Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Gebruiksaanwijzing: Saarland

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: An diesem Donnerstag und Freitag ist das niederländische Königspaar zu Besuch im Saarland. (Und auch in einem anderen Bundesland nebenan – wie hieß das noch?) Da wir fest davon ausgehen, dass Willem-Alexander und Máxima regelmäßig unser Blog lesen, haben wir ein paar Handreichungen zusammengestellt, damit der Besuch mit seinem reichhaltigen Programm reibungslos verläuft. Denn eines ist sicher: Deutschkenntnisse alleine werden nicht ausreichen.

 

Empfehlung 1:

Vorsicht mit „dat“ und „das“

 Wer Niederländisch als Muttersprache hat, rutscht beim Deutschsprechen manchmal kurz aus und baut versehentlich doch eine niederländische Form in den Satz ein. Beim „dat“ passiert das schnell, weil es so ein unscheinbares, oft unbetontes Wörtchen ist. In vielen Dialekten des Deutschen passt das hervorragend, weil man dort auch „dat“ sagt. Das Saarland wird einmal quer von der dat-das-Linie durchzogen, und diese Grenze ist in der Wahrnehmung der Menschen fest verankert. Die offiziellen Besuche Ihrer Majestäten finden beiderseits dieser Grenze statt. Bei den Terminen in Saarlouis und Mettlach ist das „dat“ gerne gesehen, in Saarbrücken und Homburg empfiehlt sich ein sorgfältiges „das“. Völklingen ist für Fortgeschrittene, denn es liegt genau auf der Linie. Beim Besuch im Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte also am besten einfach nur zuhören und staunen, dann geht nichts schief.

 

Völklinger Hütte. (S. Schrotz, CC-BY-SA 4.0)

Empfehlung 2:

Neutrum für Frauen ist keine Majestätsbeleidigung

In den saarländischen Dialekten werden Frauen oft mit einem grammatischen Neutrum bezeichnet: das Erika, das Angelika. Dabei wird der Artikel typischerweise verkürzt zu „es“ oder „et“ (siehe oben, entsprechend der Gebiete für „das“ und „dat“). Es ist also kein Grund zur Sorge, wenn die Königin der Niederlanden liebevoll als „es Máxima“ bezeichnet wird. Unter gender-linguistischen Gesichtspunkten kann man sich natürlich fragen, wie diese grammatische Eigenart zustande kam und welche impliziten Wirkungen sie hat. Eine bewusste Herabwürdigung wird damit im heutigen Sprachgebrauch in der Regel nicht beabsichtigt. Nehmen wir an, jemand sagt: „Heit sinn de Willi unn es Máxima dòò, ich frei mich wie e Atzel!“ Dann meint er damit, dass er Willem-Alexander und Máxima einfach nur de max vindt. (Eine Atzel ist eine Elster, aber Ornithologie steht offenbar nicht auf dem Besuchsprogramm.)

 

Empfehlung 3:

Kurze Antworten auf kurze Fragen sind in Ordnung

 Wer königlich unterwegs ist, muss ständig Konversation betreiben. Da kommen saarländische Kommunikationsgewohnheiten sehr gelegen. Schauen wir uns einen typischen Dialog in Original mit wörtlicher und sinnhafter Übersetzung an:

Unn? En? Leuk om je te ontmoeten. Hoe gaat het?
Jòò. Unn selwa? Ja. En zelf? Heel goed, dankjewel. Ik kan niet klagen. Hoe gaat het met jou?
Aach. Unn dehemm? Ook. En thuis? Ook goed, dank je. En je familie dan, alles in orde?
Ei jòò. Ja zeker. Ja, het gaat goed met iedereen.
Alleh dann! Goed dus! Dat is fijn om te horen. Het was leuk om je weer eens te zien. Tot de volgende keer! Dag!

Wer sich diese Dialogform einprägt, zeigt eine gute Beherrschung der kulturellen Codes und kann obendrein beim Bad in der Menge viel Zeit sparen – das lohnt sich, wenn es anschließend etwas Gutes zu Essen und zu Trinken gibt. Dabei wird dann allerdings viel geredet, und meist auch laut.

 

Neben diesen drei Faustregeln sind ein paar weitere Besonderheiten der Grammatik interessant, die es ausgehend vom Niederländischen im Saarland sogar etwas einfacher machen. Diese Fälle haben wir hier im Blog schon früher behandelt, sie können archiviert nachgelesen werden:

  • Heißt es „het Saarland“ oder nur „Saarland“? (Archiv)
  • Darf es noch ein „dat“ oder „das“ zusätzlich sein? (Archiv)
  • Wer etwas vertellen will, kann es einfach verzählen. (Archiv)
  • Rode of groene volgorde? Of toch iets anders? (Archiv)

 

Zum Schluss noch ein paar nützliche Vokabeln mit dem wichtigsten Grundwortschatz für den Besuch:

de Keenich de Koning
die Keenichin de Koningin
Keenichs de Koninklijke familie, het Koninklijk Huis
Meins de Koningin (enkel voor de Koning)
Meiner de Koning (enkel voor de Koningin)
Wie schreiwe Sie sich? Wat is uw naam?
Oh leck wie scheen! Hann Se das selwer gemach? Wat mooi! Hebt u dat zelf gemaakt?
Geh, sei so gudd, zappsch mer noch enns, gell? Mag ik nog een pilsje?
Hann Sie de selwe Friseer wie mei Mudder? Bent u bij dezelfde kapper als mijn moeder?

 

Mit diesen Handreichungen dürfte nichts mehr schiefgehen. Damit wünschen wir Keenichs einen angenehmen Besuch im Saarland (und nebenan in… Dings). Alleh dann!

Trainer auf Rädern

Das Jahr 2018 habe ich zu meinem persönlichen Mottojahr „Habsburg“ erklärt. Im Dienste der Linguistik durfte ich im vergangenen Frühjahr nach Bozen in Südtirol reisen, um an einem Workshop zur historischen Mehrsprachigkeit teilzunehmen. Im August war das Colloquium Neerlandicum in Belgien, kurz darauf die International Conference on Sociolinguistics in Budapest – und zum Abschluss nun in der vergangenen Woche das Treffen der deutschsprachigen Niederlandistik in Wien.

In Ungarn brütete ich längere Zeit über der Frage: Welche sprachlichen Verbindungen gibt es eigentlich zwischen Niederländisch und Ungarisch? Unter den europäischen Sprachen ist das Ungarische ja eine der „exotischeren“. In der Grammatik oder Aussprache wird man wegen der geographischen Distanz wahrscheinlich kaum direkte Kontakte finden. Beim Wortschatz sieht das schon anders aus, aber auch hier sind die Angaben der uitleenwoordenbank relativ bescheiden. 56 Wörter werden aufgelistet, die eine ungarisch-niederländische Geschichte haben. Die allermeisten wurden zwischen den beiden Sprachen über das Deutsche vermittelt. Darunter sind klischeebeladene Begriffe wie edammer, klompen und polder, natürlich auch die Tulpe.

Bei der Tulpe allerdings kann man ein wenig ins Zweifeln geraten. Sie heißt auf Ungarisch tulipán – und ist damit viel näher am persisch-türkischen Ursprungswort, das auch dem niederländischen zugrunde liegt. Dass Tulpen aus den Niederlanden nach Ungarn gehandelt wurden, liegt nahe. Aber Ungarn stand auch sehr lange unter osmanischem Einfluss. Ob tulipán dann ohne Weiteres als Niederlandismus zu sehen ist?

Fiaker in Wien. (R. Roletschek, CC-BY 3.0)

Ein etwas spannenderes Beispiel konnte ich erst in Wien ausfindig machen, weil man davon dort fast überfahren wird: die Kutsche, de koets. Die gibts in den Niederlanden beispielsweise in einer berühmten goldenen Ausführung, die zum Prinsjesdag gebraucht wird. Die Herkunft des Wortes ist derart faszinierend, dass man unbedingt die packende Geschichte lesen sollte, die dazu in der Etymologiebank zu finden ist. Dort erfährt man, was alles mit dem Wort zusammenhängt: Nicht nur ein von Pferden gezogener Wagen gehört dazu, sondern sogar der coach, der im Englischen inzwischen ein Reisebus geworden ist, von dort aber auch als Trainer wieder in Niederländische gekommen ist. Auf Spanisch ist ein coche einfach ein Auto, so dass man für die Kutsche ein Retronym bilden musst, den coche de caballos – auf Deutsch ist uns die Pferdekutsche auch nicht unbekannt, aber die genauere Bestimmung mit Pferd ist im Grunde überflüssig, weil sich die Motorkutsche nicht durchgesetzt hat.

Und woher das alles? Aus Ungarn. Auf die Herstellung von Kutschen hatte man sich im Ort Kocs nordwestlich von Budapest spezialisiert. Den spricht man [kotʃ] aus, und der Weg zu Kutsche und coach ist dann nicht weit. Das Niederländische kam mit dem [tʃ] am Ende nicht zurecht, weil es so schlecht ins Sprachsystem passt. Viel besser funktioniert das [ts], mit dem auch das heute weitaus relevantere Beförderungsmittel endet: de fiets. Aber das Fahrrad ist nicht nur weniger glamourös, auch seine Wortherkunft ist viel weniger transparent und farbenfroh.

Spitzenkandidaat

Die Gretchenfrage der europäischen Politik lautet derzeit: „Wie hältst du es mit Orbán?“ Die konservative EVP ist auf der Suche nach einem Politiker (keine einzige Frau wird momentan ernsthaft ins Spiel gebracht), der bei den Europawahlen im kommenden Jahr als möglicher EU-Kommissionspräsident ins Rennen gehen soll.

Umstritten ist die Kandidatur von Manfred Weber, weil dessen CSU allzu kuschlig mit der demokratiefeindlichen Politik in Ungarn umgeht. Als Gegenentwurf präsentiert sich nun der Finne Alexander Stubb, wie De Standaard zu berichten weiß. Die Zeitung nutzt dabei einen interessanten deutsch-niederländischen Hybridbegriff für die Funktion, die der Erwählte im Wahlkampf einnehmen soll: Spitzenkandidaat.
Ein Kompositium mit deutscher Großschreibung und einem eindeutig deutschen linken Glied – kombiniert mit der niederländischen Schreibung von kandidaat. Dass Kandidat bzw. kandidaat sprachübergreifend funktioniert, macht die Sache natürlich einfacher.

Woher kommt aber diese Wortschöpfung, die aus dem Deutschen abgeleitet ist? Eigentlich hat das Niederländische doch selbst jede Menge Begriffe, mit denen man wichtige politische Kandidaturen bezeichnen kann, denken wir z.B. zurück an kopstukken und lijsttrekkers. Allerdings passt nichts davon exakt auf den Kontext der Europapolitik. Es gibt keine europaweiten Parteilisten, also wird der Spitzenkandidat kein lijsttrekker sein. Er muss auch nicht unbedingt Vorsitzender der EVP sein, also ist er auch nicht wirklich ein kopstuk im engeren Sinne. Das deutsche Wort Spitzenkandidat ist praktischerweise unspezifisch genug, um auch für die komplizierten Mechanismen der Europawahl zu passen.

Alexander Stubb 2014 beim EVP-Gipfel in Kortrijk. (EVP, CC-BY 2.0)

Und weil der Begriff so praktisch ist, hat ihn nicht nur das Niederländische übernommen, sondern beispielsweise auch das Französische. Natürlich versteht man auch dort, was ein Kandidat ist, selbst wenn man ihn mal nicht candidat schreibt. Manchmal setzt man den Begriff noch in Anführungszeichen, wie Le Monde – dort auch mit Großbuchstaben und damit noch klar als Lehnwort markiert. L’Opinion schreibt den Begriff le spitzenkandidat kursiv, aber schon mit Kleinbuchstaben, angereichert mit einer Übersetzung in Klammern. Die lautet nun allerdings „tête de liste“, was im Prinzip genau einem lijsttrekker entspräche. Ähnlich übernimmt man den Spitzenkandidat in anderen Sprachen komplett, übersetzt ihn aber noch einmal: in Portugal beim Diário de Notícias als „cabeça de lista“ (wörtlich: „Listenkopf“), oder in Polen beim Dziennik als „kandydatem wiodącym“ („anführender Kandidat“).

Auch in niederländischen und flämischen Medien finden sich noch Berichte, in denen der Begriff nicht als komplett vertraut vorausgesetzt wird und mit Anführungszeichen markiert ist, beispielsweise bei der VRT (mit Kleinschreibung) oder bei Trouw (im Plural, wo man gar keinen Unterschied zwischen Deutsch und Niederländisch mehr sieht). Dort glaubt man auch, den Urheber für den Begriff zu kennen: „Dat Duitse woord is gemeengoed geworden sinds toenmalig parlementsvoorzitter Schulz vijf jaar geleden voor introductie van dit systeem pleitte.“

Die Kernfrage dabei ist, was schwerer wiegt: Die erst langsam wachsende Vertrautheit mit dem deutschen Wort Spitzenkandidat, oder die Tatsache, dass überhaupt das Konzept des Spitzenkandidats für die Europapolitik noch nicht selbstverständlich ist? Schließlich dreht sich die Diskussion häufig um die Frage, ob die Europawahl verknüpft werden soll mit zentralen Personen als mögliche Kommissionspräsidenten. Eine Neuerung im politischen Prozess geht also hier einher mit einer Neuerung der Begrifflichkeiten in mehreren europäischen Sprachen. Warum der neue Begriff ausgerechnet deutsch ist, auch darüber kann man nachdenken. Die Flexibilität in der Bedeutung mag eine Rolle spielen, aber so mancher dürfte darin vielleicht auch einen Beleg sehen, dass die EU wieder ein Stückchen deutscher wird.

Relativ neutral umschreibt beispielsweise der schwedische Rundfunk SVT die Begriffswahl: „Med ett tyskt ord kallas detta ”Spitzenkandidat” eller toppkandidat.“ (Mit einem deutschen Wort nennt man dies „Spitzenkandidat“ oder Topkandidat.) Dass überall der deutsche Begriff kursiert, fällt offenbar auf. Und Alternativen gibt es durchaus, aber anscheinend macht trotzdem das deutsche Wort europaweit die Runde.

Da das in manchen Teilen Europas weiterhin Unwohlsein weckt (und weil man sich von Autokraten besser fernhalten sollte), müsste man wirklich nicht unbedingt einen CSU-Politiker zum Spitzenkandidaten machen – ein finnischer spitzenkandidaatti wäre mal was Neues. Nun ist kandidaatti auf Finnisch leider nur ein Begriff für einen Studienabschluss; ein politischer Kandidat ist ein ehdokas. Aber davor müssen Entlehnung und Sprachwandel ja nicht Halt machen – und siehe da: die Boulevardzeitung Ilta-Lehti schreibt längst vom spitzen-kandidaatti.

Fietspomp in Lissewege

LimoWreck, CC-BY-2.5

Lissewege… het ligt niet direct entre les tours de Bruges et Gand – maar het is Vlaanderen ten voeten uit (typisch). Zie die toren, dat katholieke baken; zie hoe het dorp in zijn schaduw bijna verdwijnt…

Lissewege is een bijzonder mooi stadje (niet ver van Brugge) en het heeft een rijk Vlaams verleden. Op het kerkplein staat een standbeeld van Willem van Saeftinghe, die een niet onbelangrijke rol heeft gespeeld in de Guldensporenslag (1302).

Iets verderop bevindt zich het restaurant ’de Goedendag’…

U weet wellicht nog wat een goedendag is? Nee?
Met een goedendag trokken de Vlamingen in 1302 tegen de Fransen ten strijde. En ze versloegen het Franse leger grandioos.

Ik heb in dit restaurant niet gegeten maar ze hebben er vast overheerlijke mosselen met frietjes en zo.

Eveneens op het kerkplein, niet ver van Willem van Saeftinghe, stuit ik op deze openbare fietspomp!

Zo!

Daar kan Berlijn nog een puntje aan zuigen (sich eine Scheibe von abschneiden können).

Einmal Pommes mit Syntax, bitte!

Ende August war es ruhig auf unserem Flur an der Uni: Fast die komplette Niederlandistik war in Leuven zum Colloquium Neerlandicum, der Konferenz der Internationale Vereniging voor Neerlandistiek. Die findet alle drei Jahre statt, immer abwechselnd in Flandern und den Niederlanden – letztes Mal in Leiden, dieses Jahr also in Belgien.

Bei Lüttich (in Wallonien!) hat die ANS sogar einen Bahnhof. (PK)

Das Programm war dichtgepackt, mit Vorträgen aus Sprach- und Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft und Didaktik. Vorgestellt wurde unter anderem ein Mammutprojekt: Die Überarbeitung der Algemene Nederlandse Spraakkunst, kurz ANS. Die Referenzgrammatik des Niederländischen ist schon lange online verfügbar, allerdings muss sie dringend aktualisiert werden. Nicht nur der Forschungsstand hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert, auch die Sprachbeispiele sind zum Teil völlig veraltet: Es ist von Franken und Gulden die Rede, man verschickt noch Telegramme oder Frauen stehen am Herd und schälen Kartoffeln, während Männer Geld verdienen.

Eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen aus beiden Teilen des europäischen Sprachgebiets arbeitet hart daran, die alte Tante ANS ins 21. Jahrhundert zu holen. Leider mit viel zu wenig Förderung und mit einem befristeten Projekt. Ein derart wichtiges Arbeitsinstrument für die Wissenschaft, für Sprachlernende und Lehrkräfte hätte es verdient, dauerhaft und besser ausgestattet zu werden.

Bei so großen Projekten, spannenden Vorträgen und komplizierter Forschung entsteht Energiebedarf. Den deckt man in Belgien einerseits mit bröckelnden Kernkraftwerken, andererseits mit Pommes. Aber wie bestellt man eigentlich korrekt Pommes? Die Frage ist tatsächlich gesamtbelgisch. Neben der Konferenz in Leuven hatte ich die Gelegenheit, auch in Brüssel und in Lüttich vorbeizuschauen – alle Regionen gleichberechtigt abgedeckt, belgische Lösung. Und beiderseits der Sprachgrenze dieselbe Grübelei.

Auf Französisch wunderte ich mich über den Verkäufer, der konsequent von „les moyens“ und „les petits“ sprach. Er bezeichnete die mittleren und die kleinen Portionen konsequent im Maskulinum. (Große kamen nicht vor, denn große Tüten waren alle.) In einer drängelvollen friture kann man schlecht eine Grammatik-Debatte vom Zaun brechen. Also bleibt es vorerst ein Rätsel: les frites ist Femininum, une portion auch. Warum also die maskuline Bezeichnung? Eine mögliche Erklärung wäre le cornet, die Bezeichnung für die spitze Kartontüte, in der man die Pommes oft bekommt. Leider fehlte die Gelegenheit, nach einer Pommesbude zu suchen, bei der die Pommes in viereckigen Schalen (barquettes, f.) oder auf Tellern (assiettes, f.) serviert werden.

Brüsseler Pommes im cornet. (PK)

In Flandern ist die Pommesfrage nicht so sehr an das Genus gebunden, sondern eher an allgemeinere Kommunikationsprinzipien. In einer frituur sind Pommes das Produkt, das fast alle kaufen, vielleicht sogar das einzige im Angebot. Also ist es im Prinzip unnötig, bei der Bestellung explizit zu sagen, dass man Pommes möchte. Aber was sagt man stattdessen? Auf Deutsch kann man vielleicht „einmal mit Ketchup“ bestellen. Een keer geht auf Niederländisch nicht so richtig. Muttersprachler erzählen mir, dass sie beispielsweise een kleintje met… bestellen. (Die Namen der zahllosen Saucen sind ein Vokabelproblem, das noch dazukommt.) Der Diminutiv erledigt nebenbei auch das Genus-Problem, das sich im Französischen gestellt hat. Auch in anderen gängigen Formulierungen bleibt das Produkt meist unausgesprochen. So hat sich sogar schon Wikipedia der Frage angenommen und führt als Bestellgewohnheiten in Belgien an: „een pakje met x of een grote/kleine (friet) met x“. Genau genommen bestellt man also Pommes, ohne Pommes zu bestellen.

Welche dieser Varianten wann bevorzugt werden und warum, dazu müsste man noch mehr Feldforschung betreiben. Das ist wahrscheinlich schlecht für die Linie, aber dafür zum Wohle der Wissenschaft. Denn eins ist klar: Auch in der neuen ANS wird es sicher kein Kapitel zur Pommesgrammatik geben, das man einfach nachschlagen kann.

De wakkere bakker

Evenals vorig jaar was ik in augustus in Brugge op het festival Musica Antiqua. En het waren weer prachtige concerten!
Gelogeerd heb ik uiteraard in de Goezeputstraat. En op weg naar concertzaal of kerk waren mijn ogen op zoek naar taalvariatie en wat dies meer zij (et cetera pp.). Tenslotte ben ik bij de zuiderburen en daar valt altijd wat te ontdekken… deze bakker bijvoorbeeld.

Een wakkere bakker slaapt niet. Integendeel, een echte – warme – bakker wordt lang voor zonsopgang wakker (aufwachen) en gaat aan het werk. Bovendien is een wakkere bakker een flinke (wacker, tüchtig) vent.

Bij de wakkere warme bakker der Bäcker mit eigener Bäckerei) liggen de broodjes, vers uit de oven (ofenfrisch) – niet industrieel voorgebakken dus – warm voor het grijpen.

Als producten als warme broodjes de deur uitvliegen, gehen sie weg wie warme Semmel.

Natuurlijk waren er altijd wel studenten die bij „de warme bakker“ in de lach schoten. Die kregen extra uitleg: het Nederlandse adjectief „warm“ heeft niets met homoseksualiteit te maken.

Deze reclame van een bakker in het Belgische Brugge behoeft (bedarf) geen commentaar! Mooi toch?

Koningsdag in Groningen

von Aniko Schusterius

Ausgefeilte Deko.

Wenn die Läden ihre Schaufenster Orange dekorieren, wenn an den Häuserfassaden Trauben von rot-weiß-blauen Luftballons hängen und wenn an der Universität Pappkronen verschenkt werden, dann ist es wieder soweit. Der alljährliche Koningsdag wird zelebriert.
Für mich war der Geburtstag des niederländischen Königs Willem-Alexander doppelt besonders. Wir haben in Deutschland weder ein Königshaus noch eine vergleichbare Person, dessen Älterwerden die Bürger des Landes so begeistert. Während meines Auslandssemesters in Groningen wurde mir sogar die Ehre zu Teil, die Königsfamilie live zu sehen und mit anderen tausenden Menschen zu bejubeln.

Obwohl der niederländische König erst am 27. April Geburtstag hat, bereitete sich Groningen schon Ende März auf den Feiertag vor. Es begann kaum merklich mit ersten Werbeaufstellern in Supermärkten, die besondere Produkte wie orangenen Hooghoudt (Jenever aus Groningen) oder Glitzergirlanden anpriesen. Es konnten Bonuspunkte bis zum großen Tag gesammelt und im Markt für Fanartikel eingelöst werden.

Sprachspielerische Deko.

Eine ansteigende Aufregung war ab der zweiten Aprilwoche zu spüren. Während meine Dozenten in der Universität jedes Seminar damit begonnen, auf den Besuch der königlichen Familie hinzuweisen, steckten Kommilitonen Nerven und Geld in die Planung von Mottoparties und Bartouren. Die Läden dekorierten mit Puppen des Königspaares ihre Schaufenster, stellten Spruchtafeln auf und legten orangene Teppiche vor den Eingängen aus. Motto-T-Shirts gingen öfter über die Ladentheke, als Stroopwaffeln und Käse. Auch die Studentenverbindungen ließen es sich nicht nehmen, ihre Häuser passend zu gestalten. Als besonders kreativ erwiesen sich die Mitglieder der Verbindung Vindicat, die aus der Hooghoudt-Werbung auf ihrem Dach Hoogheidt machten.

In der dritten April-Woche begannen erste Umbauarbeiten in der Stadt. Bühnenteile wurden angefahren und Hotels und Pensionen klebten rot beschriebene Schilder in ihre Fenster: „Geen kamers tussen 27.4. en 29.4“. Auf dem Wochenmarkt und in den Supermärkten konnte man nun vermehrt Gesprächen lauschen, die sich um so wichtige Themen wie Máximas Kleid und die Wahl von Willem-Alexanders Krawatte drehten. Eine Kommilitonin, mit der ich zum Schreiben von Hausarbeiten verabredet war, hatte statt der Begriffe zur Gedichtanalyse tatsächlich alle 43 Titel des Königs auswendig gelernt – meine Begeisterung darüber hielt sich zu ihrer Überraschung in Grenzen.

Mehr sprachspielerische Deko.

Am Morgen des 23. April ging in der Universität das Gerücht um, dass der gesamte Campus aus Sicherheitsgründen zeitnah gesperrt werden würde. Am Abend des gleichen Tages freute ich mich bereits über die kurzfristig ausgerufene veranstaltungsfreie Woche aufgrund des Sicherheitschecks der gesamten Stadt. Herumstehende Fahrräder wurden aus der Stadt transportiert, Parkverbote und die Entfernung von Mülleimern folgten. So langsam wurde mir klar, dass der Koningsdag in der Kategorie Partysport kein Sprint, sondern ein Marathon ist, denn die Feierlichkeiten begannen bereits in der Nacht vor dem Koningsdag. In meinem Fall feierte ich mit hunderten anderen Menschen vor einer großen Bühne auf dem Vismarkt, Dresscode: Krönchen. Hier wurde niederländisches Musikprogramm geboten und es floss jede Menge Heineken.

Die königliche Familie (hinten, ohne Uniform)

Am Freitag, dem 27. April, stand ich nach einer sehr kurzen Nacht um 10:30 Uhr auf dem Martinikerkhof – Kamera um den Hals, Papierkrone auf dem Kopf. Trotz meiner Größe von über 1,80m gelang es mir nur auf Zehenspitzen den noch größeren Umstehenden über die Schulter zu schauen. Kaum hatte die königliche Familie das nahegelegene Hotel Prinsenhof verlassen, stiegen hunderte Arme mit Handys und Kameras in die Luft. Mir gelang nur ein Schnappschuss aus der Menge heraus. Ein Programm entlang der Route sollte den royalen Gästen einen Eindruck von der Stadt und ihren Einwohnern verschaffen. Konfettikanonen, Kindertanzgruppen, Spitzensportler, Alumni der Universität, Musikbands und Quizspiele – ein Hindernissparcours, den die königliche Familie, stets umringt von schreienden und jubelnden Menschenmassen, mit Bravour bewältigte.
Nach dem Besuch des Königs stiegen die großen Partys auf den Bühnen, Clubs und Bars. Im Stadtpark und in den Nebenstraßen fernab des Trubels verkauften Einwohner traditionell ihre tweedehands spullen. Das große Kingsland Festival, schon wochenlang vorher ausverkauft, bot vor allem ein Programm für Technofans.
Egal wer man war, egal wo man sich befand, Groningen war im Ausnahmezustand. Es wurde gefeiert, gelacht und getanzt. Und auch wenn der Krach von den Bühnen aus der Stadt, den Bars und Restaurants, aus den offenen Fenstern und Balkontüren unglaublich laut war, hatte ich das Gefühl am friedlichsten Ort der Welt zu sein.

Alle Fotos von Aniko Schusterius.

Egel-Igel-Egel

Ben je nota bene decennialang (jahrzehntelang) in Berlijn en dan struikel je quasi over een stekelvarken, een Stachelschwein.

T. Demšar, CC-BY-SA-3.0

Niet dat ik opkijk van dieren in mijn omgeving: ik had al broedende merels op mijn balkon en ’s nachts vleermuizen (door de open balkondeur binnengevlogen) in huis; onder mijn slaapkamerraam staat zo nu en dan een vos te blaffen en de eenden die het zwembad van mijn buurman frequenteren, wekken me ook regelmatig.

Maar deze keer gaat het om taal.

Het Nederlandse stekelvarken wordt ook egel genoemd – in het Duits: Igel.
Alleen: een stekelvarken is geen egel!

C. Schuster, CC-BY-SA

Laat ik nou een vriendin in een ziekenhuis bezoeken, waar alternatieve geneesmethodes toegepast worden. Ze had, zoals ze me liet zien, „Blutegel“ aan haar voeten. Ik verstond haar niet en registreerde „Blutigel“ (een egel is voor mij in het Duits een Igel). Het Duits maakt dus (hoewel etymologisch verwant) onderscheid tussen een Egel en een Igel.

Een Duitse Egel is een soort worm die lekker bloed zuigt. Die noemen we in het Nederlands gewoon een bloedzuiger.

Een vergelijking van de twee bijdrages op Wikipedia (zie de links boven) is niet oninteressant. De Duitse is uitvoeriger en hier lees ik: „In Deutschland sind medizinische Blutegel über Apotheken zu beziehen.“ In de Nederlandse beschrijving van de medicinale bloedzuiger staat: „Vroeger kon men bloedzuigers in de apotheek kopen. In sommige grote Amerikaanse staten en in Azië wordt de bloedzuiger nog gebruikt. Wel in veel mindere mate dan vroeger.

Overigens betekent de bloedzuiger / der Blutsauger in beide talen hetzelfde wanneer we het over een afzetter of woekeraar, resp. Halsabschneider hebben.

Struikel-Blok

Seit März ist Stef Blok niederländischer Außenminister. Sein Vorgänger Halbe Zijlstra war nur ein paar Monate im Amt und musste dann zurücktreten, weil er Unsinn über Gespräche erzählt hatte, bei denen er selbst gar nicht anwesend war. Auch für Blok könnten einige Aussagen jetzt zum struikelblok (dt. Stolperstein) in der Karriere werden. Anders als Zijlstra war er durchaus anwesend, als er nämlich selbst ziemlich dreiste Dinge über verschiedene Länder der Welt sagte. Suriname war in seinen Augen ein ‚failed state‘ und auffällig viele Meinungen hatte er über multikulturelle und multiethnische Gesellschaften.

Besonders interessant war aber das, was er über Belgien zu sagen hatte. Im südlichen Nachbarland sei, ähnlich wie in der Schweiz, eine rechtspopulistische Partei stark – mit der er nicht übereinstimme, aber:

„Het is niet zo dat Zwitserland een onleefbaar land is geworden. Of België, althans niet meer onleefbaar dan het daarvoor al was.“

Darin stecken mehrere Teil-Aussagen. Punkt 1: Das mit dem Rechtspopulismus ist nicht so dramatisch. Schon das allein ist starker Stoff für einen Minister aus der liberalen Partei des Ministerpräsidenten. Punkt 2: Belgien ist eigentlich schon seit Langem in gewissem Ausmaß „onleefbaar“, und daran sind nicht die Rechtspopulisten schuld. (Man kann sich im restlichen Kontext vorstellen, was er stattdessen als Problem sieht.) Ob man nach so einer Aussage über ein befreundetes Nachbarland noch Außenminister bleiben kann?

Stef Blok. (Ministerie van Buitenlandse Zaken, CC-BY-SA 2.0)

Jenseits der undiplomatischen Aussage des Chefdiplomaten der Niederlande steckt darin ein interessantes Wörtchen: (on)leefbaar. Nun haben wir kein direktes Pendant im Deutschen für das Wort leefbaar. Am ehesten passt wohl lebenswert. Das Suffix –bar im Deutschen passt typischerweise vor allem zu transitiven Verbstämmen, deren Objekte ein guter Patiens sein können: Man kann einen Brief zustellen, der Brief kann zugestellt werden, also ist er zustellbar. Auf Deutsch kann man eher schlecht etwas leben. Außer vielleicht das Leben selbst: Wir leben ein fröhliches Leben. Trotzdem ist unser Leben nicht ohne Weiteres fröhlich lebbar. Schon gar nicht lebbar ist auf Deutsch eine Stadt oder ein Land. Jedenfalls noch nicht, denn –bar greift sich langsam aber sicher weitere Wurzeln, die traditionell nicht zu ihm passen. Das bekannteste Beispiel ist unkaputtbar.

Nun wäre lebbar ohnehin keine völlig absurde Wortform für das Deutsche. Denn lebenswert ist auch ein bisschen seltsam. Wörter auf –wert kann man normalerweise schön in einem Satz auflösen: Ein liebenswerter Mensch ist es wert, geliebt zu werden. Eine bewundernswerte Tat ist es wert, bewundert zu werden. Aber eine lebenswerte Stadt ist es nicht wert, gelebt zu werden. Trotzdem ist sie lebenswert. Was –wert kann, sollte –bar eigentlich auch längst können.

Im Niederländischen kann es das offenbar. Und zwar so sehr, dass es schon oft für die Politik benutzt wurde. Leefbaar Nederland hießen mehrere Parteien im konservativen bis ganz rechten Spektrum. Die neueste Partei, die 2017 zu den Parlamentswahlen unter diesem Namen antreten wollte, berief sich unmittelbar auf das Erbe von Pim Fortuyn. Es ginge sicher zu weit, leefbaar als Wortschatz der Neuen Rechten im Niederländischen zu betrachten. Aber für alle vom populismus-entspannten Außenminister bis hin zum Anhänger von Pim Fortuyn scheint klar zu sein: Leefbaar ist das Gegenteil von Diversität. Gesellschaften, in denen zu viel ethnische oder kulturelle Vielfalt herrscht, sind anscheinend onleefbaar. Länder mit starken Rechtspopulisten für den niederländischen Außenminister dagegen weniger.

Normalerweise liefert das Deutsche ja in letzter Zeit gerne dem rechten Spektrum in Europa seine Schlagworte. Die deutsche politische Rhetorik hat lebenswert noch nicht so recht entdeckt, egal ob bei Extremisten, Populisten oder Demokraten.

Stattdessen musste die CDU bei der letzten Bundestagswahl halb ironisch und halb peinlich mit dem Hashtag #fedidwgugl in den Wahlkampf ziehen, als Abkürzung von „für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Einfacher wäre gewesen: Lebbares Deutschland. Dass sie es nicht getan hat, stellt sich jetzt als Glücksfall heraus. Wer weiß, was Stef Blok sonst über Deutschland gesagt hätte?


Nachtrag: Dem Duden zufolge ist lebbar in der Schweiz durchaus gängig, etwa im Sinne von erträglich (etwa bei einer schwierigen Lebenslage, die dann schwer lebbar ist). Fragt sich, ob es für die diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz und Belgien gesünder ist, wenn man den Begriff in der Aussage von Blok mit unerträglich übersetzt…

In 30 Tagen durch die Niederlande

Von Aniko Schusterius

Das Studium in den Niederlanden, gleich welchen Faches, ist eine Herausforderung für deutsche Studierende. Hohe Ansprüche und strenge Noten lassen neben dem Uni-Alltag nicht viel Freizeit übrig. Schon vor meinem Auslandssemester in Groningen spielte ich mit dem Gedanken, eine Rundreise durch das „Platteland“ zu machen. Land, Leute und Kultur kennenzulernen war mir besonders wichtig. Nach vier Wochen im neuen Studiensystem musste ich feststellen, dass eine Erkundung der umliegenden Provinzen nicht während des Semesters möglich sein würde. Der daraus folgende Zeitpunkt meiner Städtetour im Juli hätte nicht besser sein können.

Zum Beginn meiner Reise stiegen die Temperaturen in den Niederlanden und egal wohin ich kam, die Einheimischen erzählten mir, dass es bei ihnen sonst immer regnen würde. Der strahlende Sonnenschein motivierte mich auf der Insel Texel, meinem ersten Zwischenstopp, zu einem Surfkurs. Wer glaubt, dass man für ordentliche Wellen andere Kontinente bereisen muss, liegt falsch. Neben wunderschönen Stränden bietet Texel tolle Radwege entlang an endlosen Landschaften aus grünen Feldern. Und hier und da grasen Schafe blökend vor sich hin.

Käsemarkt in Alkmaar.

Mit der Sonne im Gepäck fuhr ich weiter nach Alkmaar. Mit dem Zug lassen sich Entfernungen in den Niederlanden günstig und schnell zurücklegen. Drei Tage in der Käsestadt ermöglichten es mir, den berühmten Käsemarkt zu besuchen, der jeden Freitagmorgen auf dem Marktplatz veranstaltet wird. Heute nur noch eine Touristenattraktion, verschafft er den Besuchern Eindrücke über den einstigen Umschlagplatz langer Reihen von Käserädern. Sehr schön ist auch die Aussicht vom Kirchendach der Sint-Laurenskerk. Zum 800. Jubiläum lautet hier das Motto: Klim naar de Hemel. Ich erinnere mich zu gern an die nette Dame im Museum, die einfach nicht fassen konnte, dass Niederländische Philologie tatsächlich ein Studienfach in Deutschland ist.

Die Reiseroute. (Bonuspunkte für alle, die den Fehler in der Karte finden!)

Die älteste Universität der Niederlande befindet sich in Leiden. Nicht nur der Hortus Botanicus (Botanischer Garten), auch die zahlreichen Museen sind einen Besuch wert. Sie bieten bei 30 Grad Außentemperatur angenehme Abkühlung. Zu den interessantesten gehören für mich das Rijksmuseum Boerhaave und das Volkenkunde Museum. Der Tipp meiner Sprachlehrerin, eine Museumskaart während meines Erasmusaufenthaltes zu erwerben, erwies sich als goldrichtig. Für eine einmalige Gebühr von 60 Euro gelangt man ein Jahr lang gratis in über 400 Museen, Galerien und Ausstellungsräume in den ganzen Niederlanden. Schon nach fünf Besuchen hatte ich den Geldwert wieder zurück.

Tweede Kamer in Den Haag.

Die perfekte Mischung aus Großstadt und Küste bietet Den Haag. Mit seiner Architektur aus modernen und historischen Gebäuden, den politischen Institutionen, großen Parkanlagen und der langen Strandpromenade sechs Kilometer vom Zentrum entfernt, ist es eine meiner Lieblingsstädte geworden. Ich habe an einer Führung durch das Vredespaleis (Sitz des Internationalen Gerichtshofes, Schiedshofes, Haager Akademie für Völkerrecht) und den Binnenhof (Sitz des Niederländischen Parlaments) teilgenommen. Beides war sehr interessant und informativ gestaltet. Für Kunstliebhaber ist zudem das Mauritshuis ein Muss. Das berühmte Mädchen mit dem Perlenohrring von Vermeer hatte ich mir allerdings viel größer vorgestellt.

Nur 20 Zugminuten entfernt von Den Haag liegt die kleine Stadt Delft. Auch wenn sie bei meinem kurzen Aufenthalt etwas verschlafen wirkte, birgt sie doch ein kleines Wunder in sich. Am Fluss De Vliet liegt die bekannte Töpferei De Delftse Pauw. Das blau-weiße Porzellan ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt und konkurriert mit der deutschen Manufaktur in Meißen. Die Kombination aus Fabrik und Museum ermöglicht es, bei der Produktion zuzusehen, die bis heute per Hand geschieht.

Sechster Halt meiner Rundreise: Rotterdam. Hier erlebte ich einen kleinen Kulturschock. Enge Straßen, schmale Grachten und niedrige Fachwerkhäuser findet man nicht. Durch den zweiten Weltkrieg schwer zerstört, ist Rotterdam heute für seine moderne Architektur bekannt. Wie ein typischer Tourist betrachtete ich die Erasmusbrücke und fuhr mit dem Speedboot durch den großen Hafen. Ich fragte mich auch, wie man die Wohnungen in den Kubushäusern wohl einrichtete und stieß fast mit einem Passanten zusammen, nachdem ich minutenlang die Decke der Markthalle durch die Linse meiner Kamera angestarrt hatte. Rotterdam bietet dem Besucher alles, was das Großstädterherz begehrt, nur keine Ruhe. Selbst die Aussicht vom Euromast Tower auf die Stadt herunter hat etwas Hektisches an sich. Touristengruppen schieben sich über die Plattform von Norden nach Süden und Osten nach Westen.

Im Nijntje-Museum.

In Utrecht lernte ich gleich zu Beginn, das mein Kindheitsheld, das Häschen Miffi, eigentlich Nijntje heißt. Sogar ein kleiner Platz in einer Wohngegend Utrechts wurde nach ihr benannt. Bei einem Spaziergang entlang der Grachten taucht Nijntje immer wieder in Form von kleinen Statuen auf, mal in schlichter Bronze, dann wieder bunt gestaltet. In Utrecht bietet es sich zudem an, bei schönem Wetter ein Motorboot zu mieten und die Stadt vom Wasser aus zu betrachten. Den größeren Nervenkitzel fand ich bei einem Tagesausflug zum Efteling Erlebnispark südlich von Utrecht in Tilburg. Achterbahnen, Zuckerwatte und ein musikalisch unterlegtes Wasserspektakel am Abend versetzten mich ein Stück weit zurück in meine Kindheit.

In Nijmegen war ich besonders froh über meine kühle Ferienwohnung im Souterrain. Die Temperaturen stiegen in der dritten Woche meiner Rundreise auf über 30 Grad. Das Wetter hielt mich trotzdem nicht davon ab, die Stadt zu erkunden und im Valkhof Museum mehr über ihre römische Vergangenheit zu erfahren. Mit einem Eis in der Hand ließ es sich danach zwischen den Bäumen im Kronenburgerpark wunderbar entspannen.

Street Art in Eindhoven.

Der vorletzte Stop auf meiner Reise war Eindhoven. Für mich ein kleines Rotterdam. Als Standort der Philips-Werke wurde es von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert und erst Stück für Stück wiederaufgebaut. Die Modernität des Design- und Technologiezentrums der Niederlande spiegelt sich in den Gebäuden wie dem Evoloun, dem Vesteda Tower oder dem Blob wieder. Aber auch Streetart und viele begrünte Wohnanlagen lassen sich in den Seitenstraßen entdecken. Das Van Abbemuseum gibt einen Eindruck über die aktuelle Kunst- und Designszene in den Niederlanden und im internationalen Kontext. Besonders nett sind dort die rotbehemdeten Guides, die in jedem Raum angesprochen werden können, um mehr über die Ausstellungsstücke zu erfahren.

Buchhandlung in Maastricht.

Endstation meiner Reise wählte ich Maastricht. In der Hauptstadt der Provinz Limburg kam ich oft in die Situation, dass ich nicht erraten konnte, ob mein Gegenüber Deutscher oder Niederländer war, denn der Dialekt der Einheimischen kam der deutschen Sprache sehr nahe, verglichen mit der Sprache die ich aus Groningen kannte. Der Vrijthof sowie das Bonnefantenmuseum sind ein Muss, genauso wie die wunderschöne Dominicanen-Buchhandlung in einer entwidmeten Kirche. Hier verbrachte ich Stunden zwischen den Regalen und Bücherstapeln. Nach zwei Tagen hatte ich mich auch daran gewöhnt, in jedem Laden und jeder Straßenecke einen André-Rieu-Aufsteller auf mich herabblicken zu sehen. In der Geburtsstadt des berühmten Violinisten wird er fast genauso verehrt wie die königliche Familie.

Nach einem Monat Rollkofferleben, mit Chocomel auf Eis und der brennenden Sonne im Nacken, kehrte ich mit einem Rucksack voller neuer Erfahrungen und bunter Erinnerungen zurück. Jedem angehenden Erasmusstudenten empfehle ich, eine Rundreise in den Aufenthalt zu integrieren, soweit es die Zeit zulässt. Meine Reise nach Groningen und die anschließende Städtetour betrachte ich im Nachhinein als sehr wertvoll. Sie hat meinen Horizont erweitert und bildet einen wichtigen Baustein für mein Studium der Niederländischen Philologie. Man muss die Kultur eines Landes selbst erlebt haben und es nicht nur aus der Ferne beobachten.

Alle Fotos von Aniko Schusterius.