Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Diwan statt Stau

Belgien feiert, überall wehen Flaggen. Nicht wegen Fußball, fast muss man inzwischen sagen: ausnahmsweise. Sondern weil der 21. Juli der Nationalfeiertag ist. Einer der wenigen Tage, an denen auch in Flandern die Sprache so föderal aussieht wie selten, weil flämische Zeitungen kaum an französischen Lehnwörtern vorbeikommen. Beispielsweise De Morgen:

An erster Stelle steht die jährliche Parade, das defilé. Eine seltsame Kreatur ist dieses Wort, denn auf Französisch schreibt man es défilé. Im Niederländischen hat man den zweiten Akzent übernommen, den ersten aber weggelassen. Warum? Vielleicht, weil man einerseits in der niederländischen Orthographie nur selten Akzente benutzt, außer z.B. wenn das betonte Zahlwort één vom unbetonten und unbestimmten Artikel een genau unterschieden werden muss. Ganz ohne Akzente kommt das Wort für die Parade aber trotzdem nicht aus, sonst könnte man es zu leicht mit einer anderen belgischen Tradition verwechseln: de file. Der Unterschied mag marginal sein: viele Fahrzeuge bewegen sich sehr langsam und dicht hintereinander vorwärts. Trotzdem freut man sich am defilé mehr als an de file.

Eine ordentliche ‚drache nationale‘ brachte 2011 noch Albert II. zum Triefen. (P. Hermans, CC-BY-SA 3.0)

Am zivilen Teil der Parade nimmt unter anderen de douane en accijnzen teil, kurz für die Zoll- und Steuerverwaltung, die auf Französisch administration générale des douanes et accises heißt. Für den Zoll ist im Niederländischen douane das gebräuchlichste Wort, in Nord und Süd. Kaum jemand spricht üblicherweise vom toldienst. Etymologischer fun fact: Das Wort kam ursprünglich aus dem Persischen und via das Arabische nach Europa, ist über ein paar Ecken mit dem Diwan verwandt und hat sich auch durch das Niederländische weiter verbreitet bis ins Sranantongo und Papiamentu. Die accijnzen machen es der Etymologie auch nicht viel leichter, denn mit einer simplen Entlehnung von accises ist die Erklärung nicht getan.

Wer offenbar auch nur mit einem französischen Begriff unterwegs ist, ist Prinz Laurent –  anders als sein Bruder König Filip bzw. Philippe. Laurent dürfte auf Niederländisch zwar offiziell Laurens heißen, daran hält sich aber niemand. (Ob er selbst Wert darauf legt?)

Dass die Feierlichkeiten in Belgien zonovergoten waren, hat übrigens in der Zeitung auch Nachrichtenwert. Ein weiteres französisches Spezifikum in Belgien ist schließlich die drache nationale, der nationale Regenguss. Mit dem kann man sonst zuverlässig mitten im Sommer zum Nationalfeiertag rechnen. Wahrscheinlich ist die Angst vor der Nässe der wahre Grund dafür, dass wie auch in den letzten Jahren bei der Parade zum föderalen Feiertag keine Vertretung des flämischen Parlaments anwesend war.

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 21. Juli 2018 um 19:41 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Belgien, Etymologie, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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