Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Berührungspunkte: Namibia

Wo kommt der niederländische Sprach- und Kulturraum mit anderen in Berührung? Wo gibt es gemeinsame Interessensgebiete der Niederlandistik und ihrer Nachbarfächer? Solche Berührungspunkte stellen wir in einer kleinen Serie vor.

Die Serie Berührungspunkte, die wir im Mai 2017 starteten, werden wir in loser Folge fortsetzen.

Namibische Berührungspunkte zum niederländischen Sprachraum findet man eigentlich eher über den Umweg des Afrikaans. Aber ein Besuch beim Nationalarchiv Namibias veranlasst mich zu diesem Blogbeitrag, denn dort gab es Auszüge aus der Korrespondenz und den Tagebüchern von Hendrik Witbooi – auf Niederländisch!
Wie das?

Hendrik Witbooi wurde um 1830 in Pella (Kapkolonie) geboren. Sein wirklicher Name: ǃNanseb ǀGabemab. Die Zeichen ! und ǀ stehen für Laute, die von unserer Zunge eine schwer zu erlernenden Akrobatik erfordern.

Die Geräuschbildung dieser Laute entsteht durch das Öffnen des primären Verschlusses der entstandenen oralen Luftkammer, in welche die umgebende Luft infolgedessen schnell hineinströmt, um den Unterdruck auszugleichen. Die Klicks werden auf verschiedene Weise durch Schnalzen mit der Zunge gebildet. Um die Klicks zu erzeugen, muss die Zunge eine saugende Bewegung ausführen. Die Stellung der Zunge und die Art des Atemholens bringt ganz verschiedene Klicks hervor. Quelle

Ein Erbsenzähler (pietje-precies) würde beim Lesen von Witboois Notizen rufen: Kapholländisch!
Ja, richtig!
Aber … die Zeilen lesen sich (ein paar Abweichungen) wie das heutige Niederländisch.
Witbooi hat am Kap das dortige NL gelernt und beherrschte das in Wort und Schrift (in woord en geschrift). Allein schon in seinem Namen erkennt man (wit=weiß, booi=boy) die Namensgebung einer Kolonialmacht. Das Volk der Nama wanderte in den Norden aus und ließ sich nieder in dem Gebiet, das 1884/1885 (Kongokonferenz) dem deutschen Reich zugeschlagen wurde: Deutsch-Südwestafrika – dem heutigen Namibia.

Erst 1925 wurde in Südafrika das Niederländische als Staatssprache abgeschafft und Afrikaans neben Englisch als Amtssprache in der Südafrikanischen Union anerkannt.

Auch die Baster (Afrikaans für „Bastard“ – sie selbst bestehen auf diese Bezeichnung), Nachkommen aus Beziehungen zwischen Nama-Frauen und Buren in Südafrika, haben die niederländische Sprache mitgenommen. Sie wanderten unter Führung von Hermanus van Wyk in den Norden aus und leben im namibischen Rehoboth. Ihre Sprache ist meist Afrikaans und sie haben in der Regel niederländisch klingende Namen: Hans Beukes gehörte z.B. zu den Namibiern, die sich bei der UNO für die Unabhängigkeit Namibias einsetzten.

In Namibia kam es 1904 zu einem Aufstand der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialmacht. Hendrik Witbooi fiel 1905. Der „Konflikt“ – wie Deutschstämmige diesen Krieg manchmal nennen – endete in einen Genozid; ihm fielen 10.000 Nama (und 40.000-60.000 Herero) zum Opfer.

Zurück zum Anfang:
Diese Dokumente von Hendrik Witbooi gehören zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Das Überseemuseum in Bremen hat diese Dokumente vor etwa 20 Jahren zurückgegeben.
Inzwischen hat auch das Stuttgarter Museum Witboois Bibel und Peitsche zurückgegeben.

Die Niederländerin Connie Braam (eine der GründerInnen der Anti-Apartheidsbeweging der NL) schrieb den Roman Ik ben Hendrik Witbooi – noch nicht übersetzt.

Hände hoch!

Wer in den Niederlanden unterwegs ist, hört alles mögliche: Niederländisch, Friesisch, Limburgisch, Türkisch, Arabisch, Englisch usw. Was man nicht hört: Gebärdensprache. Sehen kann man sie dagegen hier und da schon. Aber noch zu selten.

Das findet nicht nur die Sprachgemeinschaft selbst, sondern auch ein gewichtiger Teil des Parlaments. Die sozialdemokratische PvdA, die christdemokratische CU und die liberale D66 möchten gemeinsam einen Gesetzesvorschlag einbringen: Niederländische Gebärdensprache soll endlich offiziell anerkannt werden. Ähnliche Forderungen gab es schon früher immer wieder, bisher erfolglos.

Mit der Anerkennung sollen auch Ansprüche auf Unterstützung ausgebaut werden. Dazu gehört unter anderem, noch häufiger auch Dolmetscher*innen einzusetzen, denn viele schriftsprachige Übersetzungen helfen nur bedingt. Untertitel oder Beschriftungen sind nicht für alle Gehörlosen und Schwerhörigen problemlos zu nutzen. Wer gar nicht mit einer Lautsprache aufgewachsen ist, findet auch Schriftsprache nicht so naheliegend, weil schließlich das hörbare Gegenüber des Schriftbilds fehlt. Übersetzungen direkt in Gebärdensprache sind dann mit weniger Verstehensaufwand verbunden – und zunehmend auch mit weniger technischem Aufwand, denn mit mobilem Internet und allgegenwärtigen Displays lässt sich vieles machen, was früher nicht möglich war. Dabei ist auch nicht zu vernachlässigen, dass die Sichtbarkeit von Gebärdensprache eine Rolle spielt. Genauso wie bei Schrift- und Lautsprachen zeigt die Präsenz um uns herum, wie selbstverständlich die Sprachgemeinschaft dazugehört. Vielleicht wird die Niederländische Gebärdensprache also mit der Zeit ein allgegenwärtiger Teil der Linguistic Landscapes.

 

ACHTUNG: Daten nach YouTube werden erst beim Abspielen des Videos übertragen.

Miriam Stolk übersetzt bekannte Lieder in Niederländische Gebärensprache. Weitere Videos gibt es auf ihrem Youtube-Kanal.

 

Der Schutz von Minderheitensprachen ist in den Niederlanden schon recht weit ausgebaut – jedenfalls auf dem Papier, auch wenn die Umsetzung nicht immer flott verläuft. Die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen schützt einige Sprachen des Landes und immer wieder wird diskutiert, ob man weitere Sprachformen hinzunehmen müsste, beispielsweise das Bildts. Ob die Gebärdensprache künftig auch in den Rahmen der Charta fallen soll? Es wäre jedenfalls denkbar, denn es ist zwar keine Regionalsprache, die auf einen bestimmten Teilraum des Landes begrenzt ist. Aber auch überregionale Sprachen können geschützt werden und sind es längst, nämlich Romani und Jiddisch. Nichts wäre doch passender, als die Gebärdensprache als Teil des handvest voor regionale talen en talen van minderheden anzuerkennen.

Interessant ist die Nederlandse Gebarentaal (NGT) unter anderem wegen ihrer historischen Hintergründe. Die meisten Lautsprachen, die in den Niederlanden anerkannt sind, gehören der germanischen Sprachfamilie an. Die NGT hingegen geht – wie viele andere Gebärdensprachen – auf die Französische Gebärdensprache zurück. Die Klassifikationen der Gebärdensprachen sind oft umstritten, unklar und unübersichtlich, aber zur Deutschen Gebärdensprache bestehen deutliche historische Unterschiede. Und auch die Vlaamse Gebarentaal (VGT) sieht wieder anders aus – deutlich unterschiedliche Verhältnisse der Nachbar- und Verwandtschaft, als wir es bei den Lautsprachen kennen. Eine Herausforderung also für uns Hörende, das Vertraute nicht als völlig selbstverständlich zu verstehen.

Die Initiative zur Anerkennung jedenfalls hat Applaus verdient. Und das bedeutet auf NGT genau wie in Deutscher Gebärdensprache: Hände hoch!

Von Straßenfußball bis straattaal

Disclaimer: Dieser Blogbeitrag enthält Spuren von Fußball und Sprachideologie.

In der Volkskrant erschien kürzlich ein Interview mit dem niederländischen Fußballer Regi Blinker, ehemals Mitglied der Nationalmannschaft, der 1969 in Paramaribo geboren wurde – in Suriname, einige Jahre vor der Unabhängigkeit. Das Gespräch ist insgesamt lesenswert und lehrreich: Interessante Einblicke über die Erfahrungen in der niederländischen Gesellschaft, in der Sportwelt, in der Familie. Und es kommt erstaunlich vieles vor, was für Sprachinteressierte spannend sein dürfte: Aussagen über Sprache(n) als auch Formulierungen und Ausdrücke, die ein paar Gedanken wert sind. Folgen wir einfach der Reihe nach der Lektüre.

Schon im Teaser zu dem Artikel greift die Redaktion eine ziemlich deutliche Bemerkung heraus: „Surinaams is niet een taal om even beleefd terug te praten tegen je ouders“. Das ist eine Einstellung, die man weiterhin recht häufig findet: Für die „höheren“ Bereiche der Kommunikation ist das Niederländische zuständig, Sranan steht eine Stufe darunter. Man kann nur spekulieren, welche Rolle es dabei spielt, dass diese Ansicht hier von jemandem geäußert wird, der selbst in den Niederlanden erfolgreich war und auf Niederländisch den Aufstieg geschafft hat.

Regi Blinker im Jahr 1986.

Dass hier durchgängig von Surinaams die Rede ist und nicht von Sranan, auch das wirft ein paar Fragen auf. Beides benennt zwar dieselbe Sprache, aber damit sind die Begriffe noch lange nicht identisch. Mit Surinaams wird etwas spürbarer der Zusammenhang mit dem Land Suriname angedeutet, die Zugehörigkeit der Sprache zur Nation (jedenfalls nach meinem eigenen Eindruck – wer das anders sieht, möge mich korrigieren). Nicht unbedingt eine glasklare politische Entscheidung, aber in der Nuance auch nicht ganz egal.

Man tut Regi Blinker aber wahrscheinlich Unrecht, wenn man ihm eine starre, hierarchisierende Ideologie unterstellt. Sehr schön illustriert er den Wandel der Spracheinstellungen in der Gesellschaft, der sich bei ihm selbst spiegelt: Inzwischen spricht er gelegentlich doch Sranan mit seinen Kindern, und diese scheinen es auch einzufordern. In mehrsprachigen Familien ist es nicht selten, dass Kinder und Jugendliche ihre Haltungen zu den Sprachen in ihrem Umfeld ab und zu ändern, mal ablehnend, mal interessiert. Umso wichtiger ist es, dass Eltern darauf eingehen und den Kindern die Mehrsprachigkeit mitgeben können, die sie zu bieten haben. Dazu gehört der Gedanke: Wenn eine Sprache in früheren Jahren ausgeblendet wird, ist sie nicht so leicht wieder zurückzuholen.

Dass Blinker von „halfbloedkinderen met mooie krullen“ spricht, mag für deutsche Ohren sehr gewöhnungsbedürftig sein. Hier spielt nicht unbedingt nur der Unterschied von Konnotationen zwischen Niederländisch und Deutsch eine Rolle. Was man sagt, hängt nämlich auch davon ab, wer man ist. Bemerkungen über die Haare von people of colour werden oft als übergriffig wahrgenommen, da ist Respekt und Zurückhaltung gefordert; und quasi-berechnende Einteilungen über „Blutsanteile“ verbieten sich für Weiße ziemlich von selbst. Hier geht es aber um eine Äußerung aus der in-group heraus, und das macht einen gewaltigen Unterschied. Die Bedeutung einer Aussage ist immer kontextabhängig und nicht starr in der Sprache allein festgelegt. Die sprechende Person und die Frage, wo sie sich sieht, ist ein ganz zentraler Faktor des Kontextes.

„In dat elftal begon de straattaal langzaam z’n weg te vinden.“ – Das sagt Blinker über die Kommunikation in der Fußballmannschaft. Für viele ist straattaal fest verbunden mit Sranan, auch wenn dazu natürlich noch viel mehr gehört. Blinkers Vorstellung ist nah an dem, wie Sprache oft konzeptionalisiert ist: Sie besteht aus Wörtern. Und wenn man Wörter aus dem Sranan ins Niederländische übernimmt, entsteht straattaal. Eher beiläufig erfahren wir, was bis heute im Blick auf Kontaktphänomene wie straattaal oder auch Kiezdeutsch gerne ausgeblendet wird: Daran sind auch Sprecher beteiligt, die nicht den sichtbaren ‚Migrationshintergrund‘ haben. Blinker kann offenbar davon berichten, dass das von Anfang an der Fall war. Damit ist er ein durchaus wertvoller Informant, denn die Entstehung von Multiethnolekten ist noch lange nicht zuende erklärt.

Besonders faszinierend ist die Abschlussfrage ganz unten: „Wit of blank?“ – „Automatisch blank. Wit klinkt harder en directer, dichter bij racisme en discriminatie.“ Damit ist Regi Blinker genau umgekehrter Meinung als die NOS-Redaktion, die den Begriff blank inzwischen vermeidet.

Fazit der Lektüre: Gespräche mit Sportlern gelten oft als intellektuell unterfordernd, gerade Fußballer als unterkomplexe Körpermenschen. Das Interview hilft nebenbei mit, auch dieses Stereotyp noch einmal zu durchbrechen.

Zurück zu den niederländischen Wurzeln

In diesem Jahr wäre Schauspiel- und Modeikone Audrey Hepburn 90 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jubiläums ist in Brüssel eine Sonderausstellung über ihr Privatleben zu sehen.

von Aniko Schusterius

Unsere Gastautorin Aniko Schusterius mit der kleinen Audrey.

Es scheint so als würde Audrey Hepburn höchstpersönlich die Besucher ihrer Ausstellung in Empfang nehmen. Angelehnt an eine Requisite wartet sie im ersten Saal auf ihre Gäste und blickt dabei auf eine große Filmkulisse. Von den Wänden halt ihre Stimme wieder. Großformatige Plakate zeigen ihr lächelndes Antlitz. Das erste und letzte Mal wird sie hier als Schauspielstar innerhalb der Ausstellung inszeniert.
Im Vanderborght-Gebäude in Brüssel will Sean Hepburn Ferrer (ältester Sohn der Schauspielerin) den Besuchern Audrey Hepburn vor allem als Menschen vorstellen.
Familienstücke, bislang nie gezeigte Fotografien, Zeichnungen und Notizen vermitteln sehr persönliche und intime Eindrücke. Chronologisch gegliedert sieht man erste Aufnahmen von der kleinen Audrey, wie sie in Brüssel geboren wird und Anfang des zweiten Weltkrieges mit ihrer niederländischen Mutter nach Arnheim zieht. Hier nimmt sie erste Ballettstunden und will schon bald als Tänzerin auf den Bühnen der Welt stehen.
In den Niederlanden dreht sie 1948 auch ihren ersten Film: „Nederlands in zeven lessen“. An diesem Punkt in ihrem Leben spricht Hepburn schon drei Sprachen: Niederländisch, Französisch und Englisch (ihr Vater war Brite). Bis zum ihrem Tod 1993 wird sie noch Italienisch und Spanisch lernen. Die junge Hepburn betrachtet ihren Ausflug in die Filmwelt als eine Ausnahme, doch der Besucher weiß bereits, dass dies der Beginn einer großen Karriere ist.

ACHTUNG: Daten nach YouTube werden erst beim Abspielen des Videos übertragen.

Nederlands in zeven lessen mit Audrey Hepburn

Hepburns Familie und Freunde nehmen einen großen Teil der Ausstellungsfläche ein. Das Brautkleid von Hepburns Eheschließung mit Mel Ferrer und ihre Trauringe erzählen von dem Fest in der Schweiz, welche zu ihrem Lebensmittelpunkt wird. Die Wiege von Sean und Fotos von seiner Taufe sind Zeitzeugen der liebevollen und sensiblen Mutter, als die Audrey Hepburn beschrieben wird. Auch Kollegen wie Elisabeth Taylor und Cary Grant berichten in einer Videosammlung von der scheinbar perfekten Frau.
Schnell wird deutlich, dass es sich vor allem um eine Sammlung von guten Erinnerungen handelt- Gedanken und Momente ihres ältesten Sohnes, die weder von zwei gescheiterten Ehen noch dem zweiten Kind Hepburns Luca Dotti berichten. Doch das tut der Ausstellung keinen Abbruch. Der dem Anlass entsprechend positive Blick auf ihr Leben bringt auch neue Informationen für langjährige Fans mit sich.
Besonders emotional inszeniert wird ihr Engagement für Unicef. Videomitschnitte zeigen wie Hepburn unermüdlich Gelder für Dritte-Welt-Länder sammelte. Ihre appellierenden Reden kann man auf ihren Notizen mitlesen: „Kinderen  kunnen worden gered als we vastbesloten zijn om dat te doen“.

Hörproben, Filmausschnitte und Fotos: Verschiedenste Medien setzten sich in „Intimate Audrey“ zu einem großen erzählenden Puzzle zusammen. Durch eine dünne Plexiglasscheibe blicken die Besucher herab auf alte Pässe, den gold-glänzenden Oscar und Zeichnungen von Kostümen und Outfits. Visuell sehr beeindruckend gestaltet setzt Kurator Hepburn Ferrer noch eins drauf, als ein blühender Kirschbaum tatsächlich auch noch duftet. Und auch der ineinander überlaufende Erzählstrang der Ausstellung ist sehr gelungen. So endet die Zeitreise in einem kleinen Kinosaal, welcher Ausschnitte von Hepburns großen Leinwandmomenten zeigt. Und draußen auf der Bank wartet wieder Audrey. Doch nun im Alter von fünf Jahren.

Intimate Audrey, Espace Vanderborght, noch bis zum 25. August, täglich 10 bis 18 Uhr
intimateaudrey.org

*hust*

Wenn wir uns in der Linguistik mit Kommunikation beschäftigen, steht meistens Sprache im Mittelpunkt. Der Mensch hat daneben aber noch jede Menge andere Möglichkeiten, sich mitzuteilen: mit Gesten, Mimik oder Geräuschen. Ein Räuspern oder Husten kann die Dinge manchmal hervorragend auf den Punkt bringen. Kein Wunder also, dass das Husten auch innerhalb der Sprache eine große Rolle spielt.

Abgesehen vom wohlplatzierten Hinweishusten möchte man unbequeme Lungenkrämpfe eigentlich lieber vermeiden. Wenn sie doch kommen, dann zumeist unfreiwillig. Und so haben die germanischen Sprachen eine Redewendung daraus gemacht. Beispielsweise heißt es in der Debatte um die skandalöse Umfinanzierung im niederländischen Wissenschaftssystem:

Er moet 100 miljoen euro geïnvesteerd worden in bètawetenschappen en techniek; de alfa-, gamma- en medische wetenschappen moeten het ophoesten. (Het Parool)

Was sie wohl aufhusten soll? (GabboT, CC-BY-SA-2.0)

Wortwörtlich kann man den Satz nicht ins Deutsche übersetzen. Dass die Geistes- und Sozialwissenschaften 100 Millionen ‚aufhusten‘ sollen, versteht man vielleicht intuitiv, ein etablierter Ausdruck ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil zum Englischen, zum Norwegischen und Schwedischen:

Walmart Will Cough Up $282 Million To Put Years-Long Bribery Investigation Behind It (Forbes)

Resultatet var åtte fartssyndere som må hoste opp kroner til statskassa. (Altaposten)

Das Ergebnis [der Verkehrskontrolle] waren acht Geschwindigkeitssünder, die jetzt Geld für die Staatskasse aufhusten müssen.

Juventus på jakt – behöver hosta upp 440 miljoner kronor (Aftonbladet)

Juventus ist auf Jagd – und muss 440 Millionen Kronen aufhusten

Friesisch macht auch mit (wobei ich nicht beurteilen kann, ob das eine neuere Lehnübersetzung aus dem Niederländischen ist – aber eigentlich spielt das ja auch keine Rolle, Friesisch ist es trotzdem):

Dat jild kinne de hjoeddeiske mediabedriuwen net mear ophoastje. (Blog)

Das Geld können die heutigen Medienunternehmen nicht mehr aufhusten.

Zur Abwechslung setzt das Dänische noch eine Präposition dazu:

Bilister skal hoste op med 1.100 kroner for 36 kilometer (Politiken)

Autofahrer sollen mit 1.100 Kronen für 36 Kilometer aufhusten.

Dass eine solche Redewendung sprachübergreifend funktioniert, ist nicht ungewöhnlich. Die Metapher ist schließlich relativ einfach und unabhängig von der Sprache zu erschließen. Soweit ich das beurteilen kann – die Nuancen können durchaus abweichen – scheint der Ausdruck überall eher salopp zu sein, vielleicht auch etwas ironisierend oder polemisch. Deshalb erstaunt es ein wenig, dass die verwandten Sprachen rundherum dieselbe Formel kennen, nur das Deutsche nicht.

Verweigert man sich einer Forderung, greift aber auch auf Deutsch eine passende Redewendung – die es auch auf Niederländisch gibt: Was, wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften der niederländischen Regierung was husten?

Afrikaans in Thüringen

von Henning Radke

Laut tönt die Stimme von Jack Parow über die großen Lautsprecher hinein in die idyllische Landschaft der Thüringer Provinz. In einem Zelt ganz in der Nähe tanzen etwa 100 junge Menschen und singen textsicher mit: „Dans, dans, dans – ek wil fokken, fokken dans.“. Wenn sie nicht gerade singen, sprechen sie untereinander Deutsch. Die Nacht wird noch lang sein. Der nächste Morgen beginnt für die meisten auf dem Zeltplatz mit einem Country-Song auf Afrikaans – schon wieder diese Sprache, die man ansonsten nicht gerade häufig mit Thüringen assoziiert. Was war da los in dem kleinen Ort unweit von Eisenach?

Die Mischung aus Afrikaans, Deutsch, Englisch und Namslang – bis dato wohl eher ungehört in dieser Thüringer Landschaft (Foto: Andreas Kuhrt).

Die Antwort liegt Jahrzehnte zurück in der Vergangenheit: Anfang der 1960er Jahre wandte sich Rosemarie Bernhardt an die namibische Allgemeine Zeitung (AZ) mit einem Aufruf, der seine Wirkung nicht verfehlen sollte: Die damalige Bodenstewardess der KLM kam zwar aus Namibia, wohnte jedoch seit einiger Zeit im niedersächsischen Hannover und lud daher zu einem Treffen all derjenigen Namibier ein, die sich gerade in Deutschland befanden, „um diesen jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, sich in Deutschland näher kennenzulernen“, wie die AZ damals schrieb. Mithilfe von Postkarten legte sie den Grundstein für ein deutschlandweites Netzwerk. Das Treffen während der Pfingsttage entwickelte sich zu einem festen Termin für viele deutschsprachige Namibier in der Diaspora mitten in Europa.

Jack Parow, EES & Co.: Die übliche Musikauswahl im Auto über namibische Sandpads.

Doch egal aus welcher Perspektive man auf die Community schaut – ob deutschsprachige Minderheit, namibische Deutsche oder deutsche Namibi(an)er – ein Aspekt ist unweigerlich mit ihrer Kultur verbunden: die Sprache Afrikaans. Sie speist den Namslang der deutschsprachigen Community nicht nur mit einer Vielzahl von Lehnwörtern („ich habe lekker gelacht ou!) und grammatischen Besonderheiten („Wieviel geht das kosten?“), sondern ist auch Teil der Lebenswirklichkeit vieler Menschen in Namibia. Wer nun also als Mitglied der deutsch-namibischen Community nach Europa auswandert, nimmt Afrikaans in der einen oder anderen Form einfach mit. Und so schallte es auch auf dem diesjährigen Treffen in Thüringen nicht nur deutschen, sondern auch afrikaansen Pop, Rock und Schlager über den Zeltplatz, während die Nachbarn auf der anderen Seite ihre Steckrüben pflanzten.

Was hätte Rosemarie Bernhardt dazu gesagt? Wenn sie noch lebt, sollte sie mittlerweile über 80 sein. Seit fast 60 Jahren bringt ihre Idee von damals Menschen zusammen; mittlerweile in der 3. Generation. Und die tanzt anno 2019 unweit von Eisenach auch zu den Liedern von EES, der zwar nicht auf Afrikaans singt, dafür aber im Namslang rappt und somit zur sprachlichen Stilikone vieler junger, deutschsprachiger Namibier wurde („Hab kein Gees mehr zu moven, bin pap (…) maar hier kommt der Plan: Ich call die Maats zusammen“). Amerikanischer Pop ist hingegen eher selten zu hören. Nur eine amerikanischen Band wurde auf dem Thüringer Zeltplatz immer wieder gespielt und erntete auffallend lautes Mitsingen: Toto mit ihrem Song Down in Africa.


Und weil es thematisch passt noch ein Terminhinweis:

Vom 3. bis 5. Juli findet an der Freien Universität der Workshop „German(ic) in contact“ statt. Thema der Konferenz sind allerlei Situationen, in denen Deutsch und andere germanische Sprachen in Kontakt mit einer anders- und mehrsprachigen Umgebung stehen, darunter das Fallbeispiel Namibia, aber auch Ostfriesen in Nordamerika oder Mennoniten in Uruguay. Unser Gastautor Henning Radke wird ebenfalls seine Arbeit zu Namibia vorstellen.

Programm und weitere Informationen auf der Webseite der FU-Germanistik.


Bildnachweise zu diesem Post:

Foto 1: Andreas Kuhrt

Foto 2: Henning Radke/Merrick Nock

Verstrahlte Wissenschaftspolitik

Dem Klischee zufolge ist der Holländer der Schwabe der Niederlande: sparsam bis zur Gier, effizient bis zum Geiz. In der Geschichte der Kaufleute und Handlungsreisenden hat sich das Image festgesetzt, und auch die aktuelle Politik versucht nicht gerade, den Ruf loszuwerden. Die rechtsliberale Regierung unter Mark Rutte sorgt aktuell wieder dafür, die Stereotype zu bestätigen, nämlich in der Wissenschaftspolitik.

Anhand kosmischer Gammastrahlung dargestellte Milchstraße. (NASA, PD)

Um es etwas zu verkürzen (ausführlicher kann man hier die Hintergründe nachlesen): Mehr oder weniger Konsens ist, dass die Forschung der naturwissenschaftlichen und technischen Fächer mehr Mittel braucht. Das darf aber bitteschön keine zusätzlichen Kosten verursachen, also soll umgeschichtet werden. Mehr Geld für bèta-wetenschappen bedeutet weniger für alfa und gamma.

Keine besonders hilfreiche Erläuterung? Griechische Buchstaben kennen wir im Deutschen beispielsweise für verschiedene Arten von Strahlung. In der Sprachwissenschaft kommen uns zumindest β und ɣ aus dem phonetischen Alphabet bekannt vor. Im niederländischen Sprachgebrauch teilt man die großen Wissenschaftsbereiche anhand der drei Buchstaben ein:

Alfa für Geisteswissenschaften

Bèta für Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik, Ingenieurswissenschaften

Gamma für Sozialwissenschaften, aber auch Recht und Wirtschaftswissenschaften

Die Medizin hat keinen Buchstaben bekommen und gilt als eigene Kategorie. Traditionell gab es zuerst alfa und bèta; die gamma-Disziplinen gelten als neuere Entwicklungen, die später eine neue Klasse brauchten. Bei einigen Disziplinen ist die Zuordnung umstritten oder flexibel (etwa bei der Geographie); sowieso wird natürlich zunehmend auf interdisziplinäre Forschung geachtet. Die Linguistik gilt ursprünglich als Teil der alfa-Wissenschaften, aber je nach Ausrichtung hat sie zu den anderen beiden Feldern starke Verbindungen.

Auch im traditionellen Schulsystem fand man die Bezeichnungen schon, je nach Schwerpunktsetzung bei den gewählten Fächern. Und Menschen, die eine bestimmte Beziehung, ein Talent, ein Interesse für eine der Fachgruppen zeigen, nennt man manchmal ebenfalls nach dem Buchstaben.

Anders als im Deutschen verzichtet die niederländische Orthographie bei alfa auf die klassisch-griechische Schreibung mit ph. Beim Wörtchen bèta hilft der selten benutzte Akzent dafür, dass der Laut etwas näher an der griechischen Aussprache liegt: ein kurzes, offeneres E, und eher kein nord-niederländisches, lang diphthongiertes eej.

Warum bei der Einteilung des Bildungs- und Wissenschaftssystems genau in dieser Reihenfolge die Klassifikationen vergeben wurden, konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Genauso schwer nachvollziehbar ist die Universitätspolitik in den Niederlanden. Besonders die liberale Partei D66, die sich oft als Wissenschaftspartei sieht und im akademischen Milieu stark ist, bekommt gerade massive Kritik von ihrer Kernwählerschaft zu hören.

Die allgemeine Tendenz hin zum vermeintlich Nützlichen, zum Konkreten, das sich bezahlt macht, die ist in den Niederlanden nicht neu und auch woanders deutlich spürbar. Aber gerade die Geistes- und Sozialwissenschaften werden jetzt gebraucht, in Zeiten von gesellschaftlicher Polarisierung, von Unverständnis für kulturelle Diversität und von Ignoranz gegenüber historischen Zusammenhängen – das gilt für ganz Europa und weit darüber hinaus.

Von Deutschland aus kann man den Entwicklungen im Nachbarland zunächst mit Kopfschütteln zusehen (oder eine Petition der Opposition dagegen unterschreiben). Egal ob Alpha, Beta oder Gamma: strahlend sind diese Entscheidungen sicher nicht. Dass sich die Wissenschaftspolitik hierzulande ähnlich entwickelt, ist aber leider überhaupt nicht auszuschließen.

Sprachbau in der Bausprache

In der Linguistik lesen wir jeden Tag ziemlich spezielle Texte. Ein sehr spezieller Text, mit dem ich mich bislang weniger beschäftigt habe, ist die deutsche Baustellenverordnung. Das hat sich heute geändert. Der Anlass hat übrigens nichts damit zu tun, dass im Gebäude unserer Exzellenzuniversität gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate die Decke herunterfiel und Regenwasser durch die Deckenlampe tropfte.

Zur Lektüre dieses äußerst lesenswerten Schriftstücks kam ich durch einen Umweg, über einen Artikel auf aannemervak.nl, einem niederländischen Branchenportal des Baugewerbes.*

Maastricht baut. (Kleon3, CC-BY-SA 4.0)

Dort ging es knapp beschrieben, mit zackigen Hauptsätzen, um „eindeutige Kommunikation auf dem Bau“. Fasziniert las ich von Bouwspraak, einem Hilfsmittel zur Verständigung auf der Baustelle, wo häufig Menschen mit unterschiedlichsten sprachlichen Hintergründen zusammenkommen. Bouwspraak ist ein überschaubares Inventar an Gebärden, die genutzt werden sollen, wenn Gefahr droht oder jemand Hilfe braucht. Die Gebärden sind in verschiedenen Sprachen erläutert (mit Video) und sollten von allen auf dem Bau beherrscht werden. Keine schlechte Idee, nicht nur wegen möglicher Sprachbarrieren, sondern auch vor dem Hintergrund, dass es auf Baustellen oft laut ist oder man über größere Distanzen miteinander kommunizieren muss.

Ob es etwas Ähnliches auch in Deutschland gibt, konnte ich nicht ergoogeln. Die Baustellenverordnung sagt nur: „Die Arbeitgeber haben die Beschäftigten in verständlicher Form und Sprache über die sie betreffenden Schutzmaßnahmen zu informieren.“ (§5, Abs. 2) Erläutert wird die Vorschrift so: „Wesentliche Informationen sind zu übersetzen, wenn in anderer Form eine Verständigung nicht gewährleistet ist. Zu den verständlichen Formen der Information können z. B. Bilder, Piktogramme, praktische Unterrichtung am Arbeitsplatz und arbeitsplatzbezogene Demonstrationen gehören.“

Von Gebärden zur Kommunikation bei der Arbeit ist also nicht die Rede, wohl aber von der Information durch den Arbeitgeber – und auch hier greift man bei Bouwspraak auf Mehrsprachigkeit, Bilder und Piktogramme zurück.

Worauf man auf niederländischen Baustellen offenbar auch oft zurückgreift, ist das Deutsche. In dem Artikel auf aannemervak.nl liest man: „Duits is niet zelden de voertaal op de bouwplaats.“ Wie kommt das? Dazu kann es verschiedene Erklärungen geben. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind aus Deutschland viele Fachkräfte im Handwerk ausgewandert in Länder, wo es Arbeit und gute Löhne gibt. Ziele waren oft die Schweiz und Österreich, Skandinavien, Großbritannien, aber auch der Benelux-Raum. Allerdings dürfte die Präsenz von Deutschen auf niederländischen Baustellen nicht so enorm sein, dass sie dort sprachlich dominieren.

Vermutlich kann man eher einen Sekundäreffekt beobachten. In Deutschland arbeiten in der Baubranche viele Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa, ebenso in den Niederlanden. Es kann sein, dass ein bedeutender Anteil zunächst in Deutschland gearbeitet hat und dort für die Verständigung zwischen den verschiedenen Sprachfamilien –  Polnisch, Ungarisch oder Rumänisch usw. – lernte man Deutsch. Möglicherweise Baustellendeutsch, mit vielen Wendungen und Begriffen, die für die Arbeitsumgebung relevant sind. Wer dann eine neue Arbeit noch weiter westlich fand, nahm die Gewohnheit zur Verständigung, die inzwischen eingeübte Fachsprache einfach mit.

Zur Fachsprache des Branchenportals aannemervak.nl scheint übrigens auch ein interessanter Umgang mit Singular und Plural zu gehören. Das beginnt mit dem oben zitierten Satzteil: „veiligheidsgebaren die voor betere en eenduidige communicatie moet zorgen”. Das ist wohl ein Versehen, bei dem die Kongruenz verrutscht ist. Ungewöhnlicher ist aus deutscher Perspektive eher diese Frage:

Maar wie werken er op de bouw?

Wer-Fragen ziehen auf Deutsch immer einen Singular nach sich. Auf Niederländisch dagegen kann hier auch ein Plural stehen, wenn nach einer Gruppe gefragt ist bzw. wenn die erwartete Antwort wahrscheinlich auch im Plural stehen wird. Umgekehrt setzt das Branchenportal wiederum dort einen Singular, wo es ganz offensichtlich um mehrere Menschen geht:

Als ik kijk naar mijn bedrijf, komt het voor dat er soms 15 man aan het werk is.

Mann als Plural ist auch im Deutschen geläufig. Dabei muss das Verb dann aber ebenfalls im Plural stehen. Im Niederländischen findet man dagegen problemlos Belege wie diese:

Er is 20 man ingeschreven. (bron)

Es sind 20 Mann angemeldet.

Er is 15 man nodig geweest om hem te kalmeren. (bron)

Es waren 15 Mann nötig, um ihn zu beruhigen.

Gängig sind auch hier Formen wie er zijn 15 man nodig, möglicherweise werden viele die Beispiele mit dem Singular sogar für ungrammatisch halten. Aber offenbar ist gelegentlich die Form man stärker als sogar das eindeutige Zahlwort, das für einen Plural sorgen müsste.

Bei aller Vorliebe des Deutschen für den Plural ist eines trotzdem klar: Ein einziges wasserdichtes Dach über dem Kopf würde uns für unser Uni-Gebäude eigentlich genügen.


*Mit Dank an Cefas van Rossem (Meertens Instituut) für die Entdeckung!

Applied Linguistics across Borders – Truus De Wilde in Berlijn

Van tijd tot tijd wordt ons gevraagd om voor een ander medium te schrijven. We laten onze bloglezers graag de tekst lezen die in het Infobulletin van Anela verscheen.

Truus De Wilde is docent Nederlands aan de Freie Universität Berlin. Ze woont sinds 2010 met haar gezin in de stad, en promoveerde in 2018 bij Matthias Hüning op een sociolinguïstisch thema. Een thema dat alle medewerkers aan het Institut für deutsche und niederländische Philologie verbindt, is het opleiden van studenten tot kritische geesteswetenschappers. Dat doen we onder meer door het integreren van recent eigen onderzoek in het onderwijs.

Nieuwsgierig onderzoeken

Niets zo ingewikkeld, of door onderzoek kan het tot klaarheid worden gebracht, zo liet de Romeinse dichter Terentius al optekenen. Voor mij is de kloof tussen lesgeven en onderzoeken onbestaande. Net de nieuwsgierigheid van de onderzoeker moet je de studenten meegeven, het voortdurende ontdekken, het steeds opnieuw zekerheden in vraag stellen.

Dat de neerlandistiek daar een heel belangrijke rol op zich neemt, is niet onlogisch, omdat het Nederlands bij uitstek een taal is die er zich in het midden van Europa, in het midden van de Germaanse talen toe leent om samenhang en structuren te ontdekken. Studenten, zeker zij die ook goed Duits spreken, moeten niet ongereflecteerd regels leren, maar ontdekken waar een regel vandaan komt.

Terwijl de neerlandistiek in haar eigen taalgebied geleidelijk aan implodeert, omwille van absurde mercantiele argumenten, staat ze extra muros haar mannetje. Hier wordt het Nederlands absoluut niet beschouwd als een kleine taal, maar als een werktuig: taal als een zich steeds ontwikkelende bepalende factor in de samenleving, taal om te gebruiken om gereflecteerd plannen te maken voor de toekomst. Of het nu om mijn onderzoeksgebied ideologie & variatie, om morfologie of om pragmatiek gaat, het kadert allemaal in het grotere geheel van taal in de maatschappij.

Truus in de klas (Ljubljana, oktober 2016) (Foto: Anita Srebnik)

Van nationale filologie naar transnationale benaderingen

Daarom ben ik ook heel trots om mee aan de wieg te staan van de nieuwe studierichting “Sprache & Gesellschaft” aan de Freie Universität. Het gaat daarin niet alleen om het begrijpen van de samenleving op basis van taal, maar ook om het actieve argumenteren tegen een gevaarlijk nationalistisch denken dat in het laatste decennium steeds sterker de kop opstak. De universiteit moet de plaats blijven waar men zich niet terugplooit op zichzelf, maar de transnationale effecten ziet. Als Theresa May de tijdsgeest verwoordt als: ‘a citizen of the world is a citizen of nowhere’, moet een hele generatie studenten kunnen counteren. De idee dat er ooit monoculturaliteit was, waar we nu romantisch aan kunnen terugdenken, is een illusie. Voorbeelden zat in de Europese kunst – en literatuurgeschiedenis, en in talen overal ter wereld. Maar ook hier geldt de wijsheid van Johan Cruijff: Je gaat het pas zien als je het door hebt. Ook de idee dat de taal bevrijd moet worden van vreemde invloeden, is tenslotte niet nieuw.  

In de klassen van mijn kinderen is meertaligheid de norm en ik merk elke dag hoe dat ons leven rijker maakt, hoe zij leren verbanden te leggen en analytisch te denken, hoe zij ervan uitgaan dat er ook een wereld is buiten hun eigen bubbel. Ik weet dat ik bevoorrecht ben om te mogen onderzoeken en doceren in Berlijn, de stad die echt multicultureel en meertalig is. Zoals in veel grootsteden kan het wel eens botsen, maar omdat heel de wereld naar hier komt, komen ook al die achtergronden mee. Wat normaal is of gebruikelijk, wordt steeds opnieuw tegen het licht gehouden, en maakt ook regelmatig plaats voor een nieuwe, andere visie.

Taalbewustzijn en taalvariatie

Een Vlaamse slaviste in de Berlijnse neerlandistiek – ik timmer aan een ongebruikelijke weg binnen de academische wereld. Het brengt een eigen perspectief mee dat ook door de collega’s steeds als een verrijking geduid wordt. Voor mijn promotieonderzoek heb ik taalideologieën van docenten Nederlands aan Europese universiteiten in kaart gebracht. Het is een etnografisch onderzoek dat ons leert dat de ideeën over taal een belangrijk rol spelen in de manier waarop we taalverwervingslessen organiseren, én dat duidelijk maakt dat de taalklas een plaats is waar taalideologieën aan een volgende generatie doorgegeven worden. In de loop van het jaar verschijnt mijn boek “Over taalbewustzijn & taalvariatie” in de reeks Lage Landen Studies.

De conclusie kan ik alvast hier meegeven: als we blijven inzetten op nieuwsgierige, goede onderzoekers en docenten aan de universiteiten, heeft dat een duidelijke multiplicatiefactor. Misschien betekent dat voor de neerlandistiek wel dat we vanuit het buitenland ook de neerlandistiek intra muros nieuw leven in kunnen blazen.

1+1=Brüssel

Am kommenden Sonntag, 26. Mai wird gewählt*, und zwar nicht nur das Europaparlament, sondern in Belgien auch das föderale Parlament und die Parlamente der Gemeinschaften und Regionen. Es gibt also viel zu entscheiden für die belgischen Wahlberechtigten.

Pünktlich zum Wahlkampf hat man in Belgien die Sprachpolitik wiederentdeckt, beispielsweise im Bildungssystem von Brüssel. Dort bestehen im Prinzip zwei Schulsysteme nebeneinander, jeweils getragen von der flämischen und der frankophonen Gemeinschaft. Die Strukturen simulieren einen Zustand, als würden zwei einsprachige Communities getrennt in der Stadt nebeneinanderher leben. Dass das immer weniger der Realität entspricht, versteht man natürlich auch in der Politik und man hat schon einige Möglichkeiten für mehrsprachige Bildung eingerichtet. Aber die mühsam ausgehandelten politischen Grundstrukturen lassen sich nicht so leicht umformen.

Um die Qualität des mehrsprachigen Unterrichts zu verbessern, kam jetzt ein Vorschlag vom Brüsseler Spitzenkandidaten der Christdemokraten für das flämische Parlament: Der Sprachunterricht sollte nur noch von Lehrkräften erteilt werden, die jeweils muttersprachliche Kenntnisse haben, etwa mit einer Art Austausch zwischen frankophonen und niederländischsprachigen Schulen innerhalb von Brüssel. Das ließe sich innerhalb der Stadt mit relativ kurzen Wegen praktisch lösen.

Nicht alle Schulen in Brüssel sind so elegant wie das Lycée Émice Jacqmain direkt neben dem Europaparlament. (F. Romero, CC-BY 2.0)

Klingt auf den ersten Blick gut und logisch. Auch in anderen Bereichen des Sprachenlernens, an Universitäten, Sprachschulen usw. gilt es als Qualitätsmerkmal, muttersprachliche Lehrkräfte zu haben, und die Lernenden fordern das oft selbst ein oder bewerten es zumindest positiv. Bei näherem Hinschauen steckt dahinter eine Denkweise, die in der Soziolinguistik native speaker ideology genannt wird:

Die ‚authentische‘ und ‚legitime‘ Sprachform schreibt man denjenigen zu, die diese Sprache von Kind auf erworben haben. Sie dürfen entscheiden, was ‚gute Sprache‘ ist, was ‚echt‘ und ‚natürlich‘ wirkt. Wer eine Sprache lernt, möchte so weit wie möglich genau diese ‚natürliche‘ Sprache lernen. Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass man ein ganz anderes Sprachgefühl hat, wenn man von klein an die Sprache kennt und benutzt.

Aber ist das wirklich die wichtigste Qualifikation für die Fremdsprachenlehre? Mindestens ebenso wichtig sind didaktische Kenntnis, Lehrerfahrung, kritisches Sprachbewusstsein. Und gerade letzteres haben auch viele nicht-muttersprachliche Lehrkräfte. Man kann kaum überschätzen wie zentral es ist, sich bei der Lehre in den Denkprozess und die Erfahrungen der Lernenden hineinzuversetzen. Wer diesen Prozess und diese Erfahrungen selbst schon einmal durchgemacht hat, kann sie auch im Unterricht nachvollziehen.

Das symbolische Signal an Kinder und Jugendliche wäre bei einer solchen Regelung ziemlich unschön. Ihnen würde gezeigt, dass es Menschen gibt, die legitim die Sprache vertreten dürfen, während andere als weniger legitime Sprecher*innen gelten. Die Vorstellung, dass ich mir auch im Jugend- oder Erwachsenenalter eine Sprache zueigen machen kann, sie als meine Sprache annehmen kann, wird damit erschwert.

Wie so oft kommt hier im Wahlkampf eine Lösung zum Vorschein, die simpel und plausibel wirkt, aber nicht zu Ende gedacht ist. Der Denkrahmen bleibt leider immer noch in der binären belgischen Logik stecken: hier frankophon, da niederländischsprachig; hier Muttersprache, da nicht. In Brüssel darf zwar beides gemeinsam vorkommen, vielleicht gar gleichzeitig – aber trotzdem fein erkennbar sortiert. Zwischenstufen oder Alternativen sind in dieser Logik schwer zu erfassen.

Wo beginnt überhaupt „muttersprachliche Kenntnis“? In Brüssel und in vielen anderen Regionen der Welt besuchen viele Kinder ab jüngstem Alter inzwischen Schulen oder schon Kindergärten mit Immersionsunterricht, bei dem die Schulsprache nicht die Familiensprache ist. Wird man diese Kinder später als Muttersprachler*innen einstufen, wenn sie Lehrkräfte werden?

Ideal wäre es, wenn an den Schulen das Kollegium so divers zusammengesetzt wäre, wie die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler. Die haben nämlich oft mehrere Muttersprachen, bei manchen gehört dazu schon jetzt Niederländisch und Französisch, bei anderen keines von beiden. Da wäre es ein Anfang, wenn die Politik sich von der Vorstellung lösen könnte, dass es ein ‚eigentliches‘ Niederländisch oder Französisch gibt und wer das vermitteln soll.


*Nur damit niemand den Termin verpasst: In den Niederlanden findet die Europawahl schon morgen, am 23. Mai statt, wie auch in Großbritannien (sonntags ist offenbar den Reformierten in den Niederlanden eine Wahl nicht zuzumuten). Ein paar Länder wählen am 24. oder 25. Mai, die meisten – darunter Belgien und Deutschland – am 26. Mai.