Wehrmacht plünderte Schulbibliothek in Frankreich

Bibliothek des Botanischen Gartens und Deutsches Technikmuseum restituieren zwei Bücher an katholisches Gymnasium

Nachdem im Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen im Schulgebäude einer Mädchenschule in Pontlevoy einquartiert worden waren und das Haus schließlich unter nicht ganz geklärten Umständen ausbrannte, fehlte von der Schulbibliothek jahrzehntelang jede Spur. Doch dann tauchten zwei Bücher in verschiedenen Berliner Bibliotheken wieder auf.

Am 7. Dezember 2021 fand in dem kleinen französischen Ort Pontlevoy in der Nähe von Tours nun die feierliche Restitution statt. Vor versammelten Schülerinnen und Schülern konnten die beiden Bücher überreicht werden, die vor Ort als Erinnerungsstücke ausgestellt werden.

(Bildquelle: Peter Prölß)

Das erste Buch hatten Peter Prölß und Elisabeth Weber vom Deutschen Technikmuseum in deren Museumsbibliothek entdeckt. Sie gingen der auf einem Stempel im Buch genannten Schule nach: École Primaire Supérieure de Jeunes Filles de Pontlevoy. Die Schule gab es nicht mehr. Doch mit Hilfe der französischen Kommission für die Entschädigung der Opfer von Enteignungen (CIVS), konnte ermittelt werden, dass die heute am Ort ansässige Schule, das Collège le Prieuré & Lycée Catholique de Pontlevoy, restitutionsberechtigt ist.

Wenige Wochen vor der bereits organisierten Restitution tauchte in der Bibliothek des Botanischen Gartens und Botanischen Museums das zweite Buch aus derselben Mädchenschule auf. Es enthält nicht nur den Stempel der Schule, sondern noch weitere Spuren der Schülerinnen aus Pontlevoy: Zwischen den Seiten liegen einige gepresste und getrocknete Pflanzen, die vielleicht auf Schulausflügen gepflückt wurden.  

Wie die beiden Bücher in die Berliner Museumsbibliotheken gelangen konnten, ließ sich auch noch klären. Die in Pontlevoy stationierten Soldaten gehörten zum Wehrkreis III (Berlin), über den die beschlagnahmten Bücher weiterverteilt wurden. Möglicherweise tauchen in Berliner Bibliotheken noch weitere Bände aus dieser zerstörten französischen Schulbibliothek auf.

Das Buch aus der Bibliothek des Botanischen Gartens ist hier in der LCA-Datenbank zu sehen.

Das Buch des Deutschen Technikmuseums ist hier als Objekt des Monats dokumentiert. Denn das Technikmuseum ist leider noch kein Kooperationspartner bei LCA.

Von der Restitution berichtete unter anderem die französische Zeitung La Nouvelle République.

Neues Mitglied bei LCA: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB JCS)

Wir begrüßen unser jüngstes Mitglied, die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB JCS) in unserer LCA Kooperation und freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Die UB JCS hat im November 2020 ein Projekt zur Provenienzforschung begonnen, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste für zunächst zwei Jahre gefördert wird und beim Archivzentrum der UB angesiedelt ist. Im Laufe des Projekts sollen rund 80.000 Bände der UB auf ihre Herkunft überprüft werden.

Weitere Informationen über die Universitätsbibliothek JCS und zum Projekt finden Sie hier.

https://www.ub.uni-frankfurt.de/provenienz/projekt-raubgut.html

Restitution aus dem Archiv des Arbeiterjugend-Verlags Berlin an die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES)

Arbeiterjugend-Verlag Berlin

Der Arbeiterjugend-Verlag Berlin (AJV) wurde 1920 gegründet und war Herausgeber von Publikationen der Sozialistische Arbeiter-Jugend (SAJ) im Umkreis der SPD. Vor dem Verbot und der Zerschlagung der SAJ 1933 im Nationalsozialismus, leitete August Albrecht (1890–1982) den Arbeiterjugend-Verlag Berlin. Nach 1945 gingen die Rechte des AJV auf den Verlag J.H.W. Dietz Nachf. über. Der J.H.W. Dietz Nachf. Verlag wurde ebenfalls verboten, 1934 aus dem Handelsregister gelöscht und dessen Vermögen vom NS-Staat eingezogen.

Emil Reinhardt Müllerein Verfolgter in der NS-Diktatur

Als ab 1933 umfangreiche Beschlagnahmeaktionen zur Sicherstellung sogenannten „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ starteten, wurden auch Autoren des Arbeiterjugend-Verlag Berlin aufgrund ihrer sozialistischen Gesinnung verfolgt und verboten. Auf den so genannten „Schwarzen Listen“ unbeliebsamer Autoren des Bibliothekars Wolfgang Herrmann stand auch Emil Reinhard Müller (1879 – 1950, Pseudonym Sonnenmüller). Emil R. Müller widmete sich und seine Literaturwerke der Arbeiterjugend. Er engagierte sich in Magdeburg für die Ideale der sozialistisch kulturellen Jugendbildung und war im Widerstand gegen die NS-Diktatur aktiv.

Buch: Müller: Emil, Reinhardt:
Narrenglück – Ein Spiel für die Jugend in zwei Teilen (1923)

Das Buch stammte mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Depot des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in der Eisenacher Str. 11-13 in Berlin Schöneberg und kam über die Alfred Weiland Sammlung in die Bestände der Universitätsbibliothek.

Rechercheergebnis: NS-Raubgut

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/249224

Restitution an Nachfahren der Holocaust-Opfer Margarete und Charlotte Tichauer

Am 26.07.2021 konnte die Arbeitsstelle Provenienzforschung der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin ein Buch an die Erben von Margarete „Grete“ Fuchs (geb. Tichauer) und Charlotte „Lotte“ Tichauer in Israel restituieren.

Margarete Tichauer wurde am 6. April 1893 in Breslau geboren. Lotte kam 24. April 1909 zur Welt. Sie waren in ihrer Jugendzeit vermutlich Mitglieder im jüdisch-liberalen Jugendverein zu Breslau und im jüdischen Wanderbund „Kameraden“, Ortsgruppe Ratibor O/S.

Am 26. Januar 1943 wurde Charlotte nach Auschwitz deportiert. Margarete Fuchs musste am 4. März 1943 mit einem Transport von Breslau nach Auschwitz folgen. Grete und Lotte wurden in der Shoah ermordet.

Das Buch wurde von der Universitätsbibliothek 1951 antiquarisch erworben. Der Weg, den der Band bis dato genommen hatte, konnte nicht rekonstruiert werden.

Mithilfe der in Yad Vashem identifizierten Gedenkblätter war es uns gelungen, eine Nichte von Margarete Fuchs in Israel zu identifizieren, die als Erbempfängerin auftritt.

Buch: Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum nebst den Referaten und Ansprachen auf den Rabbinerversammlungen zu Berlin und Frankfurt am Main und auf der Delegiertenversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum zu Polen. (1912)

Rechercheergebnis: NS-Raubgut

Weitere Informationen finden Sie unter: https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/238063

Tichauer, Lotte Charlotte

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de982090

Fuchs, Margarete Grete

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de982090

Joods Monument

https://www.joodsmonument.nl/en/page/199327/charlotte-dribbel-tichauer

Gemeinsame Restitution der LCA Kooperation von 9 Büchern der „Jüdische Schülerbibliothek Pilsen“ gelungen

Jüdische Schülerbibliothek Pilsen

Am 29.07.2021 konnten die Universitätsbibliothek der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und die Arbeitsstelle Provenienzforschung der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin neun Bände aus dem ehemaligen Bestand der Jüdische Schülerbibliothek Pilsen an die Föderation der Jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik restituieren.

Bereits Ende der 1870er Jahre etablierte der Rabbiner und Pädagoge Dr. Adolf Kurrein in Linz die erste jüdische Schülerbibliothek auf dem Gebiet der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Seitdem propagierte er die Einrichtung solcher Bibliotheken – nicht nur als Ergänzung zum israelitischen Religionsunterricht, sondern auch zur „Belehrung über jüdisches Leben, jüdische Geschichte und Literatur, jüdische Vergangenheit und Gegenwart“. Wir können davon ausgehen, dass auch zionistische Motive als treibende Kraft hinter der Idee standen.

Auch in Pilsen wurde eine jüdische Schülerbibliothek ins Leben gerufen. Als gemeinnützige Einrichtung war man auf Spenden angewiesen. Als Förderer konnte bisher die Pilsner Loge „Union“ (gegr. 1892) des Ordens B’nai B’rith nachgewiesen werden.

Nach der Auflösung jüdischer Institutionen im „Protektorat Böhmen und Mähren“ folgte im Juli 1939 die Aufforderung zur Meldung aller jüdischen Vereine, Stiftungen und vereinsähnlichen Organisationen. Diese waren seit dem 5. März1940 der Prager Kultusgemeinde gegenüber weisungsgebunden und mussten sämtliches Vermögen an diese übertragen. Die Prager Kultusgemeinde verwaltete im Auftrag der „Zentralstelle für Jüdische Auswanderung“ alle jüdische Zwangsorganisationen bis zu deren (teils „freiwilliger“ Selbst-) Auflösung. Dies betraf ebenso die Jüdische Schülerbibliothek Pilsen. Ein Großteil der geraubten Bücher im Protektorat wurde nach Theresienstadt und/oder nach Prag geschafft.

Einige der identifizierten Bücher enthalten ausradierte Zugangsnummern, die teils noch lesbar sind. Diese Nummern finden sich samt Titel wieder auf den Übernahmeprotokollen des Prager „Jüdischen Zentralmuseums“, an das sie im August und im November 1944 seitens der Treuhandstelle vermittelt worden waren. Im Museum überdauerten sie das Kriegsende. Im Fall der Heidelberger Bücher war es Rabbiner Emil Davidovic, der Bücher aus dem Museum in den 1960er Jahren in die Bundesrepublik gebracht hatte, im Fall der FU Berlin sind die genauen Umstände des Zugangs unklar.

Exemplar aus dem Bestand der Universitätsbibliothek der FU Berlin:

Agnon, Shemu’el Yosef: Der Verstoßene, Berlin 1923

Exemplare aus dem Bestand der Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg:

Kellner, Leon: Jüdische Weihestunden, Czernowitz 1914

Kohn, Pinchas Jacob: Rabbinischer Humor aus alter und neuer Zeit, Berlin 1915 [Link zum Digitalisat]

Lehmann, Marcus: Akiba, Frankfurt a. M. 1920

Löhr, Max: Volksleben im Lande der Bibel, Leipzig 1907

Löwy, Markus: Amschelberger Jugenderinnerungen, Prag 1909 [Link zum Digitalisat]

Rothschild, Theodor: Bausteine zur Unterhaltung und Belehrung aus jüdischer Geschichte und jüdischem Leben, Frankfurt a. M. 1913

Seligmann, Caesar: Hagada. Liturgie für die häusliche Feier der Sederabende, Frankfurt a. M. 1913

Wolbe, Eugen: Ludwig August Frankl. Der Dichter und Menschenfreund, Frankfurt a. M. 1910

Rückgabe von Beutegut an die Stadtbibliothek Tartu in Estland

Bildquelle: Deutsche Botschaft in Tallinn, Estland
Kristjan Teedema

In der Stadtbibliothek Tartu in Estland fand am 28. Juni 2021 die feierliche Rückgabe von Beutegut aus der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin statt, das während der deutschen Besatzung im März 1943 widerrechtlich von Estland nach Berlin verbracht wurde. Die offizielle Übergabe wurde von Anne Kathrin Kirsch, Kulturattaché der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Estland an die Bibliotheksdirektorin Krét Kaljusto-Munck und Tiina Tarik überreicht. Die Rückführung wurde in Kooperation zwischen der Arbeitsstelle Provenienzforschung mit dem Auswärtigen Amt Berlin durchgeführt.

Anhand eines erhaltenen Inventarbuches der Stadtbibliothek von Tartu konnte ein Werk von Friedrich Engels: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen aus der „Alfred Weiland Sammlung“ der UB nachgewiesen werden. Der Text gehört zum unvollendeten Werk  „Dialektik der Natur“, das Friedrich Engels 1876 zur Philosophie der Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts verfasst hat. Nach Engels Tod 1895 wurde der Text erstmals 1896 von Eduard Bernstein in der „Neuen Zeit“ veröffentlicht.

Das Werk wurde im Inventarbuch unter der Aktennummer 4.399 am 31. März 1943 ausgesondert. Diesem Inventarbuch lag die „Verordnung über schädliches Schrifttum vom 30. Januar 1943“. Die dort aufgeführten Bücher sollten dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) zur Verfügung gestellt werden. Das Buch ist von ERR über das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in die Sammlung Alfred Weiland gelangt. Alfred Weiland war von Juni 1945 bis Februar 1946 beim Bezirksamt Berlin-Schöneberg, Volksbildungsamt beschäftigt. Das Amt befasste sich u. a. mit der Sichtung und Sortierung der Bestände aus der ehemaligen Bibliothek des RSHA in der Eisenacher Straße 11-13. Im Juli 1945 lagerten in den Kellerräumen des ehemaligen Logengebäudes ca. 50-60.000 Bände. Alfred Weiland war an den Abwicklungsarbeiten der ehemaligen Bestände der Zentralbibliothek des RSHA beteiligt.

Die Bibliothek Tartu Linna Keskraajatukogu (Tartuer Zentrale Stadtbibliothek) wurde 1913 von der Gesellschaft der Tartuer Volksbibliothek in Litauen gegründet. Die Bibliothek verdankt ihren Bestand verschiedener Gesellschaften, Verleger und Buchhändler der Stadt. 1940 umfasste die Bibliothek ca. 30.000 Bände. Nach der sowjetischen Okkupation im Juni 1940 wurden mehrere Tausend Bände aus ideologischen Gründen ausgesondert. Zwischen 1941 und 1944 erfolgten seitens der deutschen Besatzungsmacht weitere Zwangs-Aussonderungen von Büchern, die als Beutegut nach Deutschland verbracht worden sind.

Weitere Informationen zur Übergabe finden Sie hier:

LCA Datenbank: https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/251270

Facebook Seite der Deutschen Botschaft in Tallinn: https://www.facebook.com/DeutscheBotschaftTallinn/posts/3373233019631511

Pressestimmen aus Estland: https://tartu.postimees.ee/7281125/saksamaa-tagastas-tartu-linnaraamatukogule-kahjulikuks-tunnistatud-trukise1 / 11

Schenkung an die Jüdische Gemeinde zu Berlin

Am 23.06.2021 konnte die Arbeitsstelle für Provenienzforschung der Freien Universität Berlin fünf Fragmente von mindestens zwei verschiedenen Toraschriftrollen als Schenkung an die Jüdische Gemeinde zu Berlin (JGzB) übergeben.

© Marcus Dost, FU Berlin

In den 1970er-Jahren wurden diese unvollständigen Teilstücke anonym vor den Türen des Instituts für Judaistik abgelegt. Über den Ursprung der Fragmente ist nichts bekannt. Nachdem diese als Anschauungsmaterial im Lehrbetrieb genutzt worden sind, erfolgte erst 2019 die Wiederentdeckung durch die Mitarbeiter*innen der Universitätsbibliothek.

Die Fragmente weisen mittlere bis starke Gebrauchsspuren auf und es fehlen die Rollstäbe. Auf einem Pergament war ein mutwilliger Ausschnitt zu erkennen. Mithilfe einer Toraschriftgelehrten (hebr. Soferet) gelang es, zwei unterschiedliche Schrifttypen (hebr. ktav Admor HaZaken und ktav Beit Yosef) zu identifizieren, die eine geografische Zuordnung ermöglichten. Die Herkunft ist deshalb im osteuropäischen Raum zu vermuten.

Deutlich zu erkennen, dass hier mutwillig im Fließtext (Kapitel 8, zweites Buch Moses) ein Ausschnitt vorgenommen wurde.
© Marcus Dost, FU Berlin

Da ein NS-verfolgungsbedingter Entzug oder eine andere Form der unrechtmäßigen Entwendung nicht ausgeschlossen werden konnte, war es der Wunsch der Freien Universität Berlin, die Tora-Fragmente an die JGzB als Schenkung zu übergeben. Die entweihten Teilstücke sollen in die Genisa (dt. Archiv) überführt und im Anschluss auf einem jüdischen Friedhof bestattet werden. Damit möchte die FU Berlin dem jüdischen Brauch nachkommen, der sich von dem 3. Vers im Traktat Schabbat 115a der Mischna ableitet: „Man darf alle heiligen Schriften aus einer Feuersbrunst retten, ob man aus ihnen liest oder nicht. Auch wenn sie in irgendeiner anderen Sprache geschrieben sind.“

Wir freuen uns außerordentlich, dass wir mit der JGzB einen Ort gefunden haben, womit diese Fragmente in die jüdische Religionsgemeinschaft zurückkehren können.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/262083

Neues Projekt an der Freien Universität Berlin: Provenienzforschung nach NS-Raubgut in der Bibliothek des Botanischen Garten und Botanischen Museums (BGBM)

Etwa 12 000 Bände aus den Beständen der Bibliothek des BGBM stehen unter Verdacht, NS-Raubgut zu enthalten. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert seit April ein Projekt, in dem ihre Provenienzen erforscht werden sollen. Die zu untersuchenden Bücher, Zeitschriften und Sonderdrucke beschaffte die Bibliothek ab 1943 zum Wiederaufbau nach ihrer Zerstörung durch Bombentreffer. Sie wurden teils direkt von Institutionen des NS-Staats zur Verfügung gestellt, teils stammen sie vom antiquarischen Buchmarkt. In enger Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Provenienzforschung der Freien Universität Berlin werden nun die betroffenen Bestände systematisch auf Provenienzhinweise untersucht und Funde hier in der Datenbank LCA dokumentiert.

Neues Mitglied bei LCA: Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors

Wir begrüßen unser neues Mitglied, die Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors in unserer LCA Kooperation und freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Die Bibliothek des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors ist eine öffentlich zugängliche wissenschaftliche Spezialbibliothek. Neben Fachliteratur zur Geschichte des Nationalsozialismus besitzt die Bibliothek auch einen Teilbestand an Printmedien aus der NS-Zeit. 2017 unternahm die Bibliothek erste Anstrengungen, Provenienzen der Bücher zu recherchieren und lokal zu verzeichnen. Hierbei wurden Provenienzmerkmale entdeckt, die einen Anfangsverdacht auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut begründen.

Oberrat der Israliten Badens

Stempel des Oberrates der Israeliten Badens

Am 23.02.2021 konnte die Universitätsbibliothek der Freien Universität ein Buch aus dem ehemaligen Bibliotheksbestand des Oberrates der Israeliten Badens an die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden K.d.ö.R (IRG Baden) restituieren.

Am 13. Januar 1809 wurde der Oberrat der Israeliten Badens durch den Erlass des 9. Konstitutionsedikts von Großherzog Karl Friedrich (1728-1811) gegründet. Damit hatte das Großherzogtum Baden als erster deutscher Staat eine jüdische Religionsgemeinschaft dauerhaft legitimiert.

Bis zum März 1938 fungierte der Oberrat als Dachverband für die jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Baden. Als die Nationalsozialisten dem Verbund den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen hatte, wurde er 1939 als „Bezirksstelle Baden-Pfalz“ der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland unterstellt. Am 22. Oktober 1940 deportierten die Nationalsozialisten einen Großteil der noch verbliebenen Jüdinnen und Juden Badens in das französische Internierungslager Camp de Gurs deportiert. Die jüdischen Gemeinden waren vollständig liquidiert. In diesem Zusammenhang zerstörten die Nationalsozialisten Synagogen, Archive, beschlagnahmten Bibliotheken, raubten wichtige Kultus- und Wertgegenstände. Nur wenige Jüdinnen und Juden aus Baden überlebten die Shoah.

1953 schlossen sich der wiederbegründete Oberrat der Israeliten (Nordbaden) und die jüdische Landesgemeinde (Südbaden) zur IRG Baden zusammen. Sie tritt als Rechtsnachfolgerin des Oberrates der Israeliten Badens auf. Als K.d.ö.R. umfasst sie heute zehn jüdische Gemeinden und zählt mehr als 5.000 Mitglieder.

Das Buch wurde von der Universitätsbibliothek der FU Berlin 1968 antiquarisch erworben. Da der Band keine weiteren Provenienzspuren enthält, lässt sich der Weg, den das Buch genommen hatte, nicht genau rekonstruieren.

Buch: Festschrift zu Simon Dubnows siebzigstem Geburtstag (2. Tischri 5691).(1930)

Rechercheergebnis: NS-Raubgut, Rechtsnachfolgerin ist die IRG Baden

Weitere Informationen finden Sie unter: https://lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/235383