Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Ein grundsätzlicher Brexit

Dass Kenntnisse verschiedener Sprachen nützlich, hilfreich, oft gar notwendig sind – keine Überraschung für uns in der Niederlandistik und in den anderen Philologien. Einen neuen Beleg lieferte dafür die britische Regierung. Sie hat ein Papier verfasst, in dem sie ihre Vorschläge für den Brexit darlegt. Das vollständige Dokument gibt es auf Englisch und als Übersetzung ins Walisische – soweit, so lobenswert für die Anerkennung der Regionalsprache.

Eine Zusammenfassung wurde dann in die restlichen offiziellen EU-Sprachen übersetzt, damit man sich in der eigenen Sprache ein Bild von den Vorstellungen der britischen Regierung machen kann. Ob das wirklich notwendig ist oder ob die englische Fassung nicht reichen würde, das ist eine andere Frage. Jedenfalls ist es ein Zeichen des Respekts gegenüber Europa und seiner Vielsprachigkeit.

Das Problem dabei war bloß: Die Vielsprachigkeit hat in Großbritannien offenbar einige vor große Hürden gestellt. Viele der Übersetzungen sind so grotesk geraten, dass man an den Sprachkenntnissen oder zumindest dem Sprachgefühl der Übersetzer zweifeln kann. Die deutsche Variante ist inzwischen wohl überarbeitet worden. Sie klingt zwar noch ein wenig gestelzt, aber sie ist einigermaßen lesbar.

Dramatisch getroffen hat es aber die niederländische Fassung, die man gemeinsam mit den anderen Übersetzungen hier herunterladen kann. Schauen wir uns fünf Beispielsätze an, um eine Diagnose zu versuchen, wie so ein Text zustande gekommen sein könnte (darunter jeweils das Original):

De regering zal het resultaat hebben geleverd van het 2016 referendum.

The Government will have delivered on the result of the 2016 referendum.

Die Zukunftsform verweist auf den Zeitpunkt des EU-Austrittes im Frühling 2019. Das Futur II wirkt auf Englisch schon etwas verschwurbelt, wirft aber auch im Niederländischen Fragen auf. Zum Beispiel: Glaubt die Regierung nicht an ihren eigenen Erfolg? Weil ein Futur II so eine ungewöhnliche Zeitform ist, liest man das zullen zuerst eher als eine Art Distanzierung, etwa wie „die Regierung wird das wohl (wahrscheinlich, hoffentlich) getan haben“. Und het 2016 referendum ist wortwörtlich dem Englischen nachempfunden, funktioniert aber auf Niederländisch genauso wenig wie auf Deutsch.

Om deze missie te voltooien, legt de regering een gedetailleeerd voorstel voor van een principiële en praktische Brexit

To fulfil that mission, the Government is advancing a detailed proposal for a principled and practical Brexit.

Vielleicht kann die Fähre auf der nächsten Überfahrt nach England ein paar Grammatiken mitnehmen. (J.v.Houdt, Rijkswaterstaat)

Hier wäre zunächst einmal der Schreibfehler in gedetailleerd. Das überzählige „e“ deutet darauf hin, dass den Text tatsächlich ein Mensch und kein Computer geschrieben hat. Der fehlende Punkt am Ende des Satzes geht vermutlich auf das gleiche Maß an Sorgfalt zurück. Die Übersetzung von principled hat in vielen Sprachversionen seltsame Blüten getrieben, im Französischen beispielsweise als vertueux („tugendhaft“). In der deutschen Fassung steht hier prinzipientreu. Auf Niederländisch kann eine Frage oder ein Grund principieel (also „grundsätzlich“) sein, aber einen von Prinzipien geleiteten Prozess müsste man anders umschreiben. Der Van Dale schlägt beispielsweise trouw aan principes vor, ähnlich wie das italienische Brexit-Dokument von basata su principi („auf Prinzipien gegründet“) sagt.

Dit voorstel ondersteunt de visie uiteengezet door de premier in Lancaster House […] en richt zich daarbij op kwesties die door EU naar voren werden gebracht gedurende de tussenliggende maanden – daarbij uitleggende hoe de relatie zal werken […].

This proposal underpins the vision set out by the Prime Minister at Lancaster House […] and in doing so addresses questions raised by the EU in the intervening months – explaining how the relationship would work […].

Zunächst einmal ist der EU in der Übersetzung ein Artikel verloren gegangen. Dazu kommt, dass der Satz wunderbar die Verwendung von englischen Partizipien (set out, explaining) anstelle von Nebensätzen ins Niederländische kopiert. Das Partizip Präsens wie in uitleggende findet man gelegentlich in der sehr formellen Sprache politischer Grundlagentexte, wie etwa der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte:

Overwegende, dat erkenning van de inherente waardigheid en van de gelijke en onvervreemdbare rechten van alle leden van de mensengemeenschap grondslag is voor de vrijheid…

In solchen Formeln wird üblicherweise eine allgemeingültige Grundüberlegung zu einer darauffolgenden Entscheidung angeführt. Im Brexit-Text geht es eher um eine bequeme Formulierung, um einen Sachzusammenhang auszudrücken. Im Zweifelsfall könnte man statt einer zu wörtlichen Übersetzung davon ausgehen, dass das Brexit-Papier sich an den würdevollen Stil großer internationaler Verträge anlehnen möchte. Die enorm häufige Verwendung von etwas schrägen Präsens- und Perfektpartizipien im gesamten Text legt aber nah, dass man in erster Linie die englische Syntax ins Niederländische kopiert hat.

In de kern is het een hervormingspakket dat een nieuw en eerlijk evenwicht zal vinden tussen rechten en verplichtingen. Een die de regering hoopt, een verdubbeling van inspanning zal opleveren gedurende de onderhandelingen.

At its core, it is a package that strikes a new and fair balance of rights and obligations. One that the Government hopes will yield a redoubling of effort in the negotiations.

Das die im zweiten Satz hängt ziemlich in der Luft. Es bezieht sich wohl auf het pakket, mit falschem Genus und auch sonst ungrammatischem Anschluss. Hier wurde wieder versucht, den englischen Relativsatz direkt zu übertragen, was aber im Niederländischen nicht funktioniert. Man müsste zum Beispiel zu so etwas greifen wie waarvan de regering hoopt dat

Deze vrijhandelszone zal de unieke integrale toeleveringsketens en ‘precies op tijd’ procedures beschermen.

It would protect the uniquely integrated supply chains and ‘just-in-time’ processes that have developed across the UK and the EU.

Die putzige Übersetzung von just-in-time mit precies op tijd ist ein besonderes Goldstück im Text, denn dieser Fachbegriff aus der Logistik ist selbstverständlich auch im Niederländischen in der Regel eine englische Entlehnung. In der deutschen Fassung hat man das offenbar erkannt und den englischen Begriff stehen lassen.

Zugegeben: In der umgekehrten Richtung geht auch mal was schief, z.B. in diesem Hotel in Leiden. (PK)

Zu diesen ausgewählten Beispielen gesellen sich zahlreiche weitere, zum Beispiel auch Konjugationsfehler, Inkongruenzen beim Numerus, ein seltsames Schwanken zwischen einem Sprachgebrauch von Pergament bis Smartphone. Die Ursache dafür ist ganz offenkundig zum Teil die reine Eile und Schlamperei, aber auch eine technisch und stilistisch misslungene Übersetzungsarbeit. Wahrscheinlich kommt dazu die Überzeugung, dass Niederländisch doch eigentlich quasi Englisch mit ein bisschen fremdartigen Wörtern ist, so dass man mehr oder weniger mit dem Wörterbuch in der Hand einfach die englischen Sätze neu bestücken kann.

Das alles ist nicht nur sprachlich schräg, sondern es zeigt das Maß an Unverständnis der Brexiteers selbst für die nächsten Nachbarn auf der anderen Seite der Nordsee. Der unprofessionelle Umgang mit der Nachbarsprache lässt vermuten, dass man auch von deren Nachbarkulturen und -gesellschaften wenig versteht. Für uns in Deutschland sollte das eine Mahnung sein: Wir können und sollten nicht einfach darauf zählen, dass viele Menschen in Flandern und den Niederlanden ziemlich gut mit der deutschen Sprache und Kultur umgehen können. Wir müssen uns auch um Verständnis in die andere Richtung bemühen.

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Der Beitrag wurde am Dienstag, den 24. Juli 2018 um 10:38 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Grammatik, Sprachvergleich, Syntax abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

2 Reaktionen zu “Ein grundsätzlicher Brexit”

  1. JanZ

    Interessant auch, dass sie ins Schottisch-Gälische (obwohl Ko-Amtssprache in Schottland) nicht übersetzt haben und ins Irische vermutlich nur, da Ko-Amtssprache im EU-Land Irland.

    PS: Rijkswaterstaat ohne weiteres -r- :-).

  2. Philipp Krämer

    Ups – danke! Dass die Foto-Credits überhaupt jemand liest… 🙂

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