Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Corona, Tulpen, Pommes und nationale Identitäten

Erst ging das große Tulpen-Schreddern durch die Presse: Tulpen für die Tonne – Corona zerstört das Blumen-Business hieß es, oder “Kauft Blumen, nicht Klopapier!”. Ein niederländisches Exportprodukt mit Symbolcharakter ist gerade zum Opfer der Pandemie geworden. Und jetzt hat es auch Belgien erwischt. Seit einigen Tagen ruft die belgische Kartoffelindustrie dazu auf, mehr Pommes Frites zu essen. Dem Spiegel ist das am 1. Mai ein Video wert: “Hilfe, eine Extraportion Pommes, bitte!”. Die BelgierInnen werden von der Kartoffel-Lobby gebeten, das Nationalgericht doch bitte zuhause selber zu frittieren “oder sich an Frittenbuden zu versorgen”; schließlich seien die ja vom Lockdown ausgenommen.

Soweit der Spiegel-Beitrag. Und mit dem Wort Fritten wäre es dann geschafft, und wir sind wieder mitten in der Variationslinguistik 🙂
Die aus dem Französischen übernommene Bezeichnung Pommes Frites wird im deutschen Sprachraum in der Regel zu Pommes verkürzt, wobei das Wort dann an die deutsche Aussprache angepasst und zweisilbig (und daher auch mit auslautendem [s]) ausgesprochen wird. Daneben finden wir im Süden (vor allem in der Schweiz) die an das Französische angelehnte Aussprache Pommfritt. Und im Rheinland hat sich das Wort Fritten eingebürgert. Die Verteilung der verschiedenen Varianten zeigt sehr schön der Atlas zur deutschen Alltagssprache:

Pommes oder Fritten: Atlas zur deutschen Alltagssprache

Es wird kein Zufall sein, dass das Fritten-Gebiet entlang der Grenze zu Belgien angesiedelt ist, denn im niederländischsprachigen Belgien ist friet oder frieten die normale Bezeichnung für die Pommes Frites. Als Langform gibt es im belgischen Französich auch die patat frites, aus denen sich im Norden des niederländischen Sprachgebiets die Bezeichnung patat entwickelt hat (vgl. in diesem Zusammenhang auch unseren Beitrag Essen wie Gott in … Holland aus dem Jahr 2014).

Die bekannte ‘Patates frites’-Kaart von Jan Stroop (1972), bearbeitet von Cavit (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Een patatje met wäre im Norden die adäquate Art, eine ‘Pommes mit Mayo’ zu bestellen. Die diversen Serviervarianten erspare ich Ihnen jetzt; der kulinarische Höhepunkt ist aber natürlich das patatje oorlog, wörtlich ‘Pommes Krieg’ (also Pommes mit Mayonnaise und Erdnusssoße und meist auch noch Zwiebeln, eventuell angereichert mit Curry und Ketchup).

BelgierInnen schüttelt es wohl eher bei dieser Kombination. Zumal sie ja eh der Meinung sind, dass die Pommes Frites eine belgische Erfindung sind, zumindest die ‘echten’, aus frischen Kartoffeln und zweimal frittierten. Diese frieten oder – als Singularwort auch friet – gehören zum Bild einer nationalen Identität (wenn es die denn in Belgien überhaupt gibt) und sie sind immer wieder Anlass für halbernste aber dennoch leidenschaftlich geführte Diskussionen und Streiterein über die ‘richtige’ Bezeichnung mit den Nachbarn im Norden.

Jedenfalls ist die Vorstellung, dass man frieten, dieses nationale Symbol, in Corona-Zeiten als Abfall entsorgen muss, für die BelgierInnen mindestens ebenso erschreckend wie das Tulpenschreddern für die Holländer. Oder aber das ist alles Quatsch, und das ganze Identitätsgerede ist letztlich nur leeres Marketinggeschwätz. Vielleicht geht’s wieder einmal nur ums Geld, um ein paar Millionen Euro Einbußen. It’s the economy, stupid.

 

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 3. Mai 2020 um 08:35 Uhr von Matthias Hüning veröffentlicht und wurde unter Belgien, Niederlande, Sprachvariation, Sprachvergleich, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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