Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Kundschafterin und Minenräumer

In den Tagen nach der Wahl in den Niederlanden war eine Kundschafterin unterwegs. Im Original heißt sie verkenner und wird in der Berichterstattung häufig nicht mit einer eigenen weiblichen Form bezeichnet (obwohl man verkenster morphologisch durchaus bilden kann, und das Wort ist im Internet und auch im Van Dale anzutreffen). Auf Deutsch kann man verkenner auf verschiedene Weise übersetzen, die alle für die politische Bedeutung der Person zutreffen, zum Beispiel als Aufklärer, Vermittler oder als Erkunder (oder auch als Pfadfinder in der mittleren Altersstufe). Das Verb verkennen ist ein false friend: Was auf Deutsch ungefähr „eine Tatsache falsch einschätzen“ bedeutet, ist auf Niederländisch sondieren oder aufklären, auch im militärischen oder geographischen Sinn.

Kundschafterin Edith Schippers. (Rijksoverheid, CC-zero)

Die Kundschafterin Edith Schippers war direkt nach den Wahlen damit beauftragt, die grundsätzliche Bereitschaft der verschiedenen Parteien zu Koalitionsgesprächen zu erfragen. Auf Deutsch wäre sie am ehesten eine Sondiererin. Auswahl gibt es in der Tweede Kamer wieder genug, also ist es keine schlechte Idee, wenn es eine einzelne Person gibt, die den Überblick behält.

Nach dem verkenner (oder seinem weiblichen Pendant) kommt als nächstes der informateur an die Reihe. Wie unterscheiden sich die beiden Aufträge? Wikipedia ist bei dieser Frage keine große Hilfe, denn für den Eintrag verkenner steht dort:

Een persoon die de beginfase van de kabinetsformatie (Nederland) of regeringsformatie (België) leidt, zie informateur

In der Tat werden die beiden Begriffe oft synonym gebraucht. Es geht eben vor allem um die Steuerung des gesamten Vorgangs vor der Erstellung eines Kabinetts. Wenn man einen Unterschied zwischen beiden Funktionen machen möchte, dann liegt er wohl darin, dass der informateur offiziell beauftragt wurde. In Belgien vom König, in den Niederlanden inzwischen von der Tweede Kamer. Das ist inzwischen auch schon geschehen, so dass Frau Schippers sich nun informateur  nennen kann. Auch ein informateur (oder eine informatrice – im Gebrauch ähnlich selten wie verkenster) bildet noch keine Regierung, sondern er oder sie sammelt Informationen, gleicht Positionen der Parteien ab und bereitet eine mögliche Koalitionsbildung vor. Erst wenn das Wort die Vorsilbe in- verliert und es einen formateur gibt, wird es handfest.

Informateur und formateur müssen nicht dieselbe Person sein. Informateurs sind manchmal verdiente und respektierte Persönlichkeiten, die schon länger im Geschäft sind und gute Kontakte quer durch die Parteien haben. Der formateur ist meistens auch der künftige Regierungschef. Eine formatrice gibt es also erst, wenn es auch eine Premierministerin geben wird, was bislang weder in Belgien noch in den Niederlanden der Fall war. Der formateur kann allerdings bei seinen Verhandlungen immer noch scheitern, was in Belgien schon öfter vorkam. Dann geht die Sache wieder von vorne los und ein neuer informateur muss ran.

Jean-Luc Dehaene, seinerzeit Minenräumer in Belgien mit einem Stock hinter der Tür. (M. Hendryckx, CC-BY-SA-3.0)

Wenn überhaupt nichts funktioniert, erfindet man in Belgien spontan gerne noch neue Funktionen mit kreativen Bezeichnungen, nicht unbedingt nur während der Regierungsbildung sondern auch während der Legislaturperiode. Beispiele findet man vor allem während der regierungslosen Rekordzeit 2010/11 und nach den Wahlen 2007. Es gab zum Beispiel einmal einen preformateur (weil man nicht so genau wusste, ob aus der Regierungsbildung etwas wird) und einen verduidelijker. Später brauchte man die Hilfe von verzoeners („Versöhner“), bemiddelaars („Vermittler“) und sogar einen ontmijner („Entschärfer“ oder auch „Minenräumer“)

Das alles bleibt den Niederlanden hoffentlich dieses Jahr erspart. Bisher reichten dort verkenner, informateur und formateur in der Regel aus. Die Verhandlungen könnten lang dauern und eine Koalition mit einer völlig neuen Parteienkombination hervorbringen. Aber lexikalisch bleiben sie wahrscheinlich wenig erfindungsreich.

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Der Beitrag wurde am Montag, den 3. April 2017 um 10:16 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Belgien, Niederlande, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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