Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Struikel-Blok

Seit März ist Stef Blok niederländischer Außenminister. Sein Vorgänger Halbe Zijlstra war nur ein paar Monate im Amt und musste dann zurücktreten, weil er Unsinn über Gespräche erzählt hatte, bei denen er selbst gar nicht anwesend war. Auch für Blok könnten einige Aussagen jetzt zum struikelblok (dt. Stolperstein) in der Karriere werden. Anders als Zijlstra war er durchaus anwesend, als er nämlich selbst ziemlich dreiste Dinge über verschiedene Länder der Welt sagte. Suriname war in seinen Augen ein ‚failed state‘ und auffällig viele Meinungen hatte er über multikulturelle und multiethnische Gesellschaften.

Besonders interessant war aber das, was er über Belgien zu sagen hatte. Im südlichen Nachbarland sei, ähnlich wie in der Schweiz, eine rechtspopulistische Partei stark – mit der er nicht übereinstimme, aber:

„Het is niet zo dat Zwitserland een onleefbaar land is geworden. Of België, althans niet meer onleefbaar dan het daarvoor al was.“

Darin stecken mehrere Teil-Aussagen. Punkt 1: Das mit dem Rechtspopulismus ist nicht so dramatisch. Schon das allein ist starker Stoff für einen Minister aus der liberalen Partei des Ministerpräsidenten. Punkt 2: Belgien ist eigentlich schon seit Langem in gewissem Ausmaß „onleefbaar“, und daran sind nicht die Rechtspopulisten schuld. (Man kann sich im restlichen Kontext vorstellen, was er stattdessen als Problem sieht.) Ob man nach so einer Aussage über ein befreundetes Nachbarland noch Außenminister bleiben kann?

Stef Blok. (Ministerie van Buitenlandse Zaken, CC-BY-SA 2.0)

Jenseits der undiplomatischen Aussage des Chefdiplomaten der Niederlande steckt darin ein interessantes Wörtchen: (on)leefbaar. Nun haben wir kein direktes Pendant im Deutschen für das Wort leefbaar. Am ehesten passt wohl lebenswert. Das Suffix –bar im Deutschen passt typischerweise vor allem zu transitiven Verbstämmen, deren Objekte ein guter Patiens sein können: Man kann einen Brief zustellen, der Brief kann zugestellt werden, also ist er zustellbar. Auf Deutsch kann man eher schlecht etwas leben. Außer vielleicht das Leben selbst: Wir leben ein fröhliches Leben. Trotzdem ist unser Leben nicht ohne Weiteres fröhlich lebbar. Schon gar nicht lebbar ist auf Deutsch eine Stadt oder ein Land. Jedenfalls noch nicht, denn –bar greift sich langsam aber sicher weitere Wurzeln, die traditionell nicht zu ihm passen. Das bekannteste Beispiel ist unkaputtbar.

Nun wäre lebbar ohnehin keine völlig absurde Wortform für das Deutsche. Denn lebenswert ist auch ein bisschen seltsam. Wörter auf –wert kann man normalerweise schön in einem Satz auflösen: Ein liebenswerter Mensch ist es wert, geliebt zu werden. Eine bewundernswerte Tat ist es wert, bewundert zu werden. Aber eine lebenswerte Stadt ist es nicht wert, gelebt zu werden. Trotzdem ist sie lebenswert. Was –wert kann, sollte –bar eigentlich auch längst können.

Im Niederländischen kann es das offenbar. Und zwar so sehr, dass es schon oft für die Politik benutzt wurde. Leefbaar Nederland hießen mehrere Parteien im konservativen bis ganz rechten Spektrum. Die neueste Partei, die 2017 zu den Parlamentswahlen unter diesem Namen antreten wollte, berief sich unmittelbar auf das Erbe von Pim Fortuyn. Es ginge sicher zu weit, leefbaar als Wortschatz der Neuen Rechten im Niederländischen zu betrachten. Aber für alle vom populismus-entspannten Außenminister bis hin zum Anhänger von Pim Fortuyn scheint klar zu sein: Leefbaar ist das Gegenteil von Diversität. Gesellschaften, in denen zu viel ethnische oder kulturelle Vielfalt herrscht, sind anscheinend onleefbaar. Länder mit starken Rechtspopulisten für den niederländischen Außenminister dagegen weniger.

Normalerweise liefert das Deutsche ja in letzter Zeit gerne dem rechten Spektrum in Europa seine Schlagworte. Die deutsche politische Rhetorik hat lebenswert noch nicht so recht entdeckt, egal ob bei Extremisten, Populisten oder Demokraten.

Stattdessen musste die CDU bei der letzten Bundestagswahl halb ironisch und halb peinlich mit dem Hashtag #fedidwgugl in den Wahlkampf ziehen, als Abkürzung von „für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Einfacher wäre gewesen: Lebbares Deutschland. Dass sie es nicht getan hat, stellt sich jetzt als Glücksfall heraus. Wer weiß, was Stef Blok sonst über Deutschland gesagt hätte?


Nachtrag: Dem Duden zufolge ist lebbar in der Schweiz durchaus gängig, etwa im Sinne von erträglich (etwa bei einer schwierigen Lebenslage, die dann schwer lebbar ist). Fragt sich, ob es für die diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz und Belgien gesünder ist, wenn man den Begriff in der Aussage von Blok mit unerträglich übersetzt…

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 19. August 2018 um 00:59 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Belgien, Niederlande, Sprachvergleich, Wortbildung abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

3 Reaktionen zu “Struikel-Blok”

  1. Johanna Ridderbeekx

    Auch der zweisprachige Van Dale (ND) tut sich schwer. Onleefbaar wird übersetzt: ± unhaltbar, ± untragbar, ± unerträglich. Das trifft m. E. aber eher auf den Minister zu.

  2. Henk Smout

    Prisma Handwoordenboek D-N N-D 2008 door Dr. K.B.Zaich en Prof. Dr. A.Quak heeft in D-N trefwoord lebbar vertaald met leefbaar en in N-D trefwoord leefbaar vertaald met lebbar, lebenswert, erträglich. Ach, woordenboeken: we zullen het met de bestaande moeten doen, zolang we niet beter hebben.

  3. Johanna Ridderbeekx

    Blok had zijn waffel moeten houden.