Ausstellungshinweis 2022: „StolperSeiten – NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main“

Die Universitätsbibliothek Frankfurt am Main widmet sich erstmals in einem Provenienzforschungsprojekt systematisch der Suche nach NS-Raubgut in ihren Beständen und greift damit ein wichtiges Thema der eigenen Institutionsgeschichte auf.
Die Ausstellung »StolperSeiten – NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main« präsentiert Zwischenergebnisse dieses vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und der Stadt Frankfurt am Main geförderten Projektes der Goethe-Universität.

In acht Themeninseln nimmt die Ausstellung „StolperSeiten“ die wissenschaftlichen Bibliotheken Frankfurts in der Zeit von Beginn der NS-Herrschaft bis zur Nachkriegszeit in den Blick. Das führt von den ersten bibliotheksinternen Veränderungen über die Entwicklung Frankfurts als zentralem Ort des NS-Bücherraubs und zu den großangelegten Raubzügen und Plünderungen in weiten Teilen Europas bis zu den Restitutionsbemühungen nach 1945.

Beim Gang durch die Ausstellung „stolpert“ man über eine Vielzahl ermittelter Einzelschicksale. Zusätzlich werden Arbeitsweisen und Werkzeuge, aber auch Hindernisse der Provenienzforschung thematisiert.

Ziel von Projekt und Ausstellung ist es, ein öffentliches Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen den geraubten Kulturgütern und den damaligen und heutigen Institutionen zu vermitteln.

Die Bibliothek geht den Fragen nach, wem hat ein bestimmtes Buch gehört? Wer ist diese Person und welches Schicksal hat sie erlitten? Auf welchem Weg sind diese Bücher in die Bibliothek gelangt und wer war daran beteiligt? Was ist Raubgut und was nicht?

Ausstellung

Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
– Schopenhauer-Studio –
Bockenheimer Landstraße 134-138
60325 Frankfurt am Main

20. Mai – 28. August 2022
Dienstag – Sonntag 13:00 – 18:00 Uhr

Webauftritt des Teams Provenienzforschung an der UB JCS: https://www.ub.uni-frankfurt.de/projekte/provenienz.html

Bibliothek der Synagogengemeinde zu Hannover

Bibliotheksstempel der Jüdischen Gemeinde zu Hannover, © Freie Universität Berlin

Am 16.03.2022 konnte die Arbeitsstelle für Provenienzforschung an der Freien Universität Berlin (FU Berlin) ein Exemplar aus der ehemaligen Gemeindebibliothek der Jüdische Gemeinde zu Hannover (JGzH) an die 1945 konstituierte Rechtsnachfolgerin, die Jüdische Gemeinde Hannover K.d.ö.R., restituieren.

Die JGzH wurde im Zuge der Novemberpogrome 1938 liquidiert, ihre Institutionen geplündert und geschändet. Die Neue Synagoge in der Bergstraße brannte in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November komplett aus. Im Anschluss sprengten die Nationalsozialisten das Gebäude und es wurde abgetragen. Für die dabei entstanden Kosten in Höhe von 26.000 RM musste die Jüdische Gemeinde aufkommen. Auch die Gemeindebibliothek schloss zwangsweise ihre Leseräume und die Bibliotheksbestände wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.

Die Neue Synagoge Hannover in der Nacht vom 9. auf den 11. November 1938, © Historisches Museum Hannover

Viele Gemeindemitglieder verloren in der Shoah ihr Leben, nachdem sie in die Konzentrationslager deportiert wurden. Im Kreis Hannover errichteten die Nationalsozialisten sieben KZ-Außenlager, die dem KZ Neuengamme unterstellt waren.

Im Jahr 1945 gab es nur noch wenige Überlebende. Die Jüdische Gemeinde Hannover gründete sich neu und wählte Norbert Prager (1891-1965) zu ihrem ersten Vorsitzenden. Durch den Zuzug der Überlebenden und nach der Auflösung der DP Camps wuchs das jüdische Leben in Hannover. 1950/1951 zog die Jüdische Gemeinde in die Ellernstraße um, wo die Gemeindeverwaltung, ein Betsaal und eine Religionsschule untergebracht worden waren.

In Hannover gibt es heute vier jüdische Gemeinden, die in Summe etwa 6.200 Mitglieder zählen. Die Jüdische Gemeinde Hannover K.d.ö.R. ist die Rechtsnachfolgerin der 1938 liquidierten JGzH.

Das im Bestand der FU Berlin identifizierte Buch wurde in Israel im Antiquariat „Benjamin“ am 1. Oktober 1971 erworben. Welchen Weg das Buch während der Zeit des Nationalsozialismus genommen hatte, bleibt unbekannt.

Bewertung: NS-Raubgut

Das Buch in der Datenbank Looted Cultural Assets:

https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/269028

Rabbiner-Seminar zu Berlin

Historischer Stempel des Rabbinerseminars zu Berlin, © Freie Universität Berlin

Die Arbeitsstelle für Provenienzforschung freut sich, mitteilen zu können, dass am 10. März 2022 zwei Bücher aus dem historischen Bibliotheksbestand des Rabbiner-Seminars zu Berlin an das heutige Rabbinerseminar zu Berlin in der Brunnenstraße 33 als Schenkung übergeben werden konnten. Bereits im Zeitraum von 2014 bis 2017 entschied sich die Universitätsbibliothek der Freien Universität dazu, neun Bücher an das Rabbinerseminar zu Berlin zu übergeben, da man dort bestrebt ist, die geraubte Seminarbibliothek zu rekonstruieren.

Das Rabbinerseminar zu Berlin wurde 1873 als orthodoxe Rabbinerausbildungsstätte gegründet. Die Seminargründung erfolgte auf Initiative Rabbiner Esriel Hildesheimer (1820-1899), der u.a. für die Gemeinde Adass Jisroel wirkte und als Gründervater der modernen Orthodoxie galt. Bis zu seiner Schließung durch die Nationalsozialisten am 10. November 1938 avancierte das Seminar zur bedeutendsten Ausbildungsstätte orthodoxer Rabbiner in Westeuropa. Insgesamt studierten mehr als 600 Studenten am Seminar. Das Studium konzentrierte sich auf die Themen: Talmud, Tanach, Midrasch, Philosophie, Pädagogik und biblische Geschichte.

Zur Seminarbibliothek gibt es nur wenige Quellen. Auf S. 86 der sogenannten Minerva-Handbücher, 1. Abteilung: Deutsches Reich (Band 1, 1927) ging hervor, dass der Bibliothekskorpus 1927 ca. 21.000 Bände umfasste. Im Zuge der Novemberpogrome wurde das Seminar geschlossen und der Gemeindebestand in der Artilleriestraße 31 (heute: Tucholskystraße 40) beschlagnahmt. Bis heute gelten die Bücher als verschollen und nur wenige Exemplare konnten bis dato in deutschen Bibliotheken identifiziert werden.

Im Jahr 2009 und damit mehr als 70 Jahre nach der Liquidierung des Rabbinerseminars beschlossen der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Ronald S. Lauder Foundation, die Rabbinerausbildungsstätte wiederzueröffnen. Das Seminar befindet sich heute in der Brunnenstraße und versteht sich als ideeller Nachfolger der historischen Rabbinerlehranstalt. Eine offizielle Rechtsnachfolge besteht nicht.

Die beiden restituierten Bände wurden gemeinsam am 27. Mai 1964 im Zuge des Bibliotheksaufbaus des Instituts für Judaistik an der FU Berlin antiquarisch erworben. Im Zugangsbuch ist als Verkäufer lediglich der Name „Rosenthal, Oxford“ notiert. Damit lässt sich der genaue Weg der Bücher für den Zeitraum von 1938 bis 1964 leider nicht rekonstruieren. Die Bände wurden gemeinsam mit zwei weiteren Exemplaren erworben, wozu auch ein Buch aus der Gemeindebibliothek der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zählte, das am 17. Februar 2022 restituiert werden konnte.

Bewertung: NS-Raubgut

Die zwei Bücher im Detail:

  1. https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/269044
  2. https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/269053

Israelitische Religionsgemeinde zu Dresden, Wünsche-Bibliothek

Stempel der Wünsche-Bibliothek der IRG Dresden mit Sigantur, © HfJS Heidelberg

Am 23.02.2022 konnten die Arbeitsstelle für Provenienzforschung an der Freien Universität Berlin (FU Berlin) und die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (HfJS) drei Bücher an die Jüdische Gemeinde zu Dresden K.d.ö.R. (JGzD) restituieren.

Im Jahr 1911 erwarb die Israelitische Religionsgemeinde zu Dresden (IRG) die bedeutende judaistische Privatbibliothek des (evangelischen) Hebraisten Karl August Wünsche (1838-1913). Sie wurde nicht in die bestehende Gemeindebibliothek integriert, sondern lediglich angegliedert und fortan als sogenannte Wünsche-Bibliothek geführt. Die eigens dafür angefertigten Stempel bezeugen die Stellung, die dem neuen Bestand beigemessen wurde. Im Jahr 1927 veröffentlichte die IRG einen Katalog des vorhandenen Bestands an Büchern – auch hier getrennt nach Wünsche-Bibliothek und Gemeindebibliothek. Alle drei restituierten Bücher konnten in diesem Katalog nachgewiesen werden.

Mit den Novemberpogromen ging die Beschlagnahmung der Bibliothek der Religionsgemeinde einher und vom 21. bis 24. Juli 1939 war SS-Untersturmführer Stein vor Ort „um die Verpackung folgender in Dresden beschlagnahmter Judenbibliotheken zu überwachen: 1. Israelitische Gemeinde 2. Wünschebibliothek“. Es handelte sich um etwa 6.000 Bände, die in 58 Kisten auf Anweisung von SS-Sturmbannführer Dr. Helmut Knochen an das SD-Hauptamt nach Berlin gesandt wurden.


Im Falle der in Heidelberg identifizierten Exemplare kann im Hinblick auf den Kontext der untersuchten Sammlung von einer Verlagerung ins Protektorat Böhmen und Mähren (1943?) ausgegangen werden – entweder nach Theresienstadt und/oder ins Prager Jüdische Zentralmuseum. Von dort aus gelangten sie in den 1960er Jahren in die BRD und schließlich nach Heidelberg. Dass aber nicht der komplette Bestand der Gemeindebibliothek ins Protektorat überführt worden war, legt ein in der ZLB identifiziertes (und 2013 restituiertes) Exemplar nahe, das den Hinweis auf die Bergungsstelle 15 enthält.

Bereits im Jahr 2017 konnte die Arbeitsstelle für Provenienzforschung aus dem Biblitheksbestand der FU Berlin ein Buch mit der Provenienz der Wünsche-Bibliothek an die JGzD restituieren. Bei dem im Feburar 2022 restuierten Band handelt es sich um einen antiquarischen Ankauf. Die Akquisition erfolgte laut Zugangsbuch am 01.12.1965. Bei dem Verkäufer ist nur der Name „Reinhardt“ notiert, sodass der genaue Weg des Bandes nicht rekonstruiert werden kann.

Recherchergebnis: NS-Raubgut

Die drei Exemplare im Detail:

  1. https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/269009 (FU Berlin)
  2. https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/255942 (HfJS)
  3. https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/252851 (HfJS)

Restitution an die Jüdische Gemeinde zu Berlin

Historischer Bibliotheksstempel der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit Zugangsnummer
© Freie Universität Berlin

Am 17. Februar 2022 konnte die Arbeitsstelle für Provenienzforschung der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin (FU Berlin) ein Buch aus der Gemeindebibliothek der Jüdischen Gemeinde Berlin restituieren. Nach mehr als 80 Jahren befindet sich der Band damit wieder im Besitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (JGzB).

Im Zuge der Novemberpogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Jüdische Gemeindebibliothek Berlin und ihre neun Zweigstellen geschlossen. Bis dato umfasste der Bibliotheksgesamtbestand der JGzB ca. 100.000 Medien. Die Bibliotheksbestände wurden von den Nationalsozialisten 1939 beschlagnahmt und in das Reichssicherheitshauptamt verbracht. Teile des Bibliothekskorpus wurden u. a. über die Berliner Pfandleihanstalt oder Reichstauschstelle im Reichsministerium des Innern veräußert.

Buch: Brann, M. (Hrsg): Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, 11. Jahrgang (1903)

Die FU Berlin erwarb das Buch antiquarisch in Oxford (England) im Mai 1964. Damit fiel die Akquisition in den Zeitraum des Aufbaus der Fachbibliothek des Instituts für Judaistik an der FU Berlin, das 1963 gegründet wurde.

Rechercheergebnis: NS-Raubgut

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/269059