Dass sich mit dem Deutschen Technikmuseum und dem Jüdischen Museum Berlin zwei bedeutende Museen dem LCA-Netzwerk angeschlossen haben, ist ein starkes Signal. Es unterstreicht die wachsende Bedeutung einer institutionsübergreifenden Zusammenarbeit und eröffnet neue Möglichkeiten, Provenienzen über Objekt-, Archiv- und Buchbestände hinweg gemeinsam zu erforschen.
Das Deutsche Technikmuseum befasst sich seit 2017 mit Provenienzforschung. Nach zwei abgeschlossenen, durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste finanzierten Projekten, hat das Deutsche Technikmuseum heute zwei feste Stellen und eine Projektstelle für die Provenienzforschung. Das Team untersucht alle Bestände systematisch auf NS-Raubgut, DDR-Unrecht und koloniale Kontexte.
Das 1982 gegründete und seit 2002 als Stiftung geführte Deutsche Technikmuseum Berlin erforscht die Kulturgeschichte der Technik und beherbergt umfangreiche Bestände: Neben rund 150.000 Objekten und mehr als 7,5 Regalkilometern Archivgut verfügt die Stiftung über eine Bibliothek mit rund 500.000 Medieneinheiten. Dazu gehören unter anderem der historische Eisenbahn-Grundstock, die treuhänderisch verwaltete Bibliothek des Instituts und Museums für Meereskunde sowie die Sammlungen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und der Kammer der Technik (KdT).
Mit dem Beitritt des Deutschen Technikmuseums umfasst das LCA-Netzwerk derzeit 16 aktive Mitgliedsinstitutionen aus Deutschland und Israel.
2026 konnten von der Universitätsbiblithek der Freien Universität (FU) Berlin und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) gemeinsam neun Bücher aus der Bibliothek von Manfred George zurückgegeben werden.
Anhand der in den Büchern enthaltenen Autogramme „Manfred Georg“ und in einem Fall „Manfred Georg Cohn“ konnte über einen Unterschriftenvergleich eindeutig der Journalist Manfred George als vormaliger Eigentümer identifiziert werden.
Zwei der Bücher stammen nachweislich aus einem Ankauf von 1943, bei dem die Berliner Stadtbibliothek (BStB) ~40.000 Bücher aus den letzten Wohnungen der deportierten Berliner Jüdinnen und Juden von der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin bezog. Etwa 20.000 dieser Bücher verkaufte die BStB direkt an verschiedene Berliner Institutionen, Personen aus dem Bereich des Magistrats und an Buchhändler*innen weiter. Bis zum 20. April 1945 arbeitete die Bibliothek knapp 2.000 der übrigen Bücher ein, und führte hierfür ein eigenes „Zugangsbuch J“. Zumindest Teile der übrigen 18.000 Bücher wurden nach Kriegsende als „Geschenke“ eingearbeitet, häufig mit den Lieferantenangaben „Kulturamt“ oder „Bücherlager“. Die übrigen von der ZLB restituierten Bücher stammen somit höchstwahrscheinlich ebenfalls aus dem Ankauf von der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin. Zum Zugangsweg des Bandes, der in der Universitätsbibliothek der FU Berlin identifiziert wurde, gibt es bislang keine Informationen.
Manfred George (früher Manfred Georg, geboren als Manfred Georg Cohn) wurde am 22. Oktober 1893 in Berlin geboren. Seine Eltern waren der aus Prenzlau in der Uckermark stammende Kaufmann Carl Cohn (1854–1936) und die aus Breslau stammende Felicia Eleonore Sachs (1861–1907). Ihr erster Sohn Fritz Eugen Cohn war im Januar 1891 im Alter von nur zwei Monaten verstorben.
Manfred George besuchte in Berlin das Friedrichs-Gymnasium, das er 1912 mit dem Abitur abschloss. Anschließend studierte er in Berlin, Greifswald und Genf Jura. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig als Pfleger, wurde 1915 schwer verwundet und aus dem Militärdienst entlassen. 1916 konnte er sein Studium in Greifswald mit Promotion abschließen. Bereits in seiner Studienzeit hatte er für die Deutsche Montagszeitung gearbeitet und ein Volontariat bei der B. Z. am Mittag begonnen. Ab 1917 war er Redakteur für verschiedene Zeitungen, u.a. die Berliner Morgenpost, die Berliner Allgemeine Zeitung, die Berliner Abendpost und die Vossische Zeitung in Breslau.
Am 8. April 1920 heiratete Manfred George in Berlin Johanna („Hanna“) Dorothea Simon. Diese war am 9. November 1897 in Charlottenburg als Tochter des Bankiers Ludwig R. Simon (geb. am 2. Februar 1863 in Berlin) und der Bianca Simon geb. Grünfeld (geb. am 3. Oktober 1873 in Landeshut, Schlesien) geboren worden. Manfred und Hanna George hatten zwei Kinder: den am 27. März 1921 in Berlin geborenen Franz und die am 18. Februar 1927 ebenfalls in Berlin geborene Renate Judith.
Manfred George war als Pazifist Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte und engagierte sich in der Nie-wieder-Krieg-Bewegung und der Deutschen Friedensgesellschaft. Er stand auch der zionistischen Bewegung in Deutschland nahe und veröffentlichte 1932 eine Biographie über Theodor Herzl. George war vielseitig journalistisch und publizistisch tätig. Er arbeitete abwechselnd für den Ullstein- und den Mosse-Verlag, war Theaterkritiker, schrieb Hörspiele und war Mitarbeiter der Weltbühne. 1924 hatte er u.a. mit Carl von Ossietzky die Republikanische Partei Deutschlands (RDP) gegründet, die sich allerdings im selben Jahr wieder auflöste.
Manfred George, ca. 1930, Quelle: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 1, 1930, S. 534, Fotograf*in: unbekannt.
Im nationalsozialistischen Deutschland war die Familie von Manfred George als jüdisch verfolgt. Nach der Machtübergabe 1933 floh die Familie nach Prag. George war auch hier journalistisch tätig, u.a. für die Emigrantenzeitung Prager Montagsblatt, das Prager Tagblatt und als Korrespondent für das Pariser Tageblatt und die Basler Nationalzeitung. Ab Mitte 1936 war er Chefredakteur der Jüdischen Revue.
1938 wurde George die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Er floh über Ungarn, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und Frankreich schließlich in die Vereinigten Staaten, wo er am 24. September 1938 gemeinsam mit Hanna New York erreichte. Frank und Renate waren zu diesem Zeitpunkt in Kent, England. Sie konnten ihren Eltern bis spätestens 1940 folgen. Hannas Eltern hingegen wurden beide Opfer der Shoah. Bianca Simon geb. Grünfeld wurde am 13. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet. Ludwig R. Simon wurde am 8. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert und dort am 23. Dezember 1942 ermordet.
Manfred George in seinem Büro, vermutlich in den 1950er Jahren (Foto: Manfred George, Leo Baeck Institute, F 13614.)
In den USA änderte Manfred seinen Nachnamen in George, Hanna ihren Vornamen in Jeanette, Franz den seinen in Frank und Renate den ihren in Renée. Manfred George war in New York ab März 1939 Chefredakteur des Aufbau, dessen Auflage er verzehnfachen und den er zu der bedeutendsten deutschsprachigen Exilzeitung entwickeln konnte. Er leitete den Aufbau bis zu seinem Tode am 30. Dezember 1965 in New York. Jeanette Hanna George folgte ihm am 30. April 1987.
Röder, Werner und Strauss, Herbert A. (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München, 1980, S. 217f.
Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft : Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild. (Erster Band : A–K), Berlin, 1930. S. 534
Jüdisches Museum Berlin wird Mitglied der Kooperation Looted Cultural Assets
Mit Beginn des Jahres 2026 trat das Jüdische Museum Berlin der Kooperation Looted Cultural Assets (LCA) bei. Damit wächst das Netzwerk zur gemeinsamen Provenienzforschung zwischen Bibliotheken in Deutschland und Israel im zehnten Jahr ihres Bestehens auf 14 aktive Mitgliedsinstitutionen an. Insgesamt haben sich bislang 19 Einrichtungen mit ihrer wissenschaftlichen Expertise eingebracht.
Das 2016 unter anderem von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin initiierte Forschungsnetzwerk unterstützt die Provenienzforschung zu Enteignung und Raub von Kulturgütern – vor allem in der NS-Zeit sowie, wenn möglich, auch in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Es fördert den fachlichen Austausch, bündelt Forschungsergebnisse und stellt dafür die Datenbank „Looted Cultural Assets“ bereit.
Gleichzeitig werden Forschungsergebnisse zeitnah und transparent für Interessierte aus aller Welt zugänglich gemacht. Aktuell zählt sowohl die Kooperation als auch die Forschungsdatenbank LCA zu den umfassendsten, kontinuierlichsten und erfolgreichsten Projekten in der Provenienzforschung im deutschsprachigen Raum.
Heute beinhaltet die Forschungsdatenbank LCA etwa 48.000 Provenienzhinweise sowie Informationen zu rund 16.500 Personen und Institutionen aus der deutschen Geschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts. Sie stellt Forschungsergebnisse aus mehr als 20 aktiven und beendeten wissenschaftlichen Projekten zur Verfügung und sorgt für deren langfristige Zugänglichkeit. Die Arbeit der im Forschungsnetzwerk LCA verbundenen Bibliotheken ermöglicht Nachfahren von Opfern der Shoa und anderer nationalsozialistischer Verbrechen einen niedrigschwelligen Zugriff auf historische Informationen, bietet die Möglichkeit detaillierte Auskünfte über Forschungsergebnisse und -stände zu erfragen und zielt darauf ab, durch die Bündelung von Rückgaben geraubten Kulturguts Restitutionsverfahren zu vereinfachen. Die so verbundenen Provenienzforscher*innen leisten durch ihre Arbeit einen nachhaltigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Deutschland und Europa sowie der Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen.
Die Universitätsbibliothek sieht sich mit ihrem über zehnjährigem Engagement in der Provenienzforschung den Grundwerten der Freien Universität Berlin Veritas, Iustitia und Libertas (Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit) verpflichtet. Die systematische Untersuchung der Buchbestände und die Aufarbeitung deutscher Geschichte durch die Arbeitsstelle Provenienzforschung der Universitätsbibliothek dient nicht allein der Auseinandersetzung historischen Unrechts im Sinne der Washingtoner Erklärung vom 03.12.1998, sondern ist ein Beitrag zur gelebten Demokratie.
(Der Beitrag erschien ursprünglich im Blog der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin.)
Es enthält eine Widmung des Autors an Alfred Kerr – „Alfred Kerr hochachtend überreicht. Julius Bab Maerz 1905“.
Das Buch wurde 1973 von der Universitätsbibliothek bei der Buchhandlung und Antiquariat Thiede in Hamburg antiquarisch erworben. 1980 wurde es bei der Buchbinderei Jacob Kohnert in Berlin neu gebunden.
Mit dem Einverständnis des Enkel Matthew Kneale wurde das Buch dem Leiter der Bibliothek Dr. Maximilian Bach übergeben.
Von nun an wird es, mit den bereits an das Archiv übergebenen Büchern der Staatsbibliothek und der Fachbibliothek Sozialwissenschaften und Osteuropastudien der Freien Universität Berlin, im Archiv der Akademie der Künste, das den künstlerischen Nachlass von Alfred Kerr verwahrt, zur Verfügung stehen.
Die Sozialistische Arbeiter-Jugend (SAJ) war von 1922 bis 1933 ein sozialistischer Jugendverband, der eng mit der SPD verbunden war. Sie richtete sich an Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren und verstand sich als Bildungs- und Erziehungsbewegung. Ihre Hauptaufgabe war es, die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Forderungen der Arbeiterjugend zu vertreten und ihre Mitglieder im Geiste des Sozialismus zu erziehen. Mit dem Niedergang der Weimarer Republik und der zunehmenden Macht der Nationalsozialisten endete die Ära der legalen demokratischen Jugendbewegung. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurden alle Arbeiterjugendorganisationen verboten, während viele bürgerliche Jugendverbände sich selbst auflösten oder durch die Nationalsozialisten „gleichgeschaltet“ wurden.“
Bild: Paul Löbe inmitten von Mitgliedern der SAJ beim SPD-Parteitag in Leipzig am 31.05.1931, Bildnachweis an „AdsD der FES, 6/FOTA013771 – mit freundlicher Genehmigung des Archivs der Friedrich-Ebert-Stiftung
Kürzlich wurde eine seltene Broschüre der SAJ aus dem Jahr 1924 aus dem Bestand der Alfred-Weiland-Sammlung der FU Berlin identifiziert, die einen Einblick in die internationalen Verbindungen und Zielsetzungen der sozialistischen Jugendorganisationen bietet. Die Publikation trägt den Titel „Die Internationale Sozialistische Jugendbewegung. Werdegang und Ziele der Sozialistischen Jugend-Internationale und der ihr angeschlossenen Verbände“. Das Exemplar weist einen Besitzstempel von Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) Barth a. d. Ostsee sowie eine Katalogisierung Nr. 36 auf.
Titelblatt mit diversen Provenienzen: Die Internationale Sozialistische Jugendbewegung, Verlag der Sozialistischen Jugend-Internationale, Berlin 1924
Provenienz: Sozialistische Arbeiter-Jugend Barth a. d. Ostsee
Provenienz: Arbeiterjugend Barth, Nr. 36
In Barth, einer Kleinstadt im Landkreis Vorpommern-Rügen in Mecklenburg-Vorpommern, war die SPD in der Zeit der Weimarer Republik relativ stark. Die Partei erzielte sowohl bei Reichstags- als auch bei Kommunalwahlen gute Ergebnisse, besonders in Arbeiterkreisen. Dies spiegelte sich auch in der Gründung der Barther Ortsgruppe der Sozialistischen Arbeiterjugend wider. Ihre Entstehung ist untrennbar mit dem Namen Max Niemann verbunden, der Anfang der 1930er Jahre dem lokalen Vorstand der SPD angehörte. Niemann war nach dem Ersten Weltkrieg verantwortlicher Geschäftsführer der lokalen Zeitung „Der Vorpommer“ und gründete die Barther Ortsgruppe der Sozialistischen Arbeiterjugend. Nach der Veröffentlichung eines kritischen Artikels über die zunehmenden nationalsozialistischen Aktivitäten kam es zu Angriffen auf die Barther Geschäftsstelle des Vorpommer. In der Folge wurde Max Niemann unter dem Vorwurf eines Boykottaufrufs gegen örtliche Geschäftsleute – in einem politisch motivierten Verfahren – verurteilt. Die Eskalation gipfelte im Verbot des Vorpommer am 28. Februar 1933. An seine Stelle trat kurz darauf die nationalsozialistisch ausgerichtete Zeitung Volkswillen.
Provenienz mit Bleistift: 15
Eine weitere Provenienz, der Bleistiftvermerk ‚15‘, belegt eine von den Nationalsozialisten veranlasste Beschlagnahme und die anschließende Überführung des Exemplars in die Bibliothek des Reichssicherheitshauptamts (RSHA). Die Nummer 15 verweist auf die Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken (Kennziffer 015), die beschlagnahmte Bücher im Rahmen des NS-Literaturraubs sichtete und an Institutionen weitergab. Die Bibliothek befand sich in der Eisenacher Straße 11–13 in Berlin, einem beschlagnahmten früheren Logenhaus, das von der SS genutzt wurde.
Anfang Juni 2025 wurde das Exemplar mit drei weiteren Broschüren, die Provenienzen aus anderen Ortsgruppen der Sozialistischen Arbeiter-Jugend aufweisen, an die Friedrich-Ebert-Stiftung restituiert.
Die Bibliothek der Familie Skórzewski war einst eine der größten privaten Büchersammlungen Polens – rund 70.000 Bände beherbergten die Paläste von Lubostroń und Czerniejewo, ergänzt durch eine bedeutende Kunst- und Münzsammlung. Doch mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 begann ihr Untergang: Die Bestände wurden beschlagnahmt, verteilt, geplündert – vieles ging unwiederbringlich verloren.
Heute, über acht Jahrzehnte später, ist von diesem einst imposanten Besitz nur wenig erhalten geblieben. Kunstwerke der Familie Skórzewski gelten bis heute als verschollen. Auf der Plattform Lost Art ist eine Suchmeldung zu einigen beschlagnahmten Kunstgegenständen verzeichnet. Nur noch ein einziges Buch aus der üppigen Bibliothek befindet sich im Besitz der Nachfahren.
Im Zuge der Provenienzerschließung innerhalb der Alfred-Weiland-Sammlung konnte nun ein weiteres Buch aus der dieser Büchersammlung identifiziert werden.
Es handelt sich um das Rara Exemplar: „Über den niederen Adel und dessen politische Stellung in Deutschland“ von Wilhelm Freiherr Schenk zu Schweinsberg, einem hessischen Juristen und Publizisten, das 1842 im Verlag von Beck und Fränkel, Stuttgart & Sigmaringen anonym erschien.
Abb. 1: Titelblatt mit Provenienz 1: roter Stempel
Abb. 2: Buchdeckel mit Provenienz 2, links oben: 1015
Auf dem Titelblatt befindet sich ein markanter roter Stempel: In roten Großbuchstaben ist der Ortsname LUBOSTROŃ zu lesen, darüber kreuzen sich die Initialen L und S, über denen eine stilisierte, neun-zackige Grafenkrone schwebt – ein eindeutiger Hinweis auf die Bibliothek der Adelsfamilie Skórzewski.
Provenienz 1: LS LUBOSTROŃ
Provenienz 2: 1015.
Die Adelsfamilie Skórzewski nahm im 19. Jahrhundert eine prägende Rolle im kulturellen und bildungspolitischen Leben Polens ein. Ihr Stammsitz, der heute denkmalgeschützte klassizistische Palast Lubostroń (im gleichnamigen Dorf der Gemeinde Łabiszyn im Powiat Żnin der Woiwodschaft Kujawien-Pommern im Norden Polens.) beherbergte eine bedeutende Familienbibliothek, deren Grundstock zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Graf Leon Fryderyk Skórzewski (*28.6.1845 Posen, †2.3.1903 Lubostron, auch bekannt als Leon Fryderyk Walenty Hrabia Drogosław Skórzewski) gelegt wurde.
Graf Leon von Skórzewski war Abgeordneter im Deutschen Reichstag für die Polnische Fraktion und galt als großer Förderer polnischer Kultur. Seine Bibliothekssammlung in Lubestroń wuchs bis in die Zwischenkriegszeit auf schätzungsweise 20.000 Bände an. Obwohl sie nie vollständig katalogisiert wurde, dokumentiert ein erhaltenes Inventarbuch aus dem 19. Jahrhundert wesentliche Teile des Bestandes, das von dem polnischen Historiker, Prof. Dr. hab. Ryszard Nowicki untersucht wurde.
Zygmunt Włodzimierz Witold Skórzewski, CC0-Lizenz (Creative Commons Zero)
Ein Nachfahre der Familie war Zygmunt Włodzimierz Skórzewski
(*1894 Czerniejewo–†1974 Korsika). Er war der Nachfolger in der Linie der Haupterben des Familienbesitzes Czerniejewo-Radomice und Łabiszyn-Lubostroń, eines großen, nicht aufteilbaren Gutskomplexes, der als sogenanntes Ordynat geführt wurde – eine damals auch in Polen verbreitete Form des Fideikommisses (Nach 1945 durch die kommunistische Bodenreform abgeschafft.) Als Hauptverwalter dieses Besitzes war er für die Bewahrung und Weitergabe der kulturellen und wirtschaftlichen Werte der Familie verantwortlich. In den Jahren 1932 bis 1938 übergab er rund 11.000 Bände aus seinem Besitz der Raczyński-Bibliothek in Posen, um dieses Kulturgut einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Aber bereits Anfang September 1939, nur wenige Stunden vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, musste Zygmunt Skórzewski mit seiner Frau Leontyna und den drei Kindern ihr Gut in Czerniejewo verlassen und fliehen. Ihr Weg führte sie zunächst ostwärts nach Ołyka in Wolhynien (heute Ukraine) zu Verwandten seiner Frau. Als am 17. September 1939 auch sowjetische Truppen in Ostpolen einmarschierten, setzte die Familie ihre Flucht fort. Nach einem Aufenthalt in Lemberg (Lwów) flohen sie schließlich im Februar 1940 unter schwierigen Bedingungen – zu Fuß, bei Nacht und mitten im Winter – über den Grenzfluss Czeremosz nach Rumänien. Von dort gelangten sie mit Hilfe französischer Visa in die Schweiz und fuhren mit dem Orient-Express Richtung Italien und erreichten schließlich Rom.
In Italien war Zygmunt Skórzewski offiziell als Delegierter des Polnischen Roten Kreuzes tätig – de facto agierte er jedoch als Verbindungsmann der polnischen Exilregierung und des militärischen Nachrichtendienstes. 1943 wurde Zygmunt Skórzewski von der italienischen Geheimpolizei unter dem Druck der Deutschen Besatzung verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Seine Frau wurde getrennt inhaftiert, die Kinder kamen in die Obhut der polnischen Botschaft in Rom. Erst 1945, nach 32 Monaten Gefangenschaft, gelang durch Vermittlung von Papst Pius XII. die Freilassung. Nach der Befreiung ließ sich die Familie dauerhaft auf Korsika nieder, wo Zygmunt Skórzewski am 10. Mai 1974 verstarb.
Von der einst reichen Sammlung blieb kaum etwas erhalten, denn nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde das Schloss Lubostroń mitsamt der Bibliothek der Familie Skórzewski beschlagnahmt. Die Bestände von Lubostroń und Czerniejewo, darunter auch Teile der Raczyński-Bibliothek (1938 umfasste die Raczyński-Bibliothek insgesamt mehr als 160.000 Bände) wurden durch Einheiten der deutschen Wehrmacht nach Posen (Poznań) verbracht. Ein Großteil gelangte in das zentrale Bücherlager der Kirche des heiligen Erzengels Michael (Parafia pw. Świętego Michała Archanioła w Poznaniu) in Posen, das als Sammelstelle für von den Nationalsozialsten beschlagnahmte Bücher verschiedenster Herkunft diente. Dieses Lager umfasste nach Schätzungen bis zu drei Millionen geraubter Bände. Darunter befanden sich Werke aus kirchlichem, staatlichem und privatem Besitz.
Kirche des heiligen Erzengels Michael in Posen. Foto: Radomil / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kościół_Michała_Archanioła_Poznań_RB1.JPG
In den folgenden Jahrzehnten konnten vereinzelt Rückgaben erfolgen, die mangels überlieferter Dokumentation ausschließlich anhand erhaltener Provenienzmerkmale identifiziert und zugeordnet werden konnten. Heute sind in der Raczynski-Bibliothek noch ca. 40 Manuskripte und vier Bücher aus der Skórzewski Sammlung erhalten.
Das nun identifizierte Exemplar gelangte aus der ehemaligen Bibliothek des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlin in den Besitz des ehemaligen Rätekommunisten und Widerstandkämpfers Alfred Weiland (*1906 Berlin – †1978 West-Berlin), der es nach dem Krieg aus den RSHA Beständen übernahm und in seine private Sammlung eingliederte. Diese Sammlung wurde 1979 von seiner Tochter an die Freie Universität Berlin verkauft.
Der eindeutige Nachweis der Herkunft dieses Exemplars ist Prof. Dr. Ryszard Nowicki zu verdanken, der im Rahmen seiner langjährigen Forschungen zur Bibliothek der Familie Skórzewski die Provenienz des Bandes zweifelsfrei belegt hat. Die Überlieferungskette lässt sich heute wie folgt rekonstruieren:
→ Bestandteil der Skórzewski-Bibliothek Lubestroń → 1939 Enteignung durch deutsche Wehrmacht
→ Verlagerung in das Bücherlager der St. Michael Kirche, Posen → Verlagerung nach Berlin durch die deutsche Wehrmacht
→ 1945/46 Übernahme aus den Beständen der Bibliothek RSHA durch Weiland → 1979 Erwerb Weiland-Sammlung durch FU Berlin
Im Juni 2025 wurde das Werk durch die Arbeitsstelle Provenienzforschung der FU Berlin an die Nachfahren der Familie Skórzewski restituiert.
Karl Werner Erich Kurt Bergfeld, Sohn von Gustav Wilhelm Karl Bergfeld (1866-1941) und Alma Johanne Bergfeld, geborene Petersilie (1869-1938) wurde am 15. Februar 1894 in Halle an der Saale geboren.
Mit 14 Jahren zieht es ihn in die Ferne und er heuert 1908 auf einem Segelschulschiff an. Nach einer Weltumseglung und vielen Abenteuern besucht er eine Navigationsschule und wird Steuermann.
Kurt Bergfeld: Hamburger Hafen, Quelle: Privat
Mit Beginn des 1. Weltkriegs 1914 wird Kurt Bergfeld eingezogen. Bereits am 11. November desselben Jahres taucht der Name Kurt Bergfeld, Halle a. Saale, auf einer Verletztenliste auf. Im Rang eines Füsiliers des 5. Regiment Nr. 36 Halle a.S. Bernburg, I. Bataillon, 3. Kompanie – „schwer verletzt“. Ob es sich hier um eben jenen Kurt Bergfeld handelt ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar.
Deutsche Verlußtlisten (Pr. 74) vom 11. November 1914, S. 2482, Quelle: https://www.ancestry.de/search/
Laut Aussage seiner Familie geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und verbrachte diese auf der Isle of Man. Zwischen 1914 und 1919 wurden im Internierungscamp Cunningham und Knockaloe über 30.000 Gefangene aus Deutschland, Ungarn/Österreich und der Türkei auf Grundlage des „Aliens Restriction Act“ von 1914, festgehalten. Obwohl das Leben in den Lagern sehr karg war, gab es kleine Kulturangebote: Orchester, Sportgruppen, Bibliotheken und verschiedene Künstlerkreise.
In der Kriegsgefangenschaft trifft er den vermutlich ebenfalls internierten (Professor) L.(udwig) Zullo aus Wien und studiert bei ihm Malerei und Grafik. Er beteiligt sich in England an einer Ausstellung und erhält einen Preis in einem Zeichenwettbewerb.
1919 werden die letzten deutschen Kriegsgefangenen entlassen und Kurt Bergfeld kehrt nach Deutschland zurück. Nach seiner Rückkehr erlernt er den Beruf des Melangeur (Textiltechniker) in der Kammgarnspinnerei Eisenach GmbH.
Vermutlich frühestens 1924 wird er Schüler an der Staatlichen Schule für Handwerkskunst Eisenach bei Prof. Hermann Blechschmidt (1882 – 1934), der 1924 von der Eisfelder Zeichen- und Modellierschule nach Eisenach gewechselt war. Für 1928/1929 sind, dank des Schulausweises, Besuch der Abendschule an der Staatlichen Zeichenschule Eisenach belegt.
Adressbuch Eisenach 1933-1934: Alphabetisches Verzeichnis der Einwohner, S. 15. Quelle: https://www.ancestry.de/search/
In den Adressbüchern der Stadt Eisenach, ist ein Kurt Bergfeld, wohnhaft in der Goethestr. 25a, verzeichnet. Seine Berufsbezeichnungen wechseln von 1925 -1939 Kaufmann, zu Melangeur 1943.
Adressbuch Eisenach 1943, S. 248. Quelle: https://www.ancestry.de/search/
Während des 2. Weltkriegs war er beim Reichsluftschutzbund (RLB) dienstverpflichtet, musste aber nicht als Wehrmachtssoldat an die Front. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang mit der „schweren Verletzung“ aus dem ersten Weltkrieg.
Nach Kriegsende arbeitete Kurt Bergfeld zunächst als freischaffender Künstler. 1946 trat er dem neu gegründeten (8. August 1945) „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ bei.
Kurt Bergfeld, Quelle: PrivatKünstlerkürzel von Kurt Bergfeld Quelle: privat
Am 26. September 1947 wird Kurt Bergfeld als namhafter Künstler durch Prüfungsausschuss Eisenach anerkannt und beim Arbeitsamt als Kunstmaler registriert und arbeitet in und über Bad Salzungen.
1949 ist er Dozent an Volkshochschule und unterzieht sich der Prüfung zum Lehramtsanwärter, mit nunmehr 58 Jahren besteht er die zweite Lehramtsprüfung und wird Kunsterzieher an der Oberschule in Bad Salzungen und später an der Oberschule Bad Liebenstein.
Bis 1958 ist er Gründungsmitglied des Kulturbundes in Bad Salzungen (gemeinsam mit Willy Degen und Hermann Müller), Mitglied des Bezirks- und Kreisvorstandes des Kulturbundes, Mitglied des Bezirksvorstandes im „Verband Bildender Künstler“, Arbeitsgebietsleiter des „Verbandes Bildender Künstler Deutschlands“, arbeitet im Bezirksvorstand der „Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse“ und organisiert engagiert Ausstellungen und Vorträge.
Ab 1959 widmet er sich zunehmend seiner Lehrtätigkeit.
Kurt Bergfeld: Stadtkirche Bad Salzungen. Quelle: privat
Kurt Bergfeld ist künstlerisch seiner Heimat (nach 1919) treu geblieben. Neben Auftragswerken hat er die Thüringer Natur, ihre Menschen und die Stadt Bad Salzungen verewigt.
Er war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau Hedwig Susanne Charlotte Müller (1898 -1950) hatte er zwei Töchter, Ursula Pfeifer (1924-2017) und Erika Bergfeld (1933). Seine zweite Frau Gerda Hilda Gedrat (1921 – 2006) brachte eine weitere Tochter mit in die Ehe, Sabine Frank, geb. Gedrat (1939 – 1991).
Kurt Bergfeld starb am 23.07.1983 in Bad Liebenstein.
Das in der Bibliothek des Kunsthistorischen Instituts gefundene Buch „Line & Form“ von Walter Crane, 1914 erschienen bei G. Bell & Sons LTD in London, enthält ein von Kurt Bergfeld handgemalten Exlibris.
Exlibris Kurt Bergfeld
Wir vermuten, dass das Buch aus seiner Zeit in der Kriegsgefangenschaft auf der Ilse of Man stammen könnte – es ist in Englisch und aus dem Vorsatzblatt ist unten rechts ein Stück ausgeschnitten worden – ggf. ein Hinweis auf eine Bibliothek im Kriegsgefangenenlager.
Das Buch kam 1948 an die Freie Universität Berlin in die Bibliothek des Kunsthistorischen Instituts. Als Lieferant ist im Inventarbuch ein gewisser „Horstmann“ verzeichnet. Leider ist bis jetzt unklar, ob es sich hier um eine Privatperson oder ein Antiquariat handelt.
Wie lange das Buch im Besitz von Kurt Bergfeld war, ist bislang ebenfalls nicht nachvollziehbar. Da kein weiterer Eigentümer im Buch verzeichnet ist und Kurt Bergfeld nicht vom NS-Regime verfolgt wurde, ist das Buch als „kein NS-Raubgut“ eingestuft.
Kurt Bergfelds künstlerisches Werk und die noch fehlenden Details des Lebenslaufs gilt es von seiner Enkelgeneration zu vervollständigen und zu veröffentlichen.
Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund –kurz Bund (בונד, Бунд) genannt (jiddisch: אַלגעמײנער ייִדישער אַרבעטער־בונד, russisch: Всеобщий еврейский рабочий союз в Литве, Польше и России) wurde 1897 in Wilna (heute Vilnius) gegründet, um sich für die Rechte jüdischer Arbeiter*innen sowie soziale und kulturelle Gleichstellung einzusetzen. Aufgrund der Repressionen durch die zaristische Regierung, verlagerte das Zentralkomitee der Partei seine Aktivitäten bereits 1898 nach Genf, das für viele Bundisten zu einem wichtigen Zufluchtsort wurde. Neben Genf entstanden auch Ableger in London, Paris, New York und Buenos Aires sowie zahlreiche lokale Gruppen in der jüdischen Diaspora. Aber auch Wilna war nach der Russischen Revolution von 1905 ein wichtiger Standort der politischen Aktivitäten des Bundes.
Eine prägende Figur des „Bund“ war Franz Kursky, der 1874 in Kurland (heutiges Lettland) als Samuel Kahan geboren wurde. Als Leiter des Auslandsarchivs ab 1906 spielte er eine zentrale Rolle bei der Sicherung und Dokumentation ihres Vermächtnisses. Bereits 1919 legte er den Grundstein für das Bund-Archiv, indem er die Archivsammlung und die Bibliothek von Genf – einem sicheren Hafen während der antisemitischen Pogrome in Osteuropa – wieder zurück nach Wilna brachte, wo der Bund gegründet wurde.
Bereits ein Jahr später, 1920, verlegte er gemeinsam mit dem Mitbegründer des Bundes, Vladimir Kosovski (1867-1941), die Schweizer Auslandsvertretung des Bundes sowie das Auslandsarchiv nach Berlin, wo er seit 1918 im Exil lebte. Der Ausbruch des Polnisch-Russischen Krieges 1919/1920 machte diese Entscheidung notwendig, da Wilna, im Zentrum territorialer Konflikte zwischen Polen, Litauen und Sowjetrussland, Schauplatz zahlreicher militärischer Auseinandersetzungen war. In diesem unsicheren Umfeld bot die Stadt keine geeignete Basis mehr für das Bund-Archiv.
Mit Unterstützung der SPD, zu der der Bund enge Kontakte unterhielt, wurde das Archiv Ende 1925 in das „Vorwärts-Haus“ der SPD, Lindenstraße 3 überführt. Dort sollten, so Kursky, die Dokumente „geordnet und vor bösen Geistern bewahrt“1 werden. Die Sozialdemokraten halfen dem Bund vorallem beim Druck von Parteiliteratur in der eigenen Großdruckerei, so dass es sich zu einem zentralen Umschlagplatz für jiddische und russische Veröffentlichungen, die von den im Schweizer Exil ansässigen Mitgliedern des Bundes über Berlin nach Russland weitergeleitet wurden, entwickelte. Auch die SPD-Parteibibliothek war bis 1933 im Vorwärts-Haus in Berlin untergebracht. Nach dem SPD-Verbot am 22. Juni 1933 und der „Gleichschaltung“ wurde sie vom NS-Regime beschlagnahmt.
Wahlplakat des Bundes, aufgehängt im Wahlbezirk Kiew im Jahr 1917. Überschrift auf Hebräisch: „Wo wir leben, dort ist unser Land!“
Innerhalb des Rahmens: „Wählt Liste 9, Bund“. Unten: „Eine demokratische Republik! Volle nationale und politische Rechte für Juden!“
Der Buchfund: „Frauenarbeit und Familie“
Ein bemerkenswerter Bestandteil dieses historischen Erbes ist das 1914 erschienene Buch Frauenarbeit und Familie von Edmund Fischer, das vom Team der Arbeitsstelle Provenienzforschung der UB Anfang Dezember 2024 identifiziert wurde. Das Exemplar gelangte zu einem unbekannten Zeitpunkt in den Bestand der Universitätsbibliothek.
Ab 1950 wurde es als Teil der Wissenschaftlichen Zentralbibliothek Berlin geführt und unter der Zugangsnummer 50/11499 erfasst.
Zugangsnummer der Wissenschaftlichen Zentralbibliothek Berlin: 50/11499
Die Wissenschaftliche Zentralbibliothek wurde 1950 in Dahlem gegründet und diente der Erfassung der Bibliotheksbestände der West-Berliner Sektoren. Sie existierte nur bis 1954 und bildete die Grundlage der heutigen Amerika-Gedenkbibliothek in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Wie der Stempel im Bild zur Provenienz 3 zeigt, war das Buch zwischenzeitlich Teil der Sammlung der Amerika-Gedenkbibliothek und wurde später (zu einem unbekannten Zeitpunkt) dort ausgesondert.
Provenienzen
Provenienz 1: Архив бунда, übersetzt aus dem Russischen: Archiv des Bundes
Provenienz 2: Int. Instituut Soc. Geschiedenes Amsterdam
Provenienz 3: Wissenschaftliche Zentralbibliothek Berlin und Stempel: Ausgeschieden, Gedenk-Bibl.
Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten im Jahr 1933 erhielten diese „bösen Geister“ eine erschreckend konkrete Gestalt, da die Verfolgung jüdischer und sozialdemokratischer Organisationen und die Beschlagnahme ihres Eigentums zur bedrohlichen Realität wurden. Auch der Druck auf jüdische Personen wie Kursky nahm erheblich zu. Angesichts der wachsenden Verfolgungsgefahr floh er nach Paris und brachte die Sammlung mit, um sie vor der drohenden Beschlagnahmung zu schützen. In Paris war Kurski aufgrund finanzieller Notlage jedoch dazu veranlasst, die Sammlung 1934 an die Gründer des International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam zu verkaufen. Die Überführung des Archivs und der Bibliothek gestaltete sich jedoch schwierig: Erst 1936, mit erheblicher Verzögerung und nicht in vollständigem Zustand, erreichte die umfangreiche Lieferung Amsterdam. Kursky floh 1941 von Paris nach New York, wo er am 17. Januar 1950 verstarb.
Kurskys vorausschauendes Engagement für die Sicherung des Archivs ermöglichte es ihm, einen großen Teil der Sammlung vor dem Zugriff des NS-Regimes in Berlin zu bewahren. Dennoch gelang es ihm nicht, die Sammlung vor der Deutschen Wehrmacht in Amsterdam zu retten. Nach der Besatzung der Niederlande fiel die umfangreiche Bibliothek mit etwa 300.000 Exemplaren in die Hände des Einsatzstabs Alfred Rosenberg. Die Bestände wurden im International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam beschlagnahmt und anschließend nach Deutschland sowie in den Osten transportiert.
Nach Kriegsende war die Sammlung weit verstreut, und viele ihrer Teile gingen verloren. Einige Bestände wurden 1946 bei Hannover wiedergefunden und schließlich nach Amsterdam zurückgebracht.
Heute befindet sich die Bund-Sammlung in verschiedenen Institutionen weltweit, darunter im International Institute of Social History (IISH) Amsterdam. Ein bedeutender Teil des Archivs wurde im Rahmen des Centrale-Projekts von 2012 bis 2016 digitalisiert und ist heute unter dem Namen „Yidishkayt“ im IISH zugänglich.
Die Universitätsbibliothek übergab das Buch an das International Institute of Social History (IISH) Amsterdam.
1Franz Kurski: Gezamlte Shriftn. New York 1956, S. 24.
Manchmal öffnet die Geschichte ihre Türen einen Spalt breit und gewährt uns einen Blick in die Vergangenheit. So erging es uns vor Kurzem bei der Entdeckung eines historisch wertvollen Buches aus der Bibliothek der ehemaligen Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (HWJ) aus der Campusbibliothek.
Diese renommierte Institution, deren Bibliothek eine bedeutende Sammlung religiöser und wissenschaftlicher Literatur mit über 60.000 Bänden umfasste, wurde 1942 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Der Fund des Buches dokumentiert einen weiteren Fall der Enteignung aus dem Besitz der HWJ und verdeutlicht damit die Verlagerung und Nutzung jüdischer Kulturgüter durch das NS-Regime.
Bereits beim ersten Aufschlagen von Simon Bernfelds Werk Die Jüdische Literatur aus dem Jahr 1921 offenbaren sich auf dem Titelblatt drei bedeutende Hinweise zur Herkunft des Buches. Zunächst ist da der runde Stempel der Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, gefolgt von der Exemplarnummer 17201, die mit Bleistift unten rechts vermerkt ist. Besonders auffällig jedoch ist der rote Stempel „Ghetto-Bücherei“ des KZ Theresienstadt, der oben rechts prangt.
Titelblatt mit Provenienzen: Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und Ghetto-Bücherei. Copyright: Looted Cultural Assets (LCA)
Provenienz: Bibliothek der Hochschule der Wissenschaft des Judentums, Exemplar Nr. 17201
Provenienz: Ghetto-Bücherei
Provenienz: Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaften des Judentums
Provenienz: Signatur der Hochschule Gf 42
Buchrücken (FU Signatur Campusbibliothek)
Buchdeckel: Gestaltung Menachem Birnbaum
Vorsatz: Gestaltung Menachem Birnbaum
Das abgebildete Buch trägt eine künstlerische Gestaltung des jüdischen Künstlers Menachem Birnbaum (1893-1944) aus Wien, der für seine Illustrationen und Karikaturen bekannt war. Birnbaum wurde wahrscheinlich im Jahr 1944 im KZ Auschwitz ermordet.
Im Buch gibt es weitere, beinahe unsichtbare Spuren, deren Bedeutung ungeklärt ist.
Wie konnte dieses besondere Buch, das aus der Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums stammt und Teil der NS-Raubgutbestände aus dem Ghetto Theresienstadt ist, in die Bestände der FU Berlin gelangen? Diese Frage lässt sich nur spärlich und ungenügend beantworten. Das Buch kam aus der FU-Bibliothek des Instituts für Evangelische Theologie, die es 1976 in ihren Bestand eingearbeitet hat. Das Institut existierte von 1957 bis 2009. Nach der Auflösung des Instituts wurde es in der Campusbibliothek eingearbeitet. Allerdings sind keine Zugangsbücher mehr erhalten, sodass der Lieferant unbekannt ist. Offen bleibt daher die Frage, welche Wege das Buch nach der Befreiung des KZ-Theresienstadt im Jahr 1945 nahm, bis es schließlich an die FU Berlin 1976 gelangte.
Aus der Zugangsnummer B 869/76/289 geht das Zugangsjahr 1976 hervor. Copyright: Looted Cultural Assets
Geistige Bastion des liberalen Judentums
Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (HWJ), gegründet im Jahr 1872 in Berlin, war eine wegweisende akademische Einrichtung und zugleich ein geistiges Zentrum des liberalen Judentums in Europa. Sie nahm eine einzigartige Stellung ein, indem sie jüdische Traditionen mit den aufkommenden modernen wissenschaftlichen Methoden vereinte und ihren Studierenden ein breites und fundiertes Fächerspektrum anbot. Die Hochschule spiegelte nicht nur den Geist der Emanzipation wider, sondern förderte auch das liberale jüdische Denken, das auf Integration und Modernisierung des jüdischen Glaubens und Lebensstils abzielte.
Ehemaliges Hochschulhaus 1907-1941, Artilleriestraße 14, Heute Leo-Baeck-Haus, Tucholskystraße 9, Berlin-Mitte Foto: Marco Limberg
Nur ein paar Häuserblocks weiter, befand sich in der Artilleriestraße 31 das orthodoxe Rabbinerseminar zu Berlin.1 Im Scherz wurde die Hochschule als „leichte Artillerie“ und das Rabbinerseminar als „schwere Artillerie“ bezeichnet.2
Die Gründung dieser Institution wurde von bedeutenden jüdischen Intellektuellen der liberal-religiösen Strömung wie dem Professor Moritz Lazarus und dem Rabbiner Abraham Geiger initiiert. Lazarus, ein engagierter Verfechter jüdischer Rechte in Deutschland, und Geiger, ein Vordenker des Reformjudentums, schufen mit anderen führenden Persönlichkeiten eine Hochschule, die sich durch ihre Unparteilichkeit, finanzielle Unabhängigkeit und die Betonung auf die Vermittlung umfassender jüdischer Bildung, auszeichnete. Dieser innovative, liberale Ansatz prägte jahrzehntlang die HWJ als akademische und geistige Heimat des modernen Judentums und bot eine Plattform, auf der u. a. jüdische Theologie, Philosophie, Geschichte, Literatur sowie Hebräisch studiert wurden. Die Hochschule zog Studierende aus ganz Europa an, insbesondere aus traditionellen jüdischen Gemeinden Mitteleuropas, die in Berlin eine der seltenen Möglichkeiten fanden, eine rein wissenschaftliche Ausbildung im jüdischen Kontext zu erhalten. Zusammen mit dem Berliner orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin und dem Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau bildete die HWJ ein Dreigestirn der jüdischen Wissenschaften in Deutschland.
Besonders bemerkenswert an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war ihre integrative Bildungspolitik. Sie war eine der ersten akademischen Einrichtungen ihrer Zeit, die eine Zulassungspolitik für Frauen und Männer gleichermaßen verfolgte und sowohl Juden als auch Nichtjuden offen stand. So wurde Regina Jonas (Berlin 1902- KZ Auschwitz 1944) 1935 die erste Frau weltweit, die zur Rabbinerin ordiniert wurde (Gedenktafel in Berlin). In einem sozialen und bildungspolitischen Kontext, in dem Judaistik und rabbinische Studien an deutschen und preußischen Universitäten keinen Platz hatten, bot die HWJ eine theologische Ausbildung zu Rabbiner:innen oder Religionslehrer:innen an. Damit leistete die Hochschule nicht nur einen Beitrag zur wissenschaftlichen Emanzipation des Judentums, sondern ebnete auch den Weg für die Gleichberechtigung in der Hochschulbildung.
Zu den herausragenden Persönlichkeiten, die an der Hochschule lehrten und deren wissenschaftlichen Ruf prägten, zählte Leo Baeck, einer der bedeutendsten Rabbiner und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Leo Baeck, der später die Leitung der Hochschule übernahm, verband jüdisches Gelehrtentum mit einem tiefen sozialen Engagement, das besonders in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus zum Ausdruck kam.
Quelle: Leo Baeck Institute, Commencement ceremony at Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums: with faculty and students, including Leo Baeck (seated far right) and Ismar Elbogen (standing to his left). (1938): Berlin; Lehranstalt fuer die Wissenschaft des Judentums AR 730. Print. (F1959), Courtesy of the Leo Baeck Institute. Das Bild wurde uns mit freundlicher Genehmigung von Leo Baeck Institute zur Verfügung gestellt.
Auch Persönlichkeiten, die nur kurzzeitig an der HWJ studierten, leisteten einen entscheidenden Beitrag zum Ansehen und Vermächtnis dieser Institution bei. Der Prager Dichter Franz Kafka, eine der bekanntesten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, gehörte von November 1923 bis Januar 1924 zu ihren außerordentlichen Gasthörern.
Franz Kafka 1883-1924, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Franz_Kafka,_1923.jpg
In diesen wenigen Monaten fand der gesundheitlich angeschlagene Franz Kafka in der HWJ eine inspirierende Umgebung und intellektuelle Zuflucht, um seine jüdischen Studien zu vertiefen. Kafkas Werke enthalten zahlreiche Motive jüdischer Traditionen. Sie reflektieren seine Identität mit dem Judentum und machten ihn in der modernen Weltliteratur unsterblich. Seine drei Schwestern wurden Opfer des Holocaust.
„Die Hochschule für Wissenschaft ist für mich ein Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern. (…) Ein ganzes Haus, schöne Hörsäle, große Bibliothek, Frieden, gut geheizt, wenig Schüler und alles umsonst.“ 3
Verfolgung und Schließung
Der Frieden währte nicht lange, und die Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren für die Hochschule von tiefgreifenden Veränderungen und Enteignungen geprägt. Am 24. Juni 1933 verlor die Hochschule per Verfügung ihren Status als staatlich anerkannte Institution und wurde in die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ umbenannt. Zwei Jahre später, Ende 1935, wurde das der Hochschule gehörende Erholungsheim „Villa Hausmann“ – damals noch Arendsee genannt (heute Villa Baltic in Kühlungsborn) – an die „Joseph-Goebbels-Stiftung für Bühnenschaffende“ überschrieben und damit enteignet.4
Die gewaltsamen Ereignisse der Reichspogromnacht am 9. November 1938 führten zur vorübergehenden Schließung der Institution, während mehrere Dozenten und Studierende verhaftet wurden. Der Lehrbetrieb wurde im Januar 1939 eingeschränkt wiederaufgenommen, nur ein kleiner Kreis von Studierenden und Lehrenden, darunter Leo Baeck, blieb bis zur endgültigen Schließung der Hochschule. Das geschah am 19. Juni 1942, da Jüdinnen und Juden ab da vom Unterricht ausgeschlossen wurden. Leo Baeck und die verbliebenen Studierenden wurden 1943 ins KZ Theresienstadt deportiert. Die Bibliothek sowie das Inventar der HWJ wurde vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) beschlagnahmt. Teilbestände wurden später nach Berlin und Prag ausgelagert.
Auszug aus dem Nachruf von Nathan Peter Levinson auf seinen Lehrer Dr. Leopold Lucas (1872 Marburg – 1942 KZ Theresienstadt)
„Zunächst möchte ich erwähnen, daß er mein Lehrer war und das in einer der dunkelsten Stunden der Geschichte. Zwischen 1940 und 1941 unterrichtete er mich und einige wenige Studenten in Berlin an der einzig verbliebenen, aber nicht als solche mehr anerkannten jüdischen Hochschule im Fach Jüdische Geschichte. Juden durften damals keine Theater mehr besuchen, keine Kinos, keine Cafés und natürlich keine Universitäten. Die Synagogen waren im November 1938 zerstört worden. So blieb die Lehranstalt fast der einzige Ort, an dem Juden sich geistig betätigen konnten. Früher Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, war ihr der Hochschulstatus aberkannt worden. Es unterrichteten dort neben dem geistigen Haupt der deutschen Judenheit, Leo Baeck, nur noch eine Handvoll Dozenten, unter ihnen Leopold Lucas. Von den damaligen Studenten überlebten nur wenige: außer mir noch drei Kommilitonen. (…) In der Tat war diese Hochschule eine Insel innerhalb eines brandenden Meeres. Draußen war die Gewalt, der Schrecken, die Einschüchterung, die Entrechtung. Innerhalb der Mauern und Lehranstalt fühlte man sich wie in einer anderen Welt, der Welt des Geistes, die nicht bezwungen werden kann.“5
Die Wege der Bibliothek der Hochschule nach dem 2. Weltkrieg sind heute nur teilweise rekonstruierbar. Nach 1945 spielte die heutige National Library of Israel eine zentrale Rolle im Erhalt jüdischer Kulturgüter aus verschiedenen Quellen und Sammelstellen. So dienten auch Bücher dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Israel. Auch das Leo Baeck Institute Jerusalem erhielt durch Dublettenabgaben Bücher aus der Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In Berlin tauchten 1945/46 einige Bücher und Inventarteile auf, als der Berliner Magistrat „herrenlose Buchbestände“ aus der Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken sicherte und einige Exemplare der wiederbegründeten Jüdischen Gemeinde zu Berlin übergab. In Deutschland gab es in den letzten 10 Jahren nur vereinzelt Funde. So hat in 2015 die ZLB gemeinsam mit der Bayerischen Staatsbibliothek vier Bücher an das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam restituiert. Und auch uns gelang ein Fund im Jahr 2017, so dass wir die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums von 1870 an das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam zurückgeben konnten.
Weitere Werke der Hochschulbibliothek besitzt die Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, die über den Nachlass des Rabbiners Emil Davidovic dorthin gelangten. Davidovic hatte nach dem Krieg Zugang zu Beständen der Ghetto-Bibliothek Theresienstadt, wohin die Bücher durch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) verlagert worden waren.
Bis heute sind also immer noch tausende Bücher unentdeckt. Umso bemerkenswerter ist der jüngste Fund aus April 2024 von ca. 4.000 Bänden des Jüdisches Museum in Prag aus der ehemaligen HWJ Bibliothek. Dieser Fund gibt Anlass zur Hoffnung, dass das wertvolle Wissen, das in diesen Büchern verkörpert ist, zumindest virtuell an die jüdische Gemeinschaft zurückgegeben werden kann.
Neue Wege gehen – „Library of Lost Books“
Um das Erbe dieser bedeutenden Institution virtuell wiederherzustellen, hat das Leo Baeck Institute Jerusalem das internationale Projekt „Library of Lost Books“ ins Leben gerufen. Daher freuen wir uns, dass unser jüngster Fund sich als weiterer kleiner Baustein in dieses umfassende wissenschaftliche Vorhaben einfügt und eine detaillierte Aufarbeitung der Verluste jüdischen Kulturguts während der NS-Zeit auch durch die Freie Universität Berlin ermöglicht.
Vielleicht öffnet sich eines Tages eine weitere Tür und enthüllt mehr von der Geschichte dieser besonderen Bibliothek – die Suche geht auf jeden Fall weiter.
Das Buch Die Jüdische Literatur finden Sie in LCA hier.
1 Gegründet 1873 von dem Rabbiner Esriel Hildesheimer (ab 1882 Rabbinerseminar zu Berlin) war eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für orthodoxe Rabbiner in Westeuropa (bekannt auch als Hildesheimer’sches Rabbinerseminar) 2 Irene Kaufmann, Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (1872–1942), Band 50, Hentrich & Hentrich Verlag, 2006, S. 29. 3 Franz Kafka an Robert Klopstock, Postkarte. Berlin-Steglitz, Stempel: 19.XII.1923, https://homepage.univie.ac.at/werner.haas/1923/br23-053.htm, Zugriff am 01.11.2024 4 Hartmut Bomhoff, „Das Ostsee-Erholungsheim der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wird saniert“, Jüdische Allgemeine, 16. November 2010, https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/mecklenburger-mirjamsbrunnen/, Zugriff am 01.11.2024 5 „Stichwort: Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“, haGalil, http://www.hagalil.com, Zugriff am 01.11.2024
Quellen:
Irene Kaufmann: Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (1872-1942), 2006, Band 50, Hentrich & Hentrich Verlag
Michael Bienert: Wie der Himmel über der Erde, Kafkas Orte in Berlin, S. 20 f., (Frankfurter Buntbücher 73), Verlag für Berlin-Brandenburg, 2024
Philipp Zschommler, „NS-Raubgut an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg: Die Provenienzen im Nachlass des Rabbiners Emil Davidovic“, in: Bibliotheksdienst 54 (2020), Nr. 10, S. 793-804 https://doi.org/10.1515/bd-2020-0093
Landesarchiv Berlin und Zentral- und Landesbibliothek Berlin (Hrsg.), Datenbank zur Bergungsstelle für Wissenschaftliche Bibliotheken, https://www.bergungsstelle.de/
Bereits 2016 wurde das Buch „Roscher, Wilhelm: Nationalökonomie des Handels- und Gewerbfleißes. Aus der Reihe: System der Volkswirtschaft. Ein Hand- und Lesebuch für Studierende und Geschäftsmänner. Band 3. 6. Auflage. Stuttgart: Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger, 1892.“ in die Datenbank Looted Cultural Assets aufgenommen.
Provenienz 1: Institut für Politische Wissenschaft Berlin Copyright: Looted Cultural Assets (LCA)
Das Werk gehört zur Sozialwissenschaftlichen Bibliothek und kam über das 1950 neu gegründete „Institut für Politische Wissenschaften Berlin“ dorthin. Nach der Integration des Instituts in die Freie Universität Berlin 1959, kam es vermutlich 1962 in die neu gebaute Bibliothek für Sozialwissenschaften. Die Zugangsbücher des Instituts sind nicht erhalten.
Provenienz 2: Ex Libris Ernst und Adele v. Klarwill Künstler: F. Pontini (Friedrich (Fritz) Pontini) Copyright: Looted Cultural Assets (LCA)
Acht Jahre später, im März 2024, erreichte uns eine überraschende Nachricht aus Kanada. Eine Nachfahrin der Familie von Klarwill hatte in unserer LCA-Datenbank das Exlibris von Ernst und Adele von Klarwill entdeckt, das von dem bekannten österreichischen Künstler und Illustrator Friedrich (Fritz) Pontini gestaltet wurde. Dieses Exlibris lässt sich auf den Zeitraum zwischen 1899 und 1912 datieren, also zwischen dem Jahr der Heirat von Ernst und Adele von Klarwill und dem Jahr des Todes des Künstlers.
Provenienz: Bibliothek Victor v. Klarwill Quelle: Klassik Stiftung Weimar
Die Nachfahren der Familie von Klarwill standen bereits in Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen der Klassik Stiftung Weimar, die in ihren Buchbeständen die Provenienz „Bibliothek Victor v. Klarwill“ (1873 Baden bei Wien – 1933 Wien) gefunden hatten, dem Bruder von Ernst von Klarwill.
In diesem Zusammenhang hat Franz David Eschner MA BA, Archäologe und Historiker https://univie.academia.edu/FranzDavidEschner, in Wien zuständig für die Naturdenkmale der Stadt, im Auftrag seiner Tante aus Kanada den Kontakt zu vielen anderen Bibliotheken in Deutschland und Österreich wie der Wiener Stadt- und Landesbibliothek vermittelt und eigene Nachforschungen angestellt, um weitere Informationen über die Geschichte der gefundenen Buchexemplare aus der Bibliothek der Familie zu erlangen.
Ein Leben im Glanz der Wiener Gesellschaft
Hofrat Dr. (jur.) Ernst von Klarwill, geboren am 30. Juni 1869 in Wien, war der älteste Sohn des wohlhabenden jüdischen Ehepaars Isidor und Henriette Edle von Klarwill. Neben ihm hatte die Familie noch zwei weitere Söhne: Victor (geboren am 23. August 1873) und Georg Ludwig (geboren am 27. April 1876).
Zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Jurist und Ministerialbeamter beim Finanzministerium in Wien, war Ernst von Klarwill auch als Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen aktiv. Darüber hinaus schrieb er auch für die „Neue Freie Presse“ und das „Neue Wiener Tagblatt“.
Sein Vater Isidor Ritter von Klarwill (vormals Isidor Ritter von Pollak Klarwill) war ein wohlhabender Großgrundbesitzer und einflussreicher Journalist, der ursprünglich aus Prag stammte. In Wien war Isidor von Klarwill Chefredakteur und Herausgeber der politischen Tageszeitung „Fremdenblatt“, das als „Organ des Ballplatzes“ bezeichnet wurde.
In der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurde Isidor von Klarwill am 14. August 1881 in Wien zum österreichischen Ritter Pollak von Klarwill geadelt und ersuchte 1894, den Namen Pollak aus seinem Titel streichen zu lassen. Am 27. September 1894 – vier Jahre vor seinem Tod – genehmigte Kaiser Franz Joseph I. von Österreich diesen Antrag, so dass er und seine Nachkommen sich künftig „von Klarwill“ nennen durften.
Die kaiserliche Genehmigung zur Änderung von Namen und Titeln war jedoch nicht nur ein formaler Akt, sondern reflektiert vielmehr einen umfassenderen gesellschaftlichen Wandel unter der Schirmherrschaft des Kaisers, der sich für die Rechte der jüdischen Bürger einsetzte. Gleichzeitig spiegelte die Namensänderung den Wunsch nach Anerkennung und Emanzipation der jüdischen Bevölkerung wider. Sie ist aber auch im Kontext des aufkommenden Antisemitismus in Wien um die Jahrhundertwende zu sehen. Häufig ging ein solcher Namenswechsel auch mit einer Taufe einher. So ließ sich Ernst von Klarwill im selben Jahr, am 28. Juli 1894, katholisch taufen.
Foto: Votivkirche am Maximilianplatz in Wien um 1900 Quelle: Wikipedia, License: Public domain
Fünf Jahre später, am 2. Oktober 1899 begann für Ernst von Klarwill ein neuer Lebensabschnitt, als er in der Votivkirche in Wien der damals 23-jährigen Adele Julie Bab, das Ja-Wort gab. Adele Bab war zuvor, am 27. Mai 1899, katholisch getauft worden.
Das Paar lebte wohlhabend und war aktiv in der kulturellen Szene Wiens eingebunden. Sie residierten u. a. in der eleganten Tulpengasse 5 im 8. Bezirk, bekannt als Josefstadt, einem der angesehensten Viertel Wiens, wo Beamte und Künstler der Wiener High Society zu Hause waren.
Wohnhaus der Familie von Klarwill in der Tulpengasse 5 in Wien, Josefstadt Quelle: Google Maps
1930 sind im Häuser-Kataster der Stadt Wien für den VIII. Bezirk, die drei Brüder Ernst, Victor und Georg von Klarwill als Eigentümer benannt. Das Gebäude diente der Familie von Klarwill als Familiensitz.
Quelle: Wiener Stadtbibliothek 73605B – Salzberg, Wolfgang J. (Hrsg.): Häuser-Kataster der Bundeshauptstadt Wien, IV Band: VIII. und IX. Bezirk, Wien 1930.
Die Ehe von Ernst und Adele blieb kinderlos. Adele beendete, laut Sterbebuch, am 23. Mai 1936 mit dem Freitod im Hotel Kummer ihr Leben. Die Gründe für diesen Schritt sind nicht bekannt. Sie wurde in der Familiengruft auf dem Friedhof Wien Döbling beigesetzt. Ernst heiratete nach dem Tod Adeles nicht wieder und lebte bis zu seinem eigenen Tod am 17. März 1940 in der Tulpengasse 5.
Nur wenige Jahre zuvor verstarben seine beiden Brüder: Georg Ludwig von Klarwill am 26. Januar 1932. Georgs Ehefrau Hildegard Ruscha Stephanie von Klarwill, geb. Goldschmidt war bereits am 22. August 1914 in Wien an Diphterie gestorben. Ihr Sohn Peter Ernst Georg Victor von Klarwill, geboren am 10. Februar 1909 in Wien, verließ Österreich und floh 1938 nach Neuseeland. Er verstarb am 11. September 1992 in Wellington, Neuseeland.
Foto: von li. Toni (Antonia) Weitmann, Victor von Klarwill, Franz Tsany (Tschany), Elsa von Klarwill, (geb. Egger) Sommerferien auf Schloss Eisenfeld in Wels (Österreich) des Schlossherrn Franz Tsany, 1901 Quelle: privat
Victor von Klarwill verstarb nur ein Jahr nach seinem Bruder Georg, am 25. März 1933. Seinem Sohn Victor Isidor Ernst von Klarwill (02.06.1902 Wien – 1985 Eastborne, GB) gelang 1938 die Ausreise nach Kenia. Er floh 1938 zuerst nach Italien und von dort nach Nairobi. Seine Mutter Elsa (29.04.1877 Wien – 08.04.1945 Nairobi, Kenia) konnte ihm 1939 folgen. Victor Isidor war seit 1935 mit Fredericke Victoria Gesser (20.01.1910 Troppau – 03.01.1980 Kenya) verheiratet – das Paar blieb kinderlos und ließ sich 1938 scheiden. In zweiter Ehe war Victor von Klarwill ab 1944 mit Rachel von Klarwill, geborene Sutton (30.07.1905 London, GB – 10.1988 Eastborne, GB) verheiratet. Aus dieser Ehe stammt die Tochter Victoria Elsa von Klarwill, geboren am 8. April 1945 in Nairobi, dem Sterbedatum Ihrer Großmutter Elsa von Klarwill.
Verfolgung und Enteignung im Nationalsozialismus
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 begann die systematische Verfolgung und Enteignung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Dieses Schicksal ereilte auch die Familie von Klarwill, sie wurde auf ihre jüdischen Wurzeln reduziert und fortan verfolgt.
Aufgrund der „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden vom 26. April 1938“ war Ernst von Klarwill trotz seiner Konversion zum katholischen Glauben gezwungen, als Jude eine Vermögenserklärung abzugeben. Nach Auskunft des Österreichischen Staatsarchivs vom April 2024 ist in der „Vermögensanmeldung 12.937 betreffend Ernst Klarwill (*30.06.1869)“ vom 12. Juli 1938 auch eine Bibliothek aufgeführt, die mit 1.200 RM bewertet wird. Eine Auflistung der genauen Titel fehlt jedoch, und es sind keine Informationen zur Veräußerung der Bibliothek bekannt.
Die „Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung zur Abgabe des Vermögens von Juden vom 21. Februar 1939“ zwang Dr. Ernst von Klarwill am 15. März 1939 zum Zwangsverkauf seiner ihm verbliebenen Wertgegenstände über das von der NSDAP kontrollierte Auktionshaus Dorotheum in Wien. Der Zwangsankauf wurde am 15. März 1939 laut Liste der „Öffentlichen Ankaufsstelle nach § 14 der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ von der „Schätzstelle für Juwelen“ des Auktionshauses Dorotheum vollzogen.
Abb. Öffentlichen Ankaufsstelle, Dorotheum Wien I, Spiegelgasse 16 Quelle: Wiener Stadt- und Landesarchiv
Das Dorotheum in Wien diente als zentrale Verwertungsstelle für enteignete Vermögenswerte in der „Ostmark“. Es versteigerte beschlagnahmte sowie zwangsverkaufte Besitztümer entrechteter „Jüdinnen“ und „Juden“ und anderen NS-Verfolgten. Als Kommissionär kassierte es Provisionen und leitete die Erlöse an das Deutsche Reich weiter.
Im November 1938 versuchte Ernst von Klarwill, seinen Lebensunterhalt zu sichern, indem er eine Korrektur seiner Vermögenserklärung einreichte und um eine Befreiung von der Kontributionsabgabe für Juden bat. Ob dieser Bitte entsprochen wurde, ist nicht bekannt.
Dr. Ernst von Klarwill verstarb am 17. März 1940 im Familienwohnsitz in der Tulpengasse 5 in Wien. In der standesamtlichen Sterbeurkunde wird zwar sein Titel sowie seine konfessionelle Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche vermerkt, jedoch finden sich auch der ursprüngliche Familienname „Pollak“ und der diskriminierende Zweitname „Israel“, der jüdischen Männern auferlegt wurde.
Nachdem sein Vermögen unter Wert zwangsverkauft werden musste, wurde ihm nicht nur sein Besitz, sondern auch der durch den Kaiser garantierter Familienname wieder entzogen, was die umfassende Diskriminierung widerspiegelt, der er in der NS-Zeit ausgesetzt war.
von li: Susanne Paul (Provenienzforscherin UB), Andrea Voros, Elena Brasiler (Provenienzforscherin UB) Quelle: Arbeitsstelle Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek der FU Berlin
Am 23. August 2024, 84 Jahre nach dem Tod von Ernst von Klarwill, konnten wir das Buch persönlich an Andrea Voros, als Vertreterin der Familie von Klarwill, zurückgegeben. Sie kam zu uns in die Universitätsbibliothek und nahm das Buch, das einst Ernst und Adele von Klarwill gehörte, in Empfang.