Vorschein, die simpel und plausibel wirkt, aber nicht zu Ende gedacht ist. Der Denkrahmen bleibt leider immer noch in der binären belgischen Logik stecken: hier frankophon, da niederländischsprachig; hier Muttersprache, da nicht. In Brüssel darf zwar beides gemeinsam vorkommen, vielleicht gar gleichzeitig – aber trotzdem fein erkennbar sortiert. Zwischenstufen oder Alternativen sind in dieser Logik schwer zu erfassen.

Wo beginnt überhaupt „muttersprachliche Kenntnis“? In Brüssel und in vielen anderen Regionen der Welt besuchen viele Kinder ab jüngstem Alter inzwischen Schulen oder schon Kindergärten mit Immersionsunterricht, bei dem die Schulsprache nicht die Familiensprache ist. Wird man diese Kinder später als Muttersprachler*innen einstufen, wenn sie Lehrkräfte werden?

Ideal wäre es, wenn an den Schulen das Kollegium so divers zusammengesetzt wäre, wie die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler. Die haben nämlich oft mehrere Muttersprachen, bei manchen gehört dazu schon jetzt Niederländisch und Französisch, bei anderen keines von beiden. Da wäre es ein Anfang, wenn die Politik sich von der Vorstellung lösen könnte, dass es ein ‚eigentliches‘ Niederländisch oder Französisch gibt und wer das vermitteln soll.


*Nur damit niemand den Termin verpasst: In den Niederlanden findet die Europawahl schon morgen, am 23. Mai statt, wie auch in Großbritannien (sonntags ist offenbar den Reformierten in den Niederlanden eine Wahl nicht zuzumuten). Ein paar Länder wählen am 24. oder 25. Mai, die meisten – darunter Belgien und Deutschland – am 26. Mai.

Auf zum Songfestival nach Niederlande!

Seit 1975 mussten die Fans in den Niederlanden warten, bis der Eurovision Song Contest wieder von einem Lied aus ihrem Land gewonnen wurde. Dieses Jahr in Israel war es endlich soweit und die Gewinnerin aus dem Vorjahr betätigte sich zum zweiten Mal als Ortsorakel:

Letztes Jahr lud Netta nach ihrem Sieg alle nach Jerusalem ein. Der Wettbewerb fand dann in Tel Aviv statt. Nun gratulierte sie Duncan Laurence und verkündete, dass man sich kommendes Jahr in Amsterdam wiedersehen werde. Ob das stimmt? In einigen anderen Städten wird man sicher auch die Hand heben. Schon zweimal war Den Haag Austragungsort, und 1958 war es Hilversum– dort sitzt der niederländische Rundfunk (damals passte die Veranstaltung noch in ein Fernsehstudio).

Duncan Laurence auf der Bühne in Tel Aviv. (M. Fjellanger, CC-BY-SA 4.0)

Eines ist sicher: Stattfinden wird der Wettbewerb in den Niederlanden. Oder in Netherlands? Vor einiger Zeit haben wir hier in unserem Blog schon einmal die Diskussion um den Wandel von Artikeln bei Ländernamen geführt. Einer unserer treuen Leser schrieb damals, er halte es für unwahrscheinlich, dass man in naher Zukunft sagen würde „Ich war in Niederlande“. Der Eurovision Song Contest (of all things!) gibt vorsichtigen Anlass, das doch für möglich zu halten.

Man findet schon jetzt im Internet Belege wie diese:

Diese Punkte hat Niederlande 2019 erhalten. (offizielle Webseite der Eurovision)

Grund für die hohen Punktzahlen in Niederlande, Belgien usw. sei das „Diasporavoting“ der vielen dort lebenden Armenier. (Fanwebseite)

Nun sind das natürlich Beispiele, die nicht unbedingt auf tiefgreifenden Sprachwandel hindeuten, weil sie durch die Parallele in der Satzstruktur (zweites Beispiel) oder wahrscheinlich durch automatisch erstellte Textvorlagen (erstes Beispiel) erklärbar sind. Da bei anderen Ländernamen meist kein Artikel steht, verschwindet er in vorgefertigten Strukturen auch bei den Niederlanden. Allerdings ist genau das manchmal ein Impuls für Sprachwandel: die Analogie.

Auch im Englischen findet man ähnliche Beispiele:

Eurovision 2020 will be held in Netherlands in May. (Fanwebseite)

Während der Punktevergabe in Tel Aviv sagten mehrere der zugeschalteten Moderator*innen aus den verschiedenen europäischen Ländern: „Twelve points go to Netherlands“. (Früher hörte man oft „twelve points goes to“ – es scheint sich inzwischen herumgesprochen zu haben, dass sich daran viele stören.)

Weder im Deutschen noch im Englischen fällt aber das –e bzw. –s am Wortende der Niederlande weg. Das Substantiv behält die Form, die es aus dem Plural hatte, auch wenn es wie ein Ländername im Singular behandelt wird. Ungefähr so wie die relativ häufige Variante „The United States is committed to…“, nur zusätzliche ohne Artikel.

Ob sich solche Strukturen weiter verbreiten, oder ob sie auf einzelne Fälle mit auffälligen Analogien begrenzt bleiben, das können wir vielleicht im nächsten Jahr genauer beobachten, wenn … ja, was eigentlich stattfindet?

Fud Leclerc trat 1958 in Hilversum für Belgien an. Man beachte die gigantische Bühnenkonstruktion. (H. Pot/Anfeo, CC-0)

Die Veranstaltung hat selbst verschiedene Namen hervorgebracht. Lange Zeit nutzte man im Deutschen den französischen Begriff Grand Prix Eurovision de la Chanson, jedenfalls wenn man eine offizielle Bezeichnung nutzen wollte. Das führte irgendwann dazu, dass der Name nur noch ironisch vernuschelt wurde, weil er mit all seinen Nasalen schlichtweg unaussprechbar war. Seit einiger Zeit hat sich deshalb der Eurovision Song Contest durchgesetzt (für eingefleischte Fans nur: „der ESC“). Im Französischen selbst hält man dagegen weiterhin recht konsequent am Concours Eurovision de la Chanson fest. Warum es kein Grand Prix mehr ist (oder war es dort nie einer?), bliebe zu klären. In Skandinavien spricht man häufig vom Melodi Grand Prix, kurz MGP (in Dänemark und Norwegen) oder vom Melodifestivalen (in Schweden). Diese Bezeichnungen werden aber zunehmend nur noch für die nationalen Vorentscheide benutzt, während man für den internationalen Wettbewerb Eurovision Song Contest auf Englisch übernommen hat. Der niederländische Sprachraum ist soweit ich sehen kann der einzige, der relativ konsequent einen anderen englischen Begriff benutzt, nämlich songfestival, manchmal auch als Riesenkompositium eurovisiesongfestival.

Zumindest die kurze Form ist auf jeden Fall noch viel praktischer als Eurovision Song Contest und erst recht einfacher zu hantieren als Grandprixeurovisiondelachanson. Vielleicht spricht ab dem nächsten Jahr dann ganz Europa vom Songfestival, wenn es in Niederlande stattfindet.

Der/die/das Bakfiets

In den Niederlanden ist er schon lange zu beobachten: der Trend zum (oder zur?) bakfiets. Wörtlich übersetzt ist das ein „Kistenfahrrad“. Das Van Dale-Wörterbuch umschreibt es mit „drie­wie­ler met een bak (vóór de be­stuur­der), be­stemd voor het ver­voer van niet te gro­te vrach­ten of kin­de­ren“. Neben diesem klassischen Dreirad mit Transport-Kiste vor dem Lenker, gibt es bakfietsen auch mit zwei Rädern, und der Elektromotor wird immer mehr zum Standard.

Bakfiets

bakfiets.nl

Das Wort haben wir in Deutschland – zusammen mit den Rädern – ab ca. 2005 aus den Niederlanden übernommen, als Markenname (vgl. bakfiets.nl), dann aber auch immer öfter als Gattungsname. Für einige SprecherInnen des Deutschen scheint fast jedes Lastenrad ein(e) Bakfiets zu sein.

Bezüglich des Wortgeschlechts sind wir uns im Deutschen nicht so ganz sicher. Ist es das oder der Bakfiets? Oder vielleicht doch die Bakfiets? Alle drei Varianten kommen vor, aber für mich ist es klar die Bakfiets. Mit meiner Präferenz fürs Femininum scheine ich allerdings in der Minderheit zu sein, wie eine kurze Befragung der KollegInnen ergab. Daher habe ich gestern die Schwarmintelligenz bemüht und Twitter gefragt. An dieser Twitter-Umfrage haben 1002 Leute beteiligt. Toll! Das Resultat: das Bakfiets liegt mit 42% ganz knapp vor der Bakfiets (mit 41%). Deutlich abgeschlagen ist mit 17% die weibliche Variante.

Einige Anmerkungen hierzu: Bei den ersten 200 Votes, lag zunächst das Neutrum klar vorne (mit ca. 75%). Dann wurde meine Umfrage von mehreren NiederländerInnen geteilt und der Wert für der Bakfiets schoss in die Höhe. Das ist interessant. Es sagt zwar nicht so sehr viel über das Deutsche aus, aber wohl darüber, wie über Sprache gedacht wird. Wir suchen ständig nach ‚logischen Erklärungen‘ für sprachliche Phänomene bzw. nach Erklärungen, die für uns eine gewisse Logik besitzen.

Viele NiederländerInnen (das kann man den  Antworten und Kommentaren zur Umfrage entnehmen) waren der Meinung, dass das Wort auf keinen Fall Neutrum sein kann, weil es ja im Niederländischen ein ‚de-Wort‘ ist (in dieser Kategorie sind im Niederländischen Maskulinum und Femininum zusammengefallen). Wenn man in einem Text auf das Wort verweist, dann zeigt sich im Niederländischen aber noch das Maskulinum: Ik heb een nieuwe fiets. Hij staat om de hoek. (Wörtlich: ‚Ich habe ein neues Fahrrad. Er steht um die Ecke.‘). Daher, so die Logik vieler MuttersprachlerInnen des Niederländischen, muss es auch im Deutschen Maskulinum sein, denn „das Wortgeschlecht wird bei Lehnwörtern mitentlehnt“ (so schreibt ein Twitterer in einem Kommentar). Das mag zwar logisch erscheinen, es stimmt aber nicht.

Wenn wir Fremdwörter entlehnen, dann gibt es diverse Kriterien, die für die Zuweisung des Genus eine Rolle spielen. Das Genus in der Ursprungssprache ist nur eines dieser Kriterien und oft nicht einmal das wichtigste. Die deutsche Vorliebe fürs Neutrum erklärt sich im Fall von Bakfiets wohl vor allem aufgrund der Analogie zu das Fahrrad. Auch wenn es für viele der NiederländerInnen, die die Umfrage kommentiert haben, sehr falsch klingt: für die meisten Deutschen dürfte es wohl das Bakfiets sein.

Häufig sehen wir in der ersten Phase der Verwendung eines Lehnwortes gewisse Schwankungen, die sich manchmal auch verfestigen können. Man denke hierbei z.B. an E-Mail, nach anfänglicher Schwankung zwischen Neutrum und Femininum jetzt in Deutschland klar ein feminines Wort (die E-Mail), in der Schweiz aber Neutrum (das E-Mail). Und auch bei vielen anderen Lehnwörtern gibt es Doppelformen (der Blog und das Blog usw.). Sprachvergleichend sind in diesem Zusammenhang auch Wörter wie Auto interessant, die wir sowohl ins Deutsche (das Auto, Neutrum) als auch ins Niederländische (de auto, Maskulinum) übernommen haben.

Bleibt die Frage, warum sich für mich persönlich die Bakfiets besser anhört als die beiden anderen Varianten. Ich komme ursprünglich aus dem westlichen Münsterland, und da ist die Fiets eine durchaus gängige Bezeichnung für ein Fahrrad. Auch im Westmünsterländischen Platt ist fiets(e) das (weibliche) Wort für ‚Fahrrad‘ (vgl. Wörterbuch der westmünsterländischen Mundart). Am Niederrhein ist Fiets ebenfalls ein gängiges Lehnwort, und auch dort ist es in der Regel weiblich (wie aus diversen Kommentaren zur Umfrage hervorgeht). Und da übernehmen wir dann das Genus auch für die Zusammensetzung: die Bakfiets.

Dass das Wort Fiets entlang der Grenze zum niederländischen Sprachraum als Femininum verwendet wird, ist kein Wunder: auch im Niederländischen war es schließlich um 1900 zunächst ein feminines Substantiv, wie ein Blick in das Woordenboek der Nederlandsche Taal (WNT) zeigt. Dass es heute in den Niederlanden meist als Maskulinum gesehen wird, ist eine neuere Entwicklung.

Auch nach meiner kleinen Twitter-Umfrage und auch mit all diesen zusätzlichen Infos wissen wir jetzt also immer noch nicht eindeutig, welches Geschlecht Bakfiets denn nun im Deutschen hat. Aber zumindest kann man jetzt vielleicht etwas besser nachvollziehen, warum das nicht so klar ist.

Übrigens: Auch beim Plural zögern einige SchreiberInnen, und man findet neben Bakfietsen auch drei Bakfiets, also eine Pluralform, die identisch mit dem Singular ist (wie bei Messer oder Kabel).

Verbakfietsisierung

Man sieht diese Bakfietsen jetzt überall in Berlin, und sie werden immer schicker (und dank Motor auch immer schneller). Sobald das erste Kind unterwegs ist, fängt man in Kreuzberg und Neukölln an, sich über Bakfietsen zu informieren, um spätestens beim zweiten Kind ein solches Rad zu erwerben. In Dahlem fährt die Mutter ihre Kinder im Cayenne zum Tennis, in Neukölln sind Bakfiets-Eltern des hippe Pendant. Daher ist es auch kein Wunder, dass der Bezirk Neukölln jetzt die ersten Lastenrad-Parkplätze eingerichtet hat.

In Neukölln / Quelle: ADFC

Für Wouter Meijer, ehemaliger Berlin-Korrespodent für den niederländischen Rundfunk, Anlass, in einem Tweet das schöne Verb verbakfietsen zu verwenden: „Berlijn verbakfietst ook“, schrieb er. Ein recht neues niederländisches Wort, das wir auch im Deutschen gut gebrauchen könnten: Neukölln verbakfietst. Oder, noch besser, wir nehmen gleich noch ein paar Suffixe dazu und machen daraus ein schönes Substantiv: die Verbakfietsisierung Neuköllns.

Im Juli 2018 hat Lars Weisbrod in der Zeit seinen „Wutausbruch“ über das „Radfahren als Klassenkampf von oben“ veröffentlicht. Da regt er sich auch über die Lastenräder auf: „Kein Wunder, dass das Bakfiets in Städten wie Rotterdam bereits zum verhassten Symbol der Gentrifizierung geworden ist.“

Soweit sind wir noch nicht, aber der Trend zum Fahrrad hat halt auch in Berlin Konsequenzen für das Straßenbild. Es wird bunter (grüne und rote Radwege; grüne Punkte in der Bergmannstraße), überall stehen (und liegen) Leihfahrräder herum, neue Fahrradstraßen entstehen, und die Verpollerung der Stadt scheint unaufhaltsam und unumgänglich, da wohl nur durch Poller geschützte Radwege die AutofahrerInnen wirklich davon abhalten, eben diese Radwege zuzuparken. Und neben vielen neuen Fahrradstellplätzen kommen jetzt also die ersten Parkplätze speziell für Bakfietsen. Man darf gespannt sein, wie (und wo) die neue Lust am Fahrrad sich als nächstes bemerkbar macht, im Straßenbild, aber auch in der Sprache.

Europasprache Niederländisch

“Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen!” Vor einigen Jahren prägte der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Kauder diesen ebenso unsympathischen wie unzutreffenden Satz im Zusammenhang mit der Sparpolitik vor allem in Südeuropa.

Auch nach dem Brexit dürfte in der EU das Englische wichtig bleiben, aber die heimliche Hauptsprache der Europapolitik ist ganz offenkundig Niederländisch. Ende des Monats ist Europawahl (HINGEHEN!) und momentan präsentieren sich im Wahlkampf die Spitzenkandidat*innen der europäischen Parteien. Wo man hinschaut, ständig stehen auf der Bühne Personen, die Niederländisch als Muttersprache haben.

Frans Timmermans (l.), Bas Eickhout (2.v.r.), Guy Verhofstadt (r.) (politico.eu)

Für die Sozialdemokratische Partei will Frans Timmermans Kommissionspräsident werden (er ist momentan Vizepräsident der Kommission).

Für die Grünen tritt als Co-Spitzenkandidat Bas Eickhout an; er ist Europaabgeordneter von GroenLinks. (Ebenfalls um die Spitzenkandidatur der Grünen bewarb sich Petra De Sutter aus Flandern, die allerdings nicht gewählt wurde.)

Im siebenköpfigen Spitzenteam der Liberalen ist einer der bekanntesten Köpfe Guy Verhofstadt, ehemals belgischer Premierminister und jetzt Vorsitzender der Fraktion im Europaparlament.

Zusammen genommen decken die drei Politiker einen großen Teil des niederländischen Sprachraums in Europa ab: Verhofstadt ist in Dendermonde geboren und in Gent aufgewachsen. Eickhouts Geburtsort ist Groesbeek direkt an der deutschen Grenze, zur Schule ging er in Tilburg, dann studierte er in Nijmegen. Timmermans ist in Maastricht geboren, wuchs aber in Brüssel auf (und in Rom, das zugegebenermaßen knapp außerhalb des Sprachgebiets liegt).

Was fehlt, ist der Norden und Nordwesten des Sprachraums, von Groningen über Friesland bis Holland. Hört man den Politikern zu, entdeckt man vor allem viel zachte g und wenig Gooise R. Vielleicht ein Vorzeichen für künftige politische Zusammenarbeit? Wer sich sprachlich so einig ist, sollte doch auch politisch miteinander zurechtkommen.

Allerdings muss man sich gerade jetzt im Wahlkampf ziemlich anstrengen, die drei Kandidaten überhaupt Niederländisch sprechen zu hören. Wie viele Niederländer verhält sich Bas Eickhout: Er spricht einfach überall Englisch, außer zuhause. Guy Verhofstadt tut das auch oft, und auf Englisch kann er sich am besten in Rage reden. Aber wenn es passt und er vorbereitet ist, hört man von ihm auch einmal ein bisschen Deutsch oder Französisch (Belgitude oblige). Trotz Schulzeit in Gent hat er im Niederländischen noch das Zungenspitzen-R behalten (vielleicht eine Generationenfrage), das er auch mitnimmt ins Deutsche, aber nicht ins Französische.

Noch mehrsprachiger ist allerdings Frans Timmermans. Ihm kann man zwanglos zuhören auf Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch – und auch auf Russisch (z.B. in einem älteren Video, in dem er seine Mehrsprachigkeit gnadenlos als Werbemittel einsetzt).

Das ist sicherlich beeindruckend, aber ob es bei der Wahlentscheidung weiterhilft? Ein wenig kommt es schließlich auch darauf an, was jemand zu sagen hat und nicht unbedingt, in welcher Sprache. Und prominente, innovative Vorschläge zu Sprachpolitik und Mehrsprachigkeit in der EU hat man von keiner der europäischen Parteien in letzter Zeit vernommen, weder auf Niederländisch noch auf Deutsch oder Englisch.