Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Wie Mandela Afrikaans einsetzte

von: Henning Radke

Nelson Mandela sprach Xhosa, Englisch und Afrikaans. Letzteres brachte er sich während seiner jahrzehntelangen Gefangenschaft selbst bei. So versuchte er, politische Zusammenhänge besser zu verstehen, und konnte gleichzeitig den Gesprächen der Wärter folgen, die sich oft auf Afrikaans unterhielten. Das Wissen darüber, was in der Außenwelt vor sich ging, verschaffte ihm einen großen Vorteil. Kein Wunder, dass Madiba (wie er in Südafrika oft genannt wird) seine Afrikaans-Kenntnisse weitestgehend für sich behielt. Nach seiner Freilassung änderte sich diese Haltung: Selbst bei öffentlichen Veranstaltungen sprach Mandela immer mal wieder Afrikaans. Zum ersten Mal wohl am 21. Juni 1990, nur vier Monate nach seiner Haftentlassung – ausgerechnet in einem Interview, das live im US-Fernsehen ausgestrahlt wurde. So staunten Millionen US-amerikanischer Zuschauer nicht schlecht, als sie von Nelson Mandela die folgenden Sätze vernahmen:

Aangename kennis, Koos. Ek hoop van harte dat eendag ek die geleentheid sal kry om met u te gesels.

Nett, Sie kennen zu lernen, Koos. Ich hoffe von Herzen, dass eines Tages ich die Gelegenheit bekommen werde, mich mit Ihnen zu unterhalten.

Was wie eine freundliche Einladung klang, war im Grunde genommen das Gegenteil. Der angesprochene Koos van der Merwe war Politiker der extremen Conservative Party und hatte ihn zuvor scharf kritisiert – und zwar auf Englisch mit hörbar afrikaansem Akzent. Mandela antwortete ohne mit der Wimper zu zucken direkt auf Afrikaans und zeigte, wie sehr er auf Augenhöhe stand, egal mit welchem politischen Rivalen er es zu tun hatte. Die ironischen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht: Das Publikum jubelte begeistert und Millionen US-Amerikaner rätselten für einen Moment, was Mandela da plötzlich sagte.

Nelson Mandela Statue, Pretoria South Africa (P. Saad, CC-BY-SA-4.0)

Doch nicht nur Ironie war für Mandela Anlass, Afrikaans zu sprechen. Auch wahre Herzlichkeit gehörte dazu: Diese widmete er seinem Vorgänger im Amt des Präsidenten, Frederik Willem de Klerk, der zusammen mit Mandela den friedlichen Weg vom Apartheitssystem in die Demokratie ebnete. Beide bekamen dafür 1993 den Friedensnobelpreis. Die entstandene Freundschaft hielt mehr als ein Jahrzehnt und so sprach Mandela im Jahre 2006 die folgenden Eröffnungsworte zum 70. Geburtstag von FW de Klerk:

Geagte FW, dis goed om te sien hoe ons oud word. Ek het darem nog my hare. Al is dit ’n bietjie gryser, ek kan jou verseker, dis nie jy wat my hare gryser gemaak het oor die laaste 16 jaar nie. Ek hoop ook nie dat ek oor die jare bygedra het om joune te laat uitval nie.

Geehrter FW, es ist gut zu sehen, wie wir alt werden. Ich habe zumindest noch meine Haare. Obwohl sie ein bisschen grauer sind, kann ich dir versichern, dass nicht du es bist, der sie in den letzten 16 Jahren grauer gemacht hat. Ich hoffe auch, dass ich über die Jahre nicht dazu beigetragen habe, deine ausfallen zu lassen.

Diese Worte kamen von Herzen und verfehlten ihre Wirkung nicht: ein angetaner FW de Klerk saß im Publikum und lächelte. Nelson Mandela hatte schon lange erkannt, dass Sprachen Brücken bauen. Wenn man sie dazu einsetzt.

Frohes neues Jahr!

Ich wünsche unseren Leserinnen und Lesern im Namen aller MitarbeiterInnen der FU-Niederlandistik einen guten Start in das neue Jahr(zehnt). Ich hoffe, dass das neue Jahr für Sie viele positive Erfahrungen und Entwicklungen und vielleicht auch die eine oder andere tolle Überraschung bereithält.

Im vergangenen Jahr hat sich bei uns in der Niederlandistik wieder vieles verändert. Philipp Krämer ist seit Oktober an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, um dort den Lehrstuhl für Sprachgebrauch und Sprachvergleich zu vertreten. Für diese Vertretungsprofessur wünsche ich ihm ganz viel Erfolg und ich hoffe, dass die beiden Jahre in Frankfurt für ihn spannende und produktive Jahre werden. Seine Stelle teilen sich für die kommenden beiden Jahre Kira van Bentum und Natalie Verelst. Kira hat bei uns den Bachelorstudiengang Niederländische Philologie und anschließend an der TU Berlin den Masterstudiengang Wissenschaftsgeschichte absolviert. Natalie kommt ursprünglich aus Belgien, war schon als Erasmus-Studentin mal bei uns in Berlin und hat dann, nach Abschluss ihres Bachelorstudiengangs an der Universität Antwerpen, an der FU den Masterstudiengang Sprachwissenschaft abgeschlossen. Neben der halben Stelle bei uns hat sie zur Zeit noch eine weitere halbe Stelle am Arbeitsbereich von Prof. Ulrike Demske an der Universität Potsdam.

Und noch eine personelle Veränderung: Kristin Stöcker hat uns wieder verlassen. Sie hatte erst 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei uns angefangen, dann aber schon nach kurzer Zeit gemerkt, dass die akademische Laufbahn doch nicht das ist, was sie in Zukunft gerne machen möchte. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen alles Gute und hoffe sehr, dass sie schon bald in ihrer Traumstelle arbeiten kann! Die frei gewordene WiMi-Stelle konnten wir zum 1. Oktober mit Marlena Jakobs besetzen. Auch sie ist eine Absolventin unseres Masterstudiengangs Sprachwissenschaft.

Sie sehen es: wir haben wieder eine ganz neue Konstellation, mit drei tollen neuen Mitarbeiterinnen, die sich schon jetzt hervorragend in unser Team integriert haben. Wir haben in den vergangenen Wochen  diverse neue Pläne geschmiedet, und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit im neuen Jahr!

Unseren Blog haben wir aufgrund der ganzen neuen Entwicklungen in den vergangenen Monaten etwas vernachlässigt. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das jetzt wieder ändern wird, und ich hoffe, dass Sie unsere Beiträge weiterhin verfolgen werden.

Matthias Hüning

Nederland – veranderd?

Met Sinterklaas was ik even in Nederland in de hoop dat op 5/6 december de musea leeg zouden zijn. Dat ging niet helemaal op.
A Gran Sranan Presenteri – oftewel De Grote Suriname Tentoonstelling – was goed bezocht. Dat was ook het geval in Museum Van Loon aan de Keizersgracht waar de betrokkenheid van de familie Van Loon bij de WIC en Suriname kritisch wordt belicht.
En daarna een kopje koffie in de sociëteit van kunstenaarsvereniging Arti et Amicitiae aan het Rokin waar Surinaamse kunst uit het bezit van Carl Haarnack en Myra Winter de wanden siert: Brasa mi ori / Groet me met…

*****

Als Nederlandse in het buitenland wil je wel eens een nieuw Nederlands woord missen (verpassen). Dat bleek al bladerend door De Groene Amsterdammer:

De feestdagen komen eraan en supermarkt Lidl wilde dat met een fleurige folder onder de aandacht brengen. Maar in plaats van een run op de supermarkt vanwege waanzinnige aanbiedingen ontstak er een volkswoede op sociale media: Lidl had onze cultuur verraden! Waarom stond er ‘feestdagen’ in de folder in plaats van ‘kerstfeest’? Een ander pijnpunt was dat Sinterklaas ook opging in de neutrale noemer van ‘feestdagen’. Dit was na de verroetveging van Piet nóg een bewijs van de ondergang van het Avondland. Ook Lidl zou niet meer voor onze Nederlandse tradities staan. Bron

De roetveegpiet (of schoorsteenpiet) kende ik uiteraard. Maar het werkwoord verroetvegen, resp. de substantivering verroetveging had ik nog niet eerder gehoord of gelezen. In Van Dale zijn deze lemma’s ook (nog) niet te vinden.

En toen vond ik ook nog een ander interessant artikel over de activiteiten van Kick Out Zwarte Piet (KOZP): ‘Zolang je ons ziet, verandert Nederland’. Inderdaad, dat Zwarte Piet op de schop is gegaan, hebben we aan onze landgenoten van Surinaamse en andere afkomst te danken. En die roetvegen gaan ook nog wel eens verdwijnen.

Notizen aus Suriname V

Geheimabsprachen

Eines der vielen wundersamen kleinen Dinge in Suriname ist die Möglichkeit, dass man einen Tagesausflug nach Frankreich machen kann. Von der kleinen Stadt Albina im Osten ist man nach 10 Minuten Bootsfahrt über den Grenzfluss Marowijne/Maroni in der Nachbarstadt Saint-Laurent-du-Maroni. Das liegt in Französisch-Guayana, damit in Frankreich und der Europäischen Union.

Blick von Albina über den Marowijne nach Französisch-Guayana. (Foto: PK)

Als wäre das nicht verwirrend genug, bieten einem unzählige meist junge Menschen die Bootsüberfahrt an. Das tun sie laut, engagiert und vor allem im ständigen fliegenden Wechsel zwischen den Sprachen. Da wir äußerlich zweifelsfrei als Touristen erkennbar waren, wurden wir vor allem auf Niederländisch und Französisch umworben.

Doch wie soll man sich für eines der Angebot für die Überfahrt entscheiden, wenn der Preis bei allen gleich ist? Wir waren zu viert, wollten gerne kurz unter uns sprechen und uns einen vertrauenswürdigen Fährmann gemeinsam aussuchen. So mehrsprachig wir in unserem Grüppchen aus einer Österreicherin, einer Belgierin, einem Spanier und einem Deutschen auch waren: Wie soll man in dieser Situation ein vertrauliches Gespräch führen? Spanisch oder Portugiesisch wird hier oft genug auch verstanden, immerhin sind wir in Südamerika. Englisch fällt sowieso raus. Blieb eigentlich nur eine Sprache, von der man sonst kaum erwarten kann, dass sie für geheime Kommunikation taugen würde: Deutsch.

Notlandung sehnlichst erwünscht

Am Nachmittag, die Konferenz macht gerade Kaffeepause, plötzlich spricht sich herum: Bouterse ist verurteilt! Eigentlich war an dem Tag nur vorgesehen, den Zeitplan für die Urteilsverkündung bekanntzugeben. Stattdessen haben die Richterinnen gleich das Urteil selbst verlesen. Sehr smart: Damit sollte verhindert werden, dass das Gericht von Protesten blockiert oder die Verkündung sabotiert wird.

Das Urteil, 20 Jahre Haft für die Dezembermorde, wird mit Genugtuung und Erleichterung aufgenommen. Kurz steht die Konferenz still, es gibt einen Moment lang wichtigere Dinge als Sprachwissenschaft. Was passiert jetzt?

Bouterse ist noch auf Staatsbesuch in China, direkt danach war eine Reise nach Kuba angekündigt. Bleibt er gleich dort, im Exil? Das Gerücht entpuppt sich schnell als Kettenbriefscherz auf WhatsApp. Manche befürchten, dass die Unterstützer des Präsidenten Unruhen anzetteln könnten. Eine Kollegin beruhigt uns: „De Surinamers blijven gewoon thuis.“ Sie behielt recht. Anhänger wie Gegner glaubten – jeweils auf ihre Weise – schlichtweg nicht daran, dass das Urteil unmittelbare Konsequenzen haben würde.

Die Resignation war bei vielen zu spüren, aber den Esprit bremste das noch lange nicht. Unser Autovermieter wurde am Flughafen deutlich: „Ich würde mir wünschen, dass er auf der Rückreise aus China in den Niederlanden notlanden muss.“ Dort würde er sofort verhaftet und der Justiz vorgeführt werden. In so tiefgreifender Abneigung ein derart zivilisiertes Szenario zu erdenken – bewundernswert! Andere hätten sicher drastischere Vorstellungen.

Es ist erstaunlich, wie viel Rückhalt Bouterse weiterhin hat. Aber deutlich sichtbar ist auch: Die Gegner lassen sich nicht einschüchtern und äußern sich offen. So auch ein Mitarbeiter der Sicherheitskontrolle am Flughafen: „Ja, Sie müssen alle Ihre Schuhe ausziehen. Außer der Präsident, denn der macht ja sowieso, was er will.“

Notizen aus Suriname IV

Sehen und Hören

Die Vielsprachigkeit von Suriname ist nicht nur für die Linguistik interessant, sondern vielleicht überhaupt das Spannendste, was das Land zu bieten hat. Um genau zu begreifen, wer wann welche Sprachen benutzt und wie sie konnotiert sind, braucht man auch mit viel sprachwissenschaftlichem Gespür sicher Jahre.

„Lepra ist heilbar“. Awarenesskampagne auf Sranan in Albina. (Foto: PK)

Glücklicherweise gibt es nun den neuen Bericht zur Lage des Niederländischen in Suriname, den ein Forschungsteam mit Unterstützung der Taalunie im Rahmen der Konferenz vorstellte. Darin steht das Niederländische im Mittelpunkt, man kann aber auch über den Stellenwert der anderen Sprachen sehr viel erfahren.

Ein wenig hilft es trotzdem, mit offenen Augen und Ohren durch Suriname zu gehen. In Paramaribo ist das Niederländische ganz klar vorherrschend. Hier und da hört oder liest man Sranan, das aber außerhalb der Stadt und z.B. im Osten des Landes viel prominenter ist, etwa auf zahllosen Werbeplakaten.

Die Sprachen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa Sarnami, Javanisch oder die ‚kleineren‘ Kreolsprachen erlebt man als Außenstehender nicht so leicht, wenn man nicht in die Communities hineinfindet. Am ehesten liest man hier und da eine Zeile etwa an Gebäuden der Religionsgemeinschaften. Die indigenen Sprachen muss man wirklich gezielt suchen.

Aber wenn man im Autoradio von Sender zu Sender springt, geht dem Sprachkontaktforscher das Herz auf: Geburtstagsglückwünsche per Call-in, und zwar auf Sarnami mit viel niederländischem Codeswitching! Auch wenn man den Großteil der Grüße nicht versteht, hoera und gefeliciteerd kann man leicht heraushören.

Strumpfbänder auf dem Teller

Zu den großen Attraktionen von Suriname gehört neben der Mehrsprachigkeit unbedingt die Küche. Sie ist der Beweis, dass Kulturkontakt nur das Beste hervorbringt. Für Reisende bedeutet das aber zuerst einmal: Vokabeln lernen.

Bami met kousenbanden. (Foto: PK)

Einigermaßen erschließen kann man sich noch bakabana: frittierte Kochbananen (nl. bakbanaan), und aus dem bakkeljauw kann man noch den portugiesischen bacalhau herauslesen, den getrockneten Stockfisch. Dass die Passionsfrucht markoesa heißt und auf die Maracuja zurückgeht, sollte man sich ebenfalls merken, so omnipräsent wie das Obst und ihr Saft sind. Aber warum in aller Welt sollte man Strumpfbänder essen? Als kousenband kennt man eine Art Bohnen, die mehrere Dutzend Zentimeter lang sind, auf dem Markt bündelweise etwas schlapp über die Tischkante hängen – aber gekocht in kräftigem Grün eine knackige und aromatische Beilage zu allen Gerichten sind.

Zu welchen Gerichten? Etwa zu moksi alisi (mit zahllosen andere Schreibweisen: für Sranan hat sich eben noch keine allgemeingültige Orthographie durchgesetzt). Wer genau hinschaut, erkennt in dem Begriff den gemischten Reis, lecker gewürzt und mit gebratenem Huhn.

Auf der Kreidetafel an der Wand eines Restaurants konnten wir beobachten, wie die Angestellten mehrmals den Namen eines Angebots wegwischten und neu schrieben. Anfangs stand dort Viadoe. Im Laufe der Zeit wurde daraus zuerst Viado, dann Fiado. Auch der Name dieses Hefekuchens mit kandierten Früchten und Rum geht auf das Portugiesische zurück: fiado bedeutet ‚versponnen‘, eben so wie der faserige Hefeteig aussieht. Das geschriebene <o> klingt im Portugiesischen oft wie ein [u] – kein Wunder also, dass im Niederländischen ein <oe> daraus wurde. Und bei einem hörbaren [f] im Anlaut ist im Niederländischen (wenn man nicht gerade in Flandern ist) nicht ohne Weiteres klar, ob dort ein <f> oder ein <v> stehen muss. Schließlich hört man in Europa wie in Suriname das Wörtchen van nicht selten als [fan] ausgesprochen. Das portugiesische Lehnwort kannten die Angestellten des Lokals wohl vor allem aus der gesprochenen Sprache und die Herkunft war nicht mehr transparent. Nur konsequent, dass dann die Schreibweise nach allen Regeln der Orthographie nederlandisiert wird.

Notizen aus Suriname III

Doppelte Affen und lautmalende Vögel

Grietjebie (Foto: PK)

Wer Vögel faszinierend findet, is in Suriname terecht. Oben am Himmel kreisen die Raubvögel, in den Zweigen zwitschert und piepst es. Wenn es von oben so klingt, dann weißt man: Dort sitzt ein Grietjebie. Der Name leitet sich lautmalerisch vom sehr charakteristischen Ruf her – ziemlich nachvollziehbar.

Wenn es in den Zweigen raschelt statt piept, ist es manchmal kein Vogel, sondern ein Affe. Davon gibt es einige Sorten im Land, und wer mit niederländischen Vokabeln nicht ausgelastet ist, kann zugleich noch die Tiernamen in Sranan lernen. Etwa beim Totenkopfäffchen (nl. doodshoofdaapje), das auf Sranan monkimonki heißt.

Reduplikation ist in Kreolsprachen relativ gängig. In diesem Fall geht es eher nicht darum, eine große Menge, Intensität oder Wiederholung anzuzeigen. Vermutlich handelt es sich beim monkimonki eher um ein Selbstkompositum: Ein Affe, der ganz besonders als Affe hervorsticht. Oder vielmehr einer, der besonders prototypisch ist, also der Affe schlechthin.

Erläuterungen zum monkimonki. (Foto: PK)

Wie soll das Kind denn heißen?

Um den Stellenwert des Sranan in Suriname, der am weitesten verbreiteten Kreolsprache, entspinnen sich immer wieder Debatten: Soll man es standardisieren, zur offiziellen Sprache machen, neben dem Niederländischen oder stattdessen? Oder ist es als informelle, oft auch ethnisch übergreifende Sprache gerade flexibel genug, dass man die Finger davon lassen sollte?

Wenn die Bedeutung des Sranan für den Zusammenhalt im Land betont wird, liegt es für manche nahe, die Sprache auch auf Niederländisch oder Englisch mit dem Landesnamen zu benennen. So auch auf dem Erklärschild zum monkimonki: Surinamese bzw. Surinaams.

Als das auf der Konferenz jemand tat, regte sich hinten im Raum sofort empörter Protest. Die Benennung auf Niederländisch, wahrscheinlich ist sie einfach zu kolonial. Sranan hat weiterhin Sranan oder Sranantongo zu heißen, finden viele. Das heißt zwar im Prinzip auch nichts anderes als Surinamisch bzw. surinamische Sprache, aber in welcher Sprache die Sprache so heißt, das macht nun einmal einen großen Unterschied.

Aukaans: autark

Gedenkstele für eines der Opfer beim Massaker von Moiwana im Bürgerkrieg 1986. (Foto: PK)

Zu den Sprachen der marrons im Osten Surinames gehört das Aukaans oder Ndyuka. Es ist eine englischbasierte Kreolsprache und soweit bekannt die einzige, für die es ein eigenes Schriftsystem gibt: Die Afaka-Schrift. Das macht die Sprache für die Linguistik, jedenfalls die Kreolistik, enorm interessant. Nicht zuletzt deshalb, weil das Schriftsystem kein Alphabet ist, sondern jedes Zeichen für eine Silbe steht, die aus einem Konsonanten und einem Vokal besteht. Mit ihrer eigenen Schrift ist die Sprache sozusagen unabhängig von allen anderen Sprachen und damit fast schon symbolisch genauso autark, wie es die Marron-Gemeinschaften immer waren.

Es ist selten, dass man die Schrift in Benutzung sieht. Sehr prominent ist sie im Dorf Moiwana. Dort erinnert ein Denkmal an die grausame Ermordung von Unschuldigen im surinamischen Bürgerkrieg in den 1980er Jahren. Die Namen der Opfer sind in lateinischer und in Afaka-Schrift geschrieben. So wird nicht nur die Erinnerung an die Menschen sichtbar, sondern zugleich auch ein Stück ihres kulturellen und sprachlichen Erbes.

Notizen aus Suriname II

Wahlmöglichkeiten

De beste keus! (Foto: PK)

Wer die Wahl hat, hat die Qual – etwa zwischen zwei Varianten eines Wortes. Die Auswahl ist im Niederländischen häufig de keuze, verwandt etwa mit kiezen und dem Deutschen auserkoren. Daneben existiert aber auch de keus, wie im Werbeslogan dieses Autohauses auf dem Nummernschildträger. Der Van Dale sieht beide als gleichwertig an und markiert keine davon als besonders. In manchen Ohren klingt keus aber merkwürdig altmodisch, gerade in einem Werbekontext.

Lückenbüßer

Mitten im Vortrag einer Kollegin auf der Konferenz stolperte das gesamte Publikum über eine kleine, aber wichtige terminologische Frage: Wie nennt man einen Wissenschaftler, der sich mit Papiamentu beschäftigt? Offenbar hat das Niederländische hier – genau wie das Deutsche – eine lexikalische Lücke.

So eine Frage kann natürlich nur die Fachgemeinschaft beantworten. Und die trifft man bekanntlich auf Twitter. Eine kurze (und völlig unrepräsentative) Umfrage dort brachte bei 88 Stimmen ein relativ knappes Resultat zustande:

55% finden papiamentoloog die passende Bezeichnung.

45% stimmten dagegen für papiamentist.

Einige versuchten es in der Debatte ernsthaft mit Sachargumenten, etwa: –loog klingt nicht richtig bei Wörtern, die auf Basis von Sprachnamen gebildet sind. Oder: Auf Papiamentu selbst sagt man papiamentista, das könnte man doch einfach übernehmen. Die Mehrheit ließ sich davon nicht beeindrucken, aber zumindest wissen wir jetzt, dass offenbar gleich zwei Optionen vorhanden sind, um die Lücke zu füllen.

Im Busch

Moengo ist nicht nur ein Siedlungszentrum im dünn besiedelten Osten, sondern es war auch ein wichtiger Bergbaustandort. (Foto: PK)

Gleich zu Beginn unseres Aufenthalts ist erst einmal Feiertag: Srefidensi Dey, der Unabhängigkeitstag. Die offiziellen Feierlichkeiten mit Militärparade finden jedes Jahr in einem anderen Distrikt des Landes statt, dieses Jahr in Moengo im Osten. In dieser Region leben, erklärt man uns, die boscreolen oder boslandcreolen. So nennt man die Nachkommen von marrons: Sklavinnen und Sklaven, die sich befreit haben und in den Waldgebieten niederließen, dort eigene Gemeinschaften gründeten, eigene Kulturtraditionen pflegen und nicht zuletzt separate Kreolsprachen entstehen ließen. Von diesen Communities unterscheiden sich die stadcreolen, vor allem in Paramaribo. Ihre Vorfahren kamen erst durch die Abschaffung der Sklaverei frei.

Für die soziale Zusammensetzung des Landes und die Identität vieler Menschen ist das eine wichtige Unterscheidung. Trotzdem bleibt immer wieder ein etwas fader Geschmack, wenn von boscreolen die Rede ist, besonders aus dem Mund von Weißen, niederländischen Diplomaten gar. Zu sehr klingt der Begriff nach Busch, nach unzivilisierten Wilden. Eine zynische Sicht, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Menschen mit ihrem Kampf gegen die koloniale Sklaverei lange Zeit eigentlich die Zivilisiertesten im ganzen Land waren.

Eine Mitarbeiterin im Hotel warnt uns, nicht in den Osten zu den boslandcreolen zu fahren. Ressentiments? Nicht in diesem Fall. Ihr geht es weniger um die kulturhistorischen Hintergründe der Menschen, sondern um unsere Sicherheit. Am Unabhängigkeitstag fahren viel zu viele Leute betrunken Auto: zu gefährlich!

Notizen aus Suriname I

In der vergangenen Woche fand in Paramaribo die Konferenz der Caribische Associatie voor Neerlandistiek statt. Darin sind all jene zusammengeschlossen, die sich mit Sprache, Literatur und Kultur mit Niederländisch- oder Niederlandebezug in der Karibik beschäftigen. Suriname ist dabei eingeschlossen, denn das Land wird häufig aus historischen und kulturellen Gründen zum karibischen Raum gerechnet.

Wir – Truus De Wilde und Philipp Krämer – hatten das Glück und die Ehre, bei dieser sehr besonderen bijeenkomst die Berlin-Brandenburgische Niederlandistik zu repräsentieren.* Unsere Eindrücke von der beeindruckenden Reise und der lehrreichen Konferenz haben wir als kurze Notizen zusammengetragen.

„Bij ons bent u terecht“ (Foto: PK)

Am rechten Fleck

Wenig überraschend sieht man in Suriname im öffentlichen Raum überall Niederländisch. Trotzdem überrascht die eine oder andere Formulierung oder grammatische Konstruktion, weil sie in den europäischen Varietäten so nicht verwendet wird. Ein Beispiel: Jede Menge Reklameschilder wie dieses von einem Autoteilehändler: Bij ons bent U terecht voor… Ins Deutsche ist das relativ einfach übersetzbar mit „bei uns sind Sie richtig, wenn Sie…“ In Flandern und den Niederlanden ist als Entsprechung bij ons kunt U terecht voor… möglich.

Kein Bild sagt mehr als tausend Worte

Es scheint in Suriname eine Vorliebe zu geben, öffentliche Hinweise oder Anweisungen eher zu versprachlichen als zu bebildern. Wo man andernorts oft beispielsweise Piktogramme oder Grafiken anbringen würde, hängt man sorgfältig gestaltete Anweisungen oder Warnungen auf. Das verwundert vor allem deshalb, weil die Texte oft nicht nur sehr umfangreich sind (siehe der Autoteilehändler), sondern dazu auch häufig mehrsprachig. Und selbst wenn nicht: Auch mit einer einzigen Sprache ist der Platz schnell gefüllt – und wenn es nur um eine ausführliche Gebrauchsanweisung für eine Toilette geht.

 

 

 


*An dieser Stelle eine Notiz in eigener Sache: Seit Anfang Oktober bin ich für zwei Jahre an der Freien Universität Berlin beurlaubt und vertrete an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) den Lehrstuhl für Sprachgebrauch und Sprachvergleich. Ich werde sicher auch künftig hin und wieder Gelegenheit für einen Blog-Beitrag haben, aber wahrscheinlich nicht so regelmäßig wie bislang. Wer sich über die Stille in den letzten beiden Monaten gewundert hat: Das ist der Grund dafür.

Desi Bouterse is veroordeeld tot twintig jaar celstraf

Of dat „eind goed, al goed“ betekent, is nog maar helemaal de vraag. De verdediging gaat uiteraard in hoger beroep (wird Berufung einlegen).

Gedenkteken voor de Decembermoorden in Fort Zeelandia. (Otter, GFDL)

Ter herinnering…
Vijf jaar na de onafhankelijkheid (1975) pleegde legerleider Bouterse (met hulp van de militair attaché van de NL ambassade Hans Valk) een staatsgreep (Putsch). Zijn militaire opleiding had hij in NL gekregen; ook was hij als soldaat (Feldwebel) gestationeerd in het Duitse Seedorf.

De Decembermoorden, waarvoor Bouterse nu veroordeeld is, vonden in 1982 plaats op Bastion Veere in Fort Zeelandia.

Het proces nam in 2007 een aanvang. In 2010 werd Bouterse tot president verkozen. Twee jaar later werd door het parlement een amnestiewet aangenomen (28 stemmen voor, 12 tegen). Het Surinaamse Hof van Justitie oordeelde op 1 december 2015 echter dat het Openbaar Ministerie (die Staatsanwaltschaft) de verdachten van de Decembermoorden dient te vervolgen ondanks (trotz) deze amnestiewet.

Uitspraak op 29 november 2019: schuldig aan medepleging van moord. De huidige president van Suriname besloot in 1982 tegenstanders te „elimineren” om „de macht te behouden”. (NRC)

Reacties
Nabestaanden barsten in tranen uit en vallen elkaar opgelucht in de armen. Vanachter uit de zaal van het gerechtsgebouw aan de mgr. Wulfinghstraat klinkt applaus. (NRC)

Vicepresident Ashwin Adhin: „Wat ons betreft zal de veroordeling nooit rechtskracht hebben. We hebben genoeg middelen om binnen de rechtsstaat te handelen.“ (dwtonline)

De NDP (Na­ti­o­na­le De­mo­cra­ti­sche Par­tij), Bouterses eigen partij, treft voorbereidingen om president tevens partijvoorzitter Desi Bouterse zondagochtend groots te ontvangen op de Johan Adolf Pengel Luchthaven. Het staatshoofd keert op die dag terug uit China […] Wij gaan onze voorzitter een daverend welkom geven“, zei NDP-ondervoorzitter Ramon Abrahams. (dwtonline)
En: „Er is gewacht tot wanneer de president uitlandig (außer Landes) is, op staatsbezoek in China, om hem op zo een wijze te veroordelen“, zegt de ondervoorzitter. (dwtonline)

À propos China: op 28 november stelde Stuart Rahan in zijn column vragen bij dit staatsbezoek: Het verzet tegen het Nederlands kolonialisme is in- en intriest als je uitgerekend op de dag van jouw staatkundige onafhankelijkheid vertrekt naar China om je officieel te laten adopteren.

De NOS meldt dat Bouterse vanochtend teruggekeerd is naar Suriname en door 1500 aanhangers is ontvangen op de luchthaven.

On verra!

Nog meer weten?
De Groene Amsterdammer of deze uitzending m.b.t. Bouterse en de drugshandel.
Over de Binnenlandse Oorlog hebben we het nog niet eens gehad!

Eine Informatikerin in Eindhoven

illustratie

von Franziska Boenisch

Der Beginn

Seit Beginn meines Studiums hatte ich den Plan gehabt, mal ein Auslandssemster zu machen, am besten in den Niederlanden. Denn dort haben die Unis einen guten Ruf, dort wird viel Rad gefahren und Wert auf die Umwelt gelegt. Das waren meine Gedanken. Im letzten Semester meines Masterstudiums war es endlich so weit und ich machte mich im Februar 2019 auf den Weg nach Eindhoven – meine neue Heimat auf Zeit.

Die Begrüßung durch meine diese neue Heimat war nicht so herzlich, wie ich es mir vielleicht gewünscht hätte. Kurz vor Antritt meines Aufenthaltes hatte ich von der Uni spontan eine Absage bekommen für das Studentenwohnheimszimmer, das mir von Anfang an zugesagt worden war. In einer Stadt, in der der Wohnungsmarkt sowieso schon aus allen Nähten platzt, ist es keine Freude, noch in letzter Minute eine Unterkunft auf Zeit zu finden. Schon gar nicht für Ausländer. Alle online Anzeigen für WGs waren ausdrücklich an Niederländer gerichtet. Da ich an der FU Berlin durch die Kurse der Niederlandistik ja schon viel Niederländisch gelernt hatte, dachte ich, ich könnte mich ja einfach trotzdem bewerben, wenn es denn wohl um die Sprache gehen sollte. Die vielen – und teilweise sehr unfreundlichen –  Rückmeldungen auf meine in niederländischer Sprache verfassten Bewerbungen überzeugten mich schnell davon, dass ich bei dieser Einschätzung wohl falsch gelegen hätte. Es blieb mir also nur übrig, mir ein Zimmer im Student Hotel Eindhoven zu nehmen, einem Hotel, das gleichzeitig (und für sehr stolze Preise) Langzeit-Zimmer für Studenten anbietet. Die Unterkunft war dafür allerdings auch sehr schön und bot jeglichen Komfort, von einem Lernzimmer bis hin zu einem Fitnessstudio.

Weniger einladend war dann der Campus auf den ersten Blick. Als ich an meinem ersten Tag ankam, um meine Dokumente und meinen Studentenausweis abzuholen, musste ich schnell feststellen, dass die TU Eindhoven zwar sehr modern, wohl aber nicht besser organisiert war, als ich es von zu Hause gewöhnt bin. Durch kalten Wind und Schneeböen kämpfte ich mich von Gebäude zu Gebäude (die alle zwar interessante Namen haben, aber keine wirklichen Adressen auf dem Campus). Dies, und die Tatsache, dass sie teilweise ineinander übergehen, durch über- oder unterirdische Gänge miteinander verbunden sind oder direkt nebeneinander stehen, machte das Finden der richtigen Räume fast unmöglich.

Die Kurse

Ähnlich orientierungslos war ich, was den Beginn der Vorlesungszeit betraf. Dadurch, dass die Universität komplett durch-digitalisiert ist, gibt es keinen Erasmuskoordinator mehr, der einem erklärt, wo man seine Kurse bucht, wo man hin muss, wie das System läuft. Man hat die online Plattform, auf der man sich Kurse, zugehörige Tutorien und alles Sonstige bucht und raussucht und das war es. Glücklicherweise lernte ich durch Zufall ein paar andere Erasmusstudenten an meinem Fachbereich kennen und gemeinsam schafften wir es schon in Woche zwei immer bei den Veranstaltungen zu landen, zu denen wir hin wollten. Dies war auch nötig, denn in Eindhoven gibt es keine Semester, sondern Quartale. Und diese sind dann nur 8 Wochen lang, so geht es in Woche zwei schon sehr heiß her. Neben den anspruchsvollen Vorlesungen waren wöchentliche benotete Programmieraufgaben abzugeben, Paper zu lesen, Übungen zu machen. Das ist zwar bei den Informatikern an der FU Berlin nicht sehr anders, aber doch fühlte ich mich da nie so überfordert. Ich glaube, den größten Unterschied machte es für mich, dass die theoretischen Übungen, die einen für die Klausur vorbereiten, nicht abgegeben werden, sondern nur die praktischen, die man also sozusagen „on-top“ machen muss. Und dabei muss man die Zettel auch nicht nur bestehen, wie bei uns, sondern die Note der Zettel fließt bis zu mehr als die Hälfte in die Endnote des Kurses ein. Der Druck ist daher wirklich hoch. Von den Kursen her konnte ich meinen Aufenthalt in Eindhoven also nicht besonders genießen, sondern bin immer leicht an der Überforderung mit dem Pensum und der Menge der Online-Tools und -Plattformen vorbeigeschrappt.

TU-Campus -© F. Boenisch

Von der Ausstattung war die TU aber sehr beeindruckend. Die Gebäude sind alle neu, gut ausgestattet, es gibt riesige Bibliotheken, die Vorlesungssäle sind modern und mit neuster Technik ausgestattet. Die Professoren müssen technische Probleme mit Beamer und Co. nicht mal mehr selber lösen, sondern es gibt Techniker, die sie anrufen können und die dann kommen, falls etwas nicht läuft. Generell gibt es viele zusätzliche Mitarbeiter, die Rezeptionen in jedem Gebäude betreuen, einen Sicherheitsdienst und ein Studienbüro, wo auch der Erasmuskoordinator sitzen würde und man für Fragen einfach hingehen könnte, sollte er denn vor Ort sein.  Auch der Campus ist sehr weitläufig und wunderschön gepflegt. Wohl fühlen kann man sich also. Nur eine Mensa habe ich bis zu meinem letzten Tag nie gefunden. Ich beobachtete die anderen Studenten immer, wie sie über ihren Laptop sitzend irgendwelche in Plastik eingeschweißten Sandwiches aßen. In dem Punkt habe ich auf die Anpassung verzichtet und dann lieber an der Uni nichts gegessen, sondern bin in den Freistunden lieber nach Hause geradelt.

Das Leben

Generell hat es mich überrascht, wie anders doch die Esskultur zwischen den Niederlanden und Deutschland sein muss. Fast jede Art von Gemüse und Obst gibt es schon fertig verpackt, geschnitten und verzehrfertig im Supermarkt zu kaufen. Von geriebenen Kartoffeln, geraspelten Möhren, geschnittenem Obst, Fertigmischungen für alle möglichen Teige, belegte Pizzen, Burger usw. gab es eigentlich alles zu kaufen. Für mich sprach das dafür, dass sich viele Leute vielleicht nicht mehr viel Zeit für Essen nehmen. Das passte mit dem Eindruck der Sandwiches zusammen. Und irgendwie passte das auch nicht in mein Bild der umweltfreundlichen Niederländer. Wenn je 200g Karottenraspeln in Plastik eingepackt sind, ist es mit der Umwelt nicht so weit bestellt. Praktisch ist es aber schon, das musste ich nach einiger Zeit zugeben.

Auch die Imbissbuden, die überall in der Stadt verteilt waren, und wo es im Automaten zur Selbstbedienung Frikandeln und andere – für mich nicht ganz zuordenbare frittierte Gerichte – gab, bestärkten diesen Eindruck. Für das Essen aus den Automaten konnte ich mich zwar nie besonders begeistern, die Pommes waren allerdings die besten, die ich je gegessen hatte.

Die Stadt

Karnaval – © F. Boenisch

Die Lebensqualität in Eindhoven habe ich als sehr hoch wahrgenommen, die Stadt war immer  schön sauber, den anstehenden Festivitäten entsprechend geschmückt und es wurden viele Feste veranstaltet. Ein ganz großes Highlight war der Karneval, für den die Innenstadt bestimmt 5 Tage still stand, überall Bühnen aufgebaut waren und gefeiert wurde. Genauso passierte es auch zum Königstag. Man konnte immer richtig spüren, wie die Stadt zusammenrückte, alles herausgeputzt wurde und die Menschen gemeinsam auf der Straße Spaß hatten.

Auch im Alltag kommt man gut auf seine Kosten, das Theater der Stadt ist wirklich nett und bietet ein überrauschend abwechslungsreiches Programm an. Zwei Mal die Woche ist Markt, wo man sein Gemüse auch in seiner unverpackten, unverarbeiteten Rohform erwerben kann, es gibt eine hervorragende Fahrradinfrastruktur und gerade um den Campus herum wurde es, als langsam der Frühling kam, sehr grün und schön. Es gibt sogar einen See, den wir Erasumus-Studenten als häufigen Wochenend-Treffpunkt auserkoren hatten.

Festival auf dem Campus – © F. Boenisch

Besonders die TU trägt auch zu einem ausgefüllten Leben in der Stadt da. Als sich der Sommer näherte, war eigentlich jedes Wochenende ein großes Event auf dem Campus. Einmal gab es klassische Musik mit Orchestern, die teilweise sogar aus anderen Städten und Ländern angereist waren. Mein Highlight dabei war wohl die Aufführung von Peter und der Wolf auf Niederländisch, da es eine der wenigen Gelegenheiten bot, auf dem Campus Niederländisch zu hören. Aber auch die Festivals, Partys und Konzerte, die auf dem Campus organisiert wurden, standen kommerziellen Veranstaltungen in nichts nach. Es war immer für genügend Bier gesorgt, es waren gute Bands da und dabei fand ich es ganz erheiternd zu sehen, wie die Studenten sich auf dem Campus gehen ließen, in einer Form, wie ich es zu Hause an der Uni noch nie erlebt hatte. Die Verbindung zwischen Uni und Freizeit scheint dort also perfekt zu klappen, auch wenn ich das vielleicht manchmal etwas befremdlich fand. Insbesondere die enormen Mengen an Bier, die stets zu den Events gehörten.

Die Studienvereinigung

Königstag – © F. Boenisch

Schnell merkte ich, dass sich unter den anderen Erasmusstudenten vorher niemand die Mühe gemacht hatte, Niederländisch zu lernen. Generell war die Hauptsprache zwischen Studierenden und Dozierenden an der TU immer nur Englisch. Auch die ausländischen Studenten, die länger dort waren – teils für ihr ganzes Studium – sprachen kein Wort Niederländisch. Und da sie zu größten Teilen die Tutorien betreuten, war für mich weder im privaten noch im universitären Kontext die Möglichkeit vorhanden, Niederländisch zu sprechen, was ich sehr schade fand. Als ich kurz vor dem Aufgeben war, was meine Träume, doch noch Niederländisch zu sprechen, betraf, lernte ich GEWIS kennen.

An der TU gibt es verschiedenen „Studie Associaties“, also Studienvereinigungen. Das ist ähnlich einer Studentenvereinigung, allerdings mit Fachbezug zum Studium und an den Fachbereichen angesiedelt. Die GEWIS ist die Vereinigung für Informatik und Mathematik in Eindhoven. Ich bin auf sie aufmerksam geworden, da sie (anders als die offiziellen Stellen der Uni) eine kleine Einführung für uns Erasmusstudenten organisiert hat, bei der wir etwas über die Niederlande erfahren haben. Ich bin dann Mitglied geworden, um niederländische Freunde zu finden und das war die beste Entscheidung meines Aufenthaltes. Für 15€ Halbjahresbeitrag kann man ab dann an allen Veranstalungen der GEWIS teilnehmen. Diese sind ganz verschiedener Natur: Wandern, Spiele spielen, gemeinsam Backen, Vorlesungen zu Themen und Kompetenzworkshops. Weiterhin wird jeden Donnerstag in den Räumen der GEWIS auf dem Campus der sog. „Borrel“ organisiert. Dann wird für 75ct Bier verkauft, alle stehen zusammen, es ist irgendwie wie in einer Kneipe. Die Studenten dort waren unglaublich nett zu mir, haben mit mir Niederländisch gesprochen, mir viel über die Studienvereinigungskultur, die Uni, die Niederlande usw. erzählt. Das war sehr bereichernd, teilweise, wenn es um die Aufnahmeriten in irgendwelche Teams der Vereinigung ging, die alle das schnelle und viele trinken von Bier beinhalteten, vielleicht auch ein bisschen befremdlich.

Wieder zu Hause

Mein Fahrradweg zur Uni – © F. Boenisch

Jetzt, wieder zu Hause, fehlen mir die schönen Radwege der Niederlande. Es fehlen mir auch die Studienvereinigung und all meine Freunde. Der Uni allgemein in Deutschland fehlt vielleicht auch die Studienvereinigung, denn den meisten Studenten hier, könnte ein bisschen Zusammenhalt am Fachbereich, ein paar gemeinsame Aktivitäten und fachbezogene Unterstützung nicht schaden. Es fehlen mir die Pommes, es fehlt mir die niederländische Sprache. Was aber bleibt sind viele schöne Erinnerungen an eine Stadt, die viel spannender ist, als alle immer behaupten, und die Erfahrung, wie anders Studium im Ausland sein kann, auch wenn man im direkten Nachbarland bleibt.